SIE LEBEN/THEY LIVE/JOHN CARPENTER`S THEY LIVE

Verloren zwischen Satire und Action

Nada (Roddy Piper) findet Arbeit auf dem Bau in LA. Sein Kumpel Frank (Keith David) verschafft ihm einen Schlafplatz in der Armensiedlung, in der auch er haust. Dort wird Nada in einer Kirche Zeuge des Treffens einer Widerstandsgruppe, die einen Piratensender betreibt und den Leuten zu sagen versucht, daß sie Opfer einer fremden, sie manipulierenden Macht seien.

Das Treffen wird von Polizeieinheiten gestürmt und nachdem man die Gruppe aufgerieben hat, wird auch der Lagerplatz dem Erdboden gleich gemacht. Nada kann fliehen und sich aus den Trümmern der Kirche einen Karton mit Sonnenbrillen holen, die er zuvor an Mitgliedern der Gruppe gesehen hatte.

Als er eine davon aufsetzt, verändert sich die Welt grundlegend: Statt farbig wird sie schwarz-weiß. Und statt all der bunten, Los Angeles überwuchernden Reklametafeln und Werbeplakate, sieht Nada nun die „wahren“ Botschaften, die unter all der bunten Farbe versteckt, verdeckt auf die Betrachter einwirken: GEHORCHE! steht da, und: SCHLAFE! SIEH FERN! oder KONSUMIERE! Und die Dollarscheine ziert der Spruch: DIES IST DEIN GOTT! Zudem stellt er fest, daß einige seiner Zeitgenossen ihr Aussehen, durch die Brille betrachtet, stark und nicht gerade zu ihrem Vorteil verändern.

Die Wesen werden auf ihn aufmerksam und die Flucht gelingt ihm schließlich nur, weil er eine Frau – Holly Thompson (Meg Foster), Chefin einer der großen TV-Stationen der Stadt – entführt und sie zwingt, ihn aus der Gefahrenzone zu bringen. Als Nada sie in ihrem Haus von seiner Entdeckung überzeugen will, gelingt es ihr, ihm eins überzubraten und aus dem Haus zu werfen.

Nada sucht Frank und nachdem er dessen anfänglichen Widerstand gebrochen hat, erkennt auch der, daß die Welt nicht ist, was sie zu sein scheint. Die verbliebenen Mitglieder der Widerstandsgruppe nehmen Kontakt zu den beiden auf und so finden sie sich abends auf einem Treffen ein. Dort wird ihnen erklärt, daß Außerirdische sich mit den Eliten der Welt verbündet hätten und diese gemeinsam die Welt und die Erdbevölkerung ausnutzen und unterdrücken, bzw. mit den verdeckten Botschaften in einer Art goldenem Käfig hielten. Der Sender, der die Menschen manipuliere, stünde auf dem Hochhaus des größten TV-Kanals, Hollys, der Stadt.

Holly taucht bei dem Treffen auf, um zu versichern, daß nicht ihr Sender derjenige welcher sei, doch mit ihr taucht auch die Polizei auf und prügelt wahllos auf die Mitglieder des Treffens ein. Nada und Frank retten sich mit einem Teleporterring, den die Widerstandsgruppe ihnen gegeben hat, in ein ihnen unbekanntes Tunnelsystem unter der Stadt, wo die Aliens und die Eliten der Gesellschaft gerade feiern. Ein angetrunkener Kerl erklärt ihnen, daß die Welt eh schlecht sei und jeder schließlich das Recht habe, für sich das Beste rauszuholen. Nada und Frank stiften Verwirrung unter den Gästen und machen sich dann auf zum Sender, um ihn zu zerstören.

THEY LIVE (1988) ist schon fast zur Hälfte abgelaufen, bevor die Handlung im engeren Sinne überhaupt in die Gänge kommt. Bis die Action – die übrigens keineswegs eine FSK-18-Freigabe rechtfertigt – beginnt, wurden dem Zuschauer bereits sehr eindringliche Bilder und Situationen des Lebens in Amerika nach sieben Jahren neokonservativer Regierung unter dem Hollywood-Veteranen Ronald Reagan gezeigt. Armut, Arbeitslosigkeit, Hunger, Verwahrlosung – John Carpenter stellt all das so aus, daß man lange den Eindruck gewinnen kann, dies sei das eigentliche Anliegen des Films. Und genau so wird es auch sein. Angefangen bei den Namen der Protagonisten – Nada wird in allerhand Inhaltsangaben mit dem Vornamen „John“ versehen, de facto wird er im Film überhaupt nie mit Namen angesprochen, der Abspann spricht lediglich von „Nada“ (= „Nichts“) – bis zu der an sich ausgesprochen einfach gestrickten Geschichte um Ausbeutung, Verblendung und Unterdrückung schreit hier alles: Allegorie! John Carpenter gibt einen bitterbösen Kommentar auf seine Heimat ab, auf den Konsumwahn und die kapitalistische Ausbeute, verabreicht dem Fernsehen, welches in den 80er Jahren gemeinsam mit dem aufkommenden Video der Tod des Kinos zu sein schien, einen herben Seitenhieb und nimmt radikal die Sicht der Arbeiter, die die deutlichen Verlierer dieser düsteren Jahren waren, ein. Dabei beweist er zudem auch noch, daß er im besseren Sinne des Wortes ein Patriot ist. Ein Patriot, wie dies z.B. ein Bruce Springsteen immer war: Kritisch das Land beobachtend, dabei dessen Werte immer hochhaltend und dennoch auch diese immerzu hinterfragend. Nada und Frank sprechen über ihre Ziele und Frank schwingt das große Wort, daß er ab nun der Obrigkeit, den Kapitalisten, mit Waffengewalt zu Leibe rücken werde, habe er doch in Detroit erleben müssen, wie ein Streik gebrochen wurde. Nada hingegen beschwört den alten Wert, daß in diesem Land ein jeder seine Chance auf Glück habe und er sicher sei, daß seine Chance käme. „Ich liebe Amerika. Ich halte mich an die Regeln.“ sagt Nada. Carpenter bricht diese Laudatio auf die „pursuit of happiness“ äußerst ironisch, indem er den revolutionswilligen Frank lange nicht glauben lassen will, wie ernst es um die Gesellschaft wirklich steht. Währenddessen muß der sich zumindest konform gebende Nada als erster erkennen, daß mit DIESEM Amerika so manches nicht mehr stimmt.

Obwohl seinen Filmen immer wieder erzkonservatives bis reaktionäres Gedankengut nachgesagt wurde (HALLOWEEN/1978; THE FOG/1980), muß man dem Regisseur Carpenter selber wohl eher liberale bis linke Tendenzen unterstellen. Carpenters Helden stammen meist aus der Arbeiterklasse (Ausnahmen bestätigen die Regel: PRINCE OF DARKNESS; 1987). Es gibt Nebenfiguren, die durchaus Wissenschaftler, Beamte oder Lehrer sind, doch wenn es darauf ankommt, sind es die „einfachen Leute“, ist es der common man, der die Dinge in die Hand nimmt. Da entstammt Carpenters Personal erstaunlicherweise dem klassischen Western, den er auch in anderen Zusammenhängen gern mal zitiert. Nur selten besetzt Carpenter seine Helden mit Stars oder auch nur Semistars. Die Gesichter seiner Hauptprotagonisten sollen Allerweltgesichter sein, Gesichter, wie man sie aus der U-Bahn oder der Eckkneipe kennt. Die Rolle ist wichtig und steht vor dem Schauspieler, keinesfalls anders herum. So ist es auch bei THEY LIVE. Roddy Piper und Keith David – Nada und Frank – stehen für den durchschnittlichen Arbeitnehmer/Arbeiter, für den das Überleben in einem Amerika des ungebremsten Kapitalismus immer schwieriger und auch gefährlicher wird. Anders als in früheren Werken, steht hier nämlich die Arbeiterklasse selbst im Fokus: Die Bilder zu Beginn des Films künden von einem Land, das seine Bürger vergessen hat, ihnen weder Arbeit, noch menschenwürdige Lebensverhältnisse bieten kann, ein Land, das sich weit von seinen verfassungsmäßigen Versprechen und damit auch seinen Werten entfernt hat und jene, die gerechte Behandlung einfordern, eben einfach kriminalisiert. Wenn das Lager niedergemacht wird und jene Kirche, in der der Piratensender untergebracht ist, dann zeigt Carpenter dies als einen Übergriff, wie er sonst in den Polizeistaaten der Dritten Welt, des südamerikanischen oder afrikanischen Kontinents stattfindet. Die USA in THEY LIVE sind schlicht ein faschistoider Staat, in dem sich eine kleine wohlhabende Schicht mit einer Macht verbündet hat, die im Film zwar konkret als Außerirdische – Aliens – dargestellt wird, sinnbildlich aber für den Kapitalismus selbst steht. Und so sollte man auch nicht vergessen, daß alienation der englische Begriff für „Entfremdung“ ist – und entfremdet fühlen sich hier einige, allerdings nicht die Aliens. Und Carpenter scheint der Menschheit sogar ein nicht allzu schlimmes Zeugnis ausstellen zu wollen, wenn er bereit ist, den Kapitalismus als eine Macht von außen darzustellen, die den Menschen knechtet, verblendet und unterwirft. Das Konstrukt Mensch, die Idee Mensch scheint ihm zu wertvoll, als daß er sie zynisch als verkommen zu opfern bereit wäre. Womit er natürlich die eigentliche Ursache des Übels ein wenig verharmlost, ist der Primat der Ökonomie ja nicht wie der Heilige Geist über den Menschen gekommen. Wenn man so will, entlastet dieser Dreh des Scripts das Vorgehen der (dann ja ferngesteuerten) Behörden sogar. Ja, es wäre sogar eine – wahrscheinlich ungewollte – Entlastung zutiefst ausbeuterischer Systeme generell.

Man kommt mit diesen Feststellungen aber auch zum eigentlichen Problem des Films. Der Actionfilm, der Horror- und Science-Fiction-Film sind immer schon Gradmesser gesellschaftlicher Tendenzen und Entwicklungen gewesen. Doch in den Momenten, in denen sie es sein WOLLEN, geht die Sache meist schief. Und genau so ist es hier: Carpenter will eine Sozialsatire im Gewande eines an die Klassiker erinnernden Body Snatcher-Films mit (nach hinten raus) hohem Actionfaktor liefern und verfranst sich dabei. Der Film büßt in dem Moment enorm an Qualität ein, in welchem er den Schwerpunkt eben nicht mehr auf die Beschreibung sozialer Mißstände legt, sondern einfach nach den Regeln des Genres funktionieren muß, das er bedient und dessen er sich bedient. In diesen Momenten – also etwa ab der Hälfte des Films, wenn Nada Frank überzeugen will, die Brille aufzusetzen und diese Aktion eine etliche Minuten dauernde Schlägerei zwischen den beiden erfordert – merkt man schlicht zu deutlich, daß die Story dünn, teils unüberlegt ist und erschreckende Logiklöcher aufweist, die ihr viel Glaubwürdigkeit und somit der Kritik die Schärfe nehmen.

John Carpenter hat selten Filme mit ausgefeilten Stories gedreht, meist beschränkt er sich auf einen oder einige überschaubare Handlungsorte, begrenzt sein Personal und kreiert Konfliktstoff innerhalb der Gruppe, die sich – auch hier dem Western verwandt – gegen einen äußeren Feind wehren muß. Seine Stärke sind eben diese Konflikte und vor allem die Spannung, die die gegebene Situation dem Personal beschert und damit auch dem Publikum. Im vorliegenden Film funktioniert das allerdings nicht, da das Buch sich lange nicht entscheiden kann, ob es nun vollends ins Satirische kippen oder dem Zuschauer nicht doch genretypische Wendungen und Action bieten will. Die allerings, wenn sie denn kommt, an zeitgenössischen Standards gemessen nicht überzeugen kann. So bleibt die Satire, die boshafte Kritik am american way of life, letztlich oberflächlich und arg vereinfacht, ohne ihr volles Potential auszuspielen. Der Science-Fiction-Film mit Actionanteilen hingegen ist zu simpel gestrickt, kann auch nicht mit einer Bedrohung aufwarten, die uns wirklich ängstigen würde und verläuft schließlich zu gradlinig und vorhersehbar, um uns zu fesseln.

So bleibt dies zwar ein mutiger Film, der in die Endphase einer Epoche gnadenlosen Individualismus und persönlicher Bereicherung fiel und somit schon Verhältnisse anprangerte, die so weit entfernt nicht waren. Doch die Kritik – grob, wie sie hier nun einmal daherkommt – ist auch wohlfeil und verliert, weil schlecht verpackt, ihre Kraft und Schärfe. Carpenter hat danach vier Jahre keinen Film mehr realisiert. Soviel Kritik am Kapitalismus als „Motor der Gesellschaft“ war dann vielleicht doch des Guten zuviel?

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