THE BIRTH OF A NATION – AUFSTAND ZUR FREIHEIT/THE BIRTH OF A NATION

Nate Parkers wütende Anklage eines historischen Menschheitsverbrechens

Virginia zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Auf einer der größeren lokalen Baumwoll-Plantagen wächst Nat Turner (Tony Espinosa) als Sohn eines Sklaven und einer Sklavin auf. Er ist mit Samuel Turner (Griffin Freeman), dem Sohn des Plantagenbesitzers, befreundet, gemeinsam verbringen sie ihre Nachmittage und spielen miteinander.

Nat wird eines Nachts von seiner Großmutter Bridget (Esther Scott) in den Urwald, der die Plantage umgibt, gebracht, wo er Teil eines für ihn unheimlichen Rituals wird, das ein Schamane begeht. Es erinnert an die alten Religionen, die noch aus Afrika stammen. Hier wird Nat, der drei Male auf der Brust hat, mitgeteilt, daß er „auserwählt“ sei, ein „Anführer“.

Die Dame des Hauses, Elizabeth Turner (Penelope Ann Miller) stellt eines Tages fest, daß Nat Lesen kann und teilt seiner Mutter Nancy (Aunjanue Ellis) mit, daß sie Nat ins Haupthaus aufnehmen und dort unterrichten wolle. So wird Nat früh mit den Worten der Bibel vertraut. Doch als der Herr des Hauses stirbt, wird auch der junge Nat zurück auf die Baumwollfelder geschickt, wo er arbeiten soll, wie alle anderen Sklaven auch. Dennoch entwickelt der Junge früh ein Talent als Prediger.

Die Jahre vergehen und Nat reiht sich als junger Erwachsener (jetzt in der Rolle: Nate Parker) zwar in die Reihen der Sklaven ein, bleibt aber für den erwachsenen Samuel Turner (jetzt in der Rolle: Armie Hammer) eine Art Vertrauter. Wenn Sam in die Stadt muß, lässt er sich gern von Nat fahren, lümmelt selbst auf dem Bock der Kutsche herum und trinkt. Allerdings verbürgt er sich für Nat, wenn dieser Opfer der Übergriffe anderer Weißer zu werden droht.

Bei einer dieser Fahrten werden Nat und Sam Zeugen einer Sklavenversteigerung. Ein verängstigtes Mädchen wird feilgeboten und Nat sieht, wie den anwesenden weißen Männern das Wasser im Mund zusammenläuft und Beulen in ihren Hosen entstehen. Er müht sich, Sam dazu zu überreden, sie zu kaufen, was dieser schließlich auch tut, wenn auch widerwillig und nicht, ohne Nat darauf hinzuweisen, daß er dessen Übergriffigkeiten nicht mag. So kommt die junge Cherry (Aja Naomi King) auf die Plantage. Bald allerdings wird sie als persönliche Sklavin von Sams Schwester auf eine andere Plantage weitergereicht, da diese heiratet. Dennoch verlieben sich Nat und Cherry ineinander und heiraten auch. Wochenends können sie sich sehen. Bald kommt ihre Tochter zur Welt.

Da die Finanzen der Plantage nicht zum Besten stehen, die Ernten mager ausfallen und allgemein Unruhe unter den Sklaven festzustellen ist, geht Sam auf den Vorschlag von Reverend Walthall (Mark Boone Jr.) ein, der darin besteht, Nat auf den verschiedenen Plantagen predigen zu lassen, um die Sklaven zu beruhigen und ihnen ihren „natürlichen“ Platz in der sozialen Hackordnung näher zu bringen, dafür aber Geld zu verlangen und somit die Einkünfte der Plantage aufzubessern.

So ziehen Sam und Nat an den Wochenenden über die Felder. Nat predigt seinen Leidensgenossen, Sam trinkt und unterhält sich mit seinen Kollegen. Nat wird auf diesen Fahrten immer wieder mit dem schreienden Unrecht konfrontiert, welches auf den Plantagen herrscht. Willkürlich ermordete Schwarze liegen am Straßenrand, Kopfgeldjäger, die davon leben, entflohene Sklaven einzufangen, treiben in der Gegend ihr Unwesen, einige Plantagenbesitzer, allen voran der sadistische Earl Fowler (Jayson Warner Smith), behandeln ihre Sklaven auf unmenschliche Art und Weise.

In Nat wächst ein immer stärkeres Bewußtsein heran, welch ungeheurem Unrecht er und seine Leute ausgesetzt sind. Auch auf Sams Plantage kommt es zu Ereignissen, die Nat immer entschlossener gegen die Sklaverei aufbegehren lassen. Schließlich, als Nat einen Weißen tauft, der ihn explizit darum bittet und wofür sich Nat die Erlaubnis von Elizabeth einholt, zeigt Sam sein eigentliches Gesicht. Er lässt Nat für diese vermeintliche Ungeheuerlichkeit auspeitschen und degradiert ihn zu einem reinen Arbeitssklaven, separiert ihn zudem von seinen Leuten. Cherry ihrerseits wird Opfer des brutalen Kopfgeldjägers Cobb (Jackie Earle Haley), der sie mit seinen Männern vergewaltigt und zusammenschlägt. Nat ist immer entschlossener, gegen das herrschende Unrecht aufzubegehren.

Durch die Lektüre der Bibel, die er so einsetzen soll, daß sie die Unterdrückung rechtfertigt, begreift er jedoch, daß dieses Buch auch etliche Kapitel enthält, die von Widerstand und Befreiung erzählen. In Träumen und Visionen wird ihm zudem immer öfter die Offenbarung zuteil, daß er wirklich ein Auserwählter sei, dem es gegeben ist, seine Leute aus der Gefangenschaft zu führen. Gemeinsam mit seinem Leidensgenossen Hark (Coleman Domingo) beschließt Nat, eine Truppe von vertrauenswürdigen Männern zusammen zu stellen, mit denen sie an einem Tag X das Arsenal im Ort stürmen wollen, um sich Waffen zu beschaffen. Zu den Treffen der Männer erscheint auch der junge Will (Chiké Okwonko), der Nat einige Male hat predigen hören. Obwohl die Älteren ihn nicht dabeihaben wollen, erlaubt Nat ihm, an den Vorbereitungen teilzunehmen.

Nat holt sich bei der langsam genesenden Cherry deren Einverständnis, die Rolle des Anführers einzunehmen und den Aufstand vorzubereiten.

Eine Sonnenfinsternis wird Nat schließlich zum Zeichen, daß die Zeit gekommen ist. Obwohl Isaiah (Roger Guenveur Smith), Samuels persönlicher Butler, Nat und seinen Leuten Einhalt gebieten will – er weist sie eindringlich darauf hin, daß sie es bei den Turners gut hätten und ein Aufstand niemals Erfolg haben, sie stattdessen alle ins Unheil und den sicheren Tod reißen würde – beginnen die Männer die Erhebung. Sie töten zunächst rücksichtslos alle Weißen auf der Plantage der Turners. Nat selbst ermordet Samuel. Dann ziehen sie weiter, töten auch die Weißen auf der Plantage, wo Sams Schwester lebt, besuchen die von Fowler, der von einem seiner Sklaven getötet und enthauptet wird.

Schließlich erreichen sie das Waffendepot, wo sich ihnen jedoch Cobb und seine Männer entgegenstellen. Nat und seine Leute sind von Will verraten worden. Es entsteht ein gnadenloses Gemetzel, daß fast alle Sklaven, aber auch alle daran beteiligten Weißen, inklusive Cobb, das Leben kostet. Als Nat und Hark sich in eine Scheune zurückziehen, werden sie von ebenfalls benachrichtigten Soldaten umstellt und mit einer Kanone beschossen. Hark stirbt dabei. Nat flieht.

Nat hält sich wochenlang in den Wäldern versteckt, während Hunderte von Sklaven willkürlich gelyncht, verbrannt und anderweitig ermordet werden. Als Nat sich Cherry bei einer Gelegenheit zu erkennen gibt, erklärt sie ihm, daß das Leiden unter den Sklaven unglaublich sei und weitergehen solle, bis er sich stelle.

Nat gibt auf und stellt sich wirklich den Soldaten. Lieutenant Akers (Brad Schmidt) kann einen reinen Lynchmord an ihm verhindern. Nat soll ordentlich verurteilt und hingerichtet werden.

Zu der Hinrichtung – einer Strangulation – erscheinen viele Weiße, aber auch etliche Sklaven. Darunter auch Will. Während Nat langsam getötet wird und dabei eine letzte Vision seiner selbst als Heiland und Messias erlebt, fährt die Kamera auf Wills Gesicht zu und zeigt die Trauer und Scham des Jungen – dann fährt die Kamera zurück, während sich das Gesicht des Jungen verändert, altert, und wir ihn als Soldaten der Union im Bürgerkrieg sehen. Er legt an, marschiert los und feuert seine Büchse in die Kamera ab.

Bei der Oscarverleihung 2014 war das Drama 12 YEARS A SLAVE (2013) der ganz große Gewinner. Steve McQueens Werk über einen freien Afroamerikaner, der in den 1840er Jahren entführt und in New Orleans als Sklave verkauft wird, hatte etliche Nominierungen und gewann schließlich drei wichtige Oscars, darunter den als „bester Film“. Die Verleihung warf eine ganze Reihe von Fragen auf, vor allem danach, wie sich die Jury zusammensetzte, wie stark schwarze Filmemacher unter den Nominierten vertreten waren und wie häufig sie Preise gewannen. Im Jahr 2016 gewann schließlich das Coming-of-Age-Drama MOONLIGHT (2016), ebenfalls als dezidiert „schwarzer“ Film, die exakt gleichen Auszeichnungen, wie drei Jahre zuvor McQueens Film. Im selben Jahr wurde Nate Parkers Film THE BIRTH OF A NATION (2016) veröffentlicht. Erneut handelte es sich um ein Sklavendrama, erneut beruhte es auf einer wahren Geschichte und erneut konfrontierte der Film das Publikum mit den fürchterlichen Verbrechen eines Menschheitsverbrechens, das auf amerikanischem Grund und Boden geschehen war, und zwar über Dekaden hinweg. Doch Parkers Film, eine wirkliche Independent-Produktion, erhielt nicht nur keinen einzigen Oscar, sondern nicht einmal eine Nominierung. Allerdings konnte er bei anderen Preisverleihungen, vor allem solchen, die Filme schwarzer Filmemacher auszeichneten, überzeugen und gewann eine ganze Reihe wichtiger Preise. Was also unterscheidet Parkers Film so stark von McQueens Film? Oder auch von Barry Jenkins MOONLIGHT, dessen Preisliste schier unendlich scheint?

Es ist sicher die einfachste Erklärung, zu behaupten, daß drei Jahre, nachdem ein Drama über die Sklaverei bei der wichtigsten Preisverleihung, die die Filmbranche kennt, abgeräumt hatte, nicht erneut ein Film hätte gewinnen können, der im Grunde dasselbe Thema behandelt. Hollywood mag Abwechslung. Das allerdings erklärt nicht, weshalb der Film nicht einmal für Preise nominiert wurde. Man muß also tiefer schürfen, um sich das Desinteresse zu erklären. Und man sollte sich den Film sehr genau ansehen, auch im Vergleich zu 12 YEARS A SLAVE, um zu begreifen, um wieviel härter und kompromißloser er mit seinem Thema um- und mit jenen ins Gericht geht, die für die Sklaverei verantwortlich waren. THE BIRTH OF A NATION lässt wenig Zweifel daran aufkommen, wer hier Täter, wer Opfer war (und ist). Und anders als McQueens Film, bietet er auch keine Erleichterung für ein weißes Publikum. Zudem erzählt er die Geschichte einer Selbstermächtigung, nicht von einem auch im Jahr 1841 klar als Unrecht deklarierten Verbrechen. Und zu guter Letzt scheut Parker sich nicht, seinen historisch verbürgten Protagonisten Nat Turner wie einen Messias darzustellen und zu verklären. Wahrscheinlich liegen die Gründe für die Mißachtung, die dem Film zuteilwurde, eher in diesen Faktoren.

Turner war ein Sklave, der im Jahr 1831 einen Aufstand initiierte, welcher nahezu 70 Weiße das Leben kostete und in dessen Folge Dutzende, wenn nicht Hunderte Sklaven oft grundlos aufgehängt, verbrannt oder zu Tode gemartert wurden. Turner, der durch den Besitzer der Plantage, auf welcher er aufwuchs, christlich erzogen wurde, glaubte, ein Auserwählter zu sein, dem Gott den Auftrag gegeben habe, seine Leute – also die Sklaven – in die Freiheit zu führen. Der von ihm angezettelte Aufstand dauerte nur ca. 48 Stunden und endete in einem erwartbaren Fiasko. Turner floh, wurde aber schließlich nach einigen Wochen gefangen genommen und erhängt. Sein Körper wurde gehäutet und zerstückelt, was angeblich dazu dienen sollte, aus ihm keinen Märtyrer zu machen. Für die weißen Südstaatler war diese Erhebung ihres „Eigentums“ ein einschneidendes und zutiefst verängstigendes Erlebnis, das dazu führte, immer härter und rigider gegen die Sklaven vorzugehen, vor allem bei Nichtachtung der weißen Vorherrschaft oder gar Flucht.

Nate Parker, der den Film nicht nur inszenierte, sondern auch produzierte, dabei vor allem privates Vermögen einsetzte, das Drehbuch bereits zuvor geschrieben hatte und auch die Hauptrolle spielt, eignete sich in jahrelanger Arbeit an dem Projekt die Geschichte von Nat Turner an, modifizierte sie behutsam, um höheres dramatisches Potenzial zu gewinnen, und konfrontiert den Zuschauer mit einer zutiefst verstörenden und – ja – auch anklagenden Geschichte um Schuld und Vergeltung.

Parker legt wesentlichen Wert auf die Religiosität sowohl der Gesellschaft des Südens generell, als auch auf die von Turner. Der bringt sich als Junge rudimentär selbst das Lesen bei und wird von der Dame der Plantage gefördert, von deren Sohn, mit dem gemeinsam er fast freundschaftlich verbunden aufwächst, in späteren Jahren weiterhin vor allem christlich geprägt. Turner, der von seinem Besitzer als Prediger auf andere Plantagen vermietet wird, weil das Geld einbringt, dort aber vor allem zur Beruhigung der Sklaven beitragen soll, entwickelt im Laufe seines (Film-)Lebens immer selbstständigere Ansichten. Je mehr er die Bibel studiert, desto mehr begreift er, daß sie zwar durchaus genutzt werden kann, um Unfreien ihre Unfreiheit schmackhaft zu machen, doch ebenso Kapitel bietet, die von Widerstand, Auflehnung und (Selbst)Befreiung erzählen. Daß er erwählt sei, erfährt der Film-Turner allerdings schon als Kind. Drei Male auf seiner Brust sind einem Schamanen, der alten, noch aus Afrika importierten Riten huldigt, ein Beweis dafür, daß der Junge „besonders“, gar „ein Anführer“ sei. Mit der Szene, wie der kindliche Nat Turner in einer nächtlichen Zeremonie davon erfährt, beginnt Parkers Film.

Dieses religiöse Element, das schließlich auch zur Kompromißlosigkeit des Aufstands beiträgt, spielt eine große Rolle im Film und muß vielleicht näher erklärt werden, weil es dem Film sonst einen eher faden Beigeschmack untermischt. Die Jahre zwischen 1800 und ca. 1840 waren in den USA durch das sogenannte „Second Great Awakening“ – eine religiöse Erweckungsbewegung quer durch alle damals bestehenden Staaten und alle Schichten – geprägt, die im Norden zu Freiheitsbestrebungen, aber auch strengem Antialkoholismus und erstaunlich sozial orientierten, wenn auch immer christlich geprägten, Ansichten führte und maßgeblich zur Anti-Sklaverei-Haltung bspw. der Abolitionisten beitrug. Im Süden, traditionell sehr evangelikal geprägt, herrschte lange der Glaube an einen alttestamentarischen Gott vor, einen Gott, der strafte und in seinem Zorn gegen den Menschen zu durchaus fürchterlichen Maßnahmen griff. Im Norden wurden diese Ansichten durch die eher neutestamentarisch geprägten Gemeinden der Baptisten und Methodisten zurückgedrängt, die an einen liebenden Gott und vor allem die Gnade glaubten, die durch Jesus Christus auf die Menschheit niedergegangen sei. Hiermit waren – vor allem für Baptisten – die Ideen des Sklavenhandels und der Sklaverei selbst nahezu unvereinbar.

Für Turner wird die Diskrepanz zwischen dem, was er predigt, womit er eben auch zur Aufrechterhaltung der Sklavenordnung seiner Herren beiträgt, und dem, dessen er auf den Plantagen die er besucht, ansichtig wird, immer deutlicher und schwerer auszuhalten. Obwohl auch Steve McQueen in 12 YEARS A SLAVE sich nicht scheut, Grausamkeiten zu zeigen, geht Nate Parker doch sehr viel weiter. Vor allem aber ästhetisiert er die Grausamkeiten nicht, wie es in McQueen Film teils der Fall ist. Die Verfügbarkeit, vor allem auch der Frauen, die Brutalität der Besitzer und Aufseher, die Schmerzen und die reine, pure Gewalt, die schwarzen Körpern hier angetan wird, zeigt Parker deutlich und ohne Beschönigung und mutet seinem Publikum dabei einiges zu. In einer der eindringlichsten und schwer erträglichen Szenen werden wir Zeugen einer Zwangsernährung, für die dem Gefesselten zunächst die Vorderzähne mit einem Meißel ausgeschlagen werden, bevor ihm mit einem Blechtrichter die Pampe, die hier als „Essen“ durchgeht, in den Rachen gestopft wird. In einer anderen Szene reicht es, die Frau, die später Turners Frau werden soll, in ihrer vollkommenen Verängstigung zu erleben, um dem Zuschauer die Willkür und Brutalität zu veranschaulichen, die in dieser Gesellschaft herrschen und die sie prägt. Das emotionalisiert, es lässt ein weißes Publikum allerdings auch mit nichts anderem zurück, als der nackten, reinen Erkenntnis von Schuld.

Turners Glaube kann die Wirklichkeit der Plantagen nicht überdecken, sie nicht aussperren. Parker flicht Traumsequenzen und einige wenige halluzinatorische Szenen ein, in denen Turner entweder ein Engel erscheint, oder er gar selbst in Posen zu sehen ist, die etwas Messianisches haben. So wird zumindest angedeutet, daß man es hier durchaus mit dem zu tun hat, was wir Heutigen als „religiös verbrämt“ bezeichnen würden, vielleicht sogar als psychotisch. Doch in der Realität des Films wird dem Zuschauer klar vermittelt, daß es schon solch überhöhter Ansätze brauchte, um sich aus einem Joch, daß ja selbst als „gottgegeben“ postuliert wurde, zu befreien. Überhaupt glauben zu können, daß man ein Recht auf Freiheit habe, brauchte eine gewaltige Begründung. So wird das Mittel, welches die Plantagenbesitzer einsetzen wollen, um die Sklaven gefügig zu machen, zu genau dem Mittel, das diese sich schließlich gegen ihre Peiniger auflehnen lässt. Und es gehört klar zum Konzept des Films, den Zuschauer – vor allem ein amerikanisches Publikum – damit zu konfrontieren. In den USA, anders als in weiten Teilen Europas, spielt die Religion, meist in den evangelikalen Glaubensgemeinschaften, noch immer eine große Rolle, auch im Alltagsleben. Wenn Parker also so großen Wert auf das religiöse Moment seiner Geschichte legt, hat das durchaus seinen Sinn. Es ist, wie so Vieles in diesem Film, auch ein Frontalangriff auf das weiße Publikum.

Anders als in McQueens Film, der seinerseits ja auch auf einer „wahren Begebenheit“ beruht, gibt es in THE BIRTH OF A NATION kein versöhnliches Moment. Hier gibt es keinen „guten“ Weißen, der mit den Schwarzen gemeinsame Sache macht, wie es die Figur des von Brad Pitt dargestellten Samuel Bass in 12 YEARS A SLAVE ist. Und während McQueen durchaus das Psychogramm einer neurotischen Gesellschaft zeichnet – sein großes Verdienst – , in welcher der Unterdrücker letztlich ebenso unfrei ist wie der Unterdrückte, zeigt Parker schlicht das Verbrechen, die himmelschreiende Ungerechtigkeit, welche die Sklaverei bedeutet. Damit wird sein Film zu einer Anklage, aber auch zu einem Manifest. Und zu einem Teil des anhaltenden Diskurses. Ein solcher Beitrag ist auch der ältere Film, sicher, aber 12 YEARS A SLAVE scheint doch weitaus mehr aus einer abgeschlossenen Vergangenheit zu erzählen, er historisiert, während THE BRITH OF A NATION etwas ausstellt, das virulent ist. Nach wie vor. Wenn das letzte Bild des Films eine entscheidende Figur – ein Sklavenjunge, der Turner und seine Leute verrät und damit zum historisch Handelnden wird, der sich an seinen eigenen Leuten vergeht – plötzlich altern lässt und wir ihn dann in der Uniform der Nordstaatler in den Bürgerkrieg ziehen sehen (es gab einige wenige schwarze Regimenter), verdeutlicht Parker den historischen Prozeß und die Wirkmächtigkeit, die Turners Geschichte und die der Sklaverei generell hat, bis heute[1].

Anhand dieser Figur, die im Film selbst kaum eine Rolle spielt, bis sie Turner und dessen Leute verrät – aus Angst – und die ob dieses Verrats schambesetzt gezeigt wird, aber auch anhand der nicht unproblematischen Rolle, die der Sklave Isaiah spielt, persönlicher Butler und Diener des Plantagenbesitzers Samuel Turner, dessen Familiennamen sämtliche Sklaven seiner Plantage teilen, thematisiert Parker allerdings auch, daß die Sklaven untereinander keinesfalls eine homogene Gruppe, immer einer Meinung oder gar zum Aufstand bereit waren, sobald sich jemand zum Anführer aufschwang. Angst, Schwäche, gewährte Privilegien – es gab mannigfaltige Gründe, an dem perfiden System, das die Sklavenhalter eingerichtet hatten, zu partizipieren und eigene Vorteile zu wittern. Andererseits sind Isaiahs Einwände gegen eine Erhebung, so wie der Film sie vorbringt, eben auch nicht von der Hand zu weisen. Der Aufstand schlägt fehl, die Rache an den Sklaven ist fürchterlich. Genau das hatte er prophezeit, sowohl das Mißlingen, als auch die Folgen. Zu guter Letzt dürfte die Figur auch ein Kommentar auf jene sein, die Quentin Tarantino in seinen Sklaverei-Comic DJANGO UNCHAINED (2012) einbaut. Dort ist Samuel L. Jackson in der Rolle des Butlers Stephen zu sehen, der seinem Herrn Calvin Candie nach dem Mund redet, solange sie sich in Gesellschaft befinden, hinter den Kulissen aber sogar zum Stichwortgeber wird. Stephen ist ein schwarzer Mann, der den ihn umgebenden Rassismus so verinnerlicht hat, daß er selber glaubt, Schwarze seien Weißen natürlich unterlegen. In dem Setting von Tarantinos Film ist diese Figur höchst problematisch und schwer einzuschätzen. Isaiah wirkt wie ein Gegenentwurf. Ein Mann in Not, der das Unrecht durchaus begreift, dennoch die Wünsche und Befehle seines Herrn und Gebieters durchsetzt und den Griff zu den Waffen verurteilt.

Samuel Turner und seine Familie, aber auch alle anderen Weißen, werden in Parkers Film als brutal, schwach, versoffen und unmenschlich gezeigt. Da lässt der Regisseur keine Zweifel aufkommen. Allerdings geriert sich Samuel Turner, der mit Nat gemeinsam aufwuchs und mit dem ihn so etwas wie eine kindliche Freundschaft verband, als Sklavenfreund und zeigt bei Gelegenheit auch, daß er zunächst bereit ist, für Nat einzustehen. Doch sobald der seinen Geschäften und Plänen – die Plantage ist in finanziellen Schwierigkeiten – gefährlich wird, erst recht, als er sich anmaßt, eine Rolle einzunehmen, die ihm nach dem Gesetz der Weißen niemals zustehen kann – er tauft, in seiner Rolle als Prediger, die ihm nicht zuletzt Samuel zuweist, um mit Nats Fähigkeiten bei anderen Farmern Geld zu verdienen, einen Weißen auf dessen Bitte hin – erweist sich gerade dieser doch angeblich so freundliche Herr als besonders brutal und rachsüchtig. Dies ist sicherlich nicht nur ein dramaturgischer Kniff, um Nats Mord an Samuel zum Höhepunkt des Films zu rechtfertigen, sondern es entspricht ebenfalls dem Konzept des Films. Wer sich auf die Seite des Teufels schlägt, wer ein verbrecherisches System unterstützt oder sich gar offen durch dieses bereichert, wie es Samuel zweifellos tut, hat seine Rolle längst gewählt. Man kann nicht „ein bisschen“ Sklavenhalter sein, man kann nicht nur „ein bisschen“ Unrecht walten lassen. Wer dieses System aus Unterdrückung und Gefangenschaft nicht grundlegend ablehnt und es hinter sich lässt, ist schuldig. Und es kann keine Freundschaft geben zwischen den Unterdrückern und denen von ihnen Unterdrückten, auch wenn sich ein Mann wie Samuel Turner dies einbilden mag. Daran lässt Nate Parker, daran lässt THE BIRTH OF A NATION keinen Zweifel aufkommen. Und so wird, in der alttestamentarischen Logik, der sich hier alle unterwerfen, durch das Schwert gerichtet, wer seine Macht durch das Schwert er-richtet.

Man muß – neben der Leistung der Schauspieler, die allesamt danach ausgewählt wurden, ob sie bereits in ähnlichen Projekten, im Film oder am Theater, mitgewirkt hatten, und die berichteten, wie emotional belastend die Dreharbeiten auf einer ehemaligen Plantage in Georgia gewesen seien – vor allem auch Parkers Drehbuch loben. Es gelingen ihm nicht nur die oben bereits beschriebenen eindringlichen Szenen von Grausamkeit und Hass, sondern in feinen Dialogen, in Gesten und der angedeuteten Mimik, die er seinen Protagonisten verschreibt, ein sehr genaues und feinfühliges Portrait dieser Gesellschaft des Südens, die so oder so von Gewalt geprägt und durchsetzt war. Immer wieder werden wir Zeuge hochfahrenden Zorns bei Samuel Turner, der sich für offen und freundlich hält, immer stärker in den Suff gleitet, seine Finanzen nicht unter Kontrolle hat, das Erbe des Vaters nicht ordentlich verwaltet, zu den noch abwegigsten Methoden greift, wenn sie einen Strohhalm bieten und sich wundert, daß ein Mann wie Nat Turner nicht alles tut, um ihn zu unterstützen. Dieser Samuel Turner begreift nicht – wie die Weißen generell es nicht begreifen – worin sein Unrecht eigentlich besteht. Und ebenso wenig begreift er, wieso Nat ihn, ausgerechnet ihn, seinen Freund aus Kindheitstagen, von eigener Hand umbringt.

Es ist aber auch die Sprachlosigkeit, die immer wieder sprachlos macht. Wie Penelope Ann Miller, die Samuels Mutter spielt, den jungen Nat fördern will und den ehrfürchtig nach einem Buch greifenden Jungen als erstes zurechtweist, daß das Buch, das er auserwählt hat, „nichts für Sklaven“ sei – Parkers Drehbuch zeigt immer wieder diese Diskrepanzen zwischen „gut gemeint“ und „nicht durchdacht“ und verdeutlicht damit auch die subtileren Dilemmata, die die Sklaverei zwangsläufig mit sich brachte. Weiße und Schwarze lebten auf relativ engem Raum zusammen, umgeben von oft endlos weiten Ländereien, die einen sahen immer die Lebensbedingungen der anderen und das Unrecht stand immer allen vor Augen. Sicher war das einfacher für jene, die offen ihren Rassismus und Sadismus auslebten und so oder so keine Hemmungen hatten, anderen Menschen Gewalt anzutun.

Parker gelingt es aber, seinen Protagonisten ihre Würde zu lassen. So zerschunden die Sklaven oft aussehen, sie sind oft schön. Er umgeht auch ein Problem, das McQueen in seinem Film nicht zu umschiffen versteht, das ihm vielleicht aber auch nicht bewusst war. Während in 12 YEARS A SLAVE immer wieder nackte Schwarze zu sehen sind, zumeist in für sie demütigenden Szenen, und das Publikum somit zwangsläufig den Herrschaftsblick annimmt, ohne daß dieser Blick thematisiert, gebrochen oder dekonstruiert würde, sondern lediglich die Behauptung aufstellt, so sei es eben gewesen, so müsse man es darstellen, verzichtet Parker in THE BIRTH OF A NATION auf die Ausstellung schwarzer nackter Körper. Die Szenen der Grausamkeit und des Zorns sind auch ohne dieses Detail und die damit verbundenen Re-Inszenierung der Demütigung eindeutig und nachvollziehbar genug. Damit vermeidet er die Falle, in die viele Filme tappen, die letztlich etwas kritisieren wollen, zugleich aber durch die Re-Inszenierung auch der Faszination des Dargestellten/Kritisierten erliegen.

Gelobt werden muß aber auch Elliot Davies Kamera, die – anders als Sean Bobbitt für McQueen in 12 YEARS A SLAVE – den Spagat zwischen der nackten Realität grausiger Brutalität und der Schönheit des Landes meistert und so einen wirklichen Kontrast herstellt. Auch Henry Jackmans Musik sei erwähnt, die sich aus ganz unterschiedlichen Quellen speist, mal Gospel und Field Hollers nutzt, mal zu sakralen Crescendi ansetzt und damit auch den religiösen Aspekt der Geschichte betont. Gelegentlich neigt sie auch zur Dramatisierung, dies sind die konventionelleren Momente, doch erweist sie Parkers Film einen unermesslichen Dienst, indem sie das Geschehen ebenso unterstützt, als auch kommentiert. Besonders bedrückend wird diese Kommentierung, wenn zu den Bildern etlicher erhängter Schwarzer, die infolge des Aufstands wahllos und willkürlich gemeuchelt wurden, Billie Holidays Strange Fruit in einer Bearbeitung von Nina Simone erklingt und damit noch einmal die Wirkmächtigkeit und Fortwirkung dieses historischen Unrechts unterstreicht.

Wie sehr Nate Parker seinen Film als Beitrag zum herrschenden Diskurs betrachtet, zeigt nicht zuletzt, und zu allererst, der Name des Films. Dieser verweist auf den Film gleichen Namens aus dem Jahr 1915, der als erster maßgeblicher amerikanischer Film überhaupt von der Filmwissenschaft betrachtet wird. THE BIRTH OF A NATION (1915) war das Großwerk des Regisseurs David Wark Griffith, der hier etliche technische Neuerungen in den Film einbrachte, aber auch Erzählstrukturen etablierte, die bis heute Gültigkeit besitzen. Es war einer der bis dahin aufwändigsten Filme überhaupt, ein Film, der von seinem Macher als staatstragend betrachtet wurde. Ein Film, der etwas Grundlegendes über Amerika aussagen sollte. Und diese Aussage war (und bleibt) eine zutiefst rassistische. Griffith zeigte den amerikanischen Bürgerkrieg als Bruderkrieg (der er tatsächlich war), in dem sich die weiße „Rasse“ selbst zerfleischte, um eine unterlegene „Rasse“ – die der Schwarzen – zu befreien, was dieser so oder so nicht gut getan habe. So sind die Schwarzen im Film durchgehend dumm, grob und brutal. „Gute“ Schwarze – ehemalige Sklaven – sind in Griffith´ Film nur solche, die sich bedingungslos in den Dienst der weißen Sache stellen und ihren ehemaligen Herren bereitwillig folgen. Griffith scheute sich auch nicht, dies in Texttafeln religiös zu begründen. Diese Sicht auf Sklaven war lange eine Art Topos in Hollywood. Ob in David O. Selznicks GONE WITH THE WIND (1939) oder auch in John Fords THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE (1962) – Schwarze waren lange lediglich Sidekicks, Dienende, die gern bereit waren, sich unterzuordnen. Die „Geburt der Nation“, die Griffith heraufbeschwört, ist in seinem Film aber erst möglich, wenn das Unrecht, das den weißen Südstaatlern angetan wurde – und im Film sind sie deutlich die Opfer des Krieges – gesühnt ist und die Gerechtigkeit, also die neuerliche Vereinigung der weißen Rasse (symbolisch) wieder hergestellt ist.

Griffith selbst war zu seiner Zeit einer der mächtigsten Männer in Hollywood. Gemeinsam mit Charles Chaplin, Douglas Fairbanks Sr. und Mary Pickford hatte er im Jahr 1919 die erste „unabhängige“ Vertriebsfirma in Hollywood, die United Artists, gegründet, die sich später zu einem voll gültigen Studio entwickelte. Griffith etablierte Herrschaftsstrukturen in Hollywood und war mitverantwortlich für das System Hollywood, das lange, sehr lange, Schwarzen kaum Partizipation ermöglichte. THE BIRTH OF A NATION, wie Nate Parker diese präsentiert, ist also ein klares Bekenntnis zu schwarzer Selbstermächtigung, zur Emanzipation, zum Freiheitskampf. Er zeigt Afroamerikaner, die – der Film spielt schließlich zwischen 1800 und 1831 – teils noch Erinnerungen an die alte Heimat haben, die verschleppt wurden, die das Unrecht, das ihnen angetan wurde, überdeutlich am eigenen Körper spüren und die Male dieses Unrechts in Form der Narben, die die Peitschen der weißen Herren in ihre Haut gegerbt haben, an diesen Körpern tragen. Parkers Film wird zu einer späten Abrechnung auch mit Griffith´ Werk und mit Hollywood selbst. Denn er greift mit seinem provokanten Titel und der Geschichte, die er erzählt, eben auch die Strukturen in Hollywood an.

In der Lesart von Parker, kann und wird diese Nation erst dann ihrer „Geburt“ gerecht werden, wenn sie ihren afroamerikanischen Teil als gleichberechtigt ansieht – und das nicht nur auf dem Papier der Gesetze, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen. Die Menschen anderer Hautfarbe, denen nur und ausschließlich aufgrund dieser Hautfarbe ungeheuerliches Unrecht angetan worden ist, sind integraler Bestandteil dieser Nation. Sie wollten dies vielleicht nie sein, denn freiwillig sind sie nicht gekommen, aber aufgrund der Geschichte, wie sie nun einmal lief, sind sie da. Und sie werden nicht mehr gehen. Die amerikanische Nation kann die von Griffith beschworene Einheit erst und nur dann sein, wenn dieses Unrecht anerkannt, gesühnt und verarbeitet wurde. Erst, wenn Rassismus nicht mehr Teil der amerikanischen Alltagskultur (und seit 2016 auch wieder offensiver Teil der amerikanischen Innenpolitik) ist, hat dieses Land die Chance, eine echte Einheit, eine echte Demokratie zu werden. Bisher ist davon wenig zu spüren, weshalb Amerika, die Vereinigten Staaten von Amerika, noch im Werden begriffen sind. Denn „vereinigt“ sind sie eben nicht.

 

[1] Nat Turner, dessen Andenken lange verschüttet war, kam als historische Figur erst wieder durch den Roman THE CONFESSIONS OF NAT TURNER (erschienen 1967) von William Styron einem breiteren Publikum ins Bewußtsein, avancierte dann aber zu einer Ikone der Black-Power-Bewegung der späten 60er und der 70er Jahre.

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