MOONLIGHT

Siehe da - das amerikanische Kino, es lebt!

  1. Little

Miami in den 80er Jahren. Der neunjährige Chiron (Alex R. Hibbert) – in der Schule von allen „Little“ genannt – lebt mit seiner Mutter in dem Wohnprojekt Liberty Square, das größtenteils von Schwarzen bewohnt wird. Hier herrschen häusliche Gewalt, Drogen sind alltäglich. Das Postkarten-Miami aus dem Fernsehen ist weit, weit weg.

In der Schule wird Chiron wegen seiner introvertierten und etwas verdrucksten Art gemobbt. Kevin (Jaden Piner) ist als einziger Mitschüler bereit, Chiron nicht nur ernst zu nehmen, sondern versucht auch, ihn zu stärken und zu vermitteln, daß er sich gegen seine Mitschüler zur Wehr setzen soll.

Eines nachmittags lernt Chiron Juan (Mahershala Ali) kennen. Der Kubaner lebt nicht direkt in Chirons Viertel, verdingt sich aber u.a. dort als Drogendealer. Er beobachtet, wie Chiron verfolgt und drangsaliert wird und sucht den Jungen. Der will nicht mit ihm sprechen, lässt sich von Juan aber zum Essen einladen. Schließlich nimmt Juan, da Chiron nicht bereit ist, ihm, seine Adresse zu nennen und er den Jungen also nicht nachhause bringen kann, mit in sein Haus, wo er gemeinsam mit Teresa (Janelle Monáe) lebt. Ihr gelingt es, Chiron zumindest ein wenig zum Sprechen zu bringen. Der Junge schläft bei Juan und Teresa. Als Juan ihn anderntags heim bringt und dort Chirons Mutter Paule (Naomie Harris) trifft, reagiert diese ausgesprochen aggressiv auf den Dealer und will nichts hören darüber, weshalb Chiron nachts nicht heim gekommen ist.

Dennoch entwickelt sich zwischen Chiron und Juan eine Freundschaft. Juan bringt dem Jungen das Schwimmen bei, erklärt ihm aber auch einige Wahrheiten darüber, wie man mit seiner Hautfarbe umgehen soll und daß man letztendlich selber dafür verantwortlich ist, wer man sein will. Er erzählt Chiron eine Weisheit seiner eigenen Großmutter, die ihm einst beibrachte, daß im Mondlicht alle Schwarzen blau aussehen. Für Juan – und bald auch Chiron – ist dies ein wunderschönes Bild. Paula will Chiron den Umgang mit Juan verbieten, doch entgleitet ihr der Sohn immer mehr, da sie selber drogenabhängig und oft außer Haus ist oder aber Chiron rausschmeißt, wenn die Freier bedient. In einer dieser Nächte stößt Juan auf Paula und schreit sie an, sie solle sich um ihren Sohn kümmern.

Chiron kommt erneut zu Besuch und fragt Teresa und Juan, was eine „Schwuchtel“ sei, so würde er in der Schule genannt. Juan erklärt ihm, daß dies ein abfälliger Ausdruck für einen Schwulen sei und daß es niemanden etwas anginge, welche sexuelle Orientierung man habe. Dann fragt Chiron Juan, ob der mit Drogen handle. Juan, kalt erwischt, bejaht. Chiron fragt darauf hin, ob er auch seine Mutter beliefere. Juan bejaht auch diese Frage.

  1. Chiron

Der sechzehnjährige Chiron (Ashton Sanders) ist mittlerweile aufgeschossen, aber immer noch zurückhaltend und ununterbrochenes Ziel von Terrel (Patrick Decile) und seiner Gang. Die terrorisieren ihn nicht nur in der Schule, sondern auch in der Nachbarschaft. Chiron ist weiterhin ein Außenseiter. Die Konflikte mit seiner Mutter haben sich verschärft, sie pumpt ihn um Geld an und schmeißt ihn immer mal wieder raus. Dann geht er zu Teresa. Juan ist mittlerweile verstorben, doch seine frühere Freundin unterstützt Chiron. Kevin (Jharrel Jerome) ist mittlerweile zu einem kräftigen Kerl herangewachsen, der in der High School als besonders stark gilt und wegen seiner sportlichen Leistungen beliebt ist. In seiner Clique prahlt er mit allerlei sexuellen Erlebnissen, die er gehabt haben will. Doch immer noch hat er ein Auge auf Chiron und versucht, ihm zu helfen, wo das möglich ist. Eines Nachts geht Chiron allein an den Strand. Dort trifft er auf Kevin. Die beiden kiffen gemeinsam und haben ein wenig Spaß, dann kommt es zwischen ihnen zu einem Kuss. Dieser Kuss weitet sich zu Intimitäten aus, Kevin befriedigt Chiron, der zuvor nie körperliche Nähe, schon gar nicht sexueller Natur, erlebt hatte. Terrel hält Chiron sowieso für schwul und malträtiert ihn wieder und wieder. Eines Tages fordert er Kevin auf, Chiron zu verprügeln. Kevin, nun selber in einer Zwickmühle, schlägt Chiron nieder und fordert ihn auf, unten zu bleiben, da er annimmt, das Schauspiel habe dann ein Ende. Chiron steht aber wieder auf. Kevin schlägt ihn erneut nieder und wieder steht Chiron auf. Das wiederholt sich, bis ein Lehrer aufmerksam wird und dazwischen geht. Chiron wird heimgeschickt. Am nächsten Tag kommt er zu spät, geht in seine Klasse, greift nach einem Stuhl und schlägt ihn Terrel über den Schädel. Die Polizei führt Chiron ab.

  1. Black

Chiron (Trevante Rhodes), der nun „Black“ genannt wird, lebt etwa zehn Jahre später in Atlanta, wohin er und Paula nach dem Zwischenfall in der Schule gezogen sind. Damals wurde Chiron der Schule verwiesen. Paula lebt mittlerweile in einem Heim für ehemalige Drogenabhängige, wo sie auch einen kleinen Job hat und sich ein geringes Einkommen verdient. Chiron selbst hat Juans Weg eingeschlagen und ist Drogendealer geworden. Er entzieht sich Paula, so gut es geht, besucht sie aber ab und an in dem Heim. Eines Tages schellt das Telefon und da er gerade mit Paula gesprochen hat, nimmt Chiron an, daß sie erneut anruft. Ungehalten will er sie abweisen, als er hört, daß da eine männliche Stimme am Telefon ist. Es ist Kevin (André Holland), der immer noch in Miami lebt und mittlerweile als Koch arbeitet. Er habe sich durch einen Song, der im Diner aus der Juke Box erklang, an Chiron erinnert gefühlt und habe sich einfach mal melden wollen. Teresa habe ihm die Nummer gegeben. Die beiden unterhalten sich eine Weile, Kevin berichtet von seinem Sohn und daß er geschieden sei. Zudem entschuldigt er sich bei Chiron für das, was Jahre zuvor vorgefallen ist. Chiron besucht wieder Paula, die ihm ihrer Liebe versichert und zugleich zu verstehen gibt, daß sie keine Liebe von Chiron erwartet, da sie ihm keine Mutter gewesen sei. Sie will, daß er sich öffnet, legt ihm nahe, daß es besser für ihn sei, seine Gefühle zu erkennen und auch zu benennen, doch Chiron kann das nicht. Und er will es auch nicht. Zumindest nicht vor und mit Paula. Er fährt eines Nachts nach Miami und sucht dort das Diner auf, in dem Kevin arbeitet. Kevin ist überrascht, keinen schmächtigen Mann anzutreffen, was der schlaksige Junge, an den er sich erinnert, nahegelegt hätte, sondern einen kräftigen, durchtrainierten Mann. Chiron und Kevin verbringen den Abend im Diner und als Kevin das Restaurant schließt, fahren sie gemeinsam in seine Wohnung. Chiron wirkt wie ein harter Hund, dich spürt Kevin schnell, daß er nach wie vor still und in sich verschlossen ist. Er will von Chiron wissen, wie es dem im Leben ergangen sei, doch alles, was Chiron sagt, ist, daß er nach der nächtlichen Erfahrung am Strand, als Sechzehnjähriger, nie wieder von einem Menschen berührt wurde. Kevin nimmt ihn in den Arm und hält ihn.

Wird vom amerikanischen Kino gesprochen oder geschrieben, war ein Thema in den vergangenen Jahren bestimmend: Sein Niedergang. Vor allem, wenn es um Hollywood geht, wird gern und laut dessen Stagnation, bzw. Regression beklagt. Sequels, Prequels, Merchandising und Superhelden, so der allgemeine Tenor, beherrschten die Traumfabrik. Unabhängige Produktionen, originäre Stoffe, komplizierte Plots, erwachsene Themen – all das habe keine Chance mehr auf Verwirklichung, da die Bilanzabteilungen der Multimediakonzerne, denen heute die großen Studios gehören, längst nur noch in Rendite rechneten und da schneidet AVENGERS Teil soundsoviel eben besser ab, als ein womöglich schwieriger Stoff, der verlangt, daß man ihm Aufmerksamkeit schenkt.

Vieles daran mag wahr sein, doch ist man doch immer wieder überrascht, wenn dann regelmäßig Filme auftauchen, die genau das erfordern, was die Bilanzabteilungen und PR-Sektionen angeblich fürchten, wie der Teufel das Weihwasser: Aufmerksamkeit, Mitdenken, Empathie. Und gerade das amerikanische Kino ist auch ein Beispiel dafür, wie sich komplizierte Stoffe eben doch wieder durchsetzen. Ein wahrlich gelungenes Exempel ist Barry Jenkins´ MOONLIGHT (2016), der nicht nur all die genannten Kriterien erfüllt, sondern auch einer der Abräumer bei etlichen Preisverleihungen des Jahres 2017 war, darunter bei der Oscarverleihung, als er die Auszeichnungen für den besten Film, den besten Nebendarsteller und das beste adaptierte Drehbuch gewann.

Basierend auf einem nie aufgeführten Theaterstück (IN MOONLIGHT BLACK BOYS LOOK BLUE) von Tarell Alvin McCraney, der gemeinsam mit dem Regisseur das Drehbuch verfasste, wird die Geschichte des schüchternen, manchmal verklemmt wirkenden Jungen Chiron erzählt, der während der 80er Jahre in Miami aufwächst. Der einzelgängerische Junge ist ein Mobbingopfer, seine drogenabhängige Mutter kein wirklich sicherer Hafen, auf den er sich verlassen kann. Durch Zufall lernt Chiron den Drogendealer Juan kennen, der ihn unter seine Fittiche nimmt, vor allem findet er in Juans Heim, bei dessen Freundin Teresa, Schutz und Anerkennung. Unterteilt in drei Kapitel – Little, Chiron und Black – werden Schlüsselszenen aus dem Leben dieses Jungen, Jugendlichen und schließlich jungen Mannes erzählt, die seine Entwicklung, seine Veränderungen und sein stilles Leiden an der Welt, an seinem mangelnden Zugang zu dieser Welt, spotlichtartig beleuchten.

Chiron erfährt nur durch Teresa und Juan positive Aufmerksamkeit und Anerkennung. Selbst sein Schulfreund Kevin nutzt ihn eher als Projektionsfläche juveniler Prahlereien, statt ihm als gleichberechtigter Freund zu begegnen. Zudem verrät er ihn an entscheidender Stelle. Chiron, der nichts von der Welt zu erwarten oder gar zu verlangen scheint, zieht sich in sich selbst zurück, bereitet sich gelegentlich kleine, ganz eigene Freuden – bspw. ein Bad, wenn er allein zuhause ist – und versucht ansonsten in der Deckung zu bleiben. Was erst recht die Aufmerksamkeit der lokalen Schläger und Großmäuler auf ihn lenkt. Diese beschimpfen ihn durchweg als „Schwuchtel“, ein Wort, dessen Bedeutung Chiron nicht kennt und das Juan ihm erst erklären muß. Und das langsam in Chirons Bewußtsein sickert als tatsächliche Beschreibung seiner erwachenden Sexualität. Wenn man denn davon sprechen mag. Denn im Schlußabschnitt des Films, wenn der mittlerweile erwachsene und selbst als Dealer agierende Chiron seinen Freund Kevin noch einmal wiedertrifft, Jahre, nachdem sie sich aus den Augen verloren haben, berichtet er seinem Jugendfreund, daß ein kurzes schwules Intermezzo der beiden, eher nur ein jugendliches Ausprobieren am Strand in jungen Jahren, der einzige sexuelle, ja körperliche Kontakt gewesen sei, den er im Leben gehabt habe.

Ein junger schwarzer Schwuler – es gibt einige, die sofort aufstöhnen und „Problemfilm“ stöhnen würden. Doch es ist das Verdienst von Jenkins und McCraney, daß ihr Film weder ein Gay-Drama geworden ist, noch ein explizit sich für die Sache der Schwarzen einsetzendes, gar ein Antirassismus-Drama. MOONLIGHT ist, wenn man denn unbedingt ein Label braucht, am ehesten ein Coming-of-Age-Film, der in ruhigen, manchmal eindringlichen, manchmal traurigen, nie sentimentalen Szenen beschreibt, wie jemand wird, was er ist. Wenn, dann ist es das Drama eines Kindes, das aufgrund seiner sehr eigenen Persönlichkeit, verwahrlost und sicherlich auch vor einem spezifischen Hintergrund, zu einem jungen Mann heranwächst, dessen Qualitäten und Talente in seiner Umgebung nicht wahrgenommen werden und der sich mehr und mehr abkapselt und in sich zurückzieht, keine Sprache findet für seine Gefühle, keine Kommunikation in diese Welt hinaus.

In diesem Film kommt kein einziger Weißer in einer Sprechrolle vor, und es ist wahrscheinlich ausschließlich für einen weißen Rezensenten von Belang. Die Welt, aus der Jenkins und McCraney berichten, ist eine Ghetto-Welt, die sie selber kennen – der Liberty Square, ein Wohnprojekt aus den 30er Jahren, fast ausschließlich für Schwarze. Hier ist wenig zu spüren von dem Chic, den Miami spätestens seit den 80ern und TV-Serien wie MIAMI VICE (1984-89) anhaftet. Drogen gehören zum Alltag, ebenso eine gewisse Gewalttätigkeit, die der Film jedoch nie explizit ausspielt, sondern bestenfalls als weißes Rauschen, als Grundierung nutzt, indem er sie spürbar macht. Es herrscht hier das Gesetz des Stärkeren und für ein introvertiertes Kind wie Chiron ist wenig Platz in dieser Welt. Weiße sind hier schlichtweg keine Referenz, weshalb der Film sie auch nicht braucht. Das korrespondiert mit einer neuen, jungen schwarzen Literatur, bspw. bei Jesmyn Ward, die ebenfalls aus einer schwarzen Lebenswirklichkeit berichtet, die es nicht nötig hat, sich in Relation zu weißen Lebenswirklichkeiten zu setzen. Daß Amerika ein zutiefst rassistisches Land ist, eine zutiefst rassistische Gesellschaft ausgebildet hat, ist für ein Werk wie MOONLIGHT schlichtweg eine Tatsache, eine Voraussetzung, die es nicht mehr explizit zu thematisieren gilt. So wird die Entwicklung eines jungen Mannes unter den Bedingungen geschildert, die für ihn gelten – darin unterscheidet MOONLIGHT sich von keinem Coming-of-Age-Film weißer Provenience. Und dies ist eine seiner besonderen Qualitäten.

Gleiches gilt für den Umgang des Scripts und des daraus resultierenden Films mit dem Thema Homosexualität. Chiron mag schwul sein, eine wirkliche Rolle spielt dies für den Film nicht, er nimmt es ebenfalls als Tatsache, als gegeben. Es spielt in etwa dieselbe Rolle, wie die Tatsache, daß Chiron schwarz ist – es ist schlicht die Bedingung seines Lebens. Wahr ist, daß es für ihn – und das macht seine Geschichte eben interessant – schwer ist, unter diesen Bedingungen ein Selbstbewußtsein auszuprägen, mit dem er bestehen kann. Erst in einem Gewaltausbruch gegen seine Peiniger scheint er erstmals so etwas wie eine eigene Haltung klar zu zeigen, zu kommunizieren – und wird daraufhin sofort der Schule verwiesen, während diejenigen, die ihn jahrelang gemobbt haben, mit ihrer Haltung davon zu kommen scheinen.

MOONLIGHT vermeidet mit seiner geschickten Konstruktion und dieser Herangehensweise, die ihre Schwerpunkte eben nicht auf die augenscheinlichen Problematiken legt, jedes Klischee, was ebenfalls eine seiner Stärken ist. Das Erwachen eigener Gefühle, erste sexuelle Regungen, die Unsicherheit im und am eigenen Körper – dies alles wird hier sehr wohl thematisiert, als normale und somit nicht einmal aufregende Problematik eines Erwachsenwerdens. Erschwert wird dies allerdings durch eine auch – oder gerade – unter schwarzen Jugendlichen herrschenden Macho-Kultur. Die allerdings wird sehr wohl thematisiert. Der Dealer Juan, ein Kubaner, dem Chiron auffällt und der sich um ihn bemüht, obwohl der Junge anfangs äußerst sperrig und unzugänglich ist, weist zwar alle Attribute auf, die auch sonstige Ghetto-Filme, ob als Drama oder Thriller, als Krimi oder Actionfilm angelegt, Drogenhändlern zuweisen, doch wird die Figur als väterlicher Freund eingeführt. Damit wird die vermeintlich unwahrscheinlichste Figur zu einer Antithese all der High-School-Jungs, die Chiron verfolgen und quälen. Juans Geschäfte spielen nur und ausschließlich dort eine Rolle, wo sie Chirons Leben unmittelbar betreffen, u.a., die Tatsache, daß Juan auch an die Mutter des Jungen Crack verkauft. Es sind aber die daraus entstehenden Spannungen zwischen einem Kind und dem einzigen Mann, der es ernst nimmt, die den Film interessieren. Juan ist es auch, der – in der einzigen Szene, in der die Hautfarbe eine Rolle spielt und thematisiert wird – Chiron ein Gefühl dafür mitgibt, daß dessen Hautfarbe für sein Leben keine Rolle spielt, bzw. etwas ist, worauf er stolz sein müsse, wenn überhaupt. Juan wird für den Jungen eine Art Mentor, der ihm die schwierigen Fragen beantwortet – u.a. die, was eine „Schwuchtel“ eigentlich ist – , der ihm das Schwimmen beibringt, ihm aber auch zu verstehen gibt, daß auch er, Chiron, an irgendeinem Punkt im Leben entscheiden muß, wer und was er sein will.

Es ist ein kluger Einfall, Juan und seine Freundin Teresa überwiegend in dieser elterlichen Rolle zu präsentieren, ihnen die Klischees von coolen Ghettobewohnern zu nehmen und sie damit zu wahrhaftigen Figuren zu machen. Zugleich wird an ihnen aber auch deutlich, daß das Leben eben nicht geradlinig und ohne Brüche verläuft. In einer wegen ihrer Nüchternheit umso griffigeren Szene muß Juan auf Chirons Frage hin eingestehen, daß er nicht nur mit Drogen handelt, sondern auch die Mutter des Jungen versorgt. Nach dieser Szene folgt der erste Umbruch im Film und wir treffen Chiron im zweiten Kapitel wieder, nun einige Jahre älter. In einem Nebensatz erfahren wir, daß Juan tot ist, sein Sterben wird nicht näher erläutert, wodurch wir annehmen müssen, daß er Eingang in jene Statistik gefunden hat, die als häufigste Todesursache für schwarze Männer zwischen 15 und 34 Gewalt aufführt[1]. Die Bindung zu Teresa aber hat durch die Jahre gehalten. Nun muß Chiron sich daran machen, jene Lehren, die Juan ihm mitzugeben versucht hat, umzusetzen und Entscheidungen für sich und sein Leben zu treffen. Es fällt in diese Zeit, daß es mit seinem Schulkameraden Kevin zu Intimitäten kommt. Und daß er sich zu wehren beginnt.

Fast erschreckend ist es dann, wenn wir Chiron zehn Jahre später als Muskelpaket wieder treffen, als einen jungen Mann, der offenbar selbst Teil eben jener Macho-Kultur geworden ist, unter der er als Kind so gelitten hat. Zudem ist er in Juans Fußstapfen getreten und hat selber mit dem Dealen begonnen. Es ist wie ein leiser Schock, zu begreifen, wohin diesen Jungen seine Erlebnisse und seine Entfremdung von der Welt geführt haben, daß er letztlich nur darin einen Ausweg gesehen zu haben scheint, selber wie das Musterexemplar eines harten Ghettokerls zu wirken, auch wenn der Film uns in nur sehr wenigen Sequenzen verdeutlicht, daß in diesem Muskelpaket eben immer noch die verletzliche Seele von „Little“ haust, der immer noch nicht aus sich heraus kann, immer noch keine Kommunikationswege in die Welt gefunden hat.

MOONLIGHT ist ein leiser Film, ein stilles Drama, ein Werk der Zwischentöne, der sich – nicht einmal unwissentlich in Referenz und Abgrenzung auf eine Serie wie MIAMI VICE – die Kulisse der pastellfarbenen, oft sonnigen Stadt Miami zunutze macht, um seine Geschichte umso eindringlicher wirken zu lassen. Unprätentiös, ohne Dramatisierung oder gar Pathos, erzählt Jenkins seine Geschichte. Wenn überhaupt, ist es die Musik von Nicholas Britell, die, gelegentlich fast pastoral wirkend, gewissen Szenen so etwas wie Überhöhung zukommen lässt, sie hervorhebt. Ganz besonders gilt dies für jene wunderbaren Momente, als Juan Chiron im Meer das Schwimmen beibringt und ihm dabei Vertrauen einflößt, die zugleich aber auch Merkmale einer Taufe – im Sinne einer Mensch- oder Subjektwerdung – aufweist. Doch entscheidende Sequenzen – Auseinandersetzungen zwischen dem jungen und dem jugendlichen Chiron und seiner nie durch den Film denunzierten Mutter; die Momente mit Kevin, die zu einem Kuss und einem Samenerguss führen; der Verrat, den Kevin an Chiron begeht, um das eigene Standing in der Schule zu bewahren; Chirons Rache für die erlittenen Demütigungen; das Wiedersehen zwischen Chiron und Kevin nach Jahren – bleiben ruhig, sachlich und werden nie überspitzt oder gar melodramatisch dargestellt. Was sie manchmal umso schwerer erträglich, umso klarer und verständlicher werden lässt.

Hier macht sich ein neues, ein anderes amerikanisches Kino bemerkbar, das sehr viel zu sagen hat, dafür neue Mittel und Wege findet, dem Kino damit aber auch neues Leben abseits von Spektakel, Eskapismus und Remmidemmi einhaucht und dafür eine eigene Sprache ausbildet. Ein Kino, das sich auf das wirkliche Leben und seine Beschädigungen besinnt, welches sich einer Wirklichkeit stellt, ohne diese zu überhöhen oder aber zu verdammen. Ein Kino, das in einigen der besten Traditionen amerikanischen Kinos steht, sie aufgreift, reflektiert und weiterführt. Ein Kino, das traurig macht – und Hoffnung.

 

[1] Vgl.: NZZ Folio; https://folio.nzz.ch/1992/august/statistisches-uber-amerikas-schwarze-bevolkerung

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