THE GOOD LIAR – DAS ALTE BÖSE/THE GOOD LIAR

Bill Condons Seniorenkomödie wandelt sich unmerklich zu einem Drama historischen Ausmaßes

Ray Courtnay (Ian McKellen) und Betty McLeish (Helen Mirren) lernen sich über eine Kontaktanzeige im Internet kennen.

Sie treffen sich und verstehen sich gut. Der charmante Gentleman und die zurückhaltende Lady beschließen, sich häufiger zu treffen.

Courtnay verdient sein Geld mit Betrügereien, die er und sein „Finanzberater“ Vincent (Jim Carter) gemeinsam durchziehen. Dabei nutzen sie die Leichtgläubigkeit von Anlegern, die sie ihrerseits davon überzeugen, totsichere Geschäfte mit irgendwelchen Russen zu machen.

Courtnay und Betty lernen sich immer besser kennen und bald stellt sich heraus, daß Courtnay Probleme mit seinen Knien hat. Er ist kaum mehr in der Lage, die Treppen zu seiner Wohnung hochzuklettern. Daraufhin bietet Betty ihm an, bei ihr einzuziehen.

In Bettys Haus lernt Courtnay ihren Enkel Stephen (Russell Tovey) kennen, einen Geschichtsstudenten. So erfährt er auch jetzt erst, daß Betty einst Professorin in Oxford war. Stephen zeigt sich dem alten Herrn gegenüber mißtrauisch, wird dafür aber von seiner Großmutter gerügt.

Zwar kommt es zwischen Betty und ihrem Gast zu keinerlei Intimitäten – sie erklärt ihm, der Tod ihres geliebten Mannes liege noch nicht lang genug zurück, um sich bereits auf etwas Neues einzulassen – aber dennoch kommen die beiden sich näher.

Eines Tages bringt Courtnay Vincent in Bettys Haus. Angeblich wolle er seine Finanzen klären. Im Laufe des Abends schlägt Vincent Betty vor, sich auch um ihr Vermögen zu kümmern, wenn sie dies wünsche. Dabei erfahren Courtnay und er, daß sie über mehrere Millionen Pfund verfügt.

Aus der letzten Betrügerei sind Courtnay und Vincent mit jeweils Hunderttausend Pfund Gewinn herausgekommen. Eines Tages trifft Courtnay in der U-Bahn einen der Männer, die sie geprellt haben. Als dieser ihn stellt, stößt Courtnay ihn kurzerhand vor einen einfahrenden Zug.

Betty wünscht sich eine Reise: Paris, Brüssel, Berlin! Courtnay zeigt sich vor allem von dem Ziel Berlin nicht sonderlich begeistert. Aber er erklärt sich einverstanden.

In Berlin treffen sie auf Stephen, womit Courtnay nicht gerechnet hatte. Der junge Mann arbeite an einem Projekt über Albert Speer, sei ein hervorragender Kenner der Stadt und könne sie herumführen. Bei Courtnay entschuldigt er sich wortreich für sein anfängliches Mißtrauen.

Bei einer Stadtrundfahrt halten sie an einem alten Wohnhaus, in das Stephen die beiden führt. Dort kommt es zu einer Konfrontation: In Wirklichkeit heiße Roy Courtnay Hans Taub und habe nach dem Krieg seine Identität gewechselt. Er sei bei der britischen Armee angestellt gewesen, da er sehr gut Englisch gesprochen habe. In seiner Aufgabe als Dolmetscher habe er bei der Ermittlung von Nazis geholfen. Bei einer solchen Gelegenheit sei es zu einem Schußwechsel gekommen, der wahre Roy Courtnay sei gestorben und er, Hans Taub, habe kurzerhand dessen Identität übernommen. Courtnay gibt dies nun zu. Entgegen Stephens Annahme, seine Großmutter endlich überzeugt zu haben, daß sie es mit einem Hasardeur zu tun hat, bricht Betty aber mit ihrem Enkel.

Betty und Courtnay brechen die Reise ab und kehren nach London zurück. Schon vor ihrem Aufbruch hatte Vincent in seiner Funktion als „Finanzberater“ den beiden ein steuersparendes Modell vorgeschlagen, bei welchem sie ihre Vermögen zusammenlegen und dann auf einer Insel in der Karibik anlegen sollten. Betty stimmt diesem Konstrukt nun zu. Betty und Courtnay bekommen beide jeweils ein Keypad ausgehändigt, mit dem sie ihr gemeinsames Konto kontrollieren und auch Überweisungen tätigen können.

Nun beschließen die beiden auch, endgültig in Bettys Haus zusammenzuziehen.

In seiner alten Wohnung wird Courtnay von Vincent gefragt, ob er die alte Dame wirklich um alles prellen, ihr nicht wenigstens ein bisschen zum Leben lassen wolle? Courtnay zeigt sich hartherzig und erklärt, er habe nicht vor, sein Alter als armer Schlucker zu verbringen.

Einige Tage nach dem Einzug erklärt Courtnay, sei Sohn, den er nur alle paar Jahre sehe und zu dem er kein gutes Verhältnis hat, sei in London. Betty drängt ihn, den jungen Mann zu treffen. Courtnay ziert sich, erklärt sich dann aber bereit, in die Stadt zu fahren.

Er packt eine Tasche und steckt auch den Keypad ein, denn er hat diesen Besuch seines nicht vorhandenen Sohnes geplant, um abzuhauen, das Konto zu leeren und unterzutauchen. Betty bringt ihn zum Bahnhof. Courtnay sagt, er liebe sie und wolle eigentlich gar nicht fahren. Betty drängt ihn sanft und so fährt er ab.

Im Hotel stellt er fest, daß der Keypad nicht in seiner Tasche ist. So kehrt er abends unverrichteter Dinge zurück in Bettys Haus. Doch groß ist seine Überraschung, als er das Haus komplett leer vorfindet. Keine Möbel, keine Bilder an den Wänden, alles ist weg.

Nur Betty sitzt in einem letzten Sessel, mit dem Keypad auf dem Schoß. Sie zieht für jede Lüge, die er ihr auftischt, Fünfzigtausend Pfund vom Konto ab. Courtnay will sich verteidigen, doch dann merkt er, daß es um etwas ganz anderes geht als Geld: Betty heißt in Wirklichkeit Lily. Ein gewisser junger Mann namens Hans Taub hat ihr einst Englischnachhilfe im Berlin der Kriegstage gegeben. Sie habe ihn verehrt, bis er eines Tages ins Haus gekommen sei, von ihren Schwestern gedemütigt wurde und anschließend sie – als eine Art Vergeltung für die erlittene Schmach – vergewaltigt habe. Danach sei ihr Vater durch eine Denunziation ins KZ gekommen, die Familie verarmt und außer ihr seien alle bei einem Bombenangriff zu Tode gekommen.

Courtnay versucht weiterhin, sich zu verteidigen, doch Betty ist unerbittlich. Sie weiß, daß Courtnay einem Mann noch Hunderttausend Pfund schuldet, die seien noch auf seinem Konto. Er könne sie also zurückzahlen. Stephen habe Vincent unter Druck gesetzt, damit dieser bei Bettys Spiel mitspielt. Nun stehen plötzlich der Betrogene und ein Helfershelfer von Courtnay im Haus. Letzteren hatte Courtnay mißhandeln lassen, da dieser mehr Anteil an den Betrügereien wollte. Sie geben Courtnay eine Chance, ihnen das Geld auszuhändigen, doch der weigert sich. Während Betty das Haus verlässt, hört man Courtnay schreckliche Schreie ausstoßen.

Vincent besucht den vollkommen derangierten Courtnay in einem Krankenhaus. Er hat einen Schlaganfall erlitten.

Betty empfängt auf ihrem herrlichen Landsitz ihre große Familie, darunter ihren Enkel und dessen Partner Stephen.

Eins der großen Modethemen der vergangenen zehn Jahre war die Frage nach Liebe und Sexualität im Alter. Wollen und können Senioren noch? Und wie treffen sie neue Partner? Eine Frage, die THE GOOD LIAR (2019) von Bill Condon sehr einfach bereits im Vorspann beantwortet: Genauso, wie es mittlerweile angeblich 40% aller Liebesuchenden machen: Per Internet. So verabreden sich Roy Courtnay und Betty McLeish und treffen sich dann züchtig in einem Café. Ausgang offen.

Derart beginnt Condons Film und die ersten zwanzig Minuten glaubt man sich in einer leichten Senioren-Komödie, die die mehr oder weniger schwerwiegenden Schwierigkeiten einer solchen Liaison abhandelt. Daß Courtnay ein Trickbetrüger ist, der mit seinem Partner Geschäftsleute zu windigen Investitionen verleitet, nur um sie dann nach allen Regeln der Kunst abzuzocken, macht den charmanten Herren gehobenen Alters nicht unbedingt unsympathisch, sind seine Opfer doch mindestens so abgebrüht wie er selbst. Und Betty gegenüber benimmt er sich tadellos. Bis wir merken, daß auch sie von ihm auf Vermögenswerte und verstecktes Geld hin abgeklopft wird.

Condon, der ein Drehbuch von Jeffrey Hatcher verfilmte, welches wiederum auf einem Roman von Nicholas Searle basiert, dreht geschickt an der Spannungsschraube. Der Zuschauer merkt kaum, daß ihm die Geschichte lange nur aus der Perspektive Courtnays dargeboten wird. Betty bleibt eher enigmatisch, wirkt ein wenig verschlossen, will sich offenbar nicht ohne Weiteres in ein Abenteuer stürzen. Courtnays Versuche, die Dame seines Herzens zu umgarnen, bleiben lange unerhört, doch immerhin holt sie ihn in ihr Haus, als sie merkt, daß er ein Knieleiden hat und kaum mehr die Treppen zu seiner Wohnung hinaufklettern kann. Das führt – erwartbar – zu Unstimmigkeiten mit ihrem Enkel, der dem Alten nicht wirklich vertrauen mag. Und nicht ganz daneben liegt, wie wir dann doch bald ahnen.

Glücklicherweise halten sich Buch und Regie nahezu vollkommen bei möglichen gerontologischen Witzchen zurück. Keine Blasenschwäche, keine Anzeichen von Demenz, lediglich Courtnays Knie, die nicht mehr so recht wollen – diese beiden Alten sind an und für sich rüstige Leute, gebildet, charmant, vermögend. Der Witz, die Leichtigkeit, entsteht aus Verführung, Charme und Abwehr, man fragt sich, wie lange es dauert, bis dieser Schwerenöter die Dame um den Finger wickelt. Fast unmerklich verlässt Condon aber die Spur des Komödiantischen und setzt zunehmend auf Spannung. Spätestens, wenn wir Courtnay mit seinem Kumpan, einem Finanzberater, darüber diskutieren hören, ob er ihr, sobald er an Bettys Vermögen kommt, zumindest ein wenig lässt, um zu leben, und der Alte klar macht, daß er ihr jeden Cent aus der Tasche ziehen wird, versteht der Zuschauer, daß er es mit einem wirklich gefährlichen und extrem abgebrühten Kerl zu tun hat.

Wie gefährlich er ist, untermauern zwei Szenen, in denen Courtnay sich seiner Häscher erwehrt. Einen Mann, den er um 100.000 Pfund geprellt hat, stößt er skrupellos vor eine einfahrende U-Bahn, einen anderen, der ihm droht, seine Geschäfte auffliegen zu lassen, lässt er kaltblütig von einem gedungenen Schläger die Hände zertrümmern. Roy Courtnay ist offensichtlich ein wirklicher Gangster, mit allen Wassern gewaschen und im Notfall gewaltbereit. Dachte man anfangs, man habe es mit einem Gentleman-Betrüger zu tun, dem Betty wahrscheinlich mit Hilfe ihres Enkels irgendwann auf die Schliche kommt, den sie vielleicht ihrerseits ausspielt – wenn nicht, auch diese Idee kommt dem Betrachter recht früh, sie selbst gar die ganze Zeit ein eigenes Spielchen mit ihm spielt – so weiß man spätestens nach der Szene in der U-Bahn, mit was für einem Typen man es da wirklich zu tun hat. Und mit was für einem Typen es Betty zu tun hat. Und man beginnt, um die Dame zu fürchten.

Den Übergang von der Komödie zum Thriller inszeniert Condon so geschickt und unmerklich, daß man gar nicht versteht, wie man sich auf einmal in einem echten Drama, zumindest dem Beginn eines drohenden Dramas, wiederfinden konnte. Doch damit nicht genug, Condon dreht die Schraube noch weiter, die Annahme, daß Betty und ihr Enkel wirklich ein eigenes Spiel spielen, bewahrheitet sich. Nur wird dann aus dem Thriller, einem Gangsterfilm, plötzlich ein historisches Drama um uralte Schuld und Vergeltung. Auf einer Berlin-Reise konfrontiert Bettys Enkel Courtnay mit seiner Vergangenheit. Denn der Mann ist nicht, wer er vorgibt zu sein, vielmehr hat er, ein Deutscher, der nach dem Krieg für die Briten in Berlin arbeitete, die Identität eines Engländers angenommen, der bei dem Versuch, einen Nazi zu verhaften, getötet wurde. Spätestens jetzt setzt Verwirrung beim Zuschauer ein und er fragt sich, wie glaubwürdig das alles noch ist?

Doch ist dies nicht der letzte Twist, den THE GOOD LIAR dem Zuschauer bietet – oder zumutet, wie man will. Denn die Vermutung, daß Betty und ihr Enkel eine ganz eigene Agenda verfolgen, bewahrheitet sich, allerdings vollkommen anders, als zunächst gedacht. Mitnichten hecken sie einen eigenen Clou aus, sondern Courtnay muß, nachdem er Bettys Millionen – sie war Professorin in Oxford und obwohl nie explizit gesagt wird, was sie unterrichtete, sollte man davon ausgehen, daß sie Historikerin ist – sicher eingesackt zu haben glaubt, feststellen, daß sie ihm zuvorgekommen ist. Als er in Bettys Haus, in welches er nach einiger Zeit eingezogen ist, zurückkehrt, wird er von ihr mit der letzten Wahrheit (des Films) konfrontiert: Der junge Mann, der er in Nazi-Deutschland einst war, hat einem jungen Mädchen, das ihn verehrte, Englischunterricht erteilt. An einem Nachmittag, an dem die drei älteren Schwestern mit ihm Schabernack getrieben und ihn damit gedemütigt hatten, vergewaltigte er seine Nachhilfeschülerin. Und eben dieses Mädchen, das als einzige in der Familie den Krieg überlebte – der Vater wurde nach einer Denunziation ins KZ gebracht, die Mutter und die Schwestern starben bei einem Bombenangriff – war Betty. Sie und ihr vermeintlicher Enkel, der in Wirklichkeit der Partner ihres wahren Enkels und ein hervorragender Rechercheur ist, haben die ganze Aktion, angefangen bei der Internetsuche und der Partnervermittlung, von langer Hand geplant.

In Rückblenden werden wir Zeugen dieses Nachmittags, der das Leben von Betty nachhaltig veränderte, den Courtnay hingegen vergessen zu haben scheint. Es ist dieser Twist, der den Film vielleicht zu sehr überfrachtet. Es sind die Rückblenden, die eine unmotivierte und auch durch das Verhalten der älteren Schwestern psychologisch nur schwer nachvollziehbaren Vergewaltigung zeigen, die dem Film eine Drift geben, die er eigentlich nicht verdient hat. Denn nicht nur sehen wir, was geschah, sondern Betty erklärt es Courtnay – und damit uns – auch nochmal in allen Einzelheiten. Nichts in den ersten zwei Dritteln des Films deutet auf solch eine Wendung hin, es wird nichts angedeutet, es gibt keine, wenn auch nur versteckten, Hinweise, auch auf der symbolischen Ebene nicht. Und ein alter Grundsatz in der Drehbuchbranche lautet: Nie gut, wenn am Ende ein Protagonist alles erklären muß. Genau dies geschieht aber am Schluß von THE GOOD LIAR. Betty muß Courtnay – mehr aber uns, die Zuschauer – über die Zusammenhänge aufklären, muß zusammentragen, was sich aus der Filmerzählung nicht ergibt. Eine deutliche Schwachstelle des Films.

Auf einmal sieht man sich also anstatt mit einer leichten Seniorenkomödie oder vielleicht einer Gaunerkomödie, mit einem Selbstjustizdrama konfrontiert. Die Rückblenden sollen hinreichend schockieren, um Bettys Handeln zu rechtfertigen. Und dieses wird im Film an keiner Stelle, weder durch Reflektion ihrerseits, noch durch eine Auseinandersetzung mit Stephen, in Frage gestellt. Sie rächt sich an ihrem Vergewaltiger, Jahrzehnte nach dessen Untat. Daß er wahrscheinlich Bettys Vater denunziert hat, kommt lediglich on top. Weder reflektiert der Film die Gräuel der Nazis, noch die Geschichte an sich. Das Szenario bleibt reine Kulisse, um eine uralte Schuld – das alte Böse, wie es der deutsche Untertitel nennt – zu begründen. Und aus diesem alten Bösen entsteht nun neues Böses, indem Betty Courtnay seinen Häschern überlässt, die ihn fürchterlich mißhandeln. Wir verstehen nun, weshalb Condon uns diesen Mann als brutal, zynisch und kalt bis ans Herz zeigen musste, denn ohne diese Szenen wären wir wahrscheinlich nicht bereit, Bettys ebenfalls eiskalte Rache zu akzeptieren. Eine hochmanipulative Herangehensweise von Buch und Regie. Und an diesem Punkt funktioniert auch das innere Gefüge des Films einmal nicht. Zu unvermittelt und plötzlich werden wir mit Courtnays Vergangenheit konfrontiert.

Viel – und harsche – Kritik, wollte man meinen. Aber Condon hat ein Pfund, mit dem er wuchern kann, gleich wie verwinkelt die labyrinthische Geschichte auch sein mag. Und das sind seine beiden Hauptdarsteller. Hellen Mirren und Ian McKellen bieten eine Performance, die es in sich hat. Aufgrund der Perspektive, die der Film einnimmt, was sich aber durch den Twist am Ende schließlich erklärt, hat McKellen deutlich mehr Leinwandzeit und auch interessantere Passagen. Doch Mirren gleicht das aus, da sie uns immer spüren lässt, daß da ein Mehr ist, etwas Zusätzliches, das wir nicht definieren können, nicht zu greifen bekommen. So enigmatisch Betty in ihrem Changieren zwischen Distanz und plötzlicher Bereitschaft, sich diesem Fremden zu öffnen, ihm gar ihr Vermögen anzuvertrauen, auch sein mag, Mirren stattet sie mit einer gewissen Noblesse aus, einer großbürgerlichen Attitüde einerseits und andererseits etwas Herzlichem, Menschlichem, Zugewandtem, das diese Frau liebenswert und – das wiederum ist Mirrens auch im fortgeschrittenen Alter immer noch vorhandener Erotik zu verdanken – begehrenswert. Und verführerisch.

McKellen hingegen darf brillieren zwischen einem charmanten Filou und einem brutalen Drecksack. Und es ist wiederum seiner Schauspielkunst, seiner Präzision. zu verdanken, daß die Übergänge fließend, glaubwürdig und meist unmerklich sind. Selbst als wir wissen, womit der Kerl sein Geld verdient, verzeihen wir ihm, wollen lange nicht glauben, daß er es wirklich nur auf Bettys Geld abgesehen hat und gestehen ihm ein großes Herz zu. McKellen gelingt es sogar, daß wir ihm zumindest glauben wollen, wenn er, nachdem Betty ihn desavouiert und entlarvt hat, ihr versichert, seine Beteuerungen hinsichtlich seiner Gefühle zu ihr – er behauptet, sie zu lieben – ehrlich gemeint waren. Allein, es hilft nicht. Betty überlässt ihn einem vielleicht gerechten, auf jeden Fall unerbittlichen Schicksal.

THE GOOD LIAR funktioniert also am allerbesten als großes Schauspielerkino. Es ist ein Duell zweier Könner, von dem wir lange nicht ahnen, daß es überhaupt eines ist, von dem wir aber in der Rückschau betrachtet merken, daß es uns immer in seinen Bann gezogen hat. Es setzen sich einzelne Szenen neu zusammen, wir verstehen das Stück immer besser, das Betty und Stephen da aufgeführt haben, wenn sie sich über Courtnay stritten, wenn sie ihren vermeintlichen Enkel aufforderte, das Haus zu verlassen, ihr spätes Lebensglück nicht in Frage zu stellen. Wir begreifen, über die ganze Filmlänge einem Katz-und-Maus-Spiel beigewohnt zu haben und begreifen auch Bettys Zurückhaltung, ihre geheimnisvolle Aura.

Es ist Bill Condons Regie zu verdanken, daß diese beiden Altstars sich austoben, sich jeglicher Zurückhaltung entledigen dürfen, wenn sie dies möchten. Es ist seiner Führung zu verdanken, dies zuzulassen, indem er sich darauf verlässt, daß beide, Mirren und McKellen, genau wissen, wann sie sich zurückzuhalten haben. Was die Geschichte, der Plot, zu wünschen übriglässt, machen diese beiden wieder wett. Es ist ein Genuß, ihnen einfach zuzuschauen. Zuzuschauen, wie sie die Erfahrungen langer Karrieren im Theater und beim Film nutzen, um zwei Alte zu zeigen, die umeinander herum scharwenzeln, ein Spiel aus Anziehung und Distanz spielen und zugleich mit der Kraft ihrer Lebenserfahrung einem Ziel zustreben, von dem ein jeder von ihnen weiß, worin es besteht. So wird der Film schließlich rund, geht in sich auf und kann den Zuschauer überzeugen. Nur hätte es dafür gar keinen Ausflug ins Nazideutschland gebraucht. Sei´s drum.

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