THE VISIT

M. Night Shyamalan erweist dem klassischen Gruselfilm seine Reverenz

Loretta Jamison (Kathryn Hahn) lebt allein mit ihren beiden Kindern Rebecca (Olivia DeJonge), genannt Becca, und Tyler (Ed Oxenbould). Sie ist gerade 15, er 13 und ein begeisterter Rapper. Becca träumt von einer Karriere als Film-Regisseurin.

Vor allem Becca zürnt ihrem Vater, der die Familie vor Jahren verlassen hat. Sie will ihn am liebsten aus ihrem Leben komplett verbannen. Loretta gibt sich Mühe ihrer Tochter auch seine Sicht zu vermitteln und zu erklären, daß Menschen oft unterschiedliche Beweggründe für die Liebe und ihr Ersterben haben.

Als die Familie eine Einladung von Lorettas Eltern erreicht, wird ein altes Familien-Thema wieder virulent: Loretta hatte ihr Elternhaus einst im Streit verlassen. Damals war sie selbst noch im Teenageralter. Über die Gründe schweigt sie sich aus. Becca und Tyler – neugierige und interessierte Teenager – sind begeistert und wollen unbedingt zu Oma und Opa aufs Land.

Becca will die Gelegenheit nutzen, ihren ersten Dokumentarfilm zu drehen. Dazu aber, so befindet sie, muß das Geheimnis gelüftet werden, daß Lorettas damaliges Verschwinden erklärt. Loretta erklärt ihrer Tochter in die Kamera, daß sie nicht bereit sei, darüber zu sprechen. Sie könne aber ihre Großeltern fragen und wenn diese bereit seien, vor der Kamera darüber zu sprechen, solle sie das Material auch im Film verwenden.

Loretta gibt also nach, lässt die Kinder ziehen und vertraut auf deren aufgeweckte Charaktere. Zudem will sie die Zeit nutzen, mit ihrem neuen Freund eine Kreuzfahrt zu unternehmen. Da Loretta notorisch überarbeitet ist, haben Becca und Tyler sie geradezu gedrängt, auf sein Angebot einzugehen.

An einem kalten Wintermorgen brechen die beiden jungen Leute also mit dem Zug von Philadelphia, wo sie leben, ins ländliche Pennsylvania auf, wo Großvater Fredrick (Peter McRobbie) und Großmutter Marja (Deanna Dunugan) auf einer abgelegenen Farm leben. Am Bahnhof erwarten die beiden ihre Enkel.

Für die beiden urban geprägten Teenager ist das Farmleben an sich schon völlig fremd. Früh gehen die Großeltern zu Bett, Fredrick kümmert sich um die anfallenden Arbeiten, beide reden nicht besonders viel. Dennoch verstehen sich alle vier zunächst recht gut. Die Großeltern verstehen zwar nicht wirklich, was Becca mit ihrem Film vorhat, doch sind sie bereit, ihr vor der Kamera Rede und Antwort zu stehen.

Es dauert allerdings nicht lange, bis Becca und Tyler feststellen müssen, daß ihre Großeltern auch seltsame Seiten haben. Als Becca sich nachts in die Küche schleichen will, um sich ein paar Kekse zu stibitzen, sieht sie Marja, die sich auf den Fußboden übergibt. Tyler beobachtet Fredrick anderntags, wie der einen Beutel in einen Schuppen bringt, der immer verschlossen ist. Als er beschließt, das Geheimnis zu lüften, muß er feststellen, daß sich im Schuppen benutzte Windeln stapeln.

Becca spricht Fredrick auf Omas Verhalten an und er erklärt ihr, daß Marja einen Magen-Darm-infekt gehabt habe, Marja ihrerseits erklärt den Kindern, daß Fredrick inkontinent sei und deshalb Windeln trage. Die verstecke er und verbrenne sie heimlich, da er sich schäme. Sie täte so, als wüsste sie es nicht.

Doch steigern sich die Vorfälle. Loretta hatte Becca immer viel über ihr Elternhaus erzählt, weshalb Becca nun all die Orte aufsucht und die Artefakte aus Lorettas Jugend erforscht, die größtenteils immer noch vorhanden sind. Sie erinnert sich, daß ihre Mutter erzählte, wie sie als Kind unter dem Haus im freiliegenden Fundament verstecken gespielt habe. Tyler und Becca kriechen nun selbst in dieses steinerne Labyrinth – und treffen hier auf Marja, die sie scheinbar verfolgt, vielleicht aber auch nur spielen will. Jedenfalls erschrickt sie die Kinder mit ihrem Gekreisch.

In der darauffolgenden Nacht hören Becca und Tyler Geräusche unmittelbar vor ihrer Tür. Mutig öffnen sie diese und sehen Marja in wilden Verrenkungen durch den Flur rasen, dann wieder beginnt sie, an Türen und Wänden zu kratzen. Tyler verschließt die Tür wieder. Nun hören sie das Kratzen auch an ihrer Tür.

Becca fragt Fredrick, was es mit diesem Verhalten auf sich habe. Der erklärt ihr, Marja leide an einer beginnenden Demenz und eins der Symptome sei das Sundowning-Syndrom. Nach Einbruch der Nacht beginne sie extrem aktiv zu werden. Am besten sei es, die Kinder verließen nach halb zehn am Abend ihr Zimmer nicht mehr.

Tyler beschließt, eine Kamera im Wohnzimmer zu verstecken. Er will herausfinden, was sich tatsächlich nachts im Haus abspielt. Becca ist zunächst dagegen und erklärt das mit moralischen Gründen. Sie wolle niemanden heimlich filmen und bloßstellen. Doch nach den letzten Ereignissen stimmt sie Tyler schließlich zu.

Auf dem Material ist schließlich eine vollkommen außer sich scheinende Marja zu sehen, die durch das Zimmer rast, mal aus dem Bild verschwindet, mal plötzlich direkt am Bildrand auftaucht – und also offensichtlich erkannt hat, daß dort eine Kamera deponiert ist. Allerdings ist auch zu sehen, wie sie sich später dem Zimmer der Kinder mit einem Messer bewaffnet nähert.

Nun packt doch die Angst Becca und Tyler. Sie rufen ihre Mutter an, mit der sie zwischendurch immer mal wieder über Skype gesprochen haben, und bitten sie um Hilfe. Sie solle sie sofort holen. Loretta, mittlerweile von ihrer Kreuzfahrt zurückgekehrt, versucht, die beiden zu beschwichtigen – könne es sein, daß sie, etwas verstört durch die beiden Alten, überreagierten? Sie will wissen, wo die beiden gerade seien. Becca hält die Kamera des Laptops aus dem Küchenfenster und zeigt ihrer Mutter die Großeltern, die am Hühnerhaus zusammenstehen. Nun ist Loretta alarmiert – denn die Leute, die sie gesehen hat, sind nicht ihre Eltern. Die Kinder sollten sich verstecken, am besten von der Farm fliehen, sie sei unterwegs.

Während Becca und Tyler nun überlegen, was sie tun sollen, versucht Loretta die Polizei vor Ort zu informieren. Dann springt sie in ihren Wagen und fährt los.

Fredrick fordert die Kinder auf, mit ihm und Marja einen gemütlichen Spieleabend zu verbringen, schließlich führen sie am nächsten Tag heim. Gezwungenermaßen nehmen die beiden also an einem Würfelspiel teil. Becca entschuldigt sich, sie müsse auf Toilette, dringt dann aber in den Keller des Hauses ein, den sie bisher nicht betreten durfte, da dort angeblich Schimmelbefall ihre Gesundheit gefährde. Hier findet sie Kleidung der Nervenheilanstalt, in der die Großeltern ehrenamtlich tätig waren. Und dann findet sie die Leichen der echten Großeltern.

Sie will Tyler warnen, wird aber von Fredrick überwältigt und in ihrem Zimmer eingeschlossen. Dort wird sie von Marja angegriffen, die regelrecht über sie herfällt. Es kommt zu einem heftigen Kampf zwischen den beiden, bei dem ein Spiegel zerbricht. Mit einer Scherbe ersticht Becca die fremde Frau.

Derweil hat Fredrick Tyler in totale Angststarre versetzt und reibt ihm eine seiner benutzten Windeln ins Gesicht. Ein Horror für den Jungen, der eine neurotische Obsession mit Keimen und Bazillen hat. Fredrick erklärt, daß er, Mitchell, und seine Freundin Claire einmal hätten wissen wollen, was es bedeutet, Enkel zu haben. Ihr Leben lang wären sie eingesperrt gewesen und die Großeltern hätten bei ihren Besuchen in der Klinik immer so viel von den Enkeln erzählt, die sie tatsächlich gar nicht kannten. Doch habe er, Mitchell, feststellen müssen, daß er Tyler gar nicht leiden könne.

Die Situation wird immer bedrohlicher, doch kommt Becca rechtzeitig, um Tyler zu helfen. Gemeinsam bringen sie den Großvater zu Fall, Tyler tötet ihn in einem hysterischen Anfall, indem er seinen Kopf wieder und wieder mit der Kühlschranktür einquetscht.

Dann rennen die beiden aus dem Haus, wo sie sich näherndes Blaulicht sehen können. Die Polizei und Loretta sind vor Ort.

Später fragt Becca ihre Mutter erneut, was damals geschehen sei. Loretta erzählt, daß es Streit zwischen ihr und den Eltern gegeben und sie dabei die Mutter geschlagen habe. Daraufhin hat ihr Vater sie geschlagen und sie rannte weg. Und ist nie zurückgegangen. Die Eltern hätten oft versucht, sie zu kontaktieren, doch sie habe sich nie dazu durchringen können, auf deren Angebote einzugehen. Nun sei es zu spät. Dann bittet sie Becca, sich niemals so vom Zorn übermannen zu lassen, daß sie Menschen aus ihrem Leben sperren wollte.

Becca lässt ihren Film mit alten Aufnahmen von ihrem Vater, ihr selbst und Tyler enden.

Tyler rappt während des Abspanns eine satirische Version dessen, was auf der Farm seiner vermeintlichen Großeltern geschehen ist.

Man freut sich ja manchmal, nach Jahren wieder etwas von einem alten Bekannten zu hören, den man lange nicht getroffen hat, dessen Schaffen man lange nicht mehr verfolgt hat. Ein solcher ist M. Night Shyamalan. Auf die große Bühne getreten mit einem Geisterfilm namens THE SIXTH SENSE (1999), der sich, man kann es ehrlicherweise nicht anders sagen, als ein Geniestreich entpuppte, konnte das „Wunderkind“ diesen Erfolg anschließend nicht mehr bestätigen. Die Folgefilme wirkten verkopft, man sah geradezu, daß der Autor und Regisseur Shyamalan zwanghaft nach dem nächsten Clou, dem nächsten Dreh, dem nächsten sensationellen Twist suchte, so, wie er am Ende seines Erfolgsfilms das Publikum mit einem solchen nachhaltig schockierte. Irgendwann gab man es als Rezipient auf, ihm weiterhin zu folgen. THE VILLAGE (2004) konnte noch einmal Aufmerksamkeit erhaschen, doch danach nahm man Shyamalan und seine Filme unter „ferner liefen“ wahr.

Nun also THE VISIT (2015). Ein Horrorfilm – was auch sonst? – der sich Zeit nimmt, dessen Clou einer herkömmlichen Auflösung im Genre entspricht und der mit einigen filmischen Klischees arbeitet, um sein Publikum zu schrecken und dabei doch erstaunliche Effekte erzielt. Ein Film, der den Zuschauer durchaus mit dem Regisseur zu versöhnen versteht. Und der für Shyamalan auch zu einem veritablen Box-Office-Hit wurde, kostete der Film doch lediglich 5 Mio. Dollar, spielte an den Kinokassen weltweit aber nahezu 100 Mio. Dollar ein. Und doch fand er vor der deutschen Kritik keine Gnade und wurde nahezu niedergemacht.

Aus unerfindlichen Gründen mokierte man sich darüber, daß der Film als Komödie nicht funktionieren würde. Man fragt sich als Zuschauer, wer jemals auf die Idee gekommen ist, dem Film ein Komödien-Label anzupappen? Denn THE VISIT ist im Kern ein lupenreiner Horrorfilm, der sich eines klassischen Sujets bedient und den Zuschauer um zwei Kinder bangen lässt, die einem Pärchen ausgesetzt sind, das sich lange Zeit als Großeltern ausgeben kann, bevor wir – und die Kinder – lernen müssen, daß es etwas mit den beiden auf sich hat, was mindestens ungut ist. Daß in einem (guten) Horrorfilm meist auch gelacht werden kann, daß Humor und Schrecken nun einmal nah beieinander liegen, ist ein Aspekt, den man nie aus den Augen verlieren sollte. Und doch bleibt zu konstatieren, daß der Film eigentlich eher wenig Humor bietet. Dazu ist seine Atmosphäre zu bedrückend, dazu ist die Hintergrundgeschichte des Films zu ernsthaft. Allerdings – auch das ist bei den meisten modernen Horrorfilmen zu beobachten – weist er eine Menge Logiklöcher auf, die das Buch und letztlich auch Shyamalans Regie mit allerlei Tricks und schnellen Erklärungen zu übertünchen versucht.

Wieso sollte bspw. eine Mutter ihre beiden minderjährigen Kinder, nur weil diese das wollen und verlangen, zu ihren Eltern fahren lassen, die sie selbst 15 Jahre lang nicht gesehen hat? Das ist der eine Kardinalfehler, der Ausgangspunkt des Films, den man ihm ankreiden kann. Nun hat Shyamalan hier zwei Kinderrollen geschrieben, die es in sich haben – und er hat mit Olivia DeJonge und Ed Oxenbould zwei Kinder-Darsteller zur Verfügung, die diese Kinder brillant darstellen und mit Leben erfüllen. So wird dem Zuschauer schnell der Eindruck vermittelt, es hier so oder so mit außergewöhnlichen Teenagern zu tun zu haben. Um diesen Umstand noch zu unterstreichen, hat die junge Becca vor, den Trip zu nutzen, um ihren ersten Dokumentarfilm zu drehen. Sie möchte dem Geheimnis auf die Spur kommen, was damals zwischen ihrer Mutter und deren Eltern vorgefallen ist. Mutter Loretta erklärt in Beccas Kamera, daß sie nicht bereit sei, darüber zu sprechen, daß die Kinder aber die Großeltern fragen können, wenn die dazu bereit seien, sich über die damaligen Vorkommnisse zu äußern. Beccas Versuche, genau diese Fragen anzubringen, lösen aber in Oma Marja solche Krämpfe und hysterischen Reaktionen aus, daß Becca zunächst von weiteren Versuchen, in sie zu dringen, absieht.

Es deutet sich bereits an: Shyamalan setzt auf eine Technik, die seit über 20 Jahren selbst zu einem filmischen Klischee geworden ist: Found-Footage. Der gesamte Film wird ausschließlich durch Beccas Kamera gezeigt. Mal führt diese sie, mal ihr Bruder Tyler. So können wir über das in den Augen des Zuschauers seltsame Verhalten der Großeltern hinwegsehen, über die seltsame Zurückhaltung gegenüber zwei Enkeln, die sie nie gesehen haben und angeblich so unbedingt hatten sehen wollen. Wieso sehen wir kein gemeinsames Frühstück? Wieso scheinen zwischen den Jungen und den Alten keine engeren Gespräche stattzufinden, keine gemeinsame Zeit verbracht zu werden? Wir schieben es darauf, daß Becca uns eben nicht alles zeigt, was sie aufnimmt, bzw. schlicht nicht alles aufnimmt, was geschieht. Aber natürlich trägt diese seltsame Fremdheit und Distanz zu der unangenehmen Atmosphäre des Films bei.

Daß im Haus der Großeltern irgendetwas nicht stimmt, stellen die beiden Teenager schnell fest. Oma rennt nachts durch das Haus und kotzt die Böden voll, bei einem Versteckspiel in den Fundamenten unter dem Haus verfolgt sie die Kinder als kreischendes Etwas, Opa trägt seltsame Dinge in den Schuppen am Feld usw. Einiges stellt sich als harmlos raus – Opa bspw. ist inkontinent und versteckt seine Windeln im Schuppen, andere Erklärungen – Oma leide an einer Krankheit namens Sundowning Syndrom, die vor allem bei Demenzkranken verstärkt auftritt und sie dazu veranlasst, nach Sonnenuntergang besonders aktiv zu sein – klingen zwar einleuchtend, können aber kaum erklären, wie extrem seltsam sich die alte Dame verhält. Erstaunlich in dieser Flut aus Seltsamkeiten ist die selbstbewusste Ruhe der beiden Kinder. Selbst als nachts etwas an ihrer Tür kratzt und Einlass begehrt, übersteigt ihre Neugierde die Angst und sie öffnen die Tür – nur um Oma bei einer ihrer nächtlichen Rasereien zu beobachten. Wirklich in Angst versetzt sie erst die Aussage ihrer Mutter, mit der sie per Skype in Kontakt stehen, daß das nicht ihre Großeltern seien. Tyler hat ihr die Alten durch die Kamera seines Tablets gezeigt. Nun allerdings packt die Furcht die Kinder.

Shyamalan erzählt diese Story stringent, ohne große Umschweife oder Nebenaspekte. Sein Film dauert griffige 90 Minuten, keine Minute zu kurz, vor allem aber keine zu lang. Und nachdem Loretta begriffen hat, daß die Kinder in Gefahr scheinen, setzt sie sich ins Auto, um sie zu holen und setzt zugleich Himmel und Hölle in Bewegung, damit die Polizei vor Ort die beiden rettet. Die aber helfen sich selbst, was für die Alten tödlich endet. Allerdings haben die beiden zuvor damit begonnen, die Kinder ernsthaft zu terrorisieren. Shyamalan treibt dieses Finale schnell und hart auf die Spitze, zieht es aber um keine Sekunde in die Länge. Und er verzichtet angenehmerweise auf Gewalt. Es gibt sie, doch wird sie nicht explizit in Szene gesetzt, was den Film auf angenehme Art und Weise altmodisch wirken lässt. Stattdessen setzt der Regisseur auf Effekte, die teils so alt sind, daß man meinen wollte, daß sie nie und nimmer funktionieren – und es doch tun! Plötzlich ins Bild springende Gestalten, Schatten und Geräusche – es ist das Arsenal ursprünglichen Horrors und Shyamalan beweist, daß – in ein richtiges Setting und technisch modern umgesetzt – all diese Effekte immer noch ihr Ziel erreichen.

So ist einer der wenigen weiteren Schwachpunkte neben der eigentlichen Ausgangssituation schließlich das Ende, das nahezu ohne Zusammenhang mit dem, was wir die vergangenen anderthalb Stunden gesehen haben, von der Liebe als bindender Kraft erzählt und daß uns der Zorn – der Loretta davon abgehalten hat, sich mit ihren Eltern auszusöhnen – nicht gefangen halten darf. So kann Becca, die voller Zorn gegen ihren leiblichen Vater ist, der die Familie verlassen hat, diesen Zorn besiegen und der Film endet mit Material, das einst von ihr, Tyler und ihrem Vater entstanden ist. Vielleicht darf dies noch am ehesten als „komödiantisch“ betrachtet werden. Als habe Shyamalan sich gedacht, es müsse ja irgendeine Moral in solch einer Story stecken. Das würde sich mit den Anleihen decken, die er beim Märchen von Hänsel und Gretel nimmt. Zweimal bittet Oma Claire Becca, in den Ofen zu kriechen und diesen zu säubern. Zweimal lässt sie sie allerdings auch wieder aus dem Ofen heraus, beim zweiten Mal allerdings erst, nachdem sie die Ofenklappe geschlossen und abgewischt hat. Zieht man diese märchenhaften Aspekte – und die Bezüge zu Hänsel und Gretel sind überdeutlich – in Betracht, kann man die Schlußbotschaft des Films durchaus als gewollt übertrieben und somit satirisch betrachten. Moralinsauer bleibt sie dennoch.

Doch sollte man sich grundlegend klar machen, daß THE VISIT keine Komödie ist. Vielmehr ist es ein waschechter Gruselfilm, der mit Versatzstücken etlicher früherer Grusel- und Horrorfilme spielt und diese auf recht originelle Art und Weise neu zusammenfügt. Der Regisseur verzichtet auf den ganz großen Twist, bietet stattdessen eine zumindest halbwegs zufriedenstellende Auflösung des Rätsels um die Großeltern von Becca und Tyler und hält das Publikum die längste Zeit des Films unter Spannung. Den Schluss gestaltet er wie erwähnt schnell und rasant. Damit hebt er sich recht wohltuend von vielen der modernen Horrorfilme ab, die oft rasant beginnen, den Zuschauer auch eine Weile gefangen nehmen und dann im letzten Drittel meist ebenso rasant abstürzen. Es ist halt ausgesprochen schwierig, ein adäquates, ein wirklich fulminantes Ende zu guten Story-Anfängen zu finden. Doch war das bisher Shyamalans geringstes Problem.

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