DER STILLE OZEAN

Vom genauen Schauen

IM TIEFEN ÖSTERREICH heißt der nominell erste Band von Gerhard Roths Zyklus DIE ARCHIVE DES SCHWEIGENS, ein Bildband mit Textteil. Dies hier nun, der erste Prosatext der Archive, allerdings früher entstanden, nämlich Anfang/Mitte der 80er Jahre, führt uns genau dorthin: Ins tiefe Österreich. Dorthin, in eine Berggegend der Steiermark, zieht sich der vermeintliche Biologe Ascher zurück, der eigentlich Mediziner ist. Raunend erfahren wir über sein Schicksal zunächst nur soviel: Er musste die Stadt, mutmaßlich Wien, fliehen, da es wohl in Folge eines Gerichtsverfahrens zum Skandal gekommen war. Nun bezieht er eine Hütte in einem Dorf, außer seinem Mikroskop und einigen Fachwerken seiner Profession bar allen  Besitzes, und versucht, am Leben der Dorfbewohner, ihrem Rhythmus, ihren Gedanken Teil zu haben. Er wird einerseits angenommen, darf Teil haben, ihm wird erklärt, wie das Leben hier läuft, andererseits bleibt ihm ein Rest von Unbehagen, wird ihm eben doch auch mitgeteilt, daß alle alles mitbekämen, ihn sähen, auch und gerade dann, wenn er sich unbeobachtet glaubte. So zieht sich eine Spur unterschwelliger Bedrohung durch die Tage, die Ascher auf dem Lande verbringt. Und immer wieder fühlt er sich ertappt, erkannt, durchschaut. Zwischen ihm und der Landbevölkerung bleibt eine Distanz, bei allem gegenseitigen Interesse. Allerdings scheint Ascher in Distanz zur Welt zu leben: Seine Tochter wird zumeist „das Kind“ genannt, seine Frau immerhin „seine Frau“ – selten hören wir deren Namen Katharina und Terese. Ascher bleibt fremd, auch wenn e sich den Menschen zusehends öffnet, auch seinen eigentlichen Beruf Preis gebend. Er überlegt, zu bleiben.

Archaisch mutet diese Welt an, die zwar einerseits noch ganz geprägt scheint vom Vergehen der Jahreszeiten, dem, was getan werden muß auf den Höfen, anderseits bereits Opfer der Moderne wird, reicht doch die Arbeit nicht mehr, die Menschen hier zu versorgen. Deshalb arbeiten sie teils in der Stadt, teils in umliegenden Betrieben: Der Mühle,  dem Sägewerk etc. Das Bergwerk, das einst denen, die auf den Höfen nicht unterkamen, Arbeit gab, hat seine Schächte geschlossen.

Archaisch auch muten die Bewohner dieser Welt an: Die Bauern, die Landarbeiter. Mehrmals werden wir Zeugen, wie Ascher mit den Männern auf die Jagd geht. Das Töten als Teil dieses harten Lebens, aber auch das Vergehen des Menschen in diesem harten Leben, scheint kaum wen anzugreifen, zu normal und alltäglich mutet es an. Das Leben scheint hier Arbeit zu sein, die Arbeit das Leben und das Töten ein Teil der Arbeit. So werden nicht nur immer wieder Fasanen und Häher geschossen, Füchse gejagt, unerbittlich aufgrund der grassierenden Tollwut, sondern auch die Katzen und Hunde der Nachbarn, die frei herumlaufen. All dies ficht jedoch kaum wen an.

Ähnlich archaisch, wie dieses Beschriebene, ist auch der Text selbst, erzählt er uns doch aus einer Zeit, die, gerade einmal gut dreißig Jahre vergangen, erscheint wie weit, weit entfernt: Eine Welt ohne Handys, ohne postmoderne virtuelle Welten, ohne bildgebende Verfahren und der Möglichkeit, mit Hilfe des Internets Bilder chaostheoretischer Annahmen aufzurufen. Ascher beobachtet die Welt sehr, sehr genau. Wenn er dabei sitzt, als der „Haarschneider“ im Gasthaus seinem Geschäft nachgeht, dann wird uns auch mitgeteilt, daß der Mann „dem pensionierten Gendarmerieoberst ein rotes Tuch umgehängt [hatte], auf das weiße Blumen mit schwarzen Stengeln gedruckt waren.“ (S.117) Nur ein Beispiel für Roths Genauigkeit und auch für seine Sprache: Ruhig ist sie, einfach, erklärend, er- und aufzählend.  Und nie kann der Leser sicher sein, was denn nun eigentlich das Wichtige der Mitteilungen ist: Da kann die Beschreibung einer Tapete vollkommen aussagegleich neben der Beschreibung des Tatorts einer Familientragödie mit Toten sein, die Betrachtung eines Sturms, der sich in der Ferne am Himmel zusammenbraut, weit mehr Raum einnehmen als das Gespräch, dem wir zu folgen meinten.

Ebenso, wie Ascher beobachtet, hört er auch zu, erfährt, was es mit den zwei Namen auf sich hat: Dem Familiennamen einer-, dem Hofnamen andererseits. Erfährt die Geschichten der einzelnen Familien und daß man hier, auf dem Lande, selten bis gar nicht anonym sein und bleiben kann. Und so wird dies auch zu einem Text über die Gegensätze zwischen der Stadt und dem Land, einer Anonymität, die einen Mann wie Ascher dennoch fliehen lassen kann und der Kenntnis des Landes, wo ein jeder mit der Geschichte eines jeden vertraut ist, den Leiden, den Freuden, den Sünden und Dramen jeder Familie im Umkreis. Aber auch die Verstrickungen der Vergangenheit(en) brechen sich Bahn, wenn immer mal wieder, in Nebensätzen, erwähnt wird, daß dieser oder jener noch Nazi sei, daß die Sozialisten hier nie wirkliche in Bein auf die Erde bekamen, daß diese Menschen schnell käuflich seien, gebe man ihnen nur ein  bisschen Land, und sei es das schlechteste am schrägsten Hang.

Mit der gleichen Akribie, mit der er dieses Landleben beobachtet und den Landmenschen zuhört, betrachtet Ascher die Welt, die sich winzig klein darstellt, wenn er durch sein Mikroskop blinzelt. Ob Blätter, Käfer, Kelche von Blüten oder die Strukturen einer Eisblume: Immer sucht er nach der Entsprechung. Die Struktur eines Haares wird ihm analog zum Lauf eines Baches, zur Anordnung der Kumuluswolken vor einem Gewitter, dem Straßennetz einer Bezirksstadt oder den Höhenzügen rund um sein vorübergehendes Heim. So sucht er nach dem Muster hinter der Wirklichkeit, erinnert uns an die Foucault´sche  „Ordnung der Dinge“, die einst, bevor die Zeitenwende des Barock uns neues Wissen brachte, ebenfalls nach Analogien suchte im Kleinen zum Großen. Der Kosmos muß doch entsprechend sein zum Mikrokosmos. Und wie Roth im Vorwort zum Bild/Textband „Im tiefen Österreich“ schrieb, versteht er sich als Archäologe, der Scherben der Wirklichkeit zusammenträgt und so versucht, ein mögliches Bild der Wirklichkeit zusammen zu setzen. Und einem Archäologen dieser Prägung – auch darin dem großen Franzosen Foucault nicht unähnlich – wird nahezu alles zur „Scherbe“: Bilder, Photografien, Gespräche und Erzählungen, aber auch die Schüsse der Jäger im Wald, die Sprünge, die die getroffenen Hasen machen, die alten Gerätschaften auf den abgelegenen Höfen und den Hinterzimmern der Bestatter, die alles sammeln, was nicht niet- und nagelfest ist, unermüdlich die Vergangenheit zusammentragend, -haltend; die alten Höfe selbst und die Häuser der Ortschaften, die Zähne und Prothesen der verschiedenen Generationen in den Dörfern, die Regale im Kaufhaus, die Burschen in den Wirtshäusern, die Reden der Landmannskandidaten und die Plakate zu den Wahlen, die halb zerrissen von den Bäumen hängen; aber eben auch die Strukturen der Blätter und der Blüten, der Eisblumen und die Chitinpanzer der toten Käfer, die sich in ihrer ganz eigenen Schönheit unter Aschers Mikroskop entfalten. Aus all diesen Spuren und Scherben setzt sich das Konstrukt „Wirklichkeit“ zusammen. Ascher sucht diese Wirklichkeit immerzu und muß dennoch begreifen, daß es vielleicht ganz andere Fragen sind, die er stellen müsste. Allen voran diese: Was will ich?

Wer Gerhard Roth kennt, der weiß, daß er es hier mit einem Autoren zu tun hat, der den Leser nicht mit schneller Handlung oder verschiedenen Strängen innerhalb dieser Handlung unter Spannung setzt. Im Gegenteil: In dieser Prosa hat man es anhand der Genauigkeit der Beobachtung und der Ruhe, die der Text bei diesen Beschreibungen des Beobachteten ausstrahlt, fast mit einem meditativen Fluß aus Sprache zu tun. Natürlich bleibt da ein Geheimnis und natürlich wollen wir wissen, wie sich dies auflösen wird, am Ende dieser schmalen und doch so übervollen 247 Seiten. Aber das eigentliche Geheimnis, über welches der Text uns raunend in Kenntnis setzt, ist das des Vergehens von Zeit, von Jahren und Jahrhunderten und denen, die darin sind, vom Leben.

Wer den Schuber mit allen Teilen der „Archive des Schweigens“ sein eigen nennen darf, weiß es eh, für alle andern sei empfohlen, den Bild/Text-Band IM TIEFEN ÖSTERREICH zu diesem schmalen Bändchen ergänzend hinzu zu nehmen. Mit ähnlicher Lakonie beschreibt Roth dort die Gegend, in der auch DER STILLE OZEAN angesiedelt ist. Als Leser bekommt man gerade durch die Bilder jenes nominell ersten Teils der Archive gute Einblicke in das Leben, das hier so eindringlich geschildert wird.

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