WE BURN DAYLIGHT
Ein zwar wenig spannendes, jedoch aufschlussreiches Psychogramm der amerikanischen Gesellschaft
Obwohl Bret Anthony Johnston in der Danksagung zu seinem zweiten Roman WE BURN DAYLIGHT (Original erschienen 2024; Dt. 2025) versichert, es ginge hier nicht um David Koresh, ist zu konstatieren, dass die Geschichte, die der Autor erzählt sehr, sehr nah an die Ereignisse angelehnt ist, die im Februar 1993 für 51 Tage zumindest die USA, teilweise die halbe Welt in Atem hielten.
Der Versuch des ATF, des Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives, auf das Gelände der Branch Davidians, einer Abspaltung der Davidianer-Sekte, die apokalyptischen Offenbarungen folgte, nahe Waco, Texas, vorzudringen, schlug fehl, kostete mehrere Menschen, darunter vier Beamte der Behörde und fünf Anhänger des Sektenführers David Koresh das Leben. Aus der Pattsituation entwickelte sich die 51tägige Belagerung des Geländes, auf dem die Behörde, die bald durch das FBI unterstützt, dann in der Federführung ersetzt wurde, nicht nur massenweise Waffen vermutete, sondern auch eine Geiselsituation. Man vermutete, dass Koresh seine Anhänger – vergleichbar mit Jim Jones, jenem Sektenanführer, der 1978 seine Anhänger teils unter Zwang zu einem Massenselbstmord im Dschungel von Guyana verführte – zu bedingungslosem Gehorsam zwang und denen, die das Gelände verlassen wollten, mit Gewalt festhielt. Diese Einschätzung führte schließlich zur Erstürmung des Geländes am 19. April 1993. Das FBI leitete CS-Gas in zuvor in die Außenwände gerissene Löcher, es entstand ein Feuer, dessen Ursache nie abschließend geklärt werden konnte, 76 Menschen – darunter auch Kinder und schwangere Frauen – fanden den Tod in den Flammen, viele aber auch durch Schussverletzungen. Lediglich neun Menschen überlebten das Inferno.
Dies ist der Hintergrund vor dem Johnston seine Geschichte ausbreitet. In abwechselnden Abschnitten lässt er seine jugendlichen Helden – Roy, den Sohn des Sheriffs, und Jaye, die Tochter einer Anhängerin des im Roman „Lamb“ genannten Sektenführers – aus ihren jeweiligen Perspektiven erzählen, was sich in der Zeit vom Januar 1993 bis Ende März 1993 zugetragen hat. Unterbrochen wird diese Abfolge subjektiver Erzählperspektiven von Ausschnitten aus einem Podcast, der im Jahr 2024 aufgenommen und versendet wird und in dem der Fragesteller – der, wie wir spät im Roman erfahren, an den damaligen Ereignissen zumindest indirekt nicht ganz unbeteiligt gewesen ist – damals Beteiligte, darunter die wenigen Überlebenden des Massakers, Beamte von ATF und FBI und vor allem den Sheriff von Waco, Elias „Eli“ Moreland, befragt. Moreland hatte damals lange versucht die Wogen zu glätten, er wusste, dass die Sektenmitglieder sich teils durch Schusswaffenverkauf und Nutzungsgebühren ihrer Schießanlagen finanzieren, er hatte ein vergleichsweise freundliches, wenn auch nicht freundschaftliches, Verhältnis zu Perry Cullen, der sich später „Lamb“ nennen wird.
Durch die Beschreibungen in diesem Podcast kann Johnston nicht nur die Ereignisse recht akkurat rekapitulieren, vielmehr kann er sie auch kommentieren. Und diese Kommentierung fällt gegenüber den Sektenmitgliedern eher freundlich, gegenüber den staatlichen Behörden allerdings harsch aus. Damit liegt er auf der Linie all jener, denen die Ereignisse von 1993 immer schon zu allerlei Verschwörungsnarrativen taugten. Dass die ganze Aktion nicht sonderlich professionell und glücklich verlaufen ist, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Doch entsteht hier ein wenig der Eindruck, dass, hätte man auf die lokalen Beamten – also vor allem auf Sheriff Moreland – gehört, die Katastrophe zu verhindern gewesen wäre. Was sogar stimmen mag. Schwerer wiegt vielleicht die Vermutung, dass auch Johnston jenen zuneigt, die der Meinung sind, in Waco hätten staatliche Behörden ein Exempel statuieren wollen. Und damit wäre man sehr nah an den reaktionären Erzählungen der Verschwörungsschwurbler.
So sollte man sich vielleicht eher dem Kern des Romans widmen, der wirklich überzeugt. Denn eigentlich ist dies eine zarte Coming-of-Age-Geschichte und eine in ihrer nüchternen Betrachtung und der abgeklärten Haltung der Berichtenden, also Roy und Jaye, umso schönere, wenn auch spröde Liebesgeschichte zwischen zwei Teenagern. Und zwar zwei sehr unterschiedlichen Teenagern. Roy ist ein etwas verschüchterter Junge vom flachen Land, Texaner, Sohn des Sheriffs, der einen ausgeprägten Sinn für Gefahren hat, die er teils sucht, denen er teils einfach begegnet, da sein Vater, wie dessen ebenfalls als Sheriff vereidigter ihn selbst Jahre zuvor, Roy immer wieder zu Einsätzen mitnimmt. Auch zu gefährlichen Einsätzen. Jaye hingegen ist eine Großstadtpflanze, sie und ihre Mutter verlassen Los Angeles, weil die Mutter sich „Lamb“ anschließen will, den sie in L.A. kennengelernt hat. Sie hat sich in ihn verliebt und glaubt, hofft vielleicht nur, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht. Wie die Annäherung dieser beiden so ungleichen Jugendlichen aus ihrer jeweiligen Sicht geschildert wird, das hat seine Art. Johnston beweist großes Verständnis für jugendlichen Ängste, Sehnsüchte und Träume, auch dafür, wie diese jugendliche Kraft manchmal in der Lage ist, Bäume, wenn nicht gar Berge zu versetzen. Und in der spezifischen Situation, in der die Stadt sich befindet, wachsen beide über sich hinaus, was allerdings auch ihr Schicksal zu besiegeln droht.
Diese „spezifische Situation“ – wochen-, gar monatelang unter Beobachtung des ganzen Landes zu stehen, bei der alle mehr oder weniger sensationslüstern darauf warten, dass endlich etwas, irgendetwas, geschieht – vermittelt Johnston glaubwürdig, weil er seine beiden Erzähler*innen so lapidar wie nur irgend möglich davon berichten lässt. Es spielt in ihren Leben nicht zwingend eine Rolle, da beide mit ihren Gefühlen füreinander, die sie manchmal besser, manchmal weniger gut verstehen, und damit beschäftigt sind, den anderen zu verstehen. Jaye – wie so oft bei Mädchen in diesem Alter – ist Roy emotional recht weit voraus, Roy, der zu Beginn des Romans seiner Mutter nebenbei mitteilt, seine Freundin habe mit ihm Schluss gemacht, ist über leichte Küsse und ein wenig Petting noch nicht hinausgekommen. So erzählt WE BURN DAYLIGHT auch davon, wie schwierig diese erste Liebe ist, wie vorsichtig man damit umgehen muss, wie schnell Missverständnisse entstehen können. Mangelnde Kommunikation wird somit eines der zentralen, wenn auch eher subkutanen Themen des Romans.
Es ist bekannt, dass die Belagerten in Waco einst versuchten, die FBI-Leute, die auf Geiselbefreiung spezialisiert waren und sich wohl redlich mühten, einen Gesprächskontakt mit den vermeintlichen Geiselnehmern in der Festung aufzunehmen, zu bekehren. Die Leute in der Festung wollten religiöse und Fragen der bevorstehenden Apokalypse, die sich für sie durch die Situation ja zu bestätigen schien, erörtern. Sie wollten ihre Gesprächspartner vom FBI von ihren Ansichten und Lehren überzeugen. Klassische Fehlkommunikation. Der Roman deutet dies in den Podcast-Auszügen auch immer wieder an. Je nach dem wer befragt wird – ob ein Beamter der offiziellen Behörden, die sich, wie die Interviews zeigen, nicht immer einig waren, oder aber einer der wenigen Überlebenden des Infernos auf der Ranch – stellt sich die Lage vollkommen unterschiedlich dar. Da die Befragung lange nach den Geschehnissen erfolgt, kann Johnston seine Erzählpositionen auch als entsprechend prekär darstellen. Wer erinnert sich nach 30 Jahren und mehr noch genau an Abläufe, Befehlsketten und wer wann mit wem etwas besprochen hat?
Das Thema Kommunikation zieht sich aber auch durch die privaten Bereiche. In der Familie Moreland wird wenig geredet, aber viel gebetet. Und auch Waffen sind hier immer und überall gegenwärtig. Roy erzählt, dass er und sein Vater kaum miteinander sprechen und wenn, dann meist in ritualisierten Floskeln. Mit seiner Mutter scheint ein andersartiges kommunikatives System zu bestehen, das es ihr zumindest erlaubt, grob über die Bedürfnisse ihres Sohnes informiert zu sein. Doch bricht dieses System im Laufe des Romans zusammen, Roy trifft seine Entscheidungen – darunter die, seinem Vater nach einem gemeinsamen Besuch auf der Ranch zu verschweigen, dass dort entgegen dessen Annahme tatsächlich schweres Kriegsgerät gelagert ist, u.a. Handgranaten, derer er sich dann sogar bemächtigt – fortan allein. Allerdings, auch das interessant, spricht seine Mutter ihn irgendwann auf den Zusammenbruch ihres spezifischen Kommunikationsmodells an, erklärt allerdings, das sei halt so: Jungs, Männer, gingen eben irgendwann ihrer eigenen Wege. Was ja nicht falsch ist, in diesem Fall aber einer extremen Fehleinschätzung entspricht, zumindest was die Zielführung dieses eigenen Wegs betrifft.
So bleibt Vieles unausgesprochen, zwischen allen möglichen Menschen auf allen möglichen Ebenen. Auch zwischen Roy und Jaye, die ihn bspw. im Unklaren lässt, wo die beiden in ihrer Beziehung eigentlich stehen, was man aber noch für relativ typische jugendliche Spiele und Neckereien halten mag; auch zwischen Roy und seinem besten Freund herrscht lediglich eine eingeschränkte Kommunikation; desgleichen gilt für Roys Vater und dessen Stellvertreter, der sein eigenes Süppchen zu kochen scheint. Und obwohl ununterbrochen Medienvertreter in der Stadt herumlungern und jedes Husten, jedes Recken, jedes Rühren wahrnehmen und über den Äther schicken, weiß doch niemand, was sich auf der Ranch, innerhalb der Befestigung, in der „eigentlichen“ Sache, wirklich abspielt. Und all diese mangelnde Kommunikation lässt die Ereignisse Stück für Stück, Millimeter für Millimeter näher an den Abgrund, in die Katastrophe gleiten. Eine Katastrophe, die vorherbestimmt zu sein scheint und der alle wie in Zeitlupe zuschauen.
Bret Anthony Johnston hat mit WE BURN DAYLIGHT eine anrührende Geschichte über zwei Teenager, die sich unter besonderen und besonders schwierigen Bedingungen kennenlernen und gegenseitig anziehen geschrieben. Er hat die Ereignisse von damals, 1993, recht akribisch rekonstruiert, ohne dabei zu urteilen. Interessanterweise enthält er sich vor allem aller Urteile über „Lamb“ und seine Jünger, weniger der über ATF und FBI. Doch entwirft er gerade durch dieses Konstrukt das Psychogramm einer Gesellschaft, die vielleicht zwangsläufig da enden musste, wo sie heute steht. Denn die Beschreibungen der Familie Moreland – dass hier alle gläubig sind, dass alle Waffen in ihrem Besitz haben, dass das Tragen von Waffen und der Umgang mit Waffen so alltäglich und normal ist – beschreibt einen Teil der amerikanischen Wirklichkeit, die zumindest für Europäer schwer verständlich ist und bleibt.
So wirkt die Sekte auf der Ranch vor der Stadt auf die Bewohner Wacos schlicht nicht sonderlich befremdlich. Befremdlich wirken die Massen an Medienvertretern und die wie eine Besatzungsmacht auftretenden Staatsbeamten, die von außen, „aus Washington“, also von der Zentralmacht geschickt, kommen. Der Sheriff erklärt mehrfach, er werde mit dem „Problem“ schon fertig und zeigt sich eher genervt davon, dass übergeordnete Behörden ihn immer wieder auffordern, die Ranch auf schwere Waffen und vor allem auf Hinweise zu durchsuchen, dass dort Sprengstoffe etc. hergestellt werden. Hier wird mit den Abstufungen gespielt, in denen Amerikaner ihren Glauben ausleben, wie sie die Verfassung und ihr darin verbrieftes Recht auf Freiheit und das Tragen von Waffen auslegen und auch damit, wie verwirrend dies zunehmend werden kann. Denn Waffen sind im Kosmos dieser apokalyptischen Sekte ja auch ein ökonomischer Faktor, damit sie ihr blankes Überleben sichern kann. Die Verhältnisse auf der Ranch werden als äußerst prekär beschrieben, hier herrschen im Grunde die blanke Not, der Hunger, es gibt kaum genügend Raum und Decken, um alle Bewohner in den kalten texanischen Nächten zu wärmen. Somit schreibt Johnston die ganze Geschichte der Sekte und des Umgangs mit ihr eben auch in das uramerikanische System eines brutalen Kapitalismus ein.
Damit ist WE BURN DAYLIGHT, dem man leider keine sonderliche Spannung attestieren kann, da die Ereignisse letztlich wie ein Uhrwerk auf die Katastrophe zulaufen und Johnston allzu gern mit Cliffhangern und manchmal dräuenden Hinweisen darauf arbeitet, was da noch kam, doch ein Buch zur Stunde, eben weil es als Psychogramm der Gesellschaft wirkt, die, spätestens seit Donald Trump zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt wurde, Nicht-Amerikanern so viel Kopfzerbrechen bereitet. Somit also durchaus lesenswert.