1974/NINETEEN SEVENTY-FOUR

Der Auftakt zu David Peace´ 'Red-Riding'-Quartett

Re-Lektüre, Wieder-Lektüre, Neu-Lektüre [?] – Zwischen 2005 und 2008 wurde David Peace` Romanquintett „Red Riding[1]1974 (Original: NINETEEN SEVENTY-FOUR; 1999), 1977 (NINETEEN SEVENTY-SEVEN; 2000), 1980 (NINETEEN EIGHTY; 2001) und 1983 (NINETEEN EIGHTY-THREE; 2002) – auch auf Deutsch veröffentlicht, womit die berühmt-berüchtigte Reihe, die in England bereits Kult-Status errungen hatte, auch hierzulande bekannt wurde. Jedes Jahr ein Roman der Reihe – man las es und war überfahren von der sprachlichen Wucht, Peace´ ungeheurem stilistischen Willen, diesen Wortkaskaden, die auf den Leser niederprasseln, und seinem Mut, etwas zu bieten, das nominell als Kriminalliteratur gehandelt wurde und im Kern eigentlich das genaue Gegenteil ist. Denn nichts beweisen diese Werke mehr, als daß es nichts aufzuklären gibt, wo niemand an Aufklärung interessiert ist. Und hier, in keinem der vier Romane, ist wirklich jemand um Aufklärung von Verbrechen interessiert – und die, die es sind, überleben meist nicht. Oder sie sind so tief in eigene Schuld, eigenes Versagen und all die kleineren und größeren Korruptionen des (polizeilichen oder politischen) Alltags verstrickt, daß ihr Wille zum Wissen sie früher oder später in Regionen menschlicher Abgründe führt, aus denen sie nicht mehr zurückfinden.

Schaut man dann die Verfilmungen, die Channel 4 im Jahr 2009 auf Basis der Romane produzieren ließ und die das Geschehen zwar dramatisiert und für eine Filmversion gestrafft haben, es dennoch verstehen, den Geist von Peace´ Werken einzufangen, will man irgendwann noch einmal genau wissen, wie das in den Romanen war. Und nimmt sie zur Hand und entdeckt sie neu, wenn man sie in einem Rutsch hintereinander weg liest. Re-Lektüre? Vielleicht. In gewissem Sinne ist es aber ganz sicher auch eine Neu-Lektüre, kann man sich so doch sehr viel besser auf all die Figuren, die Namen, die Zusammenhänge und scheinbaren Koinzidenzen konzentrieren und versteht dieses Geflecht sehr viel besser als beim ersten Mal. Denn bei der Erst-Lektüre ist es zunächst Peace´ Stil, mit dem der Leser zu kämpfen hat, vor allem in den Bänden zwei, drei und vier. Es ist ein im besten Sinne postmoderner Stil. Eine Collage, ein Pastiche, ein sich nie erklärendes Mosaik aus Wiederholungen, aus Mantren ähnelnden Absätzen, die wieder und wieder, Refrains gleich, die Texte strukturieren (oder auch de-strukturieren), aus Songfragmenten, Ausschnitten von Radio-Sendungen, Übertragungen polizeilicher Ermittlungsakten. Das alles vermischt mit geraunten Berichten aus der Hölle, dargeboten von verschiedenen Ich-Erzählern, die uns berichten und bei denen wir dann lernen müssen, daß ihre Berichte direkt aus dem Reich der Toten kommen können, immer neuen und immer wiederholten Andeutungen und losen Enden. Hinzu kommen erzählende Passagen und reine, manchmal seitenlange Dialoge, die man sehr genau lesen sollte, um zu verstehen, wer da gerade spricht und um die Fallstricke, die doppelten Böden und hinterlistigen Hinweise zu entdecken, die der Autor gerade in ihnen, in ihrem oftmals nur alltäglich anmutenden Inhalten, versteckt. Peace macht es seinen Lesern wahrlich nicht leicht. Aber warum auch? Er erzählt aus einer Dekade, die es den Menschen nicht leicht gemacht hat und von Begebenheiten, die wahrlich alles andere als leicht waren.

Nominell kreisen alle Bände lose um die Geschehnisse in West-Yorkshire in den titelgebenden Jahren, wobei die Morde des sogenannten ‚Yorkshire-Ripper“ Peter William Sutcliffe die Klammer bilden. Band zwei und drei befassen sich dann auch direkt mit der Suche nach dem Prostituierten-Mörder, der schließlich 1980 eher durch Zufall gefasst werden konnte. Doch geht es Peace weder darum, die Geschichte eines Serienkillers zu erzählen, noch, heldenhafte Polizisten auf der gefährlichen Suche nach dem Ungeheuer zu begleiten. Viel mehr nutzt er die Ermittlungsarbeiten als eine Art Blaupause, die es ihm erlaubt, das Portrait einer Gesellschaft zu zeichnen, die vielleicht schon komplett dem Wahnsinn verfallen ist. Eine Gesellschaft, die sich von jeglichem Glauben, aller Hoffnung und jedwedem Mitgefühl abgewendet hat und in die Abgründe ihrer eigenen Verdorbenheit blickt.

Im ersten Band, 1974, liegen die Morde, zumindest die der Öffentlichkeit bekannten, noch in der Zukunft. Hier kehrt der Jung-Reporter Eddie Dunford in seine Heimat im Norden Englands zurück, wo er bei der Evening Post eine Stelle als Gerichtsreporter antritt. Er war einige Jahre in London und hat dort versucht, bei der „Fleet-Street-Meute“ unterzukommen, also jenen Hauptstadtjournalisten, deren Redaktionen traditionell in der berühmten Fleet Street beheimatet sind. Es gehört zu Peace´ Strategie, uns wissen zu lassen, daß Eddie dort irgendetwas versaut hat – ob privat oder beruflich – aber uns nie darüber aufzuklären, was es war, das ihn zurück in die Provinz getrieben hat. Schnell wird er nun auf den Fall Clare Kemplay angesetzt, ein junges Mädchen, das entführt, mißbraucht, gefoltert und ermordet wurde. Er kommt mit den diensthabenden und ermittelnden Polizisten in Kontakt, muß sich gegen den von ihm verhassten Vorgänger Jack Whitehead – zweimaliger „Gerichtsreporter des Jahres“ – zur Wehr setzen und vor allem begreifen, daß es sehr viel besser ist, sich mit gewissen Kreisen gut und allgemein nicht zu viele Fragen zu stellen, denn, so erklärt es ihm der Polizist Bob Craven in einer der unangenehmsten Szenen des Buches, „dies ist der Norden und hier machen wir, was wir wollen!“ Wobei immer im Unklaren bleibt, wen dieses „Wir“ eigentlich umfasst.

Peace webt ein unglaublich dichtes Geflecht aus mehr oder weniger in den Fall (besser: die Fälle, denn Eddie ist bald überzeugt, daß man es hier mit einem Serientäter zu tun hat, der mindestens schon in den Jahren 1969 und 1972 zugeschlagen hat) verwickelten Personen, die in völlig undurchschaubaren Beziehungen zueinander stehen. Und viele dieser losen Enden werden sich erst im Laufe der Folgebände klären, beziehungsweise lösen lassen, einige aber werden im Dunkel der Geschichte und ihrer Geheimnisse verschwinden. Restlos aufgeklärt wird hier nichts, denn zu viel steht für zu viele auf dem Spiel. Und zu viele offizielle Personen – Polizisten, Stadtabgeordnete, Bauleiter und Beamte und allerlei Geschäftsleute, die ihre jeweils eigenen Süppchen kochen – nutzen die Vorgänge sowohl um den Mord an Clare Kemplay, als auch später jene um den Ripper, um ihre eigenen Geheimnisse, ihre Geschäfte und Machenschaften zu kaschieren – und zu viele sind schlicht und ergreifend zu tief in Verbrechen verwickelt, die gefährlich nahe an die Kindermorde heranführen.

So ist es nur folgerichtig, daß der Leser, dem immer nur die Perspektive des erzählenden Eddie Dunford geboten wird, den Passionsweg des Reporters nachvollziehen muß. Und genau das ist es: Ein Passionsweg. Denn Eddie gräbt viel zu tief, er wirbelt viel zu viel Staub auf und kommt viel zu wichtigen Leuten in die Quere, als daß man ihn einfach machen ließe. Ihn machen lassen könnte. Peace legt stilistisch hier schon an, was in den Folgebänden immer manifester wird: Das Offene des Erzählens, die Andeutungen, die nie geklärt werden und den Manierismus (und es ist ein Manierismus) der Wiederholung von einzelnen Worten, Sätzen und Absätzen. Zudem schafft er ununterbrochen eine Atmosphäre, die dem Leser während der Lektüre den Eindruck vermittelt, daß das Eigentliche irgendwo passiert, wo Eddie – und also wir – nicht ist. Oder daß es hinter dem Wenigen, das Eddie wirklich offenlegt, immer noch ein Anderes gibt, etwas, das wir nicht greifen, nicht fassen können, eine zweite Wahrheit, eine zweite – vielleicht dritte, vierte, fünfte – Wirklichkeit, in deren Geheimnisse wir nie eindringen werden. Es ist eine bedrohliche Atmosphäre, in der einige – Polizisten, Reporter, Chefredakteure – immer schon etwas zu wissen scheinen, nichts preisgeben, ihren Kollegen aber in offene Messer rennen lassen. Bis sich der Leser fragt: Weshalb? Weshalb wird dieser junge, bei all seinen Fehlern doch engagierte Mann so hingehängt? Doch auch dafür wird uns nie eine Erklärung geliefert, was das Gefühl des Bodenlosen, des Haltlosen, des Bösen, wenn man so will, immer weiter verstärkt. Die Folgebände werden einiges klären, aber meist um den Preis, daß die Ungeheuerlichkeit dieser zweiten, dritten, vierten, fünften Wahrheit und Wirklichkeit immer ungreifbarer, immer komplexer und auch immer bedrohlicher wird.

Peace gelingt aber eben auch das realistische Bild eines provinziellen Englands Mitte der 70er Jahre. Die dreckigen, klebrigen Pubs mit ihren Resopaltischen, den schnellen Pints und billigen Whiskeys, die schmierigen Imbissbuden, der Dreck in den Straßen und die heruntergekommene Infrastruktur, die billig und schnell gebauten Sozialsiedlungen der 60er Jahre, die schon nach einem Jahrzehnt zu bröckeln beginnen – all diese Zeichen der englischen Wirklichkeit jener Jahre dienen Peace, um seiner durchaus auch vom Irrationalen getragene Erzählung die richtige Erdung, die passende Kulisse zu geben. Dazu tragen aber auch die bereits erwähnten Einschübe aus Radiosendungen, Zeitungsartikeln und TV-Berichten bei, die oft auf politische, sportliche oder kulturelle Ereignisse fokussieren, die mit der Handlung selbst nichts zu tun haben. Zumindest nicht unmittelbar.

1974 ist sicher der zugänglichtse Band des Quartetts, hier wird die Grundstruktur gelegt, hier werden die Figuren eingeführt, die mal weniger, mal mehr in den Vordergrund treten im Laufe der Entwicklungen in den Folgebänden. Da treten Personen auf, die später, viel später, wesentliche Handlungs- oder dramaturgische Funktionsträger werden. Um die Zusammenhänge und Beziehungen zu begreifen, bietet sich die zügig aufeinander folgende Lektüre aller Bände geradezu an, da man kaum alle Details, alle Andeutungen und Hinweise über längere Zeit wird behalten können. Mit Eddie Dunford begegnet uns hier ein Protagonist, der zwar auch seine Fehler hat, der wenig empathisch, wenig sensibel ist, dem es lange vor allem um seine Position als Reporter, letztlich also um seine Karriere, geht, der aber irgendwann – und es ist schwierig, den Moment, in dem das passiert, zu definieren oder zu markieren – eine Grenze überschreitet, in einen emotionalen Bereich der Betroffenheit eintritt und dann und damit seinen Abstieg in die Hölle beginnt. Seinen Passionsweg, wobei diese religiöse Begrifflichkeit ganz gut passt, bei dem, was der Autor dem Leser in allen vier Bänden bietet.

Am Ende dieses Weges steht Gewalt, fürchterliche Gewalt, Gewalt, die Eddie ausüben wird, und das scheint fast folgerichtig, denn Gewalt ist das bevorzugte Kommunikationsmittel nahezu aller, die hier auftreten. Zumindest aller Männer. Peace´ Welt ist eine Männerwelt. Frauen, mehr noch Kinder, sind hier Opfer. Sie sind Waren. Sie sind Objekte männlicher Begierde und genau damit auch männlicher Verachtung. Peace´ Welt ist als männliche eine sexualisierte, vor allem aber eine gewalttätige Welt. Er scheut sich nicht, diese Gewalt zu beschreiben, allerdings nutzt er sie nie zur Erheiterung (heiter im Sinne von unterhaltsam ist hier so oder so nichts), er suhlt sich auch nicht in ihr, obwohl sie momentweise erschreckend explizit ist, erst recht verherrlicht er sie nicht. Er stellt sie dar, oft stilisiert, immer nüchtern. Jede Art von Gewalt – physische (vor allem Folter durch die Polizei), sexuelle und auch psychische – wird hier ausgeübt. Der Blick des Autors ist der Blick auf eine Gesellschaft, die zynisch geworden ist, eine Gesellschaft, deren einziges, wenn überhaupt vorhandenes,  emotionales Movens Sentiment ist, da jedwede natürliche Regung sofort als Schwäche gebrandmarkt und ausgenutzt wird. So kann man schlußendlich nur jenen zustimmen, die nicht müde werden zu betonen, daß wirklich gute Kriminalliteratur immer Gesellschaftsliteratur ist. David Peace führt diese Sichtweise an ihr bitteres, ihr konsequentes Ende.

Ihr, die hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren.

 

[1] Ridings sind traditionelle Verwaltungseinheiten der englischen Grafschaftorkshire Der Begriff geht auf das Altnorwegische zurück, wo es den „dritten Teil“ bezeichnet.

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