DER ADLER IST GELANDET/THE EAGLE HAS LANDED

Krieg als Abenteuer

Michael Caine übernimmt in der Rolle des Kurt Steiner den Auftrag, Winston Churchill bei einem Himmelfahrtskommando an der Küste Norfolks zu entführen. Der den Nazis abholde Steiner nimmt an, da er sich und seine Männer durch eine unbedachte Handlung in größte Schwierigkeiten mit der SS gebracht hat. Unter dem Oberkommando des Oberst Radl, den Robert Duvall als vom Schicksal ebenso gezeichnet wie dem Schicksal ergeben spielt, mit tätiger Hilfe des die Briten hassenden Iren Liam Devlin, von Donald Sutherland als Studie jener Rolle angelegt, die er fünf Jahre später in Richard Marquands EYE OF THE NEEDLE (1981) geben sollte, machen sich Steiner und seine Leute also daran, die Küste zu infiltrieren, sich in dem Herrenhaus festzusetzen, in dem Churchill nach Radls Kenntnis logieren soll und das Unternehmen einem möglichst erfolgreichen Ende entgegen zu führen.

Betrachtet man die Geschichte des Zweiten Weltkrieges aus der Perspektive des britischen Kriegsfilms, stellt sich dieser gigantische Weltenbrand als eine nie abreißende Folge von abenteuerlichen Geheimunternehmen und verwegenen Sonderaufträgen dar, die wackere, meist zynisch veranlagte Männer auf ihre ganz eigene Art und Weise erfüllen. Diese Männer sind meist geschiedene Trinker und sehen aus wie Richard Burton. Umso wohltuender, wenn der Amerikaner John Sturges zum Abschluß seiner rund 30jährigen Karriere als Regisseur und Autor einiger Klassiker für die Ewigkeit den Spieß umdreht und dem geneigten Publikum wohlige Schauer über den Rücken jagt, wenn er einen deutschen Geheimauftrag in Szene setzt, der einen Angriff auf britisches Nationalheiligtum (Winston Churchill) darstellt. Und natürlich scheitert.

 

Der Plot beruht auf der Handlung eines Reißers von Jack Higgins, einem jener britischen Thrillerautoren, die für ihre genaue und akribische Recherche bekannt sind. So stellt Higgins in seinem 1975 erschienenen Roman die Ereignisse auch als tatsachengestützt dar, woran jedoch gezweifelt werden darf. Daß Heinrich Himmler für eher seltsam anmutende und dem Irrationalen verhaftete Ideen durchaus offen war, ist belegt; die Ausgangslage der Story, daß die ganze Idee der Entführung nur ein Witz Hitlers gewesen sei, die Himmler sich zu eigen gemacht habe, mag also wie übelste Kolportage anmuten, ganz abwegig ist sie nicht. Wie dem auch sei, spätestens wenn Buch und Film sich daran machen, die Ausführung des Unternehmens zu beschreiben, muß der Zuschauer viel Vertrauensvorschuß und Gutwilligkeit aufbringen, um diesen angeblich von Superprofis durchgeführten Dilettantismus, der einem vorgeführt wird, zu glauben. Hinzu kommt ein eher behäbiger Inszenierungsstil, der sich sowohl im Tempo der ganzen Erzählung, als auch in den Actionszenen viel Zeit läßt und dadurch selten wirklich spannend wirkt.

 

Sturges letzte wirklich überzeugenden Erfolge lagen schon einige Jahre zurück. Die späten 60er und die 70er Jahre hatten ihn entweder altbacken (ICE STATION ZEBRA – 1968; MCQ – 1974) oder übertrieben hart (JOE KIDD – 1972) gesehen, selten erreichten seine Filme noch die breite Masse. Allerdings galt VALDEZ IL MEZZOSANGUE (1973) unter Liebhabern des Genres schnell als Klassiker des Spätwesterns, der es mit solchen Meisterstücken wie William Frakers MONTE WALSH (1970) oder Blake Edwards WILD ROVERS (1971) aufnehmen konnte. Doch hier, im Europa des 2. Weltkriegs, findet Sturges keinen eigenen Zugriff auf die Story, gleich gar nicht auf den Kontext des Films. Krieg – und da steht der Film dann eben doch ganz in der Tradition des britischen Kriegsfilms – ist und bleibt auch hier ein Abenteuer, das von Ehrenmännern bestanden wird. Steiner erlebt der Zuschauer erstmals, wie er es einem SS-Schergen mal so richtig zeigt und eine Jüdin bei der Deportation zu retten versucht – indem er sie schlicht auf einen gerade vorbeiratternden Güterzug setzt, wo sie eine gute Zielscheibe für den nächsten Scharfschützen abgibt, was der Film dann immerhin auch zeigt. Dennoch: Kurt Steiner, dessen Namensgleichheit mit der ebenfalls die Nazis als Ideologen verachtenden Hauptfigur in Sam Peckinpahs Ostfrontepos CROSS OF IRON (1977) nicht zufällig sein dürfte, ist zwar ein Soldat der deutschen Wehrmacht, aber – darin den Figuren der Landserheftchen der 50er Jahre verwandt – durch und durch ein Ehrenmann, der mit den Verbrechen des Regimes (für das er Krieg führt) nichts zu tun haben will. Der Film zeichnet Canaris, der den eigentlichen Auftrag an Oberst Radl erteilt, ebenfalls als einen Ehrenmann – ein Image, das der Leiter der militärischen Abwehr in Großbritannien erstaunlicherweise immer hatte.

 

Überhaupt sind die Soldaten in diesem Film im Grunde alle – man schreibt das Jahr 1943 – bereits gewaltig resigniert, was das Kriegsglück angeht. Aber es sind eben loyale und grundgütige Menschen. So ist es am Ende auch die Rettungsaktion für ein kleines Mädchen, das in den Dorfbach gefallen ist und vom Mühlrad zermalmt zu werden droht, die das Kommando verrät und zu drastischen Maßnahmen zwingt. Deutsche Soldaten – diese Sichtweise eignete auch britischen Narrativen noch in den 70ern an – waren eben auch Opfer des ‚Führers‘ – sie mussten auf der falschen Seite für die falschen Leute kämpfen, aber sie waren eben tapfere und saubere, soll heißen: im Kampf faire Soldaten und Gegner gewesen. Da passt es nur umso besser ins Bild, daß Steiners Trupp nicht nur zu den vom Regime zum Tode Verurteilten gehört, sondern diese Männer in einigen Szenen ausreichend Gelegenheit bekommen, ihre Meinung zu Hitler, der Partei und dem Stand der Dinge in Sachen Krieg kundzutun. So bekommt die ganze Idee, den britischen Premier zu entführen, etwas von einer Farce, die Unternehmung mutet an wie der Griff nach dem berühmten Strohhalm. Ein Selbstmordkommando, ausgeheckt für Todgeweihte von todesbesessenen Verrückten. Wie Heinrich Himmler einer war.

 

Himmler, der Radl mit einem vom Führer persönlich unterschriebenen Befehl ausstattet, wird von Donald Pleasence mit der angemessenen Lust, einen Freak darzustellen, gespielt. Damit steht er in einer recht langen Reihe ausgesprochen guter Schauspieler, die Sturges zur Verfügung standen und die offenbar alle Spaß an ihren Rollen und am Zusammenspiel hatten. Caine, Sutherland und Duvall waren alle Stars, hatten sich ihre Meriten jedoch mit Charakterrollen verdient. Sie alle hatten davon profitiert, in einer Zeit Karriere zu machen, da der Anspruch auch im kommerziellen Kino ein recht gehobener war. Der Brite Caine nimmt da eine Sonderstellung ein, doch Duvall und Sutherland waren mit dem New Hollywood-Kino der späten 60er und der 70er Jahre groß geworden. Sie hatten früh in ihrer Laufbahn mit Ausnahmeregisseuren wie Robert Altman oder Francis Ford Coppola gearbeitet; John Sturges stand für ein anderes, dem klassischen Studio-Hollywood verpflichtetes, maskulineres amerikanisches Kino. Und er arbeitete nach den alten, effektiveren Standards des Studiosystems. Aus dieser Kollaboration entstand dann allerdings ein in den besseren Momenten recht fein austariertes Ensemblestück. Und die besten Szenen sind die Dialogszenen gerade der ersten halben Stunde, wenn man dem Weg einer scheinbar verrückten Idee durch die Bürokratie des Partei- und Wehrmachtapparats und die Hirnwindungen diverser Verantwortungsträger bis eben hinauf zum „Reichsführer SS“ folgt. Die Enge von Radls Büro, dessen Wände mit Karten der englischen Ostküste in den unterschiedlichen Maßstäben gepflastert sind, die Enge der Bildkadrierungen, wenn die Kamera Canaris einfängt – meist aus Untersicht und oft vor Fenstern, wodurch sich noch enger wirkende Doppelkadrierungen ergeben – spiegeln die gedankliche und kommunikative Enge eines totalitären Systems, das mit seinen Denkverboten auch vermeintlich gute Ideen unterdrückt.

 

Doch sollte man dem Film nicht zu viel Ehre der Interpretation angedeihen lassen. Es ist ein auf heutzutage altmodische Weise unterhaltsamer Abenteuerfilm, der ein etwas fragwürdiges Geschichtsbild transportiert – wie so viele Filme oder Bücher zum Thema in seiner Zeit. Da kann man getrost behaupten, daß man es noch mit einem der besseren Vertreter der Zunft zu tun hat. Und für einen solchen Meister, wie John Sturges es war, ist es zumindest ein angemessener Abschluß einer langen künstlerischen Laufbahn. Sturges war ein Mann des Western, dort hat er seine besten Arbeiten abgeliefert. Und so kann es nicht verwundern, daß auch THE EAGLE HAS LANDED als Abenteuerfilm oftmals eher wie ein Western anmutet. Ein Problem, welches er mit Peckinpah teilt, dessen zeitgenössische Filme ebenfalls wie Western aufgebaut sind und wie Western wirken. Vielleicht ein Hinweis darauf, daß die Themen und der Stil der alten Meister nicht unumwunden auf moderne Settings und Zustände übertragbar sind. Es bleibt schließlich gute und spannende Unterhaltung. Keine Relevanz. Relevanz haben sich Männer wie Sturges (oder Peckinpah) für wesentlichere Werke aufbewahrt. Und wahrscheinlich haben sie gut daran getan.

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