DAS DRECKIGE DUTZEND/THE DIRTY DOZEN: Der Krieg als Männerbund

Robert Aldrichs zynischer Kommentar auf Heldentum und Männerzirkel

Ein den Oberen unangenehmer Major wird beauftragt, aus einem Dutzend Todeskandidaten und Langzeithäftlingen einen verschworenen Haufen zu machen, der kurz vor der Invasion im Sommer 1944 hinter den feindlichen Linien abgesetzt wird und auf einem Schloß in der Normandie, welches die Deutschen als Ausbildungs- und Erholungsstätte für höhere Offiziere nutzen, so viele dieser Offiziere zu töten wie möglich. Dazu unterzieht der Major sie einer gnadenlosen Ausbildung, muß sich zudem ständigen Anfeindungen anderer Offiziere und der Generäle aussetzen und diese schließlich davon überzeugen, daß dieses „dreckige Dutzend“ überhaupt in der Lage ist, einen Einsatz durchzustehen. Nachdem dies in einem Manöver geschehen ist, beginnt das Selbstmordkommando in Nordfrankreich.

Lee Marvin, Charles Bronson, Donald Sutherland, Jim Brown, Robert Ryan, Ernest Borgnine, John Cassavetes, George Kennedy, Richard Jaeckel, Telly Savalas undundund…ähnlich wie THE GREAT ESCAPE (1963) einige Jahre zuvor, vereinigt THE DIRTY DOZEN  einen Haufen anerkannter und angehender Stars in einem Kriegsfilm mit Überlänge, der sich anschickt, kritisch zu sein, allerdings seine Lust an Heldentum und Heldenverehrung nicht kaschieren kann.

Robert Aldrich, einer der vielseitigsten Regisseure dieser Übergangszeit in Hollywood zwischen den klassischen Jahren und denen, die heute „New Hollywood“ genannt werden, setzte dies gewohnt gekonnt in Szene, auch wenn einiges routiniert wirkt. So gibt z.B. Bronson nahezu genau den Typus, den er auch schon in „Gesprengte Ketten“ darstellte, auch andere Figuren wirken etwas holzschnittartig stereotyp. Aldrich gelingt in seiner Inszenierung ein ganz gut ausgewogenes Gleichgewicht zwischen der Ausbildung und dem späteren Einsatz: Erstere weist durchaus humorvolle Momente auf, das ganze Manöver, in dem die Männer jede Taktik und Täuschung anwenden, um an ihr Ziel zu kommen, hat geradezu komödiantisches Potential; dagegen erreicht der Einsatz dann eine gewaltige Härte, die den Krieg zwar nicht gerade als Spaß erscheinen läßt, andererseits aber gegenüber den Deutschen, die hier geradezu am Fließband abgeschlachtet werden, auch keinerlei Mitleid zeigt. Wer im Schußfeld steht, der wird entfernt.

Nun gibt es zum Thema „Kriegsfilm/Antikriegsfilm“ ja Regalkilometer Literatur. Die einen sagen, es gibt Antikriegsfilme, dann werden solche wie ALL QUIET ON THE WESTERN FRONT (1930), APOCALYPSE NOW (1976/79), THE DEER HUNTER (1978), PLATOON (1986) oder PATHS OF GLORY (1957) aufgezählt. Die anderen sagen dann: nein, jeder Film, der Krieg zeigt, erkennt ihn immanent auch an, denn jeder Film, der Krieg zeigt, zeigt auch automatisch die Faszination daran (und re-inszeniert ihn, was mindestens bei APOCALYPSE NOW auch zutraf). Die besten Antikriegsfilme sind dann auch meist jene, die gar nicht unbedingt von den Soldaten selbst erzählen, sondern davon, wie der Krieg sich auf die Menschen, die Zivilisten oder die Soldaten auswirkt, die heimkehren. Das schaffen Filme wie THE DEER HUNTER (bei aller Kontroverse um seinen angeblichen Rassismus), COMING HOME (1978)  oder THE KILLING FIELDS (1984). Der einzige Film, der Soldaten „in combat“ zeigt und dennoch als Antikriegsfilm bestehen kann, scheint FULL METAL JACKET (1987) zu sein – warum, daß zeigt gerade der Vergleich zu THE  DIRTY DOZEN.

Sicher gelingt es Aldrich, den Krieg als brutal und menschenverachtend darzustellen; wahr ist auch, daß er eine Härte innerhalb der Armee zeigt, die es in sich hat: Den Auftakt des Filmes stellt eine akkurat vorgeführte Hinrichtung per Strang dar. Desweiteren zeigt der Film den Aberwitz von Befehlsketten und die Intrigen und Konkurrenzen innerhalb einzelner Einheiten etc. Doch eines – und darin besteht der Unterschied dieses wie fast ALLER Kriegsfilme zu Kubricks Meisterwerk – vermag er nicht: Die Armee, das Militär selbst, also als Institution anzugreifen. Dies gelingt Kubrick: Er scheint in FULL METAL JACKET sagen zu wollen: Solange Menschen (Männer) bereit sind, sich diesen Ritualen und Bedingungen zu unterwerfen, solange wird es Militär, Armeen, Kriege, Tod und Vernichtung geben.

Nun kann man sagen: Was soll das alles? THE DIRTY DOZEN ist ein klasse Actionfilm und mehr eben nicht. Doch wurde und wird dem Film immer wieder attestiert, kritisch zu sein und somit ein Antikriegsfilm, zumindest jedoch ein höchst kritischer Kriegsfilm. Genau das aber ist er nicht. In Frage gestellt werden die gezeigten Maßnahmen, werden die Offiziere, die sinnlose Befehle geben etc, NICHT in Frage gestellt wird die Kameradschaft, das Männerbündlerische, das Prinzip von Befehl und Gehorsam. Im Gegenteil, Lee Marvins Figur des Major John Reisman verlangt seinen „Individualisten“, wie er sie einmal nennt, gerade dies ab: Ein Männerbund, ein Haufen, ein disziplinarisch funktionierendes Ganzes zu werden. Und er will dies schaffen. Er steht, das zeigt der Anfang des Films, mit seinen Vorgesetzten auf Kriegsfuß, weil er bereit ist, zu unkonventionellen Methoden zu greifen, er sei „an Zielen“ orientiert, nicht an „Auszeichnungen“ oder „Belobigungen“, sagt er. Und natürlich ist er erfolgreich. Diese Männer sind schließlich bereit, zu sterben, um einem Größeren zu dienen. Und dies feiert der Film als Heldentum, ohne dabei pathetisch zu werden.

So bleibt ein Kriegsfilm, der zu unterhalten weiß, actiongeladen und gut besetzt. Kaum fällt auf, daß er fast eine Laufzeit von zweieinhalb Stunden hat. Robert Aldrich weiß, was er tut und er tut es wie gesagt routiniert und gekonnt. Innerhalb der Gesetze des Genres einerseits, denen eines Ensemblefilms andererseits, weiß THE DIRTY DOZEN auch heute noch zu überzeugen. Ein Männerfilm, eben doch auch ein Abenteurfilm letztlich. So kann man dies alles genießen, nur sollte man es nicht zu ernst nehmen und keinesfalls als eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Militär oder dem Krieg begreifen.

 

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