ZURÜCK NACH FASCARAY/HAME

Der Dichter und sein Land - Annalena McAfee bringt dem Leser Schottland näher

Schottland – dieses kleine, dünn bevölkerte Land am Rande des europäischen Kontinents, arm, stolz, traditionalistisch, geschichtsbewußt, unwirtlich und wunderschön – kam spätestens Mitte der 1980er Jahre durch Hollywood-Filme wie LOCAL HERO (1983) und vor allem HIGHLANDER (1986), der mit Mittelalter-Mythen spielte, zurück auf die kulturelle Landkarte Europas. Das Gälische wurde wieder gepflegt und auch außerhalb Schottlands entdeckt, Folk- und Dudelsackmusik, Whisky, Highlandspiele, die Edinburgher Festspiele und die Bedeutung der Stadt für die europäische Aufklärung, Freiheitsliebe und Rebellentum waren nur einige jener Eigenschaften, die gern auf Schottland projiziert und als größtenteils popkulturelles Erbe des Landes betrachtet wurden. Trotz dauerhaft schlechten Wetters, teuren Unterkünften, bescheidener Infrastruktur und beschwerlicher Anreise rückte dieser Teil Großbritanniens in den Fokus sowohl bei Kulturreisenden wie auch derer, die nach etwas Urwüchsigem, Ursprünglichen suchten, das ein Bedürfnis befriedigen sollte, welches  zusehends Ausbruch aus den rundum versicherten Gesellschaften des Nachkriegs-Europas suchte. Schottland bediente diese Bedürfnisse gern, profitierte vom Tourismus, gefiel sich in der Rolle des abgeschieden gelegenen Fantasiereiches und verfolgte dennoch seine ganz eigenen Interessen: Anschluß an Europa und die EU, mehr Unabhängigkeit von England und Westminster, Profitstreben aus dem Nordseeölhandel. Es pflegte aber auch gern die Mythen und Legenden, die aus seiner Geschichte erwuchsen.

Annalena McAfee gelingt es in ihrem Roman HAME (dt.: ZURÜCK NACH FASCARAY; Original erschienen 2017) diesen gesamten Komplex einzufangen und oberflächlich leicht satirisch, in den tieferen Schichten aber vor allem sehr klug, genau und differenziert zu verarbeiten. In einem wilden Potpourri aus Tagebucheinträgen, Ausschnitten aus einer Biographie, Gedichten, Kolumnen und einem Kompendium, das er über Jahrzehnte geschrieben hat, lässt sie das Leben des „Heimatdichters“  Grigor McWatt Revue passieren und anhand dieses Lebens die jüngere Geschichte Schottlands. Dieser Grigor McWatt lebte sechzig Jahre, bis zu seinem Tod im Jahre 2014, auf dem Eiland Fascaray, einer Insel der Hebriden, abgeschieden und dank seiner geographischen Lage – umflutet vom Golfstrom – eine Art Abbild Schottlands en miniature. McWatt seinerseits war ein Nationalist, ein England- und Engländer-Hasser, ein Intellektueller, ein Sprachkundler und Dichter, der klassische schottische, englische und angloamerikanische Gedichte von Walter Scott bis Robert Burns, von Lord Byron bis R.L. Stevenson, von Yeats bis Poe in ‚Scots‘ – jenem komplizierten, in Hunderte Abarten zerfallenden Dialekt, den einige als eigenständige Sprache deklarieren – übersetzte; nachdichtete, wie er selber sich auszudrücken pflegte. In akademischen Kreisen umstritten, wurde er vor allem durch eines seiner wenigen eigenen Poeme berühmt, den Text HAME TAE FASCARY, der vertont und in Dutzenden von Fassungen von einheimischen Barden bis hin zu internationalen Stars wie Bob Dylan interpretiert wurde. McWatt begnn  sowohl den Text als auch das Lied schließlich zu hassen, da es ihm Aufmerksamkeit aus der aus seiner Sicht falschen Richtung einbrachte. Wesentlicher war ihm sein Kompendium, in dem er nicht nur die Geschichte Fascarays erschloß, sondern auch allerhand Wesentliches zu Flora und Fauna, den Bewohnern, ihren Beziehungen untereinander und zum Festland, zu Mythen und Legenden zusammentrug und immer wieder auch seiner Abneigung gegen England als Besatzer der schottischen Heimat Ausdruck verlieh. Darüber hinaus war McWatt ein emsiger Kolumnenschreiber für lokale Blätter. In diesen Kolumnen wird seine politische Haltung noch viel deutlicher, hier nahm er regelmäßig Stellung zu tagesaktuellen politischen Fragen und vor allem nutzte er sie immer wieder, um gegen „fremde“ Übernahmen der Insel, die er so liebte, zu agitieren.

Im Jahr 2014 kommt die Kanadierin Mhairi McPhail, die ihr halbes erwachsenes Leben in New York verbracht hat, mit ihrer Tochter Agnes nach Fascaray, um hier als Kuratorin das „Heimaterbemuseum“ aufzubauen und Ende des Jahres zu eröffnen. Zugleich soll sie, die an der Uni bereits kurz über McWatt gearbeitet hatte, eine Biographie und Werkschau des Dichters verfassen. Aus dieser, EINE GRANITBALLADE betitelten, Biographie, sowie aus ihrem Tagebuch, speisen sich die wesentlichen Teile von McAfees Roman. Durchsetzt mit Auszügen von McWatts Kompendium, seinen Nachdichtungen, gelegentlich seinen Kolumnen, erfahren wir anhand dieser Textpassagen, wie McWatt gesehen wurde, wir erfahren von seiner Liebe zu Lilias, die ihn anschmachtete und letztlich nie erhört wurde, von seiner Zurückgezogenheit und davon, wie er, der ursprünglich nicht von der Insel kam, sich diese zueigen machte, aneignete und aus dieser Liebe seine schottische Identität ableitete. Aus den Tagebucheinträgen erfahren wir allerdings wesentlich mehr – Teile der nicht erzählten Geschichte, McPhails Zweifel an ihrer Arbeit, aber auch an ihrer Rolle als Mutter, wir erfahren von ihrer zerbrochenen Beziehung zu Agnes Vater Marco, vom Trennungsschmerz und davon, wie eine kosmopolitische Metropolenbewohnerin sich in der Einöde einlebt und zurecht findet. Angereichert mit Fußnoten, einer Bibliographie, einem Glossar der Begriffe aus dem ‚Scots‘, mit den Originalen der Liedtexte, lokalen Rezepten, die McWatt sammelte, und einer Danksagung, die dem Leser kurze Hinwiese darauf gibt, wie die persönliche Geschichte McPhails weitergegangen ist, hat der Leser einen guten Überblick über die Geschichte Fascarays und seines berühmtesten „Sohnes“.

Tatsächlich ist all dies der Fantasie der Autorin Annalena McAfee entsprungen. Weder gibt es die Insel Fascaray, noch ihren Heimatdichter Grigor McWatt. In einem äußerst detailreichen Roman erfindet die Autorin die gesamte Geschichte um den Dichter und seine Wahlheimat im hohen Norden. Es gelingt ihr dabei, jene Merkmale von Identität, die gerade wieder solche Konjunktur haben in der politischen Diskussion – Sprache, Geschichte, Werte, Traditionen – höchst geschickt so miteinander zu verweben, das dabei einerseits ein gut lesbares Buch, das durchaus seine Spannungsmomente hat, zu komponieren, zugleich aber ein nie bösartiger, doch durchaus ironischer Blick auf jene Konstruktion gelingt, die Menschen sich basteln, um sich ihrer selbst zu vergewissern. Übertriebene Heimatliebe, der Mythos, der in seinem Kern immer Verfälschung bedeutet, den wir möglicherweise aber brauchen, um mit jenen Seiten unseres Wesens und unserer Geschichte klar zu kommen, die ein weniger gutes Licht auf uns werfen, und die Sprache als Bindemittel, um uns einen kulturellen Mantel umzuhängen, einen Rahmen zu schaffen, der das Mindestmaß von Einheit zu garantieren scheint, werden dabei ebenso ab- und äußerst klug behandelt, wie auch durchaus liebenswerte Eigenheiten, Macken und Manierismen, die wir brauchen, um uns manchmal etwas größer zu machen, uns manchmal etwas besser dastehen zu lassen, als wir sind. So ist es das eigentliche Verdienst dieses Romans, eine Figur zu erschaffen, eine Person absolut glaubwürdig zum Leben zu erwecken, die uns sowohl in ihren privaten Belangen, als auch in ihrem öffentlichen Wirken vollkommen überzeugt.

Dieser Grigor McWatt ist alles andere als sympathisch, seine nationalistischen Ansichten sind manchmal ausgesprochen reaktionär, dabei verkitscht und von einer Romantik getragen, die es in sich hat. Sein Leben ist geprägt von Widersprüchen und – späte Entwicklung zwecks Spannungssteigerung – mindestens einem großen Geheimnis. Zugleich hat der Mann aber einen hellen Verstand, ist gebildet, großzügig, trägt durchaus empathische Züge und verfügt über ein waches soziales Bewußtsein, zumindest, was seine unmittelbare Umgebung und seine Landsleute betrifft. Ohne ihn je in eine rechts-reaktionäre Ecke zu stellen, gelingt es McAfee, McWatt in seiner ganzen allzu menschlichen Widersprüchlichkeit aufleben zu lassen und dabei vor allem auf sprachlicher Ebene den schmalen Grat aufzuzeigen, auf dem sich bewegt, wer (übertriebene) Heimatliebe empfindet, sie ausstellt und zugleich um die Beschränkungen weiß, denen er unterliegt. McWatt ist in gewisser Weise ein Hochstapler, ist seine Dichtung doch bestenfalls Nach-Dichtung, seine Liebe zu Fascaray zumindest angeeignet, stammt er doch nicht von der Insel, und sein Hass auf alles Englische übertrieben bis zur Karikatur, gelegentlich gar obsessiv. Und doch wird hier deutlich, wie sich diese Widersprüchlichkeiten oftmals bedingen, wie das eine ohne das andere nicht zu haben ist.

Konterkariert wird das Leben dieses zurückgezogenen Kauz durch McPhail selbst, die in gewisser Weise genau jenen Stadtflüchtlingen entspricht, die nach – wenn auch bescheidener – Karriere und gescheiterten Beziehungen das Landleben und dessen Vorzüge meinen erkunden zu müssen. Obwohl dieser Aspekt des Romans gegen die Figur des Dichters und dessen Leben abfällt – und das vielleicht auch soll, sogar muß – gelingt McAfee  auch hier mit genauem Blick eine hervorragende Beschreibung postmoderner Lebensentwürfe. Das Zweifeln an sich selbst, das Changieren zwischen Übermut und Selbstbefragung, das Infragestellen der eigenen professionellen wie privaten Fähigkeiten, welches dann umschlägt in Aggression gegen Mitarbeiter und sogar die eigene Familie – McAfee lässt auch ihre Forscherin nicht gerade sympathisch erscheinen und zeigt sie als typische Vertreterin genau dieser Lebensentwürfe. Entsprechend postmodern mutet ihr Buch dann auch selbst an. Es erinnert an Werke wie BOY WONDER (1988), James Robert Bakers komplett erfundene aber ebenso als Sachbuch getarnte Biographie des Hollywood-Tycoons Shark Trager. MacAfee, die eine ausgesprochen erfolgreiche Karriere als Londoner Kulturjournalistin hinter sich hat, weiß sehr genau, wovon sie erzählt, sie versteht aber ebenso genau, ihr stilistisches Instrumentarium zu nutzen.

So ist hier ein manchmal witziger, gelegentlich ergreifender und selten auch trauriger Roman gelungen, der den Schottland-Hype ein wenig auf den Arm nimmt, zugleich aber großes Verständnis für die spezifischen Belange dieses kleinen Landes am Rande des europäischen Kontinents, für die Eigenheiten seiner Bewohner und den gelegentlich überbordenen Nationalismus als identitätsstiftende Klammer eines im Kern armen Volkes aufweist, das wenig ökonomische Mittel besitzt, aber über eine reiche und volle Geschichte verfügt.

4 thoughts on “ZURÜCK NACH FASCARAY/HAME

  1. cb sagt:

    Warum denn „Schitt“land? (Zweite Zeile) War das Sarkasmus oder ein (bedauerliches) Versehen?

    Davon abgesehen, habe ich selten eine so detail- und kenntnisreiche Buchrezension im Netz gefunden, chapeau! Andere haben das Werk ja eher als Unterhaltungsroman missverstanden, als das es ja nicht in erster Linie intendiert ist. Die zahlreichen nicht fiktiven Realien und durchaus nicht von der Autorin frei erfundenen Namen aus der schottischen Kunst und Geschichte (Fascaray als Ort ausgenommen) wirken auf eine schottische Leserschaft natürlich ganz anders als auf wenig schottlandaffine Engländer*innen und Anderssprachige. Für Erstere ist dies eher eine Art Kombination aus Schlüsselroman und literarischem Sachbuch.

    Ich hoffe, ich darf hier anonym bleiben, weil ich mich aus dem Internet weitgehend zurückgezogen habe? Meine Initialen sind cb. Danke.

  2. Gavin sagt:

    Hallo cb!

    Ersteinmal danke für den Hinweis, das ist ein Tippfehler, sonst nichts! Und wird umgehend behoben.

    Vielen Dank für das Lob! Ich habe es auch so empfunden, daß man es hier mit einem durchaus ernsthaften Werk zu tun hat, das sich sehr stark mit der Frage nach Nationalismus und Identität beschäftigt, zugleich aber auch die Schönheiten und Eigenheiten Schottlands preisen will.

    Fascaray selbst scheint mir eine fiktionale Mischung der Inseln Skye und Aran zu sein. Letzterem wird ja gern nachgesagt, „Schottland en miniature“ abzubilden. Ähnlich lautet eine Beschreibung Fascarays im Buch.

    Ich respektiere Ihre Zurückhaltung, was Klarnamen angeht, habe da leider selbst so meine Erfahrungen machen müssen.

    Grüße,
    Gavin Armour

    P.S. Ich gebe Kommentare einzeln frei, was mit leider schwierigen Erfahrungen freier Kommentierung zu tun hat. Ich hoffe, Sie haben Verständnis für das „verspätete“ Erscheinen Ihres Kommentars!

  3. cb sagt:

    So spät war es ja nicht, Gavin. Und was den Vertipper angeht … Shot happens!
    Wenn ich noch einmal widersprechen darf: Arran heißt die Insel in Schottland, die irischen Namensvetterinnen schreiben sich Aran. Während ich die schottische Variante besucht habe, kenne ich die irische nur vom Hörensagen und vom Aran Jumper, der im Irischen allerdings wieder Doppel-r hat, aber das ist eine andere Geschichte.

  4. Gavin sagt:

    Sie haben natürlich recht, Isle of Arran, nicht Aran. Manchmal sollte man erneut recherchieren, bevor man schreibt…
    Sie kennen die Insel? Ein wunderbares Stück Schottland, wie ich finde. Bin mehrfach dort gewesen. Allerdings ist das Jahre und Jahrzehnte her.

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