ROMAN OHNE HELD

Ulrike Kolb dringt in einem sprachlichen Kunstwerk in die Labyrinthe der Erinnerung ein

Ein Mann ertrinkt und erzählt uns, den Lesern, davon. Eindringlich, beherrscht, genau. Und dann beginnt er, uns seine Geschichte zu erzählen, dieses „deutsche Leben“, diese Nachkriegsbiographie, die sich nicht hat beeinträchtigen lassen durch zu viel Erinnern, zu viel Hinterfragen, zu viel Schuld oder Sühne. Ein deutsches Leben im Westen, mit all den Annehmlichkeiten des Erfolges, all dem Unverständnis gegenüber einer nachwachsenden Generation und deren Frage: Wo wart ihr?, all den Ängsten der Erfolgreichen um das, was sie erreicht haben und nicht wieder verlieren wollen. Und dann – nicht vergessen: es spricht ein Toter – plötzlich kommen sie, all die verdrängten Erinnerungen: An die Mutter, die das Leben schon im Moment der Geburt des Sohnes negiert und hofft, dieser möge nie zu schreien beginnen, die Verletzungen gegenüber anderen – der Verlobten, dem Freund, der Gattin, den Kindern – , die Erinnerungen an den Krieg und die Schuld, die man auf sich geladen hat. Und plötzlich ist da eine andere Stimme, eine Stimme, die nicht die des Toten ist, sondern die – seiner Tochter. Die Stimme einer sich erinnernden Tochter, die sich erinnernd in die Gedankenwelt ihres bei einem Badeunfall ertrunkenen Vaters hinein zu versetzen sucht.

Was ist Erinnerung? Eine objektive Größe? Was ist ein Leben? Eine objektiv zu bewertende zeitliche Einheit? Wie gehen wir mit Erinnerungen um? Verdrängen wir sie zu Gunsten unserer Zukunft? Und können wir ihnen entkommen, auch im Moment unseres Todes? Oder sind sie, die Erinnerungen, so oder so nur Rekonstruktionen unserer selbst? Und gehören sie uns auch nach unserem Tode noch? Oder kann ein anderer, ein Kind, ein Freund, ein Liebhaber sich unsere Erinnerungen aneignen und sie nutzen um Rechenschaft zu verlangen über ein Leben,das ero der sie elbst nicht gelebt haben? Ist Erinnerung überhaupt möglich?

Ulrike Kolb ist ein außergewöhnlicher Roman gelungen. Ein außergewöhnlicher Roman deshalb, weil sie ein außergewöhnliches Sprachkunstwerk geschaffen hat. Dieses doppelte Vexierspiel um die Frage, wer spricht udn die Frage danach, ob es da die objektive EINE Erinnerung eines Lebens gibt oder eben – spätestens nach unserem Ableben – nur noch jenes erinnernd angeeignete Leben über das der, der es leben musste, keine Deutungshoheit mehr besitzt, treibt sich und den Leser momentweise in sprachliche Höhen und Bereiche, in denen man vermeintlich nur die Lyriker anzutreffen hofft. Verwirrend und brilliant, beängstigend und atemberaubend wird es da streckenweise.

Das ist das eine. Das andere ist – dem Titel angemessen – dieses unheldische Leben eines deutschen Mannes, der im Grunde nicht einmal meint, Rechenschaft ablegen zu müssen. Dieser deutsche Mann, der einfach froh scheint, dieses Leben durchgestanden, ohne allzu große Blessuren davongetragen zu haben, der seine Fehler freimütig eingesteht ohne sichtbare Trauer um die, die er verletzt zurück gelassen hat. Und der auch die eigenen Verletzungen, teils jene, die er erst jetzt, nach seinem Ableben zu ertragen hat, da er erst jetzt „klar“ sieht, wann er durch wen betrogen und ausgenutzt wurde, kaum mehr wahr zu nehmen scheint. Und der ja auch, wir können es nicht wissen, in dieser Form nie existiert hat, da ja seine Tochter sich seiner Gedanken bemächtigt…

Ein kluges Buch. Ein manchmal erschütterndes, manchmal einfach trauriges Buch darüber, welche Fehler wir machen, daß wir sie nicht mehr ungeschehen machen können, über die Auslassungen, all die Dinge, die wir hätten tun können mit etwas mehr Ruhe, etwas mehr Gelassenheit und etwas mehr Ehrlichkeit. Und, mehr noch, ein sprachlich ungeheuer versiertes Buch, das ganz unabhängig von seinem Inhalt dem Leser große Freude bereitet beim Lesen, allein durch seine Bilder, Metaphern und sprachlichen Zusammenhänge. Große Empfehlung!!!

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