MENSCH ENGEL

Gunther Geltingers Debutroman kann auf ganzer Linie überzeugen

Gunther Geltingers erster Roman MENSCH ENGEL (2008) ist ein tieftrauriges, bissiges, manchmal sarkastisches, es ist ein fein gesponnenes, reflexives, differenziertes und vielschichtiges Werk, wie man es so kaum von einem Debutanten erwarten würde. Geschickt, sehr klug und mutig reflektiert hier jemand auf die Diskrepanz von Phantasie und Realität, darüber, wie Geschichten entstehen und letztlich über das Schreiben und das Verhältnis von Fakten und Fiktionen.

Geltinger erzählt von Leonhard Engel, der an einem Tisch in der Kölner Wohnung sitzt, die er sich mit seinem Lebensgefährten Boris teilt. Engel versucht, sich selbst gegenüber Rechenschaft über sein bisheriges Leben abzulegen. In sieben langen Kapiteln bewegen wir uns also anhand seiner Lebens- und Liebesgeschichte(n) entlang. Erfahren von der Entdeckung der eigenen Homosexualität, davon wie der Mensch Engel, wie Leo, an inneren Widerständen hängenbleibt, nicht in der Lage ist, den Objekten seiner Begierde echte Gefühle, die über reines Verlangen hinausgehen, zu zeigen. Er weiß nicht einmal, ob er echte, wirkliche Gefühle zu diesen Menschen hat. Ganz gleich, ob es Liebhaber, die Eltern, seine Schwester Juli oder sein Neffe ist – immer bleibt da eine Distanz zwischen ihm und den andern, eine unsichtbare Wand, scheints, die er nicht zu durchdringen versteht. Erst in seiner Begegnung mit Boris glaubt er erstmals die Möglichkeit zu finden, diesen Widerstand niederzuringen und sich zu befreien – und dazu ist das Schreiben dringende Notwendigigkeit.

Geltinger erzählt eine Geschichte, er versteckt sich nicht hinter Sprachgebirgen, entfleucht nicht in Innerlichkeit, obgleich das gesamte Buch reine Introspektion ist, keine Frage. Doch Geltinger erzählt – obwohl er durchaus der Handlung chronologisch folgt – nicht kohärent. Vielmehr durchbricht Engel immer wieder das eigene Schreiben, gerät sich selbst ins Gehege, unterbricht sich, reflektiert das bereits Geschriebene aus der Sicht eines Jetzt, das im letzten Viertel des Romans aber ebenfalls aufgelöst wird, wenn die Geschichte sich von dort aus fortsetzt und in ein sehr offenes Ende mündet. Engel schreibt seit geraumer Zeit an seinen Aufzeichnungen, und so kann Engel das eigene Werk immer wieder reflektieren, korrigieren, ersetzen und umbauen, vor allem aber kann er sich als Autor versuchen. Und Geltinger scheut sich nicht, den Leser aufs Glatteis zu führen. Ein familiäres Picknick irgendwo in den südfranzösischen Bergketten wird zum Desaster, als ein Hagelsturm die Picknicker überrascht und Engel und seine Schwester den Schwager und Gatten verletzt zurücklassen müssen, um wenigstens das Kleinkind, den Neffen, zu retten. Doch es gelingt nicht. Der Junge stirbt in Engels Armen. Denkt man.

Denn Engel versteht sich als Schriftsteller und so verfremdet er die Wirklichkeit, baut sie aus, bläht sie gelegentlich auch auf, um ihr mehr Dramatik abzugewinnen, als sie wirklich bietet. Was wiederum in einem eklatanten Mißverhältnis zu Engels wirklichem Innenleben steht, welches an und für sich Drama genug zu bieten hat. Engel entpuppt sich, ohne dies lange zu benennen, als Borderliner, seine gescheiterten Beziehungen – nicht nur Liebesbeziehungen, wie die Freundschaft zu Feline in seinen Wiener Jahren, wo er studiert, beweist – sind vor allem Symptom dieser Krankheit. Und es ist Geltinger hoch anzurechnen, daß es eben nicht die Homosexualität seiner Hauptfigur ist, die ihm zu schaffen macht. Die stellt er fest, akzeptiert sie und entwickelt Antennen für die Avancen anderer. Dies ist vor allem in jungen, ja jugendlichen Jahren von Wert. Auch Engels Umfeld – der Vater Arzt, die Mutter eine promovierte Historikerin, die auch aufgrund nie verwirklichter Träume mehr und mehr in einer Depression versinkt – begegnet seinem Schwulsein schlimmstenfalls indifferent, ansonsten stößt er nirgends auf Widerstände oder gar Ablehnung. So wird er immer wieder auf sein Ich zurückgeworfen, in dem er gefangen ist und das ihm nur sehr eingeschränkte menschliche Beziehungen erlaubt. Gleich welchen Geschlechts sein Gegenüber ist.

Gelegentlich erlaubt sich Geltinger zwar durchaus komische, vielleicht ein wenig ordinäre Spielereien. So wird jener Moment, in dem Engel erstmals wirklich mit den Gefühlen eines ihn Liebenden – es ist Marius, sein erster Intimpartner – konfrontiert ist, zugleich zu dem Augenblick, in dem er erstmals mit voller Wucht mit der eigenen Unfähigkeit, diese Gefühle auch nur oberflächlich zu erwidern, konfrontiert ist. In einem nahezu mystischen Moment quert er den Main an einer flachen Stelle und sieht selbst, daß dieser Aufbruch ans „andere Ufer“ im erweiterten Wortsinn einen seltsamen Beigeschmack hat. Aber es ist, und das ist dann wiederum der schwarze Rücken des Witzes, es ist eben auch der Moment, in dem Engel klar wird, daß er zur Einsamkeit verdammt ist, wenn er sich nicht darüber klar wird, weshalb ihn die Nähe abstößt. Bei einem späteren Liebhaber tritt allerdings ein weiterer Zug seines Charakters auf, den zu akzeptieren er lernen muß, wenn es ihm nicht gelingt, diesen zu unterdrücken: Er genießt Macht, er genießt das Gefühl über einen anderen und dessen Gefühle herrschen zu können auf eine fast böswillige Art und Weise. In diesem Fall kostet dies den Abgewiesenen das Leben, da er sich umbringt. Zumindest müssen wir das lange annehmen, bis uns klar wird, daß auch dies natürlich eine Übertreibung, eine Ausarbeitung der Wirklichkeit durch den Autoren Engel sein könnte.

Daß schließlich und endlich die Suche nach der verschwundenen Mutter ins offene Ende des Romans führt, mag man ein wenig billig finden, wird hier dann doch ein ordinärfreudianischer Reflex, sozusagen ein übertragener Ödipuskomplex, bemüht, der dann wiederum allzu klischeehafte Rückschlüsse auf die Homosexualität der Figur Leo Engel bedient. Doch immerhin findet Geltinger ein schlüssiges (Nicht)Ende für seine Story und lässt den Leser zugleich mit einer Menge Fragen zurück, die ihn noch lange begleiten werden. Das ist wahrlich ein mutiges Debut, ein sprachlich ausgereiftes Werk, dem es gelingt, das Innenleben, die Psychologie und die Gefühlswelt seiner Hauptfigur auf eine sehr genaue und nuancierte Weise zu durchdringen. Daß dies kein Zufall war, daß er – gerade sprachlich, also im engeren Sinne literarisch – wirklich in der Lage ist, mit Sprache Welt zu erschaffen, abzubilden und zugleich zu transzendieren, bewies Gunther Geltinger dann mit seinem nächsten Roman, MOOR (2013).

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