TERRORJAHRE. DIE DUNKLE SEITE DER CIA IN ITALIEN

Regine Igel wirft ein Schlaglicht auf die bewegten 60er, 70er und 80er Jahre in Italien

Es ist immer ein schmaler Grat zwischen ernsthafter Recherche zu Geheimdiensten, geheimen Befehlen und der Geheimpolitik einzelner Staaten, und Verschwörungstheorien, besser: Verschwörungsnarrativen. Will man in die Welt der Agenten, Spione und der codierten Botschaften vordringen, bleibt einem zwangsläufig nicht viel übrig, als gegebenenfalls den Vorwurf in Kauf zu nehmen, sich einer raunenden Erzählung hinzugeben, die ein Publikum vor allem deshalb beschäftigt, weil sie in eben jenen Zwischenräumen angesiedelt ist, wo die Quellenlage eher unübersichtlich wird. Umso wichtiger, dass der oder, wie im Fall des vorliegenden Buchs TERRORJAHRE. DIE DUNKLE SEITE DER CIA IN ITALIEN (2006), die Autorin – Regine Igel – sauber und seriös recherchiert, um möglichst unangreifbar zu sein. Es bleiben auch so noch genügend Flächen, wo es eben nicht möglich ist, letzte Gewissheiten zu geben.

Igel, die als freie Publizistin u.a. für die Süddeutsche Zeitung, die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung, die taz oder auch den Freitag geschrieben hat, hat sich lange Jahre sowohl mit dem Terrorismus in Italien, wo sie nahezu 18 Jahre gelebt hat, als auch dem RAF-Terrorismus in der alten BRD und auch der Stasi und deren Unterstützung des Links-Terrorismus in der BRD beschäftigt. Daraus sind mehrere Bücher und Publikationen hervorgegangen, eins davon ist das hier besprochene.

Wie kaum ein anderes Land in Europa – von der Bundesrepublik Deutschland und der ihr nach dem Krieg so oder so zukommenden Sonderfunktion im Kalten Krieg einmal abgesehen – stand Italien in den frühen Jahren der West-Ost-Konfrontation im Fokus sowohl der US-Geheimdienste, also vor allem der CIA, aber durchaus auch des FBI, das entgegen seiner eigentlichen Bestimmung als Inlandspolizei immer auch Auslandseinsätze durchführte, als auch der NATO und deren geheimen Diensten. Italien galt in den Jahren unmittelbar nach Kriegsende als jenes, in dem der Kommunismus möglicherweise jenseits der Einflusssphäre des Warschauer Pakts durch reguläre Wahlen die Oberhand und dadurch tatsächlich maßgeblichen Einfluss auch auf das Gebiet der NATO und der westlichen europäischen Länder gewinnen könnte. So waren die Amerikaner immer bereit – wie auch in anderen Ländern, die in ihrer Einflusszone lagen, wie bspw. den südamerikanischen – zu intervenieren, wenn der Linksdrall zu intensiv wurde. Lange gelang es italienischen Politikern, die Kommunistische Partei Italiens, kurz: PCI, von der Macht fernzuhalten, doch in den 60er Jahren bröckelte die damalige Brandmauer gegen den Kommunismus.

Je weiter sich die Partei unter ihrem damaligen Vorsitzenden Palmiro Togliatti, ab 1964 unter der Führung von Luigi Longo, von Moskau lossagte und einen eigenen, eurozentrischen Weg zum Sozialismus suchte, desto mehr waren konservative Politiker wie bspw. Aldo Moro bereit, darüber nachzudenken, politische Bündnisse mit den vormaligen Kommunisten einzugehen. Diese Annäherung firmierte unter der Bezeichnung „Historischer Kompromiss“. Diese Annäherung war allerdings nicht nur in der Linken selbst hoch umstritten, sondern wurde natürlich auch von Rechtsaußen massiv kritisiert und bekämpft. Zugleich aber entschieden Kräfte, die keinesfalls ein Interesse daran hatten, am offiziellen politischen Diskurs teilzunehmen, dass es an der Zeit sei, einzugreifen. Es wurde sowohl von der CIA als auch von den Diensten der NATO die sogenannte „Strategie der Spannung“ entworfen, deren Konzept es war, die politische wie die zivile Gesellschaft derart unter Stress zu setzen, dass im Zweifelsfall per Notstandsgesetz ein rechtsgerichtetes Regime die Macht an sich reißen und Italien zumindest zeitweilig unter militärische Kuratel stellen könnte, um bspw. einen als schlimmste Maßnahme angenommenen Schwenk der offiziellen Politik hin zu sozialistischen oder gar wirklich kommunistischen Ideen zu unterbinden.

In den Jahren zwischen 1969 bis ca. 1974 ging der dafür eingesetzte Terror eher von rechten Gruppierungen aus, die nicht davor zurückschreckten, Bomben in Bahnhöfen, Zügen oder öffentlichen Plätzen zu deponieren und unter Umständen Dutzende, wenn nicht Hunderte Menschen zu töten. Ab Mitte der 70er Jahre waren es dann linke bis linksextremistische Gruppierungen wie die Brigate Rosse, die Roten Brigaden, die, vergleichbar der RAF in der Bundesrepublik, den Staat vor allem angriffen, indem sie dessen Vertreter ermordeten oder entführten und später ermordeten. Bekanntestes und für Italien bis heute traumatisierendes Beispiel ist die Entführung von Aldo Moro, der als moderater Konservativer einer der wenigen Politiker der Nachkriegszeit gewesen ist, der integrierend wirken konnte.

Regine Igel unternimmt nun in ihrem Band TERRORJAHRE den Versuch, nachzuweisen, dass hinter dieser Strategie und der Art der Anwendung und Umsetzung eben nicht nur die entsprechenden Terrorgruppen steckten, sondern deren Agieren weitestgehend von den geheimen Diensten der Amerikaner und der NATO angeleitet und durchgeführt wurden. Dass Geheimdienste extremistische Zellen überall im Westen infiltrierten, ist kein großes Geheimnis, man weiß, dass bspw. Peter Urbach, der Waffen an vereinzelte Mitglieder der Kommune I lieferte, ein V-Mann des Verfassungsschutzes war.

Heute ist allgemein bekannt, dass einige der tatsächlich aufgedeckten Verschwörungen der Nachkriegszeit auf italienischem Boden stattgefunden haben und dort bis weit in die höchsten Staatsämter hineinwirkten. Zugleich ist Italien natürlich das Land, das mit diversen mafiösen Kriminalstrukturen – der Cosa Nostra, der Camorra oder auch der ´Ndrangheta u.a. – an sich schon ein Musterbeispiel für Verschwörungsnarrative ist. Wo ein Schweigegelübde herrscht, wo Geheimgesellschaften über Leben und Tod entscheiden, da ist die Verschwörung naheliegend. Und so spielt auch die Mafia in Regine Igels Recherchen eine maßgebliche Rolle, denn auch sie wurde, so die These der Autorin, durch die Geheimdienste genutzt, um unliebsame Gegner aus dem Weg zu räumen.

Mit der einstigen Freimaurerloge P2, der nahezu jeder anzugehören schien, der in den späten 70er Jahren, als ihr Wirken bekannt wurde, in Italien etwas zu sagen hatte, wurde eine echte Verschwörungsgruppierung aufgedeckt, die wie eine Schnittstelle zwischen dem Staat, der Mafia und ganz verschiedenen Geheimdiensten fungierte und vielen Reichen, Schönen und Wichtigen in der italienischen Gesellschaft zu sehr guten und sehr weitreichenden finanziellen Geschäften verhalf. Doch diente die P2 immer auch als Hort eben jener Geheimnisse, die Morde an Politikern, Zeugen, Verbrechern oder Agenten feindlicher Dienste oder auch der eigenen, wenn sie nicht spuren wollten, betrafen.

Die andere Gruppierung, wenn man sie denn so nennen will, deren immer schon angenommene Existenz zu Beginn der 90er Jahre, also mit dem Ende des Kalten Kriegs, aufflog, war die sogenannte GLADIO-Organisation. Ursprünglich als Stay-Behind-Organisation der NATO gegründet, die bei einer Besetzung des Landes durch die Sowjetunion hinter den feindlichen Linien für Anschläge, Disruption und Chaos sorgen sollte, wurde GLADIO während der Terrorjahre in den 70ern und den 80er Jahren immer wieder durch die CIA genutzt, um Terroristen bspw. mit Waffen zu versorgen, andere zu trainieren und auch ihre informellen Systeme dienten zur Verbreitung der Strategie der Spannung.

Igel baut ihren Text um fünf von ihr als solche deklarierten „Politthriller“ auf, die ihr die Möglichkeit bieten, wesentliche Aspekte ihres Themas gesondert hervorzuheben. Sie steigt mit dem Bombenanschlag an der Piazza Fontana am 12. Dezember 1969 in ihr Thema ein. Anhand der – größtenteils bekannten – Hintergründe dieses Terrorakts, der exemplarisch für Hunderte in den folgenden Jahren sein sollte, kann sie ihre grundlegenden Thesen darlegen. Der zweite Politthriller ist dann, rückgreifend auf ein früheres Ereignis, der „Fall Mattei“: Enrico Mattei, damals Präsident der italienischen Energiebehörde, stand wie Aldo Moro für eine weichere Linie gegenüber den Kommunisten, hatte aber weit darüber hinausreichende Ideen, die sogar eine neutrale Position Italiens zwischen den damaligen ideologischen Blöcken einschloss. Im Oktober 1962 kam Mattei bei einem Flugzeugabsturz in Mailand ums Leben. Obwohl offiziell die Theorie eines „technischen Defekts“ vertreten wurde (und wird), waren es vor allem Intellektuelle wie der Filmemacher Francesco Rosi, die den Hergang des Unglücks anzweifelten. Der von Rosi mit Recherchen zum Fall beauftragte Journalist Mauro De Mauro verschwand seinerseits während seiner Untersuchungen. Dieser Fall bietet Igel die Möglichkeit, noch einmal die frühen Jahre der antikommunistischen Vorgehensweise zu untersuchen. Vor allem aber kann sie daran anschließend die „Strategie der Spannung“, den rechts- wie den linksgerichteten Terrorismus und die Verstrickung der Geheimdienste vor allem der Amerikaner in diese Organisationen untersuchen. Der dritte Politthriller ist dann der bereits erwähnte Fall um die Entführung von Aldo Moro. Anhand dessen Schicksals untersucht Igel den Wechsel in der Strategie der Dienste weg von den eher anonymen Bombenanschlägen, die den Rechten zugeordnet wurden, hin zu den gezielten Angriffen auf einzelne Vertreter des Staats, wie sie dann für den Linksterrorismus nicht nur in Italien, sondern auch in der BRD – man denke an die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer – typisch gewesen sind.

Im zweiten großen Abschnitt des Buchs beschäftigt sich Igel dann sehr ausführlich mit den Geheimdiensten selbst und der Geheimpolitik, die sie teils auf Anordnung höher gestellter Personen – hervorzuheben ist hier vor allem Giulio Andreotti, mehrmaliger italienischer Ministerpräsident und Außenminister, dessen Wirken in der Nachkriegszeit bis hinein in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts vielfach beschrieben, analysiert und auch beurteilt wurde; ein Mann, der enge Verbindungen nicht nur zu höchst dubiosen und zwielichtigen Männern unterhielt, sondern nachweislich auch mit hochgestellten Persönlichkeiten der diversen Mafiaclans freundschaftlich verkehrte -, teils aber auch aus eigenem Antrieb entwarfen und verfolgten. Hier sind es zum einen der Absturz einer italienischen Linienmaschine am 27. Juni 1980 über dem tyrrhenischen Meer vor Ustica – Politthriller Nr. 4 –, bei dem alle 81 Passagiere ums Leben kamen und der bis heute nicht aufgeklärt wurde, sowie – Politthriller Nr. 5 – der Mord an dem Präfekten und Carabinieri-General Carlo Alberta dalla Chiesa, der am 3. September 1982 auf offener Straße mitten in Palermo gemeinsam mit seiner Frau regelrecht hingerichtet wurde.

Während der Absturz der Linienmaschine vor allem noch einmal beweist, wie weitreichend die Auswirkungen der geheimen Kriege auch international gewesen sind, respektive wie viele Organisationen beteiligt und wie viele Unbeteiligte betroffen waren – hier könnte der Versuch misslungen sein, den libyschen Staatschef Gaddafi unter Mitwirkung von britischen und amerikanischen Kampffliegern zu töten – zeigt der Mord an dalla Chiesa, wie weit Staat und Mafia einander brauchten und benutzten. Der Präfekt war einer der führenden Köpfe bei der Bekämpfung des Linksterrorismus der 70er Jahre. Allerdings war er wohl auch einer der wenigen Aufrechten, die sich nie korrumpieren ließen, die Einsicht in Aldo Moros Aufzeichnungen hatten, welche der während seiner Gefangenschaft verfasste und die, so will es die Legende, sehr weitreichend Aufschluss darüber geben, inwiefern die Dienste, die NATO, die P2 und eben auch die GLADIO-Organisation in die Terrorakte und in diverse Staatsaffären der 60er und 70er Jahre verwickelt gewesen sind. So könnte der Tod dalla Chiesas eben nicht nur für die Mafia, die sich durch ihn, der sich eben nicht einschüchtern und erst recht nicht kaufen ließ, bedroht fühlte, sondern auch für politische Kreise in Rom und anderswo sehr hilfreich und entlastend gewesen sein.

Regine Igel malt auf den weit über 400 Seiten des Buchs also das Panorama eines Staats, der durch ausländische Mächte und deren Geheimdienste und die NATO regelrecht unterwandert wurde und somit nie wirklich ein eigenes Profil, einen eigenen politischen Charakter entwickeln konnte jenseits des mafiösen Strebens einiger weniger sehr einflussreicher Männer. Gelegentlich raunt es mehr, als dass das alles wirklich überzeugt. Es entsteht der Eindruck, dass die CIA und die NATO, ganz unabhängig voneinander, die Geschicke Italiens über einen sehr langen Zeitraum gelenkt hätten. Sicher, Igel kann vieles belegen, sie greift auf Zeugenaussagen – oftmals vor allem jene von Belastungszeugen aus den Kreisen der Mafia und der Terrorszene, sowohl rechts wie links, zurück, wodurch ihr Bericht natürlich sehr an Glaubwürdigkeit gewinnt – aber auch auf Berichte, geheime Dokumente und etliche Zeitungsausschnitte und Dokumentationen zurück. Dennoch bleibt häufig das Gefühl, dass die Autorin ihr Material exakt so auswählt und anordnet, dass genau der von ihr gewollte Eindruck entsteht. Gelegentlich greift sie über Italien hinaus und deutet an, dass auch die Geschichte des bundesdeutschen Terrorismus der 70er und 80er Jahre bis hin zum Mord an Detlev Karsten Rohwedder, der zwar immer der 3. Generation der RAF zugeschrieben wurde, woran aber auch immer schon Zweifel bestanden, wenn nicht neu, so zumindest umgeschrieben werden müsste. Was das genutzte Quellenmaterial allerdings stark beglaubigt, ist die Nutzung und der Abdruck des Field-Manual 30-31, welches die Geheimstrategie des Kriegs hinter den Fronten und die Destabilisierung von demokratischen Gesellschaften, die sich in vom Militär und anderen Organisationen ungewünschte Richtungen vorgibt. Hier kann man dezidiert nachlesen, wie die NATO sich das so vorgestellt hat, wenn Demokratien und Demokraten nicht parieren.

Zu guter Letzt bleibt noch eine Kritik an der stilistischen Leistung. Der Stil des Buchs ist manchmal arg verschwurbelt, die Satzkonstruktionen ungeschickt, gelegentlich entsteht der Eindruck, dass die Autorin sich darin gefällt, ihren Text ähnlich labyrinthisch und verklausuliert anzulegen wie es die Gegenstände ihrer Untersuchungen sind. Das erschwert die Lektüre, manchmal ist es wirklich ärgerlich, wenn man einen Satz wie diesen lesen muss: „Die Entführung habe ihn als Risikofaktor aus dem Verkehr gezogen.“ (S. 300) Aber letztlich sind das natürlich gemessen am Inhalt reine Petitessen. Was Regine Igel beschreibt, ist spannend und wirft ein sehr einprägsames Licht auf die Geschichte der europäischen Demokratie(n) nach dem 2. Weltkrieg. Natürlich rennt sie bei einem ihr geneigten Publikum (zu welchem sich der Rezensent ebenfalls rechnet) offene Türen ein. Und dennoch bleiben gerade die Geschehnisse um Organisationen wie die P2-Loge, um GLADIO, die Mafia, die Moro-Entführung und um Figuren wie Andreotti und weitere Entwicklungen der italienischen Nachkriegsgeschichte immer hochaktuell. Umso mehr, wenn man bedenkt, dass die heutigen Zeiten erneut von Machtbestrebungen einzelner Großmächte, aber erst recht einzelner Personen geprägt werden. Personen, die oftmals ungern ins Licht der Öffentlichkeit treten und meist gar keine politischen Ämter innehaben, sondern lieber ihre Marionetten tanzen lassen. Es wird in Zukunft viele Bücher wie dieses brauchen, in denen lediglich die Namen der Organisationen, Institutionen und Personen ausgetauscht werden. Leider wird das strukturelle Problem immer das gleiche gewesen sein.

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