DER KAMPF UM DIE WAHRHEIT. VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN ZWISCHEN FAKE, FIKTION UND FAKTEN

Eine sehr gute und grundlegende Einführung ins Thema mit allerlei tagespolitischen Bezügen

Vielleicht ist es an der Zeit, sich in einigen Dingen einmal klar zu positionieren. Also – ich liebe Verschwörungstheorien! Ich liebe sie als Plot im Film und in guten Romanen, aber auch in den eher ironisierten Varianten wie in Robert Sheas und Robert Anton Wilsons Romantrilogie ILLUMINATUS! (1975) oder Wilsons EVERYTHING IS UNDER CONTROL. CONSPIRACIES, CULTS AND COVER-UPS (1999). Und auch die vulgärphilosophischen Abwandlungen und Komplettverschwörungen wie in einem Film wie MATRIX (1999) begeistern. Aber gerade bei letzterem konnte man bereits etwas beobachten, das mittlerweile virulent ist: Waren Verschwörungsnarrative lange Zeit, sicherlich in den 60er, 70er und 80er Jahren, eher im linken Werkzeugkasten zu finden, sind sie heute konstituierender Bestandteil rechter Welterfassung und Welterklärung. Da ist etwas gewandert, verrutscht…oder doch nicht? Sind die Ur-Verschwörungsnarrative nicht im Grunde immer „rechts“? Geprägt von Antisemitismus und Aberglaube, dem Mythos verwandt, der Geschichte immer vereinfacht?

Von allen anderen Vorzügen einmal abgesehen, muß man Andreas Anton und Alan Schink und ihr Werk DER KAMPF UM DIE WAHRHEIT. VERSCHWÖRUNGSTHEORIEN ZWISCHEN FAKE, FIKTION UND FAKTEN (2021) vor allem dafür loben, auch auf den oben verhandelten Sachverhalt aufmerksam zu machen. Und daran anschließend sollte man die Autoren herausgehoben dafür würdigen, sich ihrem Sujet vor allem sachlich, nüchtern und unvoreingenommen anzunähern. Denn anders als die meisten Autoren, die sich in den vergangenen Jahren mit Verschwörungstheorien, -erzählungen. -narrativen und -mythen beschäftigt haben, gehen Anton und Schink die Sache doch eher gelassen an, bedienen nicht die allgemeine Hysterie und bedienen sich auch nicht des Gestus der aufgeregten Warner. Sicher haben all die anderen Werke ihre Berechtigung, auch in ihrer Tagesaktualität, auch in ihrem Anliegen, zu warnen und aufzuklären. Doch ein Einwurf wie dieser war schlicht einmal notwendig.

Eher besonnen bemühen sich die Autoren um eine Annäherung an Verschwörungstheorien (die sie auch weiterhin so nennen wollen, auf die Gründe dafür gehen sie explizit ein und umreißen ihre Haltung klar). Sie werden in ihrem historischen und wissenschaftlichen Kontext beleuchtet, wobei auch darauf eingegangen wird, daß es immer Verschwörungen gegeben hat, sie also keineswegs ausschließlich der Vorstellung irgendwelcher Spinner entsprungen sind. Genau an dieser Stelle haken Anton und Schink auch nach und heben gezielt hervor, daß sie eben auch Ausdruck eines kritischen Denkens sind (sein können) und in gewissen Zusammenhängen durchaus ihre Berechtigung haben. In den neun diesen einführenden Kapiteln folgenden Abschnitten untersuchen Anton und Schink dann eine ganze Reihe moderner Verschwörungstheorien. Ob Geheimdienste – die nun einmal für allerlei Verschwörungen gerade während des Kalten Krieges verantwortlich zeichneten – oder der 11. September, ob dezidiert rechte Verschwörungsnarrative („der große Austausch“) oder solche zu Wetterkapriolen und Chemtrails, ob okkulte und esoterische Erzählungen oder – ganz aktuell – jene zu Covid-19: Wenig wird hier ausgelassen, alles ernsthaft besprochen und auch die Widersprüchlichkeiten werden aufgezeigt, die bspw. jene Verschwörungsnarrative zu den Angriffen auf das World Trade Center begünstigen. Auch der gesamte Komplex rund um den NSU, einer rechtterroristischen Vereinigung, deren Mitglieder jahrelang aus dem Untergrund operieren und zehn Menschen töten konnten, obwohl heute recht sicher ist, daß der Verfassungsschutz V-Leute in ihrem direkten Umfeld positioniert hatte, wird hier noch einmal aufgerollt. So können Anton und Schink gut erklären, wie auch politisches, staatliches und institutionelles Handeln Verschwörungserzählungen befeuern.

In den zwei abschließenden Kapiteln wenden sich die Autoren dann dem Kampf gegen Verschwörungstheorien zu, zeigen eigene Ansätze auf und plädieren vor allem dafür, Kompetenzen zu vermitteln – allen voran Medienkompetenz – um Kinder und Jugendliche bspw. besser darauf vorbereiten zu können, wie man mit Informationen umgeht, wie man das Medium Internet besser versteht und damit eben auch versteht, weshalb gerade hier, in der vermeintlich so „offenen“ Gesellschaft, gerade diese Narrative und Erzählungen entstehen und sich so schnell ausbreiten können. Auch weisen sie noch einmal daraufhin, weshalb die herkömmliche und so gern der „Lüge“ bezichtigte Mainstream-Presse gerade in Zeiten wie diesen so wichtig ist und sich auf ihre Kernkompetenz besinnen sollte: Nüchterne und sachliche Berichterstattung und Analyse zu hochkomplexen Sachverhalten. Es tut gut, daß hier mal jemand klar Position für herkömmliche „Leitmedien“ bezieht, ohne dabei diese gegen das Internet auszuspielen, sondern beide als mittlerweile gleichberechtigte Informationsquellen zu begreifen. Man muß halt lernen, wesentliche Informationen von Bagatellen zu unterscheiden und zugleich auch gegenüber diesen vermeintlich wesentlichen Informationen eine gewisse Grundskepsis zu bewahren.

Man sollte dieses Buch – trotz seiner tagesaktuellen Bezüge – eher zu den Metawerken zum Thema rechnen, die sich grundlegend mit der Frage beschäftigen, was Verschwörungstheorien eigentlich sind, wie sie entstehen, welcher Quellen (oder Nicht-Quellen) sie sich bedienen und wie sie funktionieren, was sie denen, die ihnen folgen, überhaupt bringen, wie sie sich ausbreiten und bis wohin man ihnen möglicherweise halbwegs gefahrlos folgen kann, ab welchem Punkt man aber sehr, sehr vorsichtig sein sollte, wie man mit ihnen umgeht. Weniger sollte man es jenen Werken zurechnen, die direkt auf die aktuelle Lage reagieren und mahnen (obwohl die Autoren dies durchaus auch tun), weil Verschwörungsnarrative mittlerweile vor allem aus der rechten Ecke befeuert werden und deren Nutzen scheinbar einzig darin liegt, Hass und Hetze zu verbreiten und zu schüren, Keile in Gesellschaften zu treiben und meist verbrannte Erde zu hinterlassen.

Das ist gut und flüssig lesbar, informationsreich und macht sogar Spaß bei der Lektüre. Vor allem aber holt dieses Buch Verschwörungstheorien ein wenig aus der Schmuddelecke und gibt einen guten und nachvollziehbaren Ein- und Überblick zum Forschungsstand. Und es verdeutlicht noch einmal, wie wesentlich kritisches Denken ist, wie wichtig es ist, unabhängig und frei zu denken und sich nicht – egal aus welcher politischen Richtung – vereinnahmen zu lassen, sondern Meldungen, Nachrichten und Erklärungen und den Hintergründen gegenüber skeptisch zu bleiben. Es ist ein schmaler Grat und es will gelernt sein, ihn zu beschreiten. Dieses Buch hilft dabei.

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