SILKWOOD

Mike Nichols erzählt einen Polit-Thriller im Gewande eines Sozialdramas

Karen Silkwood (Meryl Streep) lebt und arbeitet in Oklahoma. Sie ist als Chemietechnikerin in dem Unternehmen Kerry-McGee beschäftigt, welches Brennelemente herstellt. Immer wieder kommt es zu zwar geringfügigen Unfällen, die für die Angestellten jedoch oft dramatische Folgen haben, häufen sich doch die Krebsfälle. Geht bei den Routine-Tests, denen sich alle Angestellten nach ihrer Schicht unterziehen müssen, einer der Alarme los, werden die Betreffenden äußerst unangenehmen und sehr schmerzhaften Reinigungsprozeduren unterzogen.

Karen ist eine geschiedene Frau, ihre beiden Kinder leben bei ihrem Ex-Mann. Selbst lebt Karen in einem Haus mit ihrem Freund Drew Stephens (Kurt Russell) und ihrer lesbischen Freundin Dolly Peliker (Cher), die ein wenig in sie verliebt ist. Die Beziehungen untereinander sind im Grunde geklärt, Dolly akzeptiert Drews Anwesenheit, sie teilt mit ihm die Liebe für Marihuana und ein gelegentliches Bier. Die beiden unterstützen Karen auch, wenn sie teils Hunderte von Meilen fährt, um sich mit ihren Kindern zu treffen. Karen vergisst Termine wie diesen allerdings häufiger, was ihr Probleme mit den Kolleginnen und Kollegen einbrockt, die auf der Arbeit immer wieder für sie einspringen müssen.

Als sich während einer solch getauschten Schichten ein mittelschwerer Unfall mit radioaktiv kontaminiertem Material ereignet, misstrauen ihre Kolleg*innen Karen. Ihr wird sogar unterstellt, eine bewusste Manipulation an ihrem Arbeitsplatz begangen zu haben. Natürlich hat sie nichts Derartiges getan, doch zeigt diese Begebenheit, dass eine gewisse Konkurrenz und ein generelles Misstrauen in der Belegschaft herrschen. Man ist sich einerseits zugetan, andererseits ist ein jeder und eine jede auch auf den eigenen Vorteil bedacht. Deshalb haben Gewerkschafter auch keinen guten Stand in der Firma, da Kerry-McGee weit und breit der einzige industrielle Arbeitgeber ist.

Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen mit radioaktivem Material, was Karen und auch andere zunehmend glauben lässt, dass es in der Firma nicht mit rechten Dingen zugeht. Es geht das Gerücht um, es habe einen ganzen kontaminierten Lastwagen gegeben, den die Firma habe verschwinden lassen. Während einer Rauchpause beobachtet Karen, wie ein solcher LKW auf einem Hof in seine Einzelteile zerschnitten und verklappt wird.

Karen beginnt, sich nun selbst in der Gewerkschaft einzubringen. Sie spricht mit ihren Verbindungsleuten und wird schließlich sogar nach Washington D.C. eingeladen, wo sie mit höheren Gewerkschaftsvertretern spricht, die ihr versichern, gegen Kerry-McGee vorgehen zu wollen, wenn sie das nötige Beweismaterial hätten.

Karen beginnt, genau solches Material zu sammeln. Dafür lässt sie sich sogar in eine andere Abteilung versetzen, wo ihr Kollege Winston (Craig T. Nelson) damit beschäftigt ist, Mikroaufnahmen zu bearbeiten. Nach und nach wird Karen klar, dass er tatsächlich beweisfähiges Foto-Material, welches zeigen würde, dass es Unstimmigkeiten in den Arbeitsabläufen und sogar undichte Stellen an den Brennstäben gibt.

Je mehr Karen sich in die Gewerkschaftsarbeit einbringt, sich auch offen agitierend auf Versammlungen zeigt, desto häufiger melden die Alarme sie selbst als radioaktiv verseucht. Offenbar versucht die Firma, sie zu verunsichern. Da Karen anhand einer Kollegin, mit der sie enger befreundet ist, weiß, wie schnell die Verseuchung zu Krebs führen kann, macht sie sich große Sorgen um ihre Gesundheit.

Auch privat knallt es. Drew, der sich einfach ein klassisches ruhiges Leben wünscht, Footballspiele schauen, Bier trinken, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, zieht aus und verlässt Karen, weil er deren Engagement nicht teilt und sogar ablehnt, da sie mit ihrem Einsatz die Jobs Tausender Menschen in der Region gefährde. Auch mit Dolly kommt es zu Streit, da sie Drew vermisst und der Ansicht ist, dass Karen sich zusehends verändert.

Als erneut eine starke Verseuchung bei Karen festgestellt wird, lässt die Firma auch ihr Haus untersuchen. Es wird festgestellt, dass das gesamte Haus kontaminiert ist. So wird nun ein Vorwurf konstruiert, Karen habe seit langem vermisstes Uranium aus dem Betrieb entwendet und bei sich zuhause gelagert. Eine abstruse Idee, doch so kann man ihre Glaubwürdigkeit erschüttern.

Drew kehrt zu Karen zurück und auch mit Dolly kommt sie wieder ins Reine. Das bedeutet, dass sie auch eventuelle Eifersüchteleien, weil Dolly in Karen verliebt ist, ausräumen können. Drews Unterstützung ist für Karen sehr wichtig, da ihr zusehends der Boden unter den Füßen zu entgleiten droht und sie die Feindseligkeiten ihrer ehemaligen Kollegen in ihrer alten Abteilung immer stärker zu spüren bekommt.

Aufgrund der Aufnahmen aus Wilsons Abteilung, die beweisen, dass die Schweißnähte an Brennelementen nicht ordnungsgemäß gearbeitet wurden und anschließend großer Aufwand betrieben wurde, dies zu vertuschen, beschließt die Gewerkschaft, dass Karen das Material an einen Journalisten der New York Times übergeben sollte. Die Sache ist zu groß und zu heiß, man will sich die Unterstützung der Öffentlichkeit sichern.

Unterwegs zum Treffpunkt wird Karen in ihrem Wagen von einem sie verfolgenden Auto so stark bedrängt, dass sie die Kontrolle verliert, von der Straße abkommt und im Wrack an den Folgen ihrer Verletzungen stirbt. Die Unterlagen finden sich nicht im Wagen.

Nachdem er mit WHO´S AFRAID OF VIRGINIA WOOLF (1966) und THE GRADUATE (1967) einen Klassiker des Schauspielerkinos im späten Hollywood gedreht hatte, danach einen der wesentlichen Beiträge, gar die Initialzündung des ‚New Hollywood Cinema‘, das mit seinen lebensnahen, zeitgenössischen Geschichten, authentischen Locations und dem häufig unkonventionellen Erzählstil neue Maßstäbe im amerikanischen Kino setzte, war der Stern von Regisseur Mike Nichols in den 70er Jahren zusehends gesunken. Zwar konnte er mit CARNAL KNOWLEDGE (1971) einen weiteren wesentlichen Beitrag zum modernen amerikanischen Kino liefern, doch war dem Filmemacher schon mit diesem Werk eher die Aufmerksamkeit der Kritiker und Film-Wissenschaftler sicher, weniger die des Publikums. Nach 1975 zog Nichols sich aus Hollywood zurück und kehrte erst zu Beginn der 80er, einem filmisch betrachtet vollkommen neuen Jahrzehnt, auf die große Leinwand zurück. Umso erstaunlicher, dass SILKWOOD (1983), die erste von letztlich drei Kooperationen mit der damals zum Star aufstrebenden Schauspielerin Meryl Streep, in seiner Anlage noch alle Merkmale eines typischen Produkts des ‚New Hollywood‘ aufweist.

Der Film war bereits Jahre in der Entwicklungsphase, es hatte harte Kämpfe um die Produktion gegeben, bis schließlich die ABC Motion Pictures das Projekt von Warner Bros. übernahmen, die den Film ursprünglich mit Jane Fonda in der Hauptrolle hatten realisieren wollen. Das Sujet war Warner Bros. schließlich etwas zu heiß, hatte es doch lange Verzögerungen gegeben, da die Firma Kerr-McGee, um die es im Film u.a. geht, immer wieder versuchte, das Projekt zu stoppen, einzelne Beteiligte vor Gericht zerrte und auch die beteiligten Produktionsfirmen mit Abmahnungen und Vorladungen überzog.

Kein Wunder, behandelt das von Nora Ephron und Alice Arlen, auf dem Buch WHO KILLED KAREN SILKWOOD? von Howard Kohn basierende Drehbuch doch einen der großen Umwelt- und Wirtschaftsskandale der 70er Jahre. Karen Silkwood war Angestellte in einer Plutonium-Fabrik der Firma Kerr-McGee in Oklahoma. Gewerkschaftlich engagiert, trat sie nicht nur für bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten ein, sondern wurde auch zu einer frühen Whistleblowerin, als sie Material zusammentrug, welches bewies, dass in der Firma auf lebensbedrohliche Art mit hochradioaktivem Material umgegangen wurde. U.a. sich häufende Krebserkrankungen unter ihren Kolleg*innen machten ihr zusehends Sorge. Am 13. November 1974, sie war auf dem Weg zu einem Treffen mit Journalisten in Oklahoma City, bei welchem sie die von ihr zusammengetragenen Unterlagen an diese übergeben wollte, kam sie bei einem letztlich nie geklärten Autounfall ums Leben. Die Unterlagen fanden sich nicht im Wrack des Wagens, in dem sie verunglückt war.

Im Grunde ist dies typischer Stoff für jenes politisch wie gesellschaftlich engagierte Kino, welches die 70er Jahre prägte. Eine authentische, zeitgenössische Geschichte (die zum Zeitpunkt, da der Film schließlich erschien, allerdings bereits ca. zehn Jahre zurücklag), die direkt aus dem amerikanischen Alltag erzählte. Dafür war das Drehbuch von Ephron und Arlen maßgeblich verantwortlich, da die beiden Autorinnen eben keinen reinen Politthriller im Stil von Alan J. Pakulas ALL THE PRESIDENT´S MEN (1976) geschrieben hatten, sondern eher das Emanzipationsdrama einer Frau, die ihr Leben bis dato in einer für ihr Umfeld typischen Art und Weise verbracht hatte.

Geschieden, sieht die von Streep in einer ihrer charakteristischsten und eindringlichsten Rollen gespielte Karen Solkwood ihre Kinder nur gelegentlich, leben sie doch bei ihrem Ex-Mann und dessen neuer Frau. Karen feiert gern und zieht ansonsten ihre Schichten in der Plutonium-Fabrik durch, welche der monopolistische Arbeitgeber für die gesamte Region ist und dadurch wirtschaftlich und sozial große Macht ausübt. Gewerkschaftliche Organisation ist hier selten, die Arbeiter sehen sie auch nicht gerne, will doch niemand Ärger mit seinem Brötchengeber bekommen. Am ungewöhnlichsten in Karens Leben ist die häusliche Situation in der sie lebt. Neben ihrem Freund Drew, gespielt von Kurt Russell in einer seiner ersten „ernsthaften“ Rollen, wohnt auch Karens lesbische Freundin Dolly im Haus. Sie wiederum wird von Cher gespielt, die Mitte der 80er Jahre mit Rollen wie dieser, aber auch in ebenfalls sehr erfolgreichen Filmen wie MASK (1985), THE WITCHES OF EASTWICK (1987) oder MOONSTRUCK (1987) eine Karriere als ernstzunehmende Charakterdarstellerin anstrebte.

Mike Nichols, der 1980 mit GILDA LIVE (1980), einer Collage aus Auftritten des Saturday Night Live-Stars Gilda Radner, nach fünf Jahren Leinwandabstinenz auf sich aufmerksam gemacht hatte, stieß, gemessen an der Länge der Entwicklung, vergleichsweise spät zu diesem Projekt. ABC Motion Pictures heuerte ihn an. Während Streep als aufstrebender Star vom Studio gebucht wurde, ging die Besetzung der Rolle von Dolly mit Cher auf Nichols zurück, der sie am Broadway gesehen hatte und überzeugt war, dass sie perfekt in die Rolle passte. Unterstützt werden die Hauptdarstellerin und die beiden führenden Nebenrollen von einem bis in kleinste Nebenrollen hervorragenden Ensemble aufstrebender Charakterdarsteller, zu denen u.a. Fred Ward, M. Emmett Walsh, Ron Silver, Bruce McGill, Craig T. Nelson zählten.

Gemeinsam mit Kameramann Miroslav Ondříček, der das Oklahoma des Films in blassen Bildern als eine karge, leere, abweisende Fläche einfängt, unterlegt mit der manchmal arg melodramatischen, manchmal spannungssteigernden Musik von Georges Delerue, erzählt Nichols die Geschichte als einen Mix aus Sozial- und Beziehungsdrama und zunehmend als Politthriller, ohne dass er die Geschichte je an billige Spannungseffekte verriete. Spannung baut sich hier eher aus den Beziehungen der Protagonisten untereinander auf. Da ist die Beziehung zwischen Karen und Drew, die zusehends unter ihrem politischen Engagement leidet, da Drew dieses als überflüssig und belastend begreift; die Beziehung zwischen Dolly und Karen bleibt relativ unklar, da die Drehbuchautorinnen sich offenbar nicht wirklich trauten, eine mögliche intime Beziehung zwischen den beiden mehr als nur anzudeuten und so der Eindruck entsteht, dass Dolly unter der zurückgewiesenen Liebe Karens leide. Auch die Beziehungen im Betrieb zu den Kollegen und Kolleginnen werden oft eher skizziert oder angerissen, sind aber deutlich zu erkennen, da alle Schauspieler in der Lage sind, aus kleinen Gesten, Blicken, mimischen Andeutungen ein Maximum an Interpretation aus ihren jeweiligen Rollen herauszuholen. Hinzu kommen die oft nur angedeuteten, durch Streeps Spiel allerdings mehr als deutlichen innerfamiliären Probleme in der Beziehung zu ihren Kindern und dem Ex-Mann.

So sehen wir Karen gemeinsam mit Drew und Dolly in einer schwer zu ertragenden Sequenz ewig weit fahren, um mit ihren Kindern in einem Fast-Food-Restaurant den Nachmittag zu verbringen und letztlich nur darauf zu warten, dass der Ex-Gatte die Kinder wieder abholt. Anhand der vorausgegangen Versuche Karens, Kolleginnen zu überreden, ihre Schicht zu übernehmen, weil sie den Termin mit den Kindern vergessen hatte, werden wir mit dem Egoismus dieser Frau konfrontiert, der sich eben nicht nur auf die Beziehung zu den Kindern, sondern auch auf die zu ihren Kolleg*innen niederschlägt. Karen Silkwood in der Interpretation von Meryl Streep und im Kontext des Films – und das macht den Film besonders und außergewöhnlich – ist nicht zwingend eine sympathische Figur. Sie ist ein vielschichtiger Charakter, der an den Aufgaben, die sich im Laufe der Handlung stellen, wächst, sie verändert sich, wird härter im Angesicht der Realität, die sie zu durchschauen begreift, und zugleich weicher, zugänglicher in Bezug auf die sie umgebenden Menschen.

Darin ähnelt die Entwicklung der Figur anderer Frauenfiguren gerade im Kino der 70er Jahre, bspw. der von Sally Field gespielten Titelfigur in Martin Ritts Oscar-prämierten Gewerkschaftsdrama NORMA RAE (1979) oder der von Jane Fonda gespielten Krankenschwester Sally Hyde in Hal Ashbys COMING HOME (1978). Ist es dort der Vietnamkrieg, der eine ansonsten eher unpolitische Frau nach und nach begreifen lässt, was um sie herum vorgeht, ist es hier die Erkenntnis, was in ihrem Betrieb wirklich los ist, die Karen Solkwood politisiert. Allerdings findet Sally Hyde Unterstützung in der sich immer stärker ausprägenden Szene der Bürgerrechts- und Antikriegsbewegungen. Karen Silkwood, die nicht wie Hyde im schönen Kalifornien, sondern eben im platten, öden Oklahoma lebt, ist auf sich allein gestellt. So ist ihre Emanzipationsleistung umso mehr hervorzuheben. Eine Leistung, die Norma Rae im früheren Film ebenfalls relativ allein durchstehen musste. Es ist die Leistung der Regie, aber eben auch der Hauptdarstellerin Meryl Streep hervorzuheben, denen es gelingt, diesen Prozess ruhig, ohne überzogene Melodramatik, sondern anhand sehr nachvollziehbarer Begebenheiten zu beschreiben.

Nichols scheut sich nicht, drastische Momente zu kreieren. So werden Karen und auch einige ihrer Kolleginnen mehrfach extrem schmerzhafter Reinigungsprozeduren unterzogen, nachdem der Alarm, der anzeigt, ob Mitarbeiter Strahlung abbekommen haben, losgegangen ist. Für das Reinigungspersonal Routine, für die betreffenden Personen eine Qual, die auch nicht dann beendet ist, wenn der Prozess abgeschlossen wurde, denn danach bleibt die Angst, dass die Strahlung möglicherwiese Krebs hervorgerufen haben könnte. All diese Nebenaspekte eines Lebens unter eher prekären Bedingungen in einem Amerika, das sich Mitte der 70er Jahre, als der Film spielt, eh in einer schweren Depression befand, werden hier sehr glaubwürdig eingebaut, ohne je überbetont zu werden. Es sind kleine Momente und Einstellungen – Dolly, die ihr Gras durch ein Sieb reibt, um es zu zerkleinern, wodurch deutlich wird, dass der Genuss von Marihuana längst auch in gesellschaftlichen Schichten angekommen ist, die weit entfernt sind von den Hippieszenen der 60er Jahre, in denen Drogenkonsum Gang und Gäbe gewesen sein mag – die das gesellschaftliche Klima vermitteln und spürbar machen, wie müde all der sozialen und kulturellen Kämpfe diese Gesellschaft eben auch ist. So wird SILKWOOD auch zu einer Bestandaufnahme amerikanischer Befindlichkeiten, eine Dekade nach den Ereignissen, die so bewegend waren – dem Krieg in Vietnam, der Bürgerrechts- und Emanzipationsbewegungen, des Watergate-Skandals.

Es ist aber eben nicht nur ein hervorragendes Drehbuch und auch nicht nur die brillante Regie von Mike Nichols die den Film zu einem Triumph werden ließen. Es sind vor allem die schauspielerischen Leistungen aller Beteiligten. Eben all der fantastischen Nebendarsteller, die Leistung Chers, die zurückhaltend und doch eindringlich spielt und den Schmerz dieser kleinen, etwas unscheinbaren Frau vermittelt, ohne je dabei in den Vordergrund zu drängen. Und Streeps Spiel ist bravourös. Es gelingt ihr hier in ihrer an außergewöhnlichen Leistungen nicht armen Karriere eine der allerbesten. Es verwundert noch heute, dass sie nicht den Oscar erhielt, für den sie bei der Verleihung 1984 nominiert war. Doch verlor SILKWOOD in allen fünf Kategorien, für die er aufgestellt gewesen ist. Das kann allerdings die Qualität des Films nicht mindern. Es ist ein und bleibt ein sozial engagierter, spannender Polit-Thriller einerseits, ein ebenso spannendes Entwicklungs- und Emanzipationsdrama andererseits.

Mikle Nichols blickt dabei vor allem auf den individuellen Entwicklungsprozess seiner Hauptfigur. Dabei lassen Buch und Regie wenig Interpretationsspielraum, wie Karen Silkwood zu Tode kam. In der letzten Szene des Films wird sie während ihrer Fahrt zum Treffpunkt von einem Wagen bedrängt und schließlich von der Straße abgedrängt. Als ein Polizeiwagen bei dem Lokal vorfährt, wo Karens Kollegen warte,  und den dort Versammelten mitteilt, was passiert ist, sehen wir in einer der letzten Einstellungen die ebesno still wie verzweifelt weinende Dolly. Nichols lässt zumindest den Eindruck zu, dass sie bereits weiß, was passiert ist und also möglicherweise – aus verletztem Stolz, aus Eifersucht? – in den vermeintlichen Unfall involviert war, irgendwem gegenüber Karens Fahrweg genannt hat oder ähnliches.

Natürlich ist eine Anklage wie der Film sie darstellt zehn Jahre nach den Vorkommnissen wohlfeil. Doch ist SILKWOOD dennoch ein starkes Manifest für Solidarität und Zusammenhalt und steht in seinem filmischen Engagement klar auf der Seite der Arbeiter des Landes. Es gelingt hier, anhand einer im Grunde einfachen Geschichte zu verdeutlichen, wie stark die Macht einzelner Konzerne ist, die eben alleinige Arbeitgeber in den weiten und verwaisten Regionen des Mittelwestens sind. Und er verdeutlicht die Vereinsamung der Menschen in diesem Land, selbst dann, wenn sie vermeintliche Gemeinschaften bilden, wie es Karen, Drew und Dolly tun. Immer wieder baut der Film Szenen ein, die entweder die Liebe zwischen Drew und Karen belegen oder aber die Zuneigung der beiden Frauen zueinander. Allerdings – auch das eine Leistung von Meryl Streep in ihrer Darstellung dieser einerseits fast ordinären und dann doch stolzen, intelligenten und zusehends wachen Frau – bleibt da immer eine Restdistanz zwischen Karen Silkwood und ihrer Umwelt, auch zu den ihr Nahestehenden. Diese Distanz macht sie zu einem ebenso interessanten wie schwer zu greifenden Charakter, was ihre Wandlung noch einmal unterstreicht.

Sie ist und bleibt ein einsamer Charakter und ist, wie die Menschen in dieser weiten, öden Gegend, den Naturgesetzen, der Gewalt der Einöde ausgeliefert. Für diesen Eindruck ist eben auch die Kamera von Miroslav Ondříček verantwortlich, weil er immer wieder Bilder davon einfängt, wie Autos, Häuser, ganze Straßenzüge sich in der Ferne verlieren. So ist SILKWOOD – vielleicht ungewollt – auch ein bravouröses Stück Americana, das vom Leben in einem immer noch unbezwungenen Land erzählt. Und in dieser Verlorenheit der Weite spiegelt sich die Verlorenheit und das Ausgeliefertsein gegenüber solchen Konzernen wie Kerr-McGee, deren Macht noch Jahre danach ausreicht, eine Hollywood-Produktion zu behindern. Und allein durch die Tatsache, dass der Film existiert und so gut ist, wie er eben ist, wird seine Relevanz, auch zehn Jahre nach den Vorfällen um Karen Silkwood, eben doch wieder belegt.

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