DIE HERZOGIN/THE DUCHESS

Ein brillantes Historiendrama um eine der führenden Frauen ihrer Zeit

Am 6. Juni 1774, einen Tag vor ihrem siebzehnten Geburtstag, heiratet Georgiana Spencer (Keira Knightley) durch ein Arrangement ihrer Mutter Lady Spencer (Charlotte Rampling) den über zehn Jahre älteren William Cavendish, 5. Duke of Devonshire (Ralph Fiennes). Er verlangt lediglich zwei Dinge von seiner Gattin: Sie möge ihm einen Sohn gebären und ansonsten absolut loyal ihm gegenüber sein.

Für Georgiana, die zunächst eher romantische Vorstellungen von der Ehe hegt, ist es ein Schock, als sie begreift, dass ihr Gatte wenig bis kein Interesse an ihr hat. Seine etwas unbeholfenen Bemühungen, mit ihr zu schlafen, verängstigen sie eher, als dass Nähe entsteht. Sie findet ihn im Bett mit den Dienstmädchen. Zudem präsentiert er ihr bald nach der Eheschließung ein junges Mädchen, eine Tochter aus einer Liaison mit einer Dame der Gesellschaft, die kürzlich verstarb. Das Kind solle nun bei ihnen aufwachsen, Georgiana solle sich um sie kümmern, sie könne daran ihre mütterlichen Eigenschaften schärfen.

In Gesprächen mit ihrer Mutter lernt sie schnell, was „Frau sein“ bedeutet: Gebär ihm einen Sohn, dann lässt er Dich in Ruhe. Dementsprechend entschuldigt sich Lady Spencer nach der Geburt des ersten Kindes bei ihrem Schwiegersohn für das „Malheur“, dass es nur eine Tochter geworden ist. Doch auch das zweite Kind wird eine Tochter, was den Duke nachhaltig verstimmt. Er redet kaum noch mit seiner Frau, meidet sie, führt sein eigenes Leben.

Georgiana zeigt Interesse an vielerlei Themen, vor allem an der Politik. Der Duke, der den Whigs, den Liberalen, nahesteht, gibt häufiger Diners in seinem Stadthaus, denen er selbst allerdings wenig Beachtung schenkt. Die dort gehaltenen Reden, so gesteht er auf Nachfrage gegenüber seiner Frau, langweilten ihn.

Bei einem offiziellen Anlass lernt Georgiana, die in der Gesellschaft hohes Ansehen genießt, als eine der schönsten Frauen Londons gilt und sowohl als Gesprächspartnerin als auch beim Spiel gefragt ist, den Politiker Charles Grey (Dominic Cooper) kennen. Sie findet ihn attraktiv, ebenso interessieren sie aber auch seine politischen Anliegen. Sie bietet ihm an, ihre Beliebtheit in den Dienst seines Wahlkampfs zu stellen und tritt nun häufiger mit ihm gemeinsam in der Öffentlichkeit auf.

Während eines Kuraufenthalts in Bath lernt das Ehepaar Cavendish Elizabeth „Bess“ Foster (Hayley Atwell) kennen. Die wurde von ihrem Mann verstoßen, sie darf ihre Kinder nicht sehen. Georgiana und Bess freunden sich schnell miteinander an. Als der Aufenthalt sich dem Ende nähert, wird deutlich, dass Bess nicht weiß, wo sie nun hingehen soll. Der Duke stimmt Georgianas Bitte, Bess zu sich nach London zu nehmen, zu.

In London wird die Freundschaft der Frauen enger. Bess, die begreift, dass nicht nur „jeder, außer ihrem Mann“ in Georgiana verliebt ist, sondern auch, dass ihre Freundin nichts von den körperlichen Lüsten versteht, ja, nicht einmal weiß, was diese bedeuten können, verführt sie und macht ihr damit klar, dass Sex Spaß machen, Lust bereiten kann. Während der Intimitäten flüstert sie Georgiana zu, sie solle sich vorstellen, es seien die Berührungen von Charles Grey.

Der Duke macht Bess zu seiner Geliebten, was Georgiana, als sie dies herausfindet, zutiefst verletzt. Auf ihre Forderung, die Freundin möge das Haus verlassen, geht der Duke nicht ein. Bess verteidigt sich vor Georgiana damit, dass sie glaube, durch das Verhältnis mit dem Duke ihre Kinder zurückbekommen zu können. Georgiana reagiert kühl auf Bess Verteidigung. Dann entscheidet sie sich, ihren Mann damit zu konfrontieren, selbst ebenfalls eine Affäre eingehen zu dürfen. Der Duke ist außer sich und erinnert sie an ihr Versprechen, ihm gegenüber loyal zu sein. Was für ihn gilt, gilt noch lange nicht für sie. Bess versucht Georgiana zu unterstützen, findet aber ebenfalls kein Gehör beim Duke.

Georgiana erklärt, dass sie Charles Grey als ihren Liebhaber auserkoren habe. Daraufhin vergewaltigt der Duke seine Frau, die erneut schwanger wird. Diesmal ist es der lang ersehnte Sohn, der geboren wird.

Mit Bess´ Hilfe gelingt es Georgiana, näher in Kontakt mit Grey zu kommen. Die beiden gestehen sich ihre Zuneigung, ja Liebe zueinander. Die Affäre wird aber schnell öffentlich und stellt Cavendish bloß. Der zwingt seine Frau mit der Drohung, ihr die Kinder zu entziehen, sie gesellschaftlich kalt zu stellen und darüber hinaus Greys politische Karriere zu zerstören, die Beziehung zu ihrem Geliebten zu lösen. Grey fleht sie an, bei ihm zu bleiben, koste es was es wolle, doch die Aussicht, den Kontakt zu den Kindern zu verlieren ist für Georgiana unerträglich. So beendet sie das Verhältnis mit Grey.

Doch ist sie erneut schwanger, diesmal von Grey. Cavendish schickt Georgiana gemeinsam mit Bess zur Betreuung auf ein Anwesen auf dem Land, weit weg von London. Hier gebärt Georgiana das Kind, das sie dann auf Cavendishs Geheiß in die Obhut von Greys Familie geben muss.

Erst nach geraumer Zeit kehrt Georgiana nach London zurück. Schnell nimmt sie wieder ihre Stellung in der Gesellschaft ein. Bei einem Empfang trifft sie erstmals wieder auf Grey. Man gibt sich distanziert. Er erklärt ihr, dass er bald heirate, flüstert ihr dann aber zu, dass es der gemeinsamen Tochter gut gehe.

Georgiana fügt sich in der Folgezeit in ihr Schicksal. Sie geht gemeinsam mit Bess und ihrem Mann eine Ménage-à-trois ein. Bess gebiert dem Duke zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Mehrfach über die Jahre kann Georgiana ihre heimliche Tochter Eliza treffen. Das Arrangement im Hause Cavendish bleibt bis zu Georgianas Tod im Jahr 1806 bestehen. Bevor sie stirbt, gibt sie ihrer einstigen Freundin ihren Segen, so dass diese den Duke guten Gewissens heiraten kann.

Charles Grey wurde im Jahr 1830, lange nach dem Tod seiner einstigen Geliebten, Premierminister des Vereinigten Königreichs.

Wie soll man von der Vergangenheit erzählen? Muss man zwingend Bezüge zur Gegenwart herstellen? Betrachtet man die Geschichte als Drama, gar als Tragödie – oder eher als Farce? Macht man sich lustig über längst Vergangenes und darüber, dass Menschen einmal handeln konnten, wie im entsprechenden Film dargestellt? Veredelt und verherrlicht man eine Zeit, die man nicht kennt und daher zeigen kann, wie man sie sich vorstellt, wie man sie vielleicht gern gehabt hätte? Oder stellt man eine Vergangenheit dar, die erkennbar Pfade in die Gegenwart einschlägt und aus der heraus wir erklären können, weshalb wir sind, was und wie wir sind?

Saul Dibb entschied sich im Fall von THE DUCHESS (2008) für das Drama mit offensichtlichen Bezügen zur Gegenwart. Es handelt sich um eine wesentliche Episode im Leben der Georgiana Dorothy Cavendish (*1757; †1806), einer geborenen Spencer und damit vierfachen Ur-Tante von Lady Diana Spencer (*1961; †1997), langjährige Gemahlin von Prince Charles, der mittlerweile König von Großbritannien ist. Die Geschichtsschreibung zieht gern Parallelen zwischen dem Leben der Herzogin während der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und der unglücklichen Prinzessin von Wales, die unter den strengen Regeln des Herrscherhauses und ihrer darin vorgesehenen Rolle litt und sich schließlich scheiden ließ. Dibb schrieb das Drehbuch gemeinsam mit Jeffrey Hatcher und Anders Thomas Jensen, Vorlage war Amanda Foremans Biographie GEORGIANA, DUCHESS OF DEVONSHIRE (Original erschienen 1998).

Georgiana Spencer heiratete im Juni 1774 William Cavendish, den 5. Duke of Devonshire. Eine von der Familie, im Film vor allem durch die von Charlotte Rampling als kalte und distanzierte Frau dargestellte Mutter arrangierte Ehe. Wie damals – und bedenkt man die Rolle Dianas im System der Windsors zu Beginn der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts, auch heute noch – üblich, hatte sie nur eine Aufgabe: Dem Duke einen Nachfolger, das hieß: einen Sohn, zu gebären. Ralph Fiennes als Duke of Devonshire verlangt im Film darüber hinaus unbedingte Loyalität. Und genau diese Forderung wird der Dreh- und Angelpunkt des sich anbahnenden Dramas. Denn – all dies beruht auf Fakten – Georgiana selbst holte mit Elizabeth Harvey, genannt Bess, spätere Foster, eine Kontrahentin ins Haus. Die beiden lernten sich bei einem Kuraufenthalt in Bath kennen und freundeten sich schnell miteinander an. Bess litt unter einem Gatten, der sie verstieß und ihre die Kinder entzog, Georgiana bat sie, zu ihr nach London zu ziehen. Hier wurde Bess allerdings schnell die Mätresse des Herzogs. Aus ihrer Sicht lediglich ein Manöver, um ihre gesellschaftliche Stellung neu zu justieren und ihre Kinder wiedersehen zu können, für den von seiner Frau zusehends gelangweilten und auch entnervten Adligen eine willkommene Abwechslung. Für Georgiana hingegen ein Affront. Denn Loyalität scheint im Hause Cavendish dann doch eher eine Einbahnstraße zu sein.

Nun ist Georgiana allerdings nicht nur als geprellte Gattin eines Vertreters des englischen Hochadels interessant, wobei dies eine wesentliche Rolle in ihrer und der Entwicklung der Situation als gesellschaftliches Ereignis einnahm. Wesentlicher ist ihr Engagement, ist ihre Stellung in der Gesellschaft, die sie zu einer der einflussreichsten Frauen ihrer Zeit machte. Sie war politisch interessiert und scheute sich nicht, ihre Ansichten kundzutun. Sie unterstützte die Whig-Partei und damit die Liberalen; sie pflegte Umgang mit dem späteren King George IV. und Freundschaften mit liberalen Größen ihrer Zeit, darunter mit dem späteren Premierminister Charles Grey, mit dem sie eine gemeinsame, als illegitim betrachtete Tochter hatte. Sie war in modischen Belangen eine Trendsetterin, sie galt als eine Schönheit, sie war spielsüchtig und ob dessen hoch verschuldet und immer wieder begann sie Affären mit verschiedenen Männern. All dies führte immer wieder zu Skandalen. Kurz gesagt, war sie als Gesamtkunstwerk ein gesellschaftliches Ereignis. Ihr häusliches Leben blieb hingegen durch die von ihr nicht gewollte Ménage-à-trois mit ihrem Gatten und Bess geprägt. Allerdings gab sie, bevor sie starb, ihrer einstigen Freundin ihren Segen, was Bess, da schon geschiedene Foster, die Möglichkeit gab, William Cavendish zu ehelichen, mit dem sie bereits zwei gemeinsame Kinder hatte.

Dies ist so oder so eine bemerkenswerte Biographie, ein bemerkenswertes Leben in einer Zeit, in der Frauen zumeist schmückendes Beiwerk waren und eben „Gebärmaschinen“ für ihre Männer, die männliche Nachkommen, Erben, einforderten. Zumindest galt dies für die englische Upper Class. Eine solche Biographie bietet sich natürlich perfekt für eine Studie, einen Roman oder einen Film an. Und natürlich drängen sich die Vergleiche mit einer Frau wie Lady Diana geradezu auf. Keira Knightley gibt dieser Frau, Georgiana, eine ungeheure Würde und Stärke, lässt jedoch zugleich erkennen, wie verletzt sie ist, wie sehr sie unter der Behandlung durch ihren kalten und distanzierten Gatten leidet. Auch der Verrat durch die Freundin drückt sich, wenn auch dezent, in Knightleys Mimik, der zunehmenden Verhaltenheit ihrer Gesten gegenüber der Freundin aus, darin, wie sie sich erst befremdet zeigt, dann zusehends verletzt und schließlich, anders kann man es nicht sagen, resigniert. Diese Frau wird, trotz all ihrer Stärke, nicht gegen die Konventionen, gegen die herrschenden Gesellschaftsregeln ankommen. Also muss sie für sich Kompromisse aushandeln – mit anderen, mehr noch mit sich selbst -, die es ihr erlauben, ein Leben zu führen, welches sie für halbwegs erträglich hält. Subtil versteht es das Buch – und viel mehr noch Knightleys Darstellung – die Entwicklung dieser Frau zu vermitteln: Ihren Schmerz, ihre Verletztheit, die Wut, aber eben auch ihr inneres Wachsen, ihr sich entfaltendes Bewusstsein, sowohl politisch als auch kulturell, in sozialen Belangen, aber auch persönlich, körperlich, in Bezug auf ihre Rolle als Frau.

Die Tatsache, durch die eigene Mutter mehr oder weniger verhökert zu werden, mag noch den herrschenden konventionellen Bedingungen entsprechen und als solche von der da noch sehr jungen Frau[1] hingenommen werden, die offenbar romantisch-naive Vorstellungen von der Liebe hegt. Dass diese Ehe vor allem ein Geschäft ist, begreift sie bald: Es mag der gesellschaftlichen Stellung der Familie zuträglich sein, zukünftig der Familie Devonshire anzugehören, vor allem aber ist es eine regelrechte Verpflichtung gegenüber ihrem Mann, der einen Sohn will, nein, braucht. Seine Pflicht nämlich ist es, einen Nachkommen, eben den Erben für die Familie zu zeugen.

Es ist ein Verdienst des Buchs, aber auch der Darstellung Ralph Fiennes´ geschuldet, dass dieser Mann nicht nur monströs erscheint, sondern zumindest ein wenig Verständnis des Publikums erwarten darf. Er ist ein steifer, spröder, ein wenig scheuer Mann, dem die Unsicherheit in Bezug auf seine Frau ebenso anzumerken ist, wie in Bezug auf gesellschaftliche Belange. Er verlässt ein Diner in seinen eigenen Räumlichkeiten, weil er die dort gehaltenen Reden seiner Whig-Freunde nicht ertragen kann, sie langweilen ihn. Er weiß nicht viel zu reden, mäkelt am Essen herum, ist häufig in sich zurückgezogen. Allerdings ist er auch ein Mann seiner Zeit: Von Beginn der Ehe an vergnügt er sich wie selbstverständlich mit Mätressen, er mutet Georgiana zu, sich um ein uneheliches Kind zu kümmern, welches er mit einer anderen Frau gezeugt hat, und ist ansonsten nicht an näherem Austausch mit seiner Gattin interessiert. Überhaupt wirkt dieser Mann reichlich desinteressiert am Leben selbst. Kalt und distanziert eben, wie eingangs schon beschrieben. Aber auch in sich eingeschlossen und dadurch von der Gesellschaft und dem Leben selbst getrennt.

Das Buch ist voller kleiner, versteckter und sehr schmerzhafter Verweise auf die Gepflogenheiten der Zeit: So entschuldigt sich Georgianas Mutter bei ihrem Schwiegersohn dafür, dass das erstgeborene Kind ihrer Tochter ein „Malheur“, sprich: eine Tochter ist. Als sei dies eine kaum verzeihliche Schuld der Frau. Man kann die Stellung der Frau in einer Gesellschaft wie dieser kaum deutlicher herausstellen, kenntlich machen. Ohne dass der Film dieses Thema allzu explizit hervorhebt, ist genau dies jedoch die Basis der Handlung. Dass es Elizabeth Foster leichtfällt, die Aufmerksamkeit des einer Liebelei niemals abgeneigten Duke of Devonshire zu erregen – sollte sie es denn aus Kalkül auf diese abgesehen haben – erklärt nicht zuletzt, dass sie bereits Kinder geboren hat. Während die allseits beliebte Georgiana als modische Trendsetterin, als Dame der Gesellschaft, als Schönheit hoch angesehen ist, ist sie in ihrem Haus, in den Augen ihres Mannes, eine Fehlbesetzung solange kein männlicher Nachkomme gezeugt wurde. Umso drastischer, dass es nach einer Vergewaltigung durch ihren Mann doch noch soweit kommt. In seinen Augen ist Georgiana nicht die wunderbare Gesellschaftsdame, die jeder schätzt, in die – laut Elizabeth – ein jeder verliebt sei, außer ihrem Mann, nein, in seinen Augen ist die einfach nur lästig in ihren Ansprüchen, ihrer Selbstsicherheit, ihren vorlauten Wortmeldungen.

Die Emanzipation der Georgiana Dutchess of Devonshire beginnt spätestens, als Bess sie verführt und ihr damit beibringt, dass Sex etwas Schönes sein kann. Der Film schneidet unmittelbar nach dieser Verführungsszene in eine Festivität, bei der Georgiana Charles Grey trifft und ihm anbietet, ihre Popularität für die Sache der Whigs und damit für seine Sache einzusetzen. Als sei die sexuelle Erweckung auch eine politische gewesen. Buch und Regie verfolgen ab hier eine bemerkenswerte Doppelstrategie, indem einerseits Georgianas zunehmender Einfluss und Erfolg gezeigt werden, andererseits die persönlichen Demütigungen immer stärker zunehmen, die sie durch ihren Mann und dann auch durch ihre Freundin zu erdulden hat. Als sie ihrem Mann, der zu diesem Zeitpunkt kaum mehr mit ihr spricht, schon lange mit Bess schläft und zudem mehrere Geliebte hat, die Erlaubnis einer eigenen Affäre einfordert, reagiert der vollkommene entgeistert und ungehalten. Es gehe – man erinnere sich – um Loyalität, die sie ihm schulde. Es sind dies die Allüre eines verletzten Machos, der befürchtet, Hörner aufgesetzt zu bekommen. Was er sich herausnimmt, gesteht er seiner Frau keinesfalls zu. Infolge dieses Streits vergewaltigt er sie, was schließlich in die Geburt des heiß ersehnten Sohns mündet. Eine umso bitterere Ironie.

Ab diesem Moment – in der Geschichte wie in der erzählerischen Struktur des Films – wird Georgianas Situation zunehmend prekär. Sie geht eine Liaison mit Grey ein, wohl wissend, dass dies ihren Mann in der Öffentlichkeit desavouieren wird. Es kostet sie einiges, als der sie zwingt, die Affäre aufzugeben, ansonsten würde er ihr die Kinder – zwei Töchter und der jüngst geborene Sohn – entziehen. Dies ist der entscheidende – und letztlich resignative – Punkt in Georgianas Entwicklung: Sie wird sich gegen Grey entscheiden, bei ihrem Mann bleiben und bis an ihr recht frühes Lebensende die Dreiecksbeziehung ertragen, die der Gemahl und Bess ihr mehr oder weniger aufzwingen. Das Verhältnis bekommt einen sado-masochistischen Zug, den die Herzogin, zumindest stellt der Film es so dar, durch ihre politische Tätigkeit, mehr noch durch ihre ausufernde Spielsucht und die damit verbundenen Schulden kompensiert. Das uneheliche Kind, welches sie mit Grey gezeugt und auch zur Welt gebracht hat, wird ihr auf Geheiß ihres Mannes weggenommen, sie muss es in die Obhut der Grey´schen Familie geben.

Es ist dies die herzzerreißendste, weil eindeutig emotionalste Szene des Films. Und es ist im Grunde die einzige Szene, die überhaupt größere emotionale Hingabe zeigt, die sich dramatisch entfaltet, sich entäußerlicht, fast einen melodramatischen Zug annimmt. Denn THE DUCHESS ist an sich ein sehr zurückhaltender Film, was seinem Sujet entspricht. Dibb und sein Kameramann Gyula Pados erzählen ihre Geschichte elegisch langsam, die Kamera gleitet durch die opulenten Kulissen – gedreht wurde u.a. in Chatsworth House, dem tatsächlichen Sitz der Familie Cavendish, aber auch in Holkham Hall in Norfolk und in Somerset House in Greenwich, sowie in weiteren historischen Locations – nimmt sich Zeit, die Gärten und Parks in Szene zu setzen, wie auch die üppigen Dekors der Innenräume. Sowohl die Außenaufnahmen, wie auch die im Inneren der Schlösser und Herrenhäuser schwelgen geradezu in der gebotenen Eleganz des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Oft lässt Pados die Kamera sehr langsam durch die Räume gleiten, mal auf Augenhöhe, manchmal aber auch in Bodennähe, häufig ordnet er die Kadrierungen seiner Bilder symmetrisch an, dann wieder verschiebt er sie um Nuancen, die aber den Blickwinkel maximal und entscheidend verändern können, Hierarchien und Herrschaftsverhältnisse hervorheben und auch die Resignation einer Frau bildlich verdeutlichen, die zugunsten eines ganz klein wenig persönlichen Glücks – zugunsten ihrer Kinder, wenn man so will – Verzicht übt, sich bescheidet, den Kampf gegen einen Mann, einen Kampf, den sie in ihrer Zeit nicht gewinnen kann, aufgibt. Unterlegt wird dies mit einem ebenfalls elegischen, getragenen Soundtrack von Rachel Portman.

So entsteht nach und nach eine melancholische Atmosphäre, die eine Frau zu betrauern scheint, die so viel mehr hätte sein können, letztlich aber an den Konventionen ihrer Zeit, wenn nicht scheitert, so doch zu zerbrechen droht. Eine Frau, die vielleicht das Beste aus dem, was sie vorfand, gemacht hat. Eine Frau, die natürlich wie ein Vorbild für ihre späte Verwandte wirkt, die ihren ganz eigenen Kampf in einer ganz anderen Zeit geführt hat. Ob der Vergleich mit Lady Diana Spencer wirklich zutreffend ist, muss eine jede Betrachter*in selbst entscheiden. Immerhin – Diana konnte sich, wie eine Bürgerliche, scheiden lassen und hat ihre Wirkmacht genutzt, um medial gegen das Königshaus zu Felde zu ziehen. Georgiana wäre ersteres, die Scheidung, zwar möglich gewesen, doch hätte sie anders als Diana, die das Jet-Set-Leben eines Popstars führte, ein vollkommen zurückgezogenes Dasein fristen müssen. Sie wäre des Kontakts zu ihren Kindern verlustig gegangen, sie wäre gesellschaftlich mehr oder weniger geächtet gewesen. Die Rolle, die Elizabeth „Bess“ Foster in dem Verhältnis sowohl zu Georgiana als auch zum Duke of Devonshire eingenommen hat, ihre eigene Not, die Hayley Atwell eindringlich zu vermitteln weiß, deren Verhalten dennoch durchtrieben wirkt, ist beredtes Zeugnis davon, was eine Frau zu erwarten hatte, die sich ihrem Mann – aus welchen Gründen auch immer – zu widersetzen wagte. Sie wählt den opportunistischen Weg und wirft sich einem anderen, möglicherweise noch mächtigerem Mann an den Hals. Georgiana bleibt bei ihrem Mann, nimmt die Demütigung in Kauf, in der eigenen Ehe das dritte Rad am Wagen zu sein, nimmt damit einerseits die ihr zugewiesene Stellung in der Gesellschaft wahr, unterläuft diese allerdings subversiv, indem sie sich weder den Mund noch ihre Laster – das Spiel – verbieten lässt.

THE DUCHESS ist ein hochpolitisches, melancholisches, manchmal vordergründig sogar leise humorvolles Drama, dass ohne zu beschönigen oder die Vergangenheit zu verherrlichen von einer Frau in einer Zeit erzählt, die ihr wenig Spielraum zubilligte. Es ist ein beeindruckendes Historiendrama, das es mit den besten des Genres aufnehmen kann. Es wird getragen von hervorragenden Schauspielerleistungen und beeindruckenden Kulissen und Dekors, eingefangen in brillanten Bildern. Ein durchweg großartiger Film.

 

[1] Georgiana Spencer war gerade einmal sechzehn Jahre als, als die Ehe zwischen ihr und dem Herzog von Devonshire arrangiert und dann auch schnell vollzogen wurde.

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