DAS LETZTE HAUS IN DER NEEDLESS STREET/THE LAST HOUSE ON NEEDLESS STREET

Ein wahrlich unheimlicher Roman, der den Leser in seinen Bann schlägt

Schubladendenken ist natürlich nie von Vorteil. Was bei Filmen vielleicht noch besser funktioniert, da sie mit visuellen Images, mit Eindrücken und Topoi arbeiten, manchmal spielen, lässt sich bei Literatur oft nicht mehr aufrechterhalten. Wann ist ein Werk „literarisch“? Wann ist es einem Genre zuzuordnen? Wenn es unterhält? Wenn es bestimmte Kriterien erfüllt? Wann aber ist ein Werk dann ein Grenzgänger? Und sind nicht im Grunde alle Bücher, die mit einer Intention geschrieben wurden, Grenzgänger?

Vielleicht ist das alles da noch eindeutiger, wo es bspw. in der fantastischen Literatur um Übernatürliches geht. Dann hat man es mit Horror oder Science-Fiction oder, driftet der Autor oder die Autorin in fremde Welten ab, oft in einer dem Mittelalter verwandten Zeit angesiedelt, mit Fantasy zu tun. Aber in den besten Momenten sind auch deren Beiträge – man denke nur an DER HERR DER RINGE oder an die (vermeintlichen Kinder)Bücher eines Michael Ende und auch jene eines Ottfried Preußler – eben Literatur, manchmal gar große Literatur. Niemand würde Tolkiens Weltenschlacht ein solches Verdikt absprechen.

Catriona Ward nun gleich in diese Riege zu heben, wäre fatal, bürdete es der Autorin doch etwas zu viel der Ehre auf. Vielmehr ist es so, dass die britische Autorin mit amerikanischen Wurzeln seit geraumer Zeit verlässlich hervorragende und sehr durchdachte und bei aller Durchdachtheit vor allem atmosphärisch stimmige Romane vorlegt, die sicherlich dem Horror-Genre zuzurechnen, zugleich aber von hoher literarischer Qualität geprägt sind.

DAS LETZTE HAUS IN DER NEEDLESS STREET (THE LAST HOUSE ON NEEDLESS STREET, Original erschienen 2021; Dt. 2021/2025) steht exemplarisch für dieses Qualitätsmerkmal. Es ist ein wahrlich unheimliches Buch, wozu anzumerken wäre, dass eingefleischte Anhänger einschlägiger Literatur sich wahrscheinlich nicht so leicht ins Bockshorn jagen lassen. Dieses Werk allerdings hat es geschafft, dass dieser Rezensent es ungern als Bettlektüre zur Hand nahm, da es eine zutiefst bedrückende Atmosphäre verbreitet und eine Beklemmung auslöst, die nachwirkt. Bis in die Träume hinein. Doch ist dies keinesfalls nur ein unheimliches Buch, es ist auch eines, das zurecht dafür gelobt wird, mit Twists aufzuwarten, die es in sich haben. So etwa alle 25 Seiten glauben Leser*innen durchschaut zu haben, worauf das alles hinausläuft, doch wird man wieder und wieder in die Irre geführt und ist dann überrascht, welche Ecken und Kurven der Text noch nimmt. Ward versteht es nahezu brillant, Fährten zu legen, gewisse Andeutungen zu machen, dem Publikum hier und da Hinweise zu geben, die sich zwar alle als berechtigt erweisen, aber schlussendlich in ein ganz anderes Muster fallen, als zu erwarten gewesen wäre.

Sicher, es wird auch hier die Schlaumeier geben, die behaupten, das alles schon auf Seite 4 geahnt, spätestens auf Seite 12 durchschaut zu haben. Denen ließe sich nur sagen: Schade. Dann seid ihr zu klug für dieses Buch und wahrscheinlich für diese Art der Literatur an sich. Man muss schon bereit sein, sich drauf einzulassen, man muss schon auch einem Autor, einer Autorin folgen wollen und nicht überall die Schwachstellen suchen. Die gibt es auch hier, keine Frage, dazu später auch mehr, doch sind sie erstaunlich selten und letztlich auch nicht wesentlich.

Erzählt wird die Geschichte eines verschwundenen Mädchens Namens Lulu. Vor Jahren an einem heißen Sommernachmittag an einem Badesee nicht mehr auffindbar, sucht seine mittlerweile erwachsene Schwester Dee immer noch nach ihr. Ihre Bekannte, eine Polizistin, die den Fall einst bearbeitete, will sie davon überzeugen, die Dinge auf sich beruhen zu lassen, ihren Frieden zu finden, doch Dee folgt einer aus ihrer Sicht heißen Spur: Am Ende der titelgebenden Needless Street, die nicht unweit der Badestelle liegt, wo Lulu einst verschwand, könnte der Täter wohnen. Dort lebt, im letzten Haus, Ted. Der junge, etwas auffällige Mann führt ein zurückgezogenes Leben mit seiner Katze Olivia und seiner Tochter Lauren, die allerdings nur partiell bei ihm zuhause ist, in einem fast schon baufälligen Haus, dessen Fenster mit Sperrholzplatten verhängt und abgedichtet sind. Dee hat ihn im Verdacht, der Entführer von Lulu, womöglich gar ihr Mörder zu sein – obwohl sie zu spüren glaubt, dass ihre Schwester noch unter den Lebenden weilt und also seit Jahren in eben diesem Haus gefangen gehalten wird.

Erzählt wird dies aus wechselnden Perspektiven, hauptsächlich tatsächlich aus der subjektiven Sicht von Ted. Aber auch die Katze Olivia kommt zu Wort und ergänzt Vieles von dem, was Ted den Leser*innen vorenthält. Dees Sicht hingegen wird aus einer personalen Position heraus berichtet – ein erster Hinweis auf spätere Entwicklungen; mehr darf nicht verraten werden. Später kommen noch andere Stimmen hinzu; es dauert, bis Ward auch durch die Vielstimmigkeit mehr und mehr der Geheimnisse preisgibt, die sich hinter all dem verbergen. Dann aber trifft es die Leser*innen mit einer Wucht, wie sie einschlägige Literatur selten entfachen kann. Und es entblättert sich ein Drama, welches tatsächlich grauenerregend ist, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, als anfangs angenommen. Wobei vielleicht eher von einer Tragödie zu sprechen wäre, bedenkt man die verschiedenen Erzählpositionen und die Art und Weise, in der alle Protagonisten Gefangene ihrer eigenen Narrative, ihrer Geschichten und Vergangenheit sind. Ward gelingt es eindringlich, die jeweils ganz eigenen Stärken und Schwächen dieser Figuren, vor allem aber ihre Hilflosigkeit und auch den Schmerz, den sie in sich tragen, spürbar zu machen.

Natürlich ist das Ganze eine Konstruktion – doch welcher Thriller ist letztlich nicht konstruiert? Hier überrascht die Auflösung, die dann aber noch nicht einmal das Ende des Romans bedeutet, sondern eher eine Wendung, die in eine andere Richtung, vor allem aber noch ein ganzes Stück weiter in die Abgründe menschlichen Daseins führt. Ward bedient sich einer äußerst klugen Erzählökonomie, sie versteht es, ihre Leser*innen zu fesseln und die einzelnen Abschnitte – ohne dabei je reißerisch zu werden – hier und da mit einem Cliffhanger zu versehen, sodass man immer weiterlesen will, da die Story einen enormen Sog entwickelt. Darüber hinaus gelingt es Ward aber vor allem, ihre Leser*innen für alle Figuren ein gewisses Maß an Mitleid empfinden zu lassen. Denn Frieden findet kaum wer aus dem Reigen dieser Protagonisten.

Eine der wenigen Schwachstellen ist vielleicht der Schluss, bei dem es Ward sich angelegentlich sein lässt, dem Publikum noch einmal zu erklären, was sie zuvor so kunstvoll vermittelt hat. So werden uns die Hintergründe und alle Verwicklungen und Verstrickungen schließlich noch einmal haarklein dargelegt, was ein wenig den Eindruck vermittelt, die Autorin vertraue ihrer eigenen Geschichte, respektive ihrem Stil und ihren literarischen Fähigkeiten nicht wirklich. Doch ist dies schon Krittelei. Ein kleiner Schwachpunkt bei einem ansonsten sehr gelungenen, weil sehr ungewöhnlichem Werk.

Im Nachwort erläutert Ward, wie sie auf das dem Ganzen zugrundeliegende Thema überhaupt erst gestoßen ist, weshalb man auf keinen Fall den Fehler machen sollte, diesen Text vorzuziehen und zu lesen, bevor man die Lektüre des Romans selbst beendet hat. Doch wird durch das Nachwort deutlich, dass die Autorin sehr wohl wusste, dass sie ein höchst sensibles Thema anders angehen und verpacken muss, als es sonst angegangen und verpackt wird. Denn allzu oft müssen die Gegebenheiten, auf die alles in DAS LETZTE HAUS IN DER NEEDLESS STREET hinausläuft herhalten, um eher zweitklassige Gemetzel irgendwie zu beglaubigen und ihnen einen vermeintlichen Mehrwert zu verschaffen. Ward hingegen nimmt das Thema ernst und erweitert damit den Horizont der reinen Genre-Literatur um ein Wesentliches. Allein dafür gebührt ihr hoher Respekt und Dank!

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.