KING SORROW II/KING SORROW
Joe Hill bietet in seinem Opus magnum ein weites Panorama amerikanischer Befindlichkeit im 21. Jahrhundert
Über die Veröffentlichungspolitik des Heyne-Verlags ließe sich sicher ein eigenes Kapitel schreiben, bedenkt man, wie hier aus einem Roman des amerikanischen Schriftstellers Joe Hill – Sohn des Horror-Großmeisters Stephen King – aus „satztechnischen Gründen“ mal eben zwei Bände gemacht werden, für die, will man nicht auf die Taschenbuchausgabe warten, jeweils vierundzwanzig Euro zu berappen sind. Auch eine Art von Wertsteigerung. Aber sei´s drum. Hier nun liegt also KING SORROW II (KING SORROW, Original erschienen 2025; Dt. 2026) vor.
In Band I kaprizierte Hill sich auf die späten 80er und die 90er Jahre. Er stellte seine Protagonisten – eine Freundesgruppe recht unterschiedlicher Individuen – vor, stattete Arthur, Gwen, Allie, Van, Donna und Colin sowie Tana und Robin, die im Laufe des ersten Bands dazustießen, mit recht authentischen Charakteren aus, baute die Story um den von den Freunden heraufbeschworenen Drachen namens King Sorrow auf – eine Art Höllendämon, der immer zu Ostern ein Menschenopfer fordert, was die Freunde bald in arge Gewissensnöte treibt – und ergab sich ansonsten in allerlei fast sentimentalen Reminiszenzen an eine lang vergangene Zeit. Nun, in Band II, ist es das 21. Jahrhundert und seine Schrecken, allem voran der 11. September 2001, das zeitlich im Vordergrund steht. So kann Hill auch diese Jahre Revue passieren lassen und – mehr noch als im Vorgängerband – kommentieren. Durchaus kritisch kommentieren. Auf der reinen Handlungsebene bietet ihm die epische Anlage seines Großwerks die Möglichkeit, die Entwicklung seiner Hauptfiguren genau zu verfolgen, wobei man leider konstatieren muss, dass er dabei einige Klischees aufruft; ein Problem, das schon der erste Teil des Romans nicht umgehen konnte.
Während Arthur mittlerweile in England lebt und zur Karikatur eines Professors für Sprachwissenschaften und Mediävistik geworden ist, hat sich seine geliebte Gwen, der der Drache die Liebe zu Arthur unterbunden hat, zu einem rettenden Engel der Menschheit entwickelt – sie arbeitet als Notärztin und kümmert sich in ihrer Freizeit um Tana und ihren Sohn. Allie ist derweil dem Alkoholismus der mittleren Jahre erlegen und bewegt sich zumeist in einer alkoholgeschwängerten Dunstwolke. Colin seinerseits hat seiner frühen Faszination mit der neuen Technologie des Internets und der Rechenkapazitäten ausführlich gefrönt und ist zu einer Art Elon Musk mutiert, was im Laufe der Handlung eine große Rolle spielen wird. Unterstützt bei seinen Weltbeherrschungsfantasien wird er von Donna, die bei Fox TV eine jener Talksendungen betreibt, die in den vergangenen 20 Jahren die gesellschaftliche Spaltung mit viel Hass und Hetze so erfolgreich vorangetrieben haben. Sie und Van finden sich zu Beginn des Romans in einer geheimen Einrichtung der Regierung wieder, wo das Wissen um den Drachen aus ihnen herausgepresst, notfalls herausgefoltert werden soll.
Dabei gelingen Hill eine ganze Reihe recht unangenehmer Szenen, die sehr deutlich Kritik am Vorgehen der amerikanischen Institutionen in Guantanamo und ähnlichen Einrichtungen, aber auch an der mexikanischen Grenze üben, wo Migranten unter unwürdigen, teils unmenschlichen Bedingungen regelrecht „gehalten“ werden. Dieser Teil des Romans erinnert deutlich an Polit- und Agententhriller in der Tradition von Kathryn Bigelows ZERO DARK THIRTY (2012) und anderer vergleichbarer Filme und Roman. Damit hat er den Bogen von einem manchmal regelrecht an Gothic Horror erinnernden Schauerroman zum Politthriller geschafft, doch verharrt er hier keineswegs. Vielmehr entwickelt er seine Story weiter, hin zu einem waschechten Fantasy-Roman. Denn Arthur sucht jahrelang nach einem Troll, der irgendwo in Südwestengland unter einer Brücke haust und einen Schatz hütet, zu dem auch das Schwert gehört, das es ermöglichen würde, King Sorrow zu töten. Begleitet wird er von Colin, der seine ganz eigenen Methoden der Troll-Suche hat. Hier gelingen Hill ein paar recht hübsche Querverweise, denn der Troll betätigt sich in seiner Freizeit gern als – Troll. Und zwar im Internet. Hier wird also ein Teekesselchen geradezu auf die Spitze getrieben, wenn die doppelte Bedeutung eines Worts schließlich wieder in eins fällt.
Später muss es dann allerdings Gwen richten, die sich King Sorrow stellt, nachdem sie – sie überwirft sich mit Colin und Donna – von ihren einstigen Freunden selbst als Todeskandidatin nominiert wurde. Da der Roman uns zwar sehr genau über die sexuellen Verhältnisse aller anderen – Arthur, der eins mit Tana schlief; Allie, die Van geheiratet hat, eigentlich aber Donna liebt und sowieso lesbisch ist; Robin, ein Trans-Mann usw. – ins Bild setzt, nicht aber über Gwens Erfahrungen auf diesem Gebiet aufklärt, müssen wir davon ausgehen, dass sie sich tatsächlich immer für Arthur und ein imaginäres „Später“ aufgehoben und also eine Jungfrau ist. Jungfrau, Drache…da war doch was. Es wird nie explizit erwähnt, doch scheint Hill ganz bewusst mit gängigen Märchen-Klischees zu spielen. Der Drache, der eine Jungfrau „will“, die Jungfrau, die sich dem Ungeheuer entgegenstellen kann, sich aber opfern muss. Und dies dann im vorliegenden Fall auch tut, natürlich mit voller Unterstützung ihrer Freunde – alten und wieder gefundenen. Denn Donna wird spät, doch nicht zu spät erkennen, dass Colin nicht ihr Freund ist.
Der seinerseits wird von Hill als ein Tech-Mogul aufgebaut, ebenfalls schon ein Klischee, welcher eben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Anders als alle seine Freunde – außer Donna, die als Jugendliche Zeugin wurde, wie ihre beste Freundin entführt wurde und darob ihre unbändige Wut auf die Welt und die Gesellschaft entwickelt hat, die ihren Charakter unveränderbar durch den gesamten Roman prägt – findet Colin den Drachen recht praktisch. Er wird im Laufe der Jahre derjenige, der die Opfer auswählt, akribisch überprüft, wer in Frage käme und dann den anderen, zusehends von ihren Gewissen geplagten Mitverschwörern eine Liste zur Auswahl vorlegt. Und so ab und an auch mal einen Konkurrenten am Markt aus dem Weg räumt.
Das ist natürlich in Zeiten, in denen Elon Musk (der hier auch einige Male namentlich erwähnt wird) vom aktuellen amerikanischen Präsidenten zum Behördenschreck ausgerufen wird und ansonsten die KI entwickelt, von der er mittlerweile selbst nicht mehr weiß, ob sie Verheißung oder Untergang bedeutet, eine hübsche Metapher. Der Pakt mit dem Teufel, faustisch. Wie man es gern hätte. Dass der Drache sich im großen Finale schließlich selbst auffrisst, ist ein weiteres schönes Bild für eine technische Revolution, die ihre eigenen Kinder – also uns alle – aufzufressen droht. Es ist aber auch ein wenig die Hoffnung, dass das „Böse“ sich letztlich immer selbst besiegt, weil es auf sich selbst zurückfällt, keine Zukunft hat. Hoffnung verbreitet Hill auch anderer Stelle, wenn er sich Mühe gibt, auch jene, die mittlerweile weit an die Ränder der Gesellschaft gedriftet sind, wieder reinzuholen und einzubeziehen in seine Visionen.
Darf man das alles verraten, spoilern? Ja, darf man. Denn das eigentliche Problem dieses endlosen Romans ist seine Vorhersehbarkeit. Hill ist nicht King. Und auch bei King ahnt man nach Dutzenden Romanen meist, wie die Dinge liegen, lange, bevor sie geschehen. Hill baut zwar einige Überraschungen ein und lässt seine Leser*innen auch nicht allzu leicht vom Haken, aber wie sich all das schlussendlich entwickeln wird, ist doch früh absehbar. Ärgerlich ist dann der Epilog, in dem uns der Autor weismachen will, dass das Ende von King Sorrow zwar eine Atempause bedeutet, das „Böse“ damit aber noch lange nicht ausgerottet sei – und kurzerhand so ziemlich jede Katastrophe, aber eben auch den Ukraine-Krieg und andere menschengemachte Fürchterlichkeiten weiteren Drachen zuschiebt, die nach und nach ihre Häupter erheben. Das mag dem Fantasy-Genre zwar erlaubt sein, doch sollte ein Roman in diesen Zeiten, ein Roman, der tatsächlich anhand seiner Anspielungen und der genutzten Bilder und Metaphern eben schon auch Relevanz beansprucht, nicht so tun, als seien Kriege und andere Nöte nicht menschgemacht. „Das Böse“ ist dann vielleicht eine doch etwas zu einfache Erklärung.
KING SORROW als Gesamtroman betrachtet ist ein Opus magnum, man kann es nicht anders sagen. Allerdings will es das auch unbedingt sein. Das spürt man in jeder Szene, in jeder Sequenz, in jedem Kapitel, auf nahezu jeder Seite. Nichts hier ist einfach, alles ist bedeutungsschwanger und voller epischer Breite. Und episch breit sind dann auch manche Passagen, die doch ermüden können, weil sich nicht wirklich erschließt, wie sie in das Gesamtbild passen sollen. Es sind dann Füller, die aber eben auch Relevanz beanspruchen. Da wird es dann schwierig, weil doch zu deutlich spürbar ist, dass sie eben als Füller – wenn auch manchmal durchaus unterhaltsame Füller – entworfen wurden. Doch will man auch nicht kritteln. Tatsächlich weiß Hill zu unterhalten und zugleich durchaus Belangvolles über sein Heimatland zu sagen. Und mehr, viel mehr, sollte man dann von gehobener Unterhaltungsliteratur vielleicht auch nicht erwarten oder gar verlangen.