ALLEINRUHELAGE

Ein vermeintlich leichter Text, der seine Ab- und Tiefgründe zu verbergen scheint

Es muss nicht immer nur das Schwere sein. Eva Menasse hat sich – vor allem in ihrem meisterlichen Roman DUNKELBLUM (2021) – nun wahrlich so mancher düsteren Seite der Geschichte gewidmet und sich dabei nicht gescheut, dort hin zu gehen, wo es tatsächlich weh tut. Nun, in ihrem jüngsten Werk ALLEINRUHELAGE (2026), scheint es, als widme sie sich erneut der (deutschen) Geschichte, wenn sie von einem Ferienhaus erzählt, das sie und ihr zweiter Mann einst gekauft, eigenhändig renoviert, bewohnt und belebt haben, das allerdings im nördlichen Brandenburg liegt und somit Potential besitzt, zum Ausgangspunkt der Betrachtung deutsch-deutscher Befindlichkeiten zu werden. Und man befürchtet, nun die soundsovielste Abhandlung zum Thema vorgesetzt zu bekommen. Und tatsächlich – auch Eva Menasse lässt das Thema nicht gänzlich außen vor. Wie auch? Ebenso spielt der so oft beschworene, vermeintliche Gegensatz von Stadt und Land eine Rolle und natürlich auch das Gemisch der Gemengelage aus ost-west-deutscher und ländlicher und städtischer Befindlichkeit. Und natürlich denkt man an Juli Zeh und deren von westlicher Perspektive geprägten Berichte aus der ostdeutschen Provinz.

Aber – und dieses Aber ist wesentlich! – es gelingt Eva Menasse dann doch, etwas anderes, sehr eigenes zu kreieren und die angesprochenen Themenkomplexe zwar einfließen zu lassen, nicht aber in den Vordergrund zu stellen, sondern als nahezu selbstverständliche, manchmal allerdings den Alltag ausbremsende Gegebenheiten zu beschreiben, die die Beteiligten durchaus eher nerven können, als dass sie sie wirklich und hintergründig beschäftigen täten. Die Konflikte, die sich ergeben mögen, sind dann auch eher typisch nachbarschaftliche, die sich hier eben aus diesen besonderen Gegebenheiten speisen. Dass man sich mit der ans eigene Anwesen – eine ehemalige Kneipe, die eigentlich nie umgewidmet wurde und deren Lage als Wohneigentum lange prekär bleibt – angrenzenden Truppe von Klein- und Schrebergärtnern und anderen Bewohnern des das nahe Seeufer Bevölkernden nun einmal arrangieren muss, erklärt sich von selbst. Und dass derer viele nun einmal ehemalige Bewohner der DDR sind, liegt dann halt in der Natur der Sache. Und wenn die Berichtende – unschwer und recht eindeutig als Menasse selbst zu erkennen, die hier recht autobiographisch erzählt – zu verstehen gibt, dass sie die genaue DDR-Tätigkeit ihres Nachbarn Paul so genau nie erfahren hat, sie es so genau aber auch nie hat wissen wollen (auch um des lieben Friedens willen), dann sagt das vor allem etwas über sie selbst aus und darüber, wie man sich ganz generell arrangiert.

Menasse schreibt häufig in einem – vermeintlichen – Plauderton, dann wieder wirkt dies wie ein intimes Bekenntnis. Ausgangspunkt des Texts ist die Tatsache einer Trennung. Das ist geschickt arrangiert. Denn die Autorin trennt sich nach Jahrzehnten von dem Haus. Es wird verkauft. Aber offensichtlich hat sie auch eine neuerliche Trennung von einem Lebensgefährten hinter sich, der im Text mehrfach mit „Habibi“ – der arabischen Bezeichnung für „Liebling“ – angesprochen wird. So liegt dem Ganzen so oder so ein herbstlich-melancholischer Ton zugrunde, der von der Vergänglichkeit erzählt, ohne sie je wirklich zu thematisieren. Und dass die Leser*innen sich immer wieder in ein Gespräch verwickelt fühlen, in eine Plauderei eben, wie sie häufig am Gartenzaun zur Ablenkung von der immer anstehenden Gartenarbeit geführt wird, gibt dem Buch den Anstrich des Beiläufigen.

Auch darin liegt das Geschick dieser Autorin: Sie nimmt uns mit in ihre Gedankenwelt, manchmal witzig, oft nachdenklich, essayistisch und deskriptiv zugleich, und erweckt den Anschein, dass noch das schwerste Thema – sei es die jüngste, die jüngere oder auch die etwas entferntere deutsche Geschichte, ist Menasse doch die Tochter eines mit knapper Not dem Holocaust entgangenen Juden, was hier aber ebenfalls eher beiläufig Erwähnung findet – auf solche Art abgehandelt werden kann. Während man liest, wähnt man sich mit der Autorin auf einem Spaziergang rund um das Haus und über das Grundstück, das so lange Teil ihres Lebens war und das sie ein letztes Mal zu inspizieren scheint, dabei ihren Gedanken nachhängend und auf jene wartend, denen sie gleich die Schlüssel übergeben wird. Und häufig assoziativ lässt sie ihre Gedanken mal schweifen, mal springen, von dieser Anekdote zu jener Überlegung, greift Erinnerungen an Momente auf, die wesentlich waren: Die Feste, die hier gefeiert wurden, auch die Streitereien, die hier ausgetragen wurden, daran, wie der Ort zur Zuflucht wurde, wenn das Familiäre nicht funktionierte, aber auch zu einem Ort der Kreativität wie der Prokrastination.

Was auffällt – und zwar angenehm auffällt – ist die Abwesenheit aller Sentimentalität. Menasse beschreibt indirekt eben auch einen Aufbruch, erzählt auch davon, wie dem Ende eben auch der Anfang, die Möglichkeit des Neuen innewohnt und diese Möglichkeit auch Räume eröffnen kann. Für neue Abenteuer ebenso, wie für Ideen und kreativen Schub. Und doch schwingt eben immer die Melancholie des Vergangenen mit, die Melancholie der Erinnerung an Lebensabschnitte, an die man sich gern erinnert, deren Vergehen man aber akzeptiert. Erst recht mit zunehmendem Alter akzeptiert, weiß man doch, dass eben nichts bleibt, alles flüchtig ist. Und so lugt hier und da auch der alte Gevatter durch die Zeilen dieses Texts und wird ebenso im Zaum gehalten, wie aller sich aufdrängender Kitsch, der drohen könnte.

Menasse hat einen scheinbar leichten Text verfasst, dem hier und da vorgeworfen wurde, doch eher banal zu sein, wenig bis nichts zu erzählen, sich im L`art pour l`art zu verlieren; ein Text, der zu offensichtlich von einer Abgesandten jener westlichen Eliten stamme, die, bürgerlich gebildet, einer vielleicht nur imaginierten Oberschicht entstammend, einst für billiges Geld wie die Heuschrecken im Osten einfielen und dort Häuser, Grundstücke, Anwesen aufkauften. Und ja, vielleicht bestätigt der Ton dieses Texts hier und da solch eine Voreingenommenheit sogar. Doch sollte man nicht annehmen, dass das nicht genau so gewollt sei. Denn unter anderem ist auch dies Teil der literarischen Kunst von Eva Menasse: Durchaus selbstkritisch, vor allem aber reflexiv, in einer entsprechenden Sprache genau diese Anteile zu markieren und somit exklusiv zu thematisieren, ohne sie aufdringlich in den Vordergrund zu schieben.

ALLEINRUHELAGE ist ein sehr geschickter, ein hintersinniger Text. Es ist keine Weltliteratur und so auch niemals gedacht. Es ist ein eher kleiner Text, irgendwo zwischen intimen Tagebucheintrag, Skizze, Essay, Entwurf und literarischer Reflektion angesiedelt und sich damit eigentlich jeder Beschreibung und erst recht der Bewertung entziehend. Ein Text, in dem sich einige wahrscheinlich gut wiederfinden können, der anderen verschlossen und fremd bleiben wird. Und damit sehr genau erfüllt, was er wohl erfüllen soll.

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