DAS MÄDCHEN VON RAWBLOOD/RAWBLOOD
Eine "klassische" Gothic Geschichte
Gelegentlich tut man ja gut daran, einem Autor oder einer Autorin nicht chronologisch zu folgen, manchmal ist es einfach nur ein Glück, welches Werk des oder der Betreffenden man zunächst liest, könnte doch der Griff zum falschen Buch zur falschen Zeit verhindern, je wieder ein weiteres zur Hand zu nehmen. So weiß sich dieser Rezensent im Falle von Catriona Ward glücklich zu schätzen, zunächst DAS LETZTE HAUS IN DER NEEDLESS STREET (2021/25) gelesen zu haben, bevor er dann zum hier vorliegenden Band DAS MÄDCHEN VON RAWBLOOD (RAWBLOOD, Original erschienen 2015; Dt. 2024) griff. Denn möglicherweise wäre es für längere Zeit die letzte Lektüre eines Werks der britisch-amerikanischen Autorin geblieben. So muss lediglich konstatiert werden, dass eigene und veröffentlichte Meinung durchaus konträr verlaufen können. Denn das Buch wurde von der Kritik, von Kolleg*innen der Autorin und auch von vielen Lesern hochgelobt, es galt als ein Beispiel allerfeinster Neo-Gothic-Literatur und heimste einige durchaus bedeutende Auszeichnungen ein. Das eigene Leseerlebnis war hingegen ein gänzlich anderes. Leider.
Ward erzählt in einem tatsächlich an klassischen Gothic-Geschichten angelehnten Stil von einem uralten Fluch, der auf dem Haus Rawblood, im englischen Devon gelegen, und der dort ansässigen Familie Villarcas lastet. In einer hohen Anzahl von Einzelabschnitten, die jeweils unterschiedliche Erzählperspektiven, oftmals subjektiver Art einnehmen, wird uns über einen Zeitraum von nahezu Einhundert Jahren davon berichtet, wie sich der Fluch, der die Familie ans Haus bindet und alle jene mit dem Tode bedroht, die einheiraten, ausbreitet, wie er das Leben der Familie bestimmt, wie sich schließlich die junge Iris gegen ihr Schicksal aufbäumt, sich auf ihren Spielkameraden aus Kindheitstagen einlässt, den zu heiraten ihr Vater ihr verbietet, sei doch auch er sonst dem Tode geweiht durch das „böse Blut“ der Villarcas, und wie sie schließlich dem Wahnsinn verfällt. Dieser letzte Abschnitt der Geschichte, die allerdings a-chronologisch erzählt wird, wodurch sich des Rätsels Lösung erst nach und nach den Leser*innen erschließt und aufgrund des doch manchmal sehr verschlungenen Stils von diesen zu erschließen ist, bietet zudem eindringliche Passagen hinsichtlich des Ersten Weltkriegs, in welchen Tom – eben jener Spielkamerad der letzten Villarcas´ – wie so viele junge Männer seiner Generation ziehen musste.
Ward bedient sich einer seltsamen literarischen Doppelstrategie. Einerseits lehnt sie ihren Stil – voller ausgreifender Sätze, voller Adverbien, Adjektive und Ausschweifungen, manchmal gestelzt, oft gewunden – an die literarischen Vorbilder der Romantik an, die hier so offensichtlich Pate gestanden haben, dass selbst geneigte Leser*innen manchmal schon an Plagiate denken müssen, andererseits wirkt Wards Stil aufgrund der a-chronologischen Erzählweise, aber auch aufgrund der bereits beschriebenen Fragmentierung und Zersplitterung hoch-, ja fast schon postmodern. Diese Doppelstrategie kann auf die Strecke von nahezu 560 Seiten doch enervierend sein, weil man sich einerseits im Adjektiv- und Adverbialgeflecht zu verlieren droht, andererseits dauernd auf neue Blickwinkel und schließlich – dies gilt dann allerdings nur für die letzten Einhundert Seiten – auf eine höchst verwickelte und fast schon abstrakte Ebene aus Beschreibungen und den daraus sich ergebenden Erklärungen für all das Geschehen der vorausgegangenen 500 Seiten einzustellen hat.
Nachvollziehbar der Reiz, der vom klassischen Gothic Horror ausgeht. Spukhäuser und Geistergeschichten, uralte Flüche, die auf noch älteren Familien lasten, Donner und Unwetternächte, in denen gar Grausliches geschieht. Auch nachvollziehbar ist die Lust, Geschichten mit solcherlei Inhalten selbst einmal zu erzählen. Und ebenso nachvollziehbar die Lust, sie zu dekonstruieren, indem man sie ihres Ureigentlichen beraubt, indem man das Unnatürliche und Übernatürliche erklärt, ja nachvollziehbar macht und zugleich enthüllt, wieso der Mythos so oft geeignet ist, das Schreckliche – das wirklich Schreckliche, das von Menschenhand gemacht wurde – zu verhüllen, zu verschleiern, zu verstecken. Allein: Ersteres ist vielleicht deshalb so schwer, weil diese Geschichten so oft erzählt wurden und ihr Gehalt letztlich in allen denkbaren Varianten verarbeitet sind, Letzteres wiederum kann nur begrenzt oft getan werden, bevor sich die Dekonstruktion als solche selbst zu dekonstruieren beginnt und letztlich Selbstzweck wird. Man muss nicht so weit gehen und Ward genau das vorwerfen, doch die Richtung, die der Roman und die ihm zugrundeliegende Erzählweise einschlagen, weist dann schon den Weg.
Ward spielt mit der Möglichkeit des Übernatürlichen, ohne es je wirklich zu benennen, zugleich verweist sie, manchmal überdeutlich, auf die Schrecknisse jener Zeit, die der Roman abdeckt. Die moderne Medizin in ihren Kinderschuhen, aber beflügelt von großen Ideen, die jene Männer – leider in den allermeisten Fällen Männer – die zu erkunden wünschten auch zu den denkbar unmenschlichsten Experimenten trieben. Gleich ob am menschlichen oder am tierischen Objekt. Und dich auch immer noch jene Grauzonen abzudecken waren, in denen das noch nicht Erklärbare und das Unerklärliche austauschbar, sich gar zu ergänzen schienen. So ist der Roman immer da am stärksten, wo er sich darauf kapriziert, von den Fährnissen einer Welt an der Schwelle zur Moderne zu erzählen, sich zugleich bemüht, Atmosphäre herzustellen, was der Autorin über weite Strecken auch gelingt. Doch dann verfällt sie wieder in den Zwang der abstrakten Beschreibung, manchmal mutet das wie ein literarisches Experiment an, das denen der beschriebenen Mediziner entspricht. Und das geht dann zulasten der Spannung. Auf die doch gewaltige Strecke von fast 600 Seiten ist es ermüdend, wird einfach zu wenig geboten und bleibt einiges zu undurchsichtig, um Leser*innen zu befriedigen.
Umso besser, dass Catriona Ward mittlerweile fünf Romane veröffentlicht hat und geneigte Rezipient*innen, die mit diesem Debut ihre Schwierigkeiten hatten und haben, auf anderes zurückgreifen können, um sich von der Klasse der Autorin zu überzeugen. Denn die hat sie zweifelsohne. Auch, wenn die in ihrem Erstling nicht immer zum Tragen kommt, so scheint sie doch zur Genüge auf, um zu erklären, weshalb sie sich zu der einzigen Autorin entwickeln konnte, die den renommierten August Derleth Award dreimal gewinnen konnte.