IM ERSTEN LICHT

Ein stiller Roman, der das so wesentliche 20. Jahrhundert noch einmal Revue passieren lässt

Ein sehr stilles Buch hat Norbert Gstrein mit seinem Roman IM ERSTEN LICHT (2026) vorgelegt. Es ist ihm ein ruhiges, vorsichtiges und – trotz oder gerade wegen des bestimmenden Themas – erstaunlich friedliches, ja friedfertiges Buch gelungen. Denn das Kernthema dieses Romans ist der Krieg, besser die beiden das 20. Jahrhundert bestimmenden Weltkriege. Denn das Dröhnen der Geschütze war doch die Leitmelodie des 20. Jahrhunderts, der Krieg war der Fixpunkt dieses „Zeitalters der Extreme“.

Der Protagonist dieses Romans ist Adrian Reiter, ein Lehrer für Englisch und Geschichte, der um ein Jahr jünger ist als das 20. Jahrhundert – und somit ein Zeitzeuge dieses so blutigen, so schrecklichen, so lauten und so mörderischen Säkulums. Umso erstaunlicher, dass bei all dem den Roman grundierenden Geschützdonner dieser zwei Weltkriege der Gestus des Texts eben ein solch vorsichtiger, ruhiger, ein friedlicher ist. Oder vielleicht ist es auch nicht so verwunderlich, vielleicht kann ein solcher Text nur vorsichtig und ruhig – und friedfertig sein, will er bestehen. Bestehen vor seinen Leser*innen, aber eben auch vor der Geschichte, von der er berichtet, derer er sich annimmt. Und genau deshalb ist der Autor wohl geradezu gezwungen gewesen, diese zurückhaltende, umso vorsichtigere Sprache zu wählen; eine Sprache, die oft nur andeutet, die Vieles ins Offene gleiten lässt, die sich ihrer Wirkungen bewusst ist und umso mehr darum weiß, was anzurichten sie in der Lage ist.

So lässt diese Sprache nur wenig Emotionen erkennen, ist immer gewahr, dass es eben oftmals falsch verstandene Emotionen, dass es fast immer missbrauchte Emotionen waren, die so wesentlich dazu beitrugen, dass junge Menschen sich bereitfanden, freiwillig in diesen Moloch namens Krieg zu marschieren und sich in dessen Mühlen zu Millionen abschlachten zu lassen. Gerade was den ersten, den großen Krieg – wie er von seinen Zeitgenossen bezeichnet wurde – betrifft, welcher für den Protagonisten Adrian Reiter so wesentlich wird, eine Obsession gar. Nein, die Sprache, die Norbert Gstrein wählt, bleibt reserviert gegenüber dem, wovon sie berichtet, bleibt nüchtern, oft sachlich. Bestenfalls ist es ein leiser, melancholischer Unterton, der da vernehmbar ist. Ein Ton, der sich dem Kanonendonner widersetzt, dem Gedröhn der Kriegsmaschinerie, dem Gebrüll der Offiziere und auch dem Schreien der Verletzten. Es ist der Ton der Zurückgebliebenen, der Überlebenden, derer, die die Verluste zählen und betrauern. Und so ist dies tatsächlich (auch) ein Buch der Trauer.

Adrian Reiter wird von seinem Vater früh im Leben mit einer Axt malträtiert, da der Postbeamte und Sozialist (aus Zwang, wie er es selber beschreibt – dem Zwang, im Angesicht des Schlachtens auf den Feldern Flanderns schlicht sozialistisch denken und empfinden zu müssen) seinem Sohn den Dienst an der Waffe im sich anbahnenden und dann bereits entflammten Waffengang ersparen will. So wird Adrian Reiter zu einem Zeitzeugen – aber eben auch nur zu einem Zeugen, zu einem Beobachter, einem Augen- und Ohrenzeugen, nicht zu einem Beteiligten. Was vielleicht ein Glück ist, vielleicht für den Betroffenen aber auch ein Sündenfall, fehlt ihm doch eine, fehlt ihm doch möglicherweise die prägende Erfahrung seiner Generation. Und wird von einigen aus dieser Generation sogar verachtet für dieses vermeintliche Defizit. Eher durch Zufall macht Adrian die Bekanntschaft des jungen Ernest Eller, der mit einigen Freunden den Sommer vor dem Krieg auf dem Landgut, in der Villa seiner Familie verbringt. Und hier wird Ernest nach dem Krieg seine letzten Lebensjahre verbringen, bis er den Freitod wählt, fürchterlich entstellt durch den Krieg, vor der Welt verborgen, ja, von der eigenen Familie – wenn auch auf eigenen Wunsch – bereits für tot erklärt. Und nur noch begleitet von Adrian und gelegentlich dessen Freundin Karla.

Es ist dies der erste Teil von Gstreins Buch. Adrians Auseinandersetzung mit Ernest und seinen Freunden, ebenfalls Kriegsversehrte, die in der Villa ihr Dasein fristen, bestimmt dessen frühes Leben. Diese so grässlich Entstellten faszinieren ihn, zugleich stoßen sie ihn aber auch ab. Er fühlt sich ihnen verbunden und ist doch getrennt von ihnen. Ihr Schicksal wird sein Lebensthema werden – ein Thema, dessen Essenz er nicht durchdringen kann, da ihm das dafür notwendige Erleben fehlt. Ernests Mutter – eine Engländerin, die in die ungarische Oberschicht eingeheiratet hatte, deren Bekannte jüdischen Glaubens sind und anhand deren Schicksalen der Roman das dunkelste Kapitel des 20. Jahrhunderts streifen wird – protegiert den jungen Mann, ermöglicht ihm ein Studium, vielleicht an Kindes statt, vielleicht im Schmerz um den Verlust des eigenen Kindes, vielleicht aber auch aus Dankbarkeit, war Adrian dem Sohn doch ein Freund, als der keine Freunde mehr hatte. Es ist aber nicht nur der tote Freund, der den heranwachsenden Adrian beschäftigt, es ist auch das Land – Österreich, die k.u.k-Monarchie -, das nach dem Krieg so überdeutlich an Geographie und damit auch an Bedeutung einbüßt. So, wie Ernest sein Antlitz verloren hat, so hat Österreich-Ungarn seine Konturen auf den Landkarten Europas eingebüßt.

Es ist dann einer von Adrians Schülern – Martin Baumgartner -, welcher den zweiten Teil des Romans definiert – und der dann vor allem einen moralischen Abstand zwischen diesen beiden Waffengängen markiert; zwei Waffengänge, die viele Historiker als zwei Akte ein und desselben Dramas betrachten. Dieser Martin Baumgartner ist nämlich nicht nur ein von sich selbst äußerst überzeugter junger Mann, sondern er ist auch ein Soldat in diesem folgenden Krieg. Nach frühen Einsätzen in Frankreich, von denen er noch jovial erzählt, wird er im Osten zum Täter, wovon er seinem ehemaligen Lehrer in einer kalten Silvesternacht – es ist der Jahreswechsel 1941/42 – berichtet, wenn auch verklausuliert, vielleicht verlogen. Er hat Dienst geschoben an den Mördergruben in Polen, in den baltischen Staaten und in der Ukraine – aber Martin Baumgartner sagt nicht, ob er das Morden nur beobachtet hat oder nicht doch daran beteiligt war. Er doppelt damit Adrian, der sich – als Lehrer, der vor seinen Schülern so gern vom 1. Weltkrieg erzählt, nie aber von der Zeit des 3. Reichs und dem noch viel grausigeren Krieg, den dieses entfachte – Zeit seines Lebens fragen wird, ob er durch sein Wissen, sein nie preisgegebenes Wissen um Baumgartners Schuld (deckt er ihn?, sieht er sich in ihm?, versteckt er sich hinter einem Soldaten, der er selber nie war?), nicht selbst schon zum Mittäter geworden ist? Mitwisser war er auf jeden Fall – und nie gibt er sein Wissen preis, erst spät und in einem ganz anderen Kontext wird er davon sprechen. Von dem, was war und wovon er wusste.

Der alternde Adrian Reiter, der sechs Jahre seines Lebens verheiratet war – 1939 bis 1945, ausgerechnet -, im Grunde aber dem typischen Bild des Junggesellen entspricht, fährt mit einer kleinen Erbschaft, die ihm Ellers Mutter hinterlässt, nach England und findet hier noch einmal – oder erstmals? – eine stille, vorsichtige und friedliche Liebe. Er lernt die viel jüngere Vivian kennen, die ihrerseits obsessiv mit ihrem Bruder beschäftigt ist, ein junger Mann, der während des 1. Weltkriegs wegen Feigheit vor dem Feind von den eigenen Leuten standrechtlich erschossen wurde. In der Auseinandersetzung mit ihr lernt Adrian spät das Sprechen von dem, wovon er nie sprechen konnte oder wollte. In ihr findet er die Möglichkeit, sich zu öffnen und zugleich Gefühlen nachzugeben, die zu haben er nicht einmal ahnte.

Gstrein gelingt es auf fast unheimliche, gleichsam organische Art und Weise, dieses so bedrückende, so fürchterliche, so düstere 20. Jahrhundert in einer scheinbar kleinen Geschichte einzufangen und in eben dieser das Große, das Historische, in die kleine persönliche Geschichte einzuflechten und damit spürbar zu machen, wie sich Geschichte auf einen jeden, eine jede auswirkt, auch (und gerade) auf die, die gar nicht „im Feld“ standen. Sicher, das ist in der gebotenen Konstellation eine Konstruktion – der Vater, der den Sohn verletzt, die englische Mutter des Freundes, die jüdischen Familien, derer eine fliehen kann, die andere aber in den Todeslagern der Nationalsozialisten umkommt, das späte Glück mit einer Frau, die ihrerseits familiär in die kriegerischen Geschehnisse des 20. Jahrhunderts verwoben ist – und vielleicht sind einige der Entwicklungen zu klischeehaft, zu vorhersehbar. Mag sein. Vielleicht werden die Schilderungen gerade der späten Jahre im Leben des Adrian Reiter zu abrupt beendet, wenn eher lapidar davon berichtet wird, wie der da schon alte Mann nach einem Unfall seine Englandfahrten nach nahezu 20 Jahren einstellt und wir nicht erfahren, wie es sich mit seiner Beziehung zu Vivian verhält. Und vielleicht wirkt der nachgestellte vierte Teil des Romans, eine Art Epilog, zu gewollt metatextuell, wenn der nun bereits hochbetagte Adrian einen Autor nach dessen Lesung anspricht und sich müht, diesen für seine Geschichte zu interessieren. Mag sein.

Doch es gelingt Gstrein sehr wohl, all diese Entwicklungen und die Konstellationen authentisch wirken zu lassen, schlicht deshalb, weil sie möglich gewesen sind in diesem 20. Jahrhundert. Dadurch, dass Adrian Reiter kein besonderer Mensch ist, sondern ein einfacher Lehrer – eine Profession, die er natürlich nur durch Protektion, ein wenig Glück im Leben ergreifen konnte, war ein Studium für den Sohn eines Postbeamten in dem Gesellschaftssystem, in welches er hineingeboren wurde, doch eigentlich nicht vorgesehen – wirkt seine Geschichte, wirkt das von ihm gelebte Leben umso glaubwürdiger. Und es ist eben die weiter oben beschriebene Sprache, derer Gstrein sich befleißigt, die es ermöglicht, diese Geschichte eben so authentisch zu erzählen.

IM ERSTEN LICHT ist ein stiller Roman, der gerade durch die ruhige Weise seiner Erzählung aus der momentanen literarischen Aufregung herausragt. Ein kleiner großer Roman, wie es sie nicht so häufig mehr gibt.

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