ABSOLUTE POWER

Ein feiner, subtiler Blick darauf, wie Macht korrumpiert

Der Meisterdieb Luther Whitney (Clint Eastwood) steigt in die Villa des Milliardärs Walter Sullivan (E.G.Marshall) ein, um dort in einer Geheimkammer neben dem Schlafzimmer vor allem den Schmuck mitgehen zu lassen. Während er dabei ist, auch größere Geldmengen einzustecken, hört er, wie Menschen das Haus betreten. Es ist Sullivans Frau Christy (Melora Hardin), die einen Liebhaber in ihr Schlafzimmer bringt. Luther, nun in der geschlossenen Kammer hinter einem venezianischen Spiegel mehr oder weniger gefangen, wird Zeuge, wie die beiden – offenbar stark alkoholisiert – zunächst ein Geplänkel beginnen, das nach und nach zu einem Sex-Spiel wird, bevor es in eine Art Vergewaltigung ausartet. Der Mann, den Luther unschwer als den Präsidenten der Vereinigten Staaten, Allen Richmond (Gene Hackman), ausgemacht hat, schlägt Christy und würgt sie mehrfach. Doch es gelingt der Frau, sich zu wehren, bis sie die Oberhand zu gewinnen scheint und den Präsidenten mit einem Brieföffner, den sie in die Hände bekommt, bedroht. Daraufhin schreit er um Hilfe, was zwei Secret-Service-Agenten auf den Plan ruft, die die Frau sofort erschießen. Nun kommt auch die Stabschefin des Weißen Hauses, Gloria Russell (Judy Davis), hinzu und übernimmt sofort die Kontrolle. Der Präsident, heillos betrunken, entpuppt sich als weinerlicher Kerl, der der Situation nicht gewachsen ist. So lässt Russell den Agenten Bill Burton (Scott Glenn), der eigentlich umgehend die Polizei rufen wollte, woran seine Vorgesetzte ihn gehindert hat, überprüfen, ob es zu Geschlechtsverkehr gekommen ist, sie beseitigt alle Beweisstücke und lässt den Präsidenten aus dem Haus bringen. Nachdem die Leute abgezogen sind, kommt Luther aus seinem Versteck, klaubt seine Beute und sein Werkzeug zusammen und nimmt, einer Eingebung folgend, auch das Bewesistück, den Brieföffner, mit. Derweil ist Russell aufgefallen, daß genau dieses wesentliche Beweisstück fehlt. Burton und sein Kollege Tim Collin (Dennis Haysbert) kehren also noch einmal ins Haus zurück, wobei sie merken, daß jemand anwesend war. Sie verfolgen Luther, doch dem gelingt es, ihnen zu entkommen.

Detective Seth Frank (Es Harris) übernimmt die Ermittlungen. Ihm und seiner Kollegin Laura Simon (Penny Johnson Jerald) fällt schnell auf, daß am Tathergangs, so wie er sich ihnen bisher darstellt, einiges nicht stimmen kann. Offiziell wird die Tat einem Einbrecher zugeschrieben, der von der Dame des Hauses zufällig überrascht wurde, doch hegt Frank von Beginn an Zweifel an dieser Theorie.

Im Weißen Haus ist man sich sicher, die Lage unter Kontrolle zu haben. Russell beauftragt Burton damit, Kontakte zur Polizei aufzunehmen, damit man immer auf dem Laufenden sei, was die Ermittlungen angehe. Der Präsident, ein enger Freund des Milliardärs Sullivan, der auch sein Förderer war, verspricht, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um das Verbrechen zu sühnen. Sullivan, der tief getroffen ist vom Verlust seiner Frau, erklärt Frank gegenüber, daß er den Mörder haben wolle, koste es, was es wolle. Zudem heuert er mit Michael McCarty (Richard Jenkins) einen Killer an, der den Mörder für ihn töten soll.

Frank hat sich kundig gemacht, wer einen Einbruch in eine so hochgesicherte Villa wie der der Sullivans überhaupt bewerkstelligen könnte und ist dabei fast zwangsläufig auf Luther gestoßen. Die beiden treffen sich in dem Museum, in dem der Dieb gern viel Zeit verbringt und Gemälde nachzeichnet. Frank schmeichelt Luther und erbittet von ihm Auskunft, wie man einen solchen Einbruch durchziehen könnte. Luther gibt ihm allgemeine Auskünfte, hält sich aber auf charmante Art und Weise zurück. Frank seinerseits glaubt nicht an die Theorie mit dem überraschten Einbrecher, da er Luther zwar des Einbruchs in Verdacht hat, aber annimmt, daß dieser niemals einen Mord beginge und wenn, keinen solch stümperhaften.

Luther überlegt, das Land zu verlassen und trifft alle Vorkehrungen, besorgt sich neue Pässe und Kreditkarten, legt sich seine Verkleidungen zurecht und sucht eines seiner Verstecke auf, um sich mit genügend Bargeld einzudecken. Außerdem nimmt er Kontakt zu seiner Tochter Kate (Laura Linney) auf, die eigentlich nichts mehr von ihm wissen will, weil er sie ihrer Meinung nach als Kind verlassen und vernachlässigt habe. Zu oft sei sie in Gefängnissen gewesen, um ihn zu besuchen, nie habe er sich um sie gekümmert. Was sie nicht weiß, allerdings ahnt, ist, daß Luther sie immer beobachtet hat, an den Tagen ihrer persönlichen Triumphe – College- und Universitätsabschluß, ihr erster gewonnener Fall als junge Anwältin etc. – in der Nähe war und Fotos gemacht hat und auch regelmäßig in ihrer Abwesenheit ihr Appartement aufsucht, um zu schauen, ob sie sich vernünftig ernährt. Bei dem Treffen zwischen den beiden kommt es aber zu keiner Aussöhnung.

Luther will seinen Fluchtplan umsetzen, ist bereits am Flughafen, als er im Fernsehen die Liveübertragung einer Rede des Präsidenten mithört. Der gibt sich als redlicher Kämpfer für Recht und Gesetz, aber auch für die Armen und Unterdrückten und bittet seinen Freund Sullivan zu sich ans Rednerpult, um diesem zu versichern, daß er an seiner Seite stünde und das Verbrechen dringend aufgeklärt werden müsse.

Frank nimmt Kontakt zu Kate auf, um sie zu überreden, sich mit ihrem Vater zu treffen und dadurch der Polizei zu ermöglichen, seiner habhaft zu werden. Frank versichert ihr aber auch, daß er Luther nicht wirklich verdächtige und ihn eigentlich nur schützen und mit ihm reden wolle. Schließlich willigt Kate ein und trifft eine Verabredung mit Luther in einem Café. Was weder sie noch Frank ahnen: Der Secret Service hört die ganze Zeit mit, da er das Büro des Detectives verwanzt hat.

So finden sich zur angegebenen Zeit nicht nur Kate und Frank mit seinen Einheiten am Treffpunkt ein, sondern mit Tim Collin und McCarty gleich zwei potentielle Killer, die mit Scharfschützengewehren darauf warten, daß Luther sich zeigt. Als es soweit ist, rettet nur ein Zufall dessen Leben und er kann entkommen.

Abends findet Kate Luther in ihrem Appartement vor. Sie gesteht ihm, ihn verraten zu haben, was Luther sich schon gedacht hatte. Er erzählt ihr nun den ganzen Sachverhalt, vom Einbruch, von der Affäre des Präsidenten mit Sullivans Frau, dem Mord durch die Agenten und davon, daß und wie er alles beobachtet hat und zeigt ihr den Brieföffner als Beweisstück.

Luther hatte bereits zuvor schon indirekten Kontakt mit Russell aufgenommen, um sie zu verunsichern, nun schickt er das Kollier, das Mrs. Sullivan am Abend ihres Todes trug, an die Stabschefin, die es nicht erkennt, für ein Geschenk des Präsidenten hält und am Abend bei einem Empfang trägt. Während Richmond mit Russell tanzt und dabei ein Dauerlächeln für die Umstehenden zur Schau trägt, erklärt er ihr, wie es sich mit dem Schmuck tatsächlich verhält.

Frank hat mittlerweile gänzlich begriffen, daß Luther wohl nicht der Mörder sein kann, zudem hat er sich ein wenig in Kate verliebt. Er will den Dieb finden und beschützen, ebenso, wie er den wahren Mörder finden will.

Richmond gibt seinen Leuten die Anweisung, nicht nur Luther zu erledigen, sondern auch dessen Tochter, die als Staatsanwältin arbeitet, zu beseitigen, da er sie fürchtet. Collin übernimmt den Auftrag und rammt Kates Wagen auf dem Parkplatz, wo sie diesen abstellt, wenn sie joggen geht. Luther, der Lunte gerochen hat, will ihr zur Hilfe kommen, doch es ist zu spät. Er findet die schwer verletzte Kate in ihrem Auto, das eine Klippe hinabgestürzt ist.

Im Krankenhaus treffen Luther und Frank aufeinander und der Detective kann dem Dieb klar machen, daß er ihn für unschuldig hält. Frank versichert Luther, daß er herausfinden werde, wer für den Anschlag auf Kates Leben verantwortlich war. Doch es dauert nicht lange, bis Collin selbst im Krankenhaus auftaucht, um zu Ende zu bringen, was er angefangen hatte. Luther kann ihn stellen und tötet ihn mit einem Beruhigungsmittel, das er ihm hochdosiert spritzt. Die Leiche schmeißt er in einen Müllcontainer.

Burton, von seinem Gewissen geplagt, tötet sich selbst, hinterläßt aber Aufzeichnungen, mit denen Frank belegen kann, was wirklich in jener Nacht in der Villa passiert ist. So wird Russell verhaftet.

Luther hat derweil Kontakt zu Sullivan aufgenommen und erklärt diesem, daß de facto kein materieller Schaden bei dem Einbruch entstanden sei, da er die Sachen alle zurückgebracht habe. Er will aber, daß der alte Mann weiß, daß er kein Mörder ist. Sullivan, dem die Wahrheit schon dämmerte, will sich zunächst nicht eingestehen, daß sein Freund und Protegé Richmond ihn derart hintergehen konnte. Doch Luther präsentiert ihm nun den Brieföffner und versichert, er solle den untersuchen lassen, er fände darauf die Fingerabdrücke seiner Frau und die des Präsidenten, keine von ihm, Luther. Dann setzt er Sullivan praktisch direkt am Weißen Haus ab. Der Milliardär gelangt problemlos durch die Sicherheitsschleusen und geht zu Richmond. Bald danach melden die Medien, der Präsident habe Selbstmord begangen.

Luther kommt ins Krankenhaus und trifft dort auf Frank, der aber sofort den Rückzug antritt. Als Kate erwacht, fragt sie, ob Frank im Krankenhaus gewesen sei. Luther grinst und bejaht dies. Dann schlägt er vor, den jungen Mann doch einmal zum Essen einzuladen…

Clint Eastwood verfilmte mit ABSOLUTE POWER (1997) ein auf einem Roman von David Baldacci basierendes Drehbuch von William Goldman, der für die Drehbücher solcher Klassiker wie HARPER (1966), BUTCH CASSIDY AND THE SUNDANCE KID (1969) oder ALL THE PRESIDENT`S MEN (1976) verantwortlich zeichnete. Auch in diesem Fall gelingt Goldman ein packender Plot, der zwischen Heist-Movie, Cop- und Polit-Thriller angelegt ist, dabei aber vor allem als Drama überzeugt. Eastwood führt einmal mehr ruhig, ausgewogen, sehr genau und differenziert Regie, verzichtet nahezu gänzlich auf wilde Actionsequenzen und liefert einen Ensemblefilm, in dem bis in Nebenrollen hinein hervorragende Charakterdarsteller psychologisch überzeugend brillieren können.

Die 90er Jahre boten im Hollywood-Film einige wirklich üble Präsidentenfiguren. Gene Hackman fügt dieser Riege mit der Figur des Allen Richmond wahrlich ein Prachtexemplar hinzu. Moralisch und emotional korrupt, weinerlich und zynisch zugleich, brutal und skrupellos, erinnert er 23 Jahre nach dem Entstehen des Films in erstaunlichem Maße an den aktuellen Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump. Absolute Power – absolute Macht, attestiert ihm der Film, was allerdings zugleich durch aufrechte Cops und zumindest grüblerische Secret Service-Mitarbeiter hinterfragt wird. Denn dieser Präsident, der eine Frau vergewaltigen will, die dann, als sie sich wehrt, von eben jenen Secret-Service-Männern erschossen wird, braucht die absolut kriminelle Energie seiner Stabschefin, um das Verbrechen zu vertuschen. Diese wird angemessen sinister von Judy Davis gespielt, die gemeinsam mit Hackman einen der besten Leinwand-Momente der 90er Jahre hat, wenn der Präsident und die Dame auf einem Empfang im Weißen Haus miteinander tanzen, sich dabei ununterbrochen für das sie beobachtende Publikum anlächeln, während sie die neuesten – und für sie alles andere als angenehmen – Entwicklungen in dem Fall der toten Liebhaberin diskutieren. Selten haben mimischer Ausdruck und das gesprochene Wort stärker differiert, als in diesen Minuten.

Daß die Tote die Frau des besten Freundes und Förderers des Präsidenten war, bringt einen zusätzlichen Dreh und die gewisse Würze in die Angelegenheit. Das Bild, das Goldman und Eastwood von Washington als Synonym des politischen Betriebs der USA bieten, ist das eines in sich verdorbenen Systems, in dem Skrupellosigkeit und Verschlagenheit, sowie jegliche Ignoranz moralischer Werte wie eine Voraussetzung allen Handelns wirken. Diese Haltung mag durchaus ihren kleinen Anteil gehabt haben, daß 20 Jahre später ein Typ wie Trump behaupten konnte, ausgerechnet er, ein milliardenschwerer Bau-Tycoon, könne den „politischen Sumpf“ des Washingtoner Establishments austrocknen, ohne schamrot zu werden. Eine solche Haltung mag Eastwood – seit jeher ein bekennender Republikaner, wenn auch auf dem liberalen Flügel der Partei angesiedelt – auch durch seine eigenen Erfahrungen als Bürgermeister seines Heimatortes Carmel an der kalifornischen Küste in den 80er Jahren verinnerlicht haben. Soweit man weiß, hat ihm der Job nur wenig Spaß gemacht. Politik also als ein dreckiges Geschäft. Allerdings ist es interessant, daß ABSOLUTE POWER nie, nicht in einer einzigen Szene, irgendetwas preisgibt von der politischen Haltung dieses Allen Richmond, wir erfahren nicht einmal, welcher Partei der Mann angehören soll. Dieser Präsident ist eher ein Re-Präsident, der sich in den schon erwähnten Empfängen ergeht, schwülstig-pathetische Reden hält und ansonsten dem Leben eines Playboys zu frönen scheint. Auch darin drängen sich Vergleiche zum aktuellen Präsidenten geradezu auf.

So bleibt die Macht, die der Titel behauptet, eher eine nicht-politische. Diesem Mann, so wird hier suggeriert, stehen eben immense Möglichkeiten zur Verfügung, um sich gegen die Unbilden des Gesetzes, des Rechtsstaats, zu wehren. Wer Macht hat, kann sich alles erlauben, so in etwa die zugrunde liegende Haltung. Goldman hat das auch schon genauer und vor allem weitaus politischer behandelt, mindestens in ALL THE PRESIDENT`S MEN, in dem er den Watergate-Skandal aus der Perspektive der beiden Journalisten, die ihn einst aufdeckten, Bob Woodward und Carl Bernstein, nacherzählte. Hier also liegt der Fokus eher auf der Frage, ob einmal errungene Macht so oder so korrumpiert – oder ob es ein an sich schon korruptes Gemüt braucht, um in Positionen wie die des Staatsoberhaupts zu gelangen. Betrachtet man das Verhältnis von Allen Richmond und Walter Sullivan, eben jenem Milliardär, dessen Gattin der Präsident nicht nur verführt, sondern auch umbringen lässt, bedenkt man, daß der ältere Mann mit dem Geld den jüngeren mit den Ambitionen nach eigener Aussage „gemacht“ habe, liegt die Schlußfolgerung nah.  Damit wird die Handlung natürlich in gewisser Weise entpolitisiert und auf einen reinen Thriller, aber auch ein persönliches Drama heruntergekocht. Denkt man dann an den aktuellen Präsidenten, scheint aber auch das wieder zu passen, wirkt dieser Mann doch ähnlich unpolitisch, desinteressiert und ignorant, wie Allen Richmond im Film.

Recht und Gesetz werden durch Ed Harris als ermittelndem Polizist Seth Frank und Laura Linney als Eastwoods Tochter Kate, die als Staatsanwältin arbeitet, repräsentiert. Das ging in einem Film der 90er dann eben auch: Moralische Rettung in Figuren repräsentiert, die für das Funktionieren des demokratischen Rechtsstaats stehen. Der Polizist und die Staatsanwältin. Beide werden als ehrliche Menschen dargestellt. Der Polizist hat bald Zweifel an dem sich aufdrängenden Tathergang, Laura, die ihren Vater – einen Meisterdieb – ablehnt, will eine rechtmäßige Aufarbeitung und muß schließlich feststellen, daß sie ebenso auf der Abschußliste des Präsidenten steht, wie ihr Vater. Der Präsident delegiert die Drecksarbeit an die Männer des Secret Service, die paritätisch aus einem Schwarzen und einem Weißen bestehen, wobei allerdings Scott Glenn in der Rolle des weißen Beamten Burton die wesentlichere Rolle spielt, da er im Laufe der Handlung Zweifel am Handeln seiner Vorgesetzten bekommt, während Dennis Haysbert in der Rolle des schwarzen Agenten Tim Collin ein reiner Erfüllungsgehilfe bleibt und damit die schwächste Rolle im Ensemble einnimmt. Da Eastwood immer auch zu Zynismen neigt, wird der Mann schließlich, weil er Kate bedroht hat, von Luther Whitney, dem Meisterdieb, der Gewalt angeblich verabscheut, regelrecht „entsorgt“, indem er ihn erst zu Tode spritzt und dann in einer Mülltonne ablegt. Man muß das nicht als rassistisch beurteilen, ein etwas fader Nachgeschmack hat die Szene allerdings schon, nicht zuletzt deshalb, weil Agent Collin einer der wenigen Schwarzen in der gesamten Handlung ist. Nur Seth Frank hat eine Kollegin, die ebenfalls dunkler Hautfarbe ist.

Im Kern all der Verwicklungen zwischen politischer Macht, Geheimdiensten, der Polizei und dem trauernden Milliardär, der seine geliebte, ihm untreue Ehefrau rächen will, sowie den familiären Verstrickungen, steht ganz eindeutig eben dieser Luther Whitney, der Dieb, den Eastwood selbst spielt. Filme, die Eastwood inszeniert und in denen er zugleich spielt, sind nicht immer seine stärksten. Hier aber gelingt ihm eine sehr differenzierte Darstellung, ohne die üblichen Übertreibungen mit stechenden Blicken, dem gelegentlichen Wahnsinn, den er seinen Figuren angedeihen lässt. Luther Whitney ist ein gebildeter, im Grunde friedlicher Mann, einst hochdekorierter Soldat im Korea-Krieg, der einen ausgesprochenen Sinn für Kunst und Kultur hat. Wir sehen ihn in Museen sitzen und Gemälde abzeichnen, dabei immer freundlich und zuvorkommend gegenüber Fremden, abends geht er in seine Stammkneipe und trinkt mir seinem Kumpel, dem Wirt, ein Bier. Wie ausgefuchst seine Strategien sind, lernen wir im Laufe des Films. Er wohnt in einem bescheidenen Haus am Rande Washingtons, hält aber eine ausladende Wohnung, in der er in einem Tresor sein Diebesgut – Juwelen, Schmuck, auch Geld – bunkert und das mit seinen versuchen als Zeichner und Maler geschmückt ist. Er ist immer vorbereitet, schnell das Weite zu suchen, er ist in seinen Fluchtplanungen mindestens so maßvoll und exakt, wie in der Vorbereitung seiner Diebeszüge. Er ist ein Meister der Verkleidung, wodurch es ihm mehrfach gelingt, an Aufsichtspersonal und Wächtern vorbei in Räume einzudringen und dort Botschaften zu hinterlassen. Auch die Wohnung seiner Tochter sucht er mehrfach heimlich auf, um zu überprüfen, ob sie sich auch ordentlich und gesund ernährt und um ihr, die ihn als stets abwesenden Vater ablehnt, nah zu sein. Es gelingt Eastwood, diese Sehnsucht nach einem Kind, das aus eigener Schuld verloren wurde, glaubwürdig zu verkörpern, ohne daraus ein Drama oder gar Melodram zu machen, wie es später in dem so hoch gelobten MILLION DOLLAR BABY (2004) der Fall war.

Es ist genau dieses Augenmaß hinsichtlich der Hintergründe der Figuren, das ABSOLUTE POWER zu solch einem flüssigen, genauen und wohltemperierten Thriller macht. Denn der Fall selbst, die Gefahr, die für Luther aus seinem Wissen um den Mord im Auftrag des Präsidenten erwächst, wird nie hinter den persönlichen Geschichten der Protagonisten zurückgestellt. Viel mehr sind es diese Hintergründe, die die Figuren im Kontext der Handlung erst Glaubwürdigkeit verleihen. Da ist der Polizist Seth Frank, der offensichtliches Interesse an der jungen Anwältin hegt und von dem wir wissen, daß er allein lebt, was die Figur grundiert und uns Möglichkeiten gibt, ihren Geheimnissen nachzuspüren, aber eben auch verstehen lässt, weshalb er sich für eine Frau wie Kate interessiert, die selbst eine Aura der Einsamkeit, des Geheimnisses, umgibt. Da ist der tief getroffene Milliardär, der um seine viel jüngere Frau trauert; den wir zunächst als Opfer wahrnehmen, der erklärt, er habe nach dem Tod seiner ersten Frau so gelitten, daß er gehofft hatte, durch die Heirat mit einer wesentlich jüngeren Frau ähnliches nie mehr erleben zu müssen – und der dann eben doch auch der Meinung zu sein scheint, daß für ihn die Gesetze nicht gelten und der bereit ist, einen Killer anzuheuern, um den vermeintlichen Mörder seiner Frau zu töten (im Übrigen eine der schwächeren Drehbucheinfälle, da diese Ebene nicht nur unnötig kompliziert ist, sondern auch zu einem der echten Logiklöcher des Films führt, wenn beim der Polizei bekannten Treffen zwischen Luther und seiner Tochter nicht nur Agent Collin mit einem Scharfschützengewehr lauert, sondern eben auch dieser Killer, der aber seinerseits brillant charakterisiert wird, wenn er beim Treffen mit dem Milliardär erklärt, daß er den Job nur mache, weil er gnadenlos über seine Verhältnisse lebe). Die Stabschefin Gloria Russell, der Judy Davis eine unterschwellige Hysterie verpasst, die alles – im wahrsten Sinne des Wortes alles – für „ihren“ Präsidenten tun würde, die gegenüber Untergebenen (wie den beiden Secret-Service-Männern Burton und Collin) hart und unnachgiebig erscheint, wirkt gegenüber ihrem Chef fast devot und vor allem unsicher. Und selbst der Agent Burton, den Scott Glenn angemessen bärbeißig und dennoch sensibel gegenüber dem Machtmißbrauch, den er sieht, spielt, ist als Figur vielschichtig.

ABSOLUTE POWER ist ein Ensemblefilm, der auf eine außergewöhnliche Darstellerriege zurückgreifen kann und dem es somit gelingt, aus scheinbar oberflächlichen Figuren doch tiefschürfende Psychogramme zu entwickeln. Und damit gelingt es Eastwood schließlich auch, ein Gesellschaftsportrait zu zeichnen, zumindest eines der Klasse der Mächtigen, denen ein Dieb zufällig in die Quere kommt, ein Mann aus dem Volk, wenn man so will, der die „üblichen“ Abläufe stört, dessen ungewollter Ein-Blick in die Regeln der Macht ebendiese außer Kraft setzt, der das Gleichgewicht aus Geben und Nehmen empfindlich stört. Man sollte dem Film nicht mehr unterstellen oder etwas hineininterpretieren, das er nicht hergibt – und doch zieht Eastwood diese Ebene auf subtile Weise ein. Es sind Gesten und kleine Blicke – vor allem sei da Gene Hackman erwähnt, der ein Meister dieser minimalen Veränderungen ist, die aus einem charmanten Herrn einen brutalen Kerl machen können, ohne daß man wirklich versteht, was er das eigentlich macht – , die Hierarchien, die Macht und Abhängigkeiten definieren. Es ist Eastwood hoch anzurechnen, daß er jegliche Ambitionen hinsichtlich Actionsequenzen oder reiner Spannungsmomente zugunsten dieser Beobachtungen zurückstellt. Beobachtungen, die es braucht, um den eher versteckten Subtext des Films zu durchschauen. Nie gibt er als Regisseur diese Genauigkeit, die Exaktheit dieser Beobachtungen auf, um stattdessen mit den Überwältigungsstrategien des herkömmlichen Actionkinos schnelle Effekte zu erzielen. Stattdessen nutzt er das Midtempo seiner Erzählung, den zwar ruhigen, doch niemals stockenden Rhythmus, um Menschen zu beschreiben, die sich zu verhalten haben im Angesicht von Macht, Mißbrauch und Mord. Dieser Vorgabe der Regie passt sich der Schauspieler Clint Eastwood vollends an. Die Darstellung des Luther Whitney dürfte wohl eine der besten, weil differenziertesten in Eastwoods Karriere gewesen sein.

So bleibt von diesem Film weniger das Spannungsmoment in Erinnerung, als viel mehr der Spaß, den es macht, fantastischen Schauspielern bei der Arbeit zuzuschauen und dabei etwas zu lernen über die Deformationen, die durch Macht entstehen. Daß Eastwood dabei ganz nebenbei auch einen Meta-Kommentar auf das Wesen des Kinos gelingt, sei zum Schluß noch angemerkt. Denn Luther in der geheimen Kammer hinter dem Einwegspiegel durchlebt nicht nur einen äußerst schreckvollen Moment für sich selbst, sondern er erlebt auch äußerst intime Momente zweier Menschen mit: Zunächst Sex (Eros) und dann den Tod (Thanatos). Wie Hitchcock einst in REAR WINDOW (1954) erzählt Eastwood in diesem Moment, in dem Luther die Position des Kinogängers einnimmt, der ebenfalls passiv in seinem Sitz sitzt und beobachtet, was auf der Leinwand geschieht, vom Wesen des Kinos selbst: Eros und Thanatos. Es sind diese beiden Themen, die das – vor allem das amerikanische – Kino bestimmen, seinen Reiz ausmachen, die uns immer wieder in ihren Bann ziehen und uns wieder und wieder staunen, schauern und starr den Blick auf die Leinwand richten lassen. Der Unterschied zwischen Luther und uns ist lediglich, daß wir aufstehen und das Kino verlassen könnten, was ihm in seiner Situation verwehrt ist. Aber wie der Kinobesucher, hat auch Luther sich letztlich freiwillig in diese Situation gebracht. Und wie Luther in der Geheimkammer, ist auch der Kinogänger ein Gefangener. Ein Gefangener seiner ganz eigenen Obsessionen. Und wie oft steht ein Kinogänger wirklich auf und verweigert den Blick auf das, was das Kino ihm zu bieten hat, ihn sehen lässt? Eben…

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