J. EDGAR

Clint Eastwood legt ein Biopic über den langjährigen Direktor des FBI vor

In Rückblenden erzählt der FBI-Direktor J. Edgar Hoover (Leonardo DiCaprio) einem Journalisten sein Leben, wobei er zugleich versucht, sich gegen die aktuelle Administration der Kennedyregierung zur Wehr zu setzen. Auf verschiedenen Zeitebenen – springend zwischen der Filmgegenwart und der jeweils gerade erzählten Episode – folgt der Film seinem Protagonisten über entscheidende Stationen seines Lebens.

Der Justizbeamte Hoover, ein Pedant und schwer zu durchschauender Ordnungsfanatiker, steigt in den 1920er Jahren schnell zum Leiter einer neuen Einheit zur Bekämpfung von Radikalen jedweder Coleur (sprich: Kommunisten und Anarchisten) auf.

Der Film mäandert von diesen frühen Ereignissen über die Gründung der Behörde (bzw. ihrer endgültige Benennung in Federal Bureau of Investigation) 1924, die Entführung des Lindbergh-Babys in den 1930ern, die Bekämpfung der Gangster in Chicago im gleichen Jahrzehnt (und Hoovers ewiger Weigerung, „so etwas“ wie die Mafia überhaupt als existent zur Kenntnis zu nehmen), bis in die 60er Jahre hinein, in denen zum einen die Auseinandersetzung mit den Kennedys wesentlich sein Leben bestimmte, als auch die mit der Bürgerrechtsbewegung und v.a. Martin Luther King, dem er unbedingt etwas anhängen wollte. Hoover sah in den Liberalisierungsbewegungen der 60er das Wiedererstarken kommunistischer Umtriebe.

Schließlich wird der Machtmensch Hoover Opfer des zwar aus dem gleichen politischen Stall kommenden, doch in Machtspielen ähnlich bewanderten Schwergewichts Richard Nixon, dem der Direktor schlicht zu mächtig war.

Geboten wird diese Erzählung strikt aus der Sicht Hoovers und seines Umfeldes – v.a. seiner Sekretärin Helen Gandy (Naomi Watts), die er um ihre Hand bittet, und als sie dies ablehnt eben fragt, ob sie seine Sekretärin werden wolle, und seines „Leibwächters“ Clyde Tolson (Armie Hammer), seinem Stellvertreter, mit dem ihn eine lebenslange homoerotische Beziehung verbindet, die unbedingt geheim gehalten werden muß, tritt Hoover öffentlich doch als Hardliner und konservativer Reaktionär mit klarer Haltung zu „Schwulen und Kommunisten“ auf.

Allerdings läßt der Film offen, ob man es hier wirklich mit einer ausgelebt homosexuellen Beziehung zu tun hat oder mit einer ewig unterdrückten Anziehung, die – platonisch gelebt – nur in kurzen Momenten zutage trat.

Amerika liebt seine Schurken, schon immer. Sei es der schwer verstörte William Bonney, der in Dutzenden Geschichten und Filmen Karriere als Billy the Kid machte; seien es die Gebrüder James, denen es ähnlich erging, obwohl sie in realitas zu den übelsten Schlächtern des Sezessionskrieges gezählt werden dürfen; in den 30er Jahren waren es die Gangster Chicagos, von denen mancher als „Staatsfeind Nr.1“ zu Rang und Ehren kamen usw. Das moderne Amerika produziert „Helden“ anderer Art. Und so nimmt sich der sich links gebende Liberale Oliver Stone eines politischen Ungeheuers wie Richard Nixon an und der sich rechts gebende Liberale Clint Eastwood legt ein paar Jahre später nach und schaut mal, was sich aus dem Protofaschisten J.Edgar Hoover – Gründer und lange Jahre Chef des FBI – machen läßt. Zumindest ein Biopic, so scheint es Eastwood. Dies ist das Ergebnis.

Ein Biopic. Das Genre, wenn man es denn so nennen will, bringt eh seine ganz eigenen Komplikationen mit sich. Selten, daß ein Leben einem Drehbuchautor den Gefallen tut, sich stringent in 5 Akte aufzuteilen und eine in sich geschlossene Narration zu ergeben. Die meisten Leben – selbst die von Prominenten, Politikern oder Bösewichtern – laufen episodenhaft ab, weisen Brüche, oftmals lange Strecken reiner Ödnis auf. Das in eine stringente Handlung zu verwandeln und damit eine annehmbaren Filmzeit von – wie hier – guten 2 Stunden (137 Minuten) zu füllen, ist eine Kunst für sich, an der Viele leider häufig scheitern. Und hinzu kommt immer die Frage, was man mit der Erzählung gerade dieses Lebens eigentlich bezweckt?

Was will uns der bekennende Konservative Clint Eastwood, der in seinen Filmen so oft eher liberale Positionen vertritt, also mit diesem Portrait eines Mannes erzählen, der allgemein als eines der großen amerikanischen Monster des 20. Jahrhunderts gilt? Welche Interpretation bietet er uns an? Auf welche Aspekte dieses Lebens legt er wert? Was zeigt er, was läßt er weg? Bezeichnend ist, daß es Eastwood v.a. in der ersten Hälfte seines Films um die Polizeiarbeit Hoovers geht. Wir sehen, wie er akribisch Beweise sammelt und sich fast lächerlich macht, wenn er an Tatorten die Polizisten anhält, nichts zu berühren und diese dies nur belächeln. Das lässt den Betrachter natürlich auch deshalb schmunzeln, weil wir heute in jedem Vorabendkrimi sehen können, wie genau diese Handlungen als Basisarbeit von Ermittlungen gelten. Die Entführung des Lindbergh-Babys wurde Hoover ein persönliches Anliegen, welches ihm die Möglichkeit gab, in Anhörungen vor dem Kongreß durchzusetzen, daß seine Behörde überregionale Befugnisse erlangte und also in allen Staaten des Landes tätig werden konnte. Die zweite Hälfte des Films ist weitaus stärker geprägt von den politischen Kämpfen dieses Mannes. Dabei zeigt Eastwood manches nur nebenbei, anderes, wichtiges, wird lediglich erwähnt (Die Hexenjagden eines Joe McCarthy werden abgetan mit der lapidaren Erwähnung, selbiger sei ein Idiot gewesen).

Viel Gewicht legt der Film – darin wieder durchaus liberal und interessiert an Wahrheiten hinter der Fassade – auf die Frage, mit was für einem Menschen man es bei Hoover eigentlich zu tun gehabt hat? Doch findet Eastwood eher gewöhnliche, um nicht zu sagen klischeehafte Antworten: Ein Muttersöhnchen, das in bester Freud’scher Manier keine anderen liebenswerte Wesen in seiner näheren Umgebung ertragen kann; ein Mann, der noch bis ins fortgeschrittene Alter seine Mutter behaust, der schwer geschlagen an ihrem Totenbett zusammenbricht, ein Mann, der Sexualität – so zumindest scheint Eastwoods Credo zu sein – so oder so nicht hat ausleben können, weshalb sie sich in Substitutionshandlungen autoritärer Natur ausdrückt. Jene Szene, in der Hoover seiner der jungen Helen Gandy einen Heiratsantrag macht und fast erleichtert wirkt, als sie ablehnt, nur um ihr sofort den Job als Chefsekretärin anzubieten (und damit wahrscheinlich mehr, als sie als Gattin je erhalten hätte) birgt nicht nur eine gewisse Komik, sondern verdeutlicht auch, daß dieser Mann quasi nur als Zeichen existiert – als Zeichen für eine erstarkte Staatsmacht, die sich anschickt, bei ständiger Betonung amerikanischer Werte, gleich mal einen der wichtigsten – den der individuellen Freiheit – zunichte zu machen. In einer anderen Szene wird dies explizit: Ein Vorgesetzter des jungen Hoover fragt ihn (und sich), ob er, Hoover, eigentlich Freunde, Hobbys, ein Mädchen habe? Hoover schaut ihn fast ungläubig an, als seien solche Ideen vollkommen außerhalb seiner Vorstellungswelt, bevor er dann grüblerisch innehält, als fiele ihm erstmals auf, daß es sich wirklich so verhält.

Hoovers Homosexualität thematisiert der Film vorsichtig, wie erwähnt fast so, als sei diese lediglich eine platonische gewesen, eher die Ahnung einer Liebe als ein reelles Gefühl. Auch Hoovers angebliche Vorliebe für Fummel, Dessous und Damenkleidung wird lediglich ein einziges Mal aufgegriffen, wenn er nach dem Tod der Mutter in einem ihrer Kleider und behängt mit einer ihrer Ketten vor dem Spiegel steht. Identitätsverluste – Identitätsübertragungen? Was auch immer Eastwood andeuten mag, diese Szene ist fast delirial inszeniert, wir können uns also sicher sein, es hier mit der Verirrung eines wirren, durch den Tod der Mutter tief Getroffenen zu tun zu haben. Und als Erklärung muß also auch hier einmal mehr das (übrigens als streng religiös gezeichnete) Muttermonster herhalten. Eine veraltete Sichtweise, wenn man so will.

Clint Eastwood zeigt mit J. Edgar Hoover einen zerrissenen Mann, der als Mensch gescheitert ist, der jedoch als Figur des öffentlichen Lebens enormen Einfluß hatte und das Land im 20. Jahrhundert geprägt hat. Er geht – darin seinen Regiekollegen Danny DeVito und Martin Scorsese verwandt, die mit Biopics über Jimmy Hoffa (HOFFA/DeVito, 1992) und Howard Hughes (THE AVIATOR/Scorsese, 2004) ähnliche Wege einschlugen – sehr vorsichtig mit seiner Figur um, als wolle er einer fragilen und eh schon beschädigten Statue nicht weiteren Schaden zufügen. Dank einer rundum hervorragend aufgelegten Schauspielerriege, gelingen allerdings eindringliche Szenen und Charakterisierungen, die die Figur Hoover und sein Umfeld durchaus differenziert erzählen.

Dennoch bleibt, gerade bei der bereits erwähnten Lauflänge des Films, eben auch ein nicht zu übersehender Hänger, gerade zur Mitte des Films, der für Langeweile sorgt. Als würde das ganze Unternehmen an einem Nullpunkt anlangen, durchatmen, 20 Minuten verharren und dann erneut Anlauf nehmen für ein furioses Finale. Da gelingen dann gerade am Ende Szenen äußerster Zärtlichkeit zwischen Hoover und Clyde Tolson, Hoovers langjährigem Stellvertreter und gerüchtehalber auch sein Liebhaber, die dem Zuschauer durchaus den berühmten Kloß in den Hals treiben. So sind die Schwachstellen des Films auch eher den Untiefen des Genres geschuldet, als dem Sujet oder der Regie, geschweige denn den Darstellern. Es ist das alte Lied – ein Leben verläuft eben nur selten drehbuchkompatibel…

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