AIRPORT

Der Prototyp des modernen Katastrophenfilms

Ein Schneesturm über dem Mittelwesten droht den Lincoln International Airport in der Nähe von Chicago lahm zu legen. Flughafendirektor Mel Bakersfeld (Burt Lancaster) versucht mit allen Mitteln, den Betrieb aufrecht zu erhalten. Eine gelandete Maschine bleibt in einer Schneewehe stecken und blockiert nun eine der Lande- und Startbahnen. Deshalb holt Bakersfeld den Ingenieur Joe Patroni (George Kennedy) aus dessen verdientem Feierabend, damit er die Rollbahn so schnell wie möglich freimacht.

Bakersfelds Schwager, der Pilot Vernon Demerest (Dean Martin) erklärt die Sicherheit des Flughafens für nicht mehr gewährleistet und streitet darüber mit Bakersfeld.

Der hat noch andere Probleme: Anwohner des Flughafens protestieren im Schneetreiben gegen eben jene Rollbahn, die nun noch frei ist und eigentlich nachts aus Gründen der Lärmbelästigung nicht mehr in Betrieb sein sollte. Darüber hinaus muß sich Bakersfeld aber auch mit seiner Frau Cindy (Dana Wynter) herumschlagen, die wenig Verständnis für die Unbilden seines Berufs aufbringt und enttäuscht darüber ist, daß ihr Mann sie einmal mehr nicht zu einer Verabredung begleiten wird.

Die PR-Managerin der Fluggesellschaft TGA, Tanya Livingstone (Jean Seberg), kommt mit ihren Sorgen ebenfalls zu Bakersfeld, mit dem sie eine Affäre verbindet. Sie muß sich um die Rentnerin Ada Quonsett (Helen Hayes) kümmern. Diese ist als „blinde Passagierin“ aufgegriffen worden. Es gelingt der rüstigen Rentnerin immer mal wieder, ohne Ticket auf Inlandsflüge zu gelangen. Nun wird ihr ein junger Angestellter der Firma zur Seite gestellt, um dafür zu sorgen, daß sie auf die richtige Maschine zurück in ihren Heimatort kommt. Es gelingt Ada jedoch, dem jungen Mann ein Schnippchen zu schlagen und – obwohl sie eigentlich nach New York zu ihrer Tochter wollte – auf eine Maschine nach Rom zu gelangen.

In diese Maschine steigt auch D.O. Guerrero (Van Heflin). Er ist ein depressiver Mann, der es im Leben nicht weit gebracht hat und sich schämt, da seine Frau Inez (Maureen Stapelton) zwar ein Diner betreibt, jedoch unter Geldnöten leidet. Nun will er sich und die Maschine in die Luft sprengen, damit seine Gemahlin die Summe einer Lebensversicherung erhält, die Guerrero zuvor noch schnell abgeschlossen hat.

Allerdings ist er beim Check-In unter anderem Tanya aufgefallen, die ihn erstaunlich nervös fand. Ihr geht der Mann nicht mehr aus dem Kopf und sie erkundigt sich bei einigen Angestellten, ob der Mann auch ihnen aufgefallen ist?

Derweil erfährt Vernon, der als Check-Kapitän, sprich: Als Controller für seinen Kollegen Kapitän Anson Harris (Barry Nelson), ebenfalls auf der Rom-Maschine mitfliegen wird, von seiner Geliebten, der Stewardess Gwen Meighen (Jacqueline Bisset), daß er Vater wird. Vernon, der trotz seiner Ehe eine ganze Reihe amouröser Abenteuer eingegangen ist, ist ob der Mitteilung schockiert. Er will das Kind nicht, was zu Verstimmungen zwischen den Geliebten führt.

Während Bakersfeld weiterhin versucht, den Betrieb aufrecht zu erhalten und mit seinen diversen Baustellen kämpft, startet die Maschine nach Rom. An Bord unterhält sich Vernon lange mit Anson, einem sechsfachen Familienvater, der sein beschauliches Leben genießt. Vernon wird klar, daß es mehr im Leben geben muß als eine Liebschaft hier und eine Affäre dort. Er begreift, daß seine Ehe schon lange in die Brüche gegangen ist und er zu seiner Verantwortung stehen muß. In einem unbeobachteten Moment erklärt er Gwen, daß er sie liebe, mehr als sie ahne.

Tanya ist derweil eine offenbar verwirrte Frau zugeführt worden, die sich als Inez Guerrero entpuppt. Die hat ihren Mann vermisst, allerdings Rechnungen für das Ticket nach Rom gefunden. Sie kann sich keinen Reim darauf machen, ahnt allerdings Schlimmes. Denn ihr Mann war Sprengmeister im Krieg und versteht etwas von Sprengstoffen. Tanya schaltet schnell und erklärt Bakersfeld die Lage.

Die Maschine wird informiert, daß sowohl eine blinde Passagierin, als auch der Attentäter an Bord sind. Man beschließt, die Maschine in einer weiten Flugkurve umdrehen zu lassen, ohne daß die Passagiere dies merken. Der Attentäter soll nicht merken, daß er entdeckt wurde.

Gwen gelingt es, Ada ins Cockpit zu bringen. Der Zufall will es, daß sie ausgerechnet neben dem vollkommen verzweifelten Guerrero sitzt. Vernon erklärt der älteren Dame die Lage und daß sie und Gwen Guerrero eine Komödie vorspielen müssten, damit er, Vernon, dem Mann im entstehenden Durcheinander den Koffer mit der Bombe entreißen kann.

Das Manöver geht schief und es gelingt Guerrero, sich in einer der Bordtoiletten einzuschließen. Als die Situation für ihn bedrohlich zu werden scheint, zündet er tatsächlich die Bombe, sprengt damit ein Loch in die Maschine, durch das er selbst hinausgesogen wird. Allerdings wird Gwen bei dem Zwischenfall ebenfalls schwer verletzt. Ein Arzt an Bord kann sich um sie kümmern und sie stabilisieren. Vernon eilt zu ihr und steht nun offen zu seinen Gefühlen.

Die Maschine ist zwar flugfähig, doch droht sie, nach und nach zu zerbrechen. Zudem kann sie nur auf der längeren Rollbahn gelandet werden, die nach wie vor durch die feststeckende Maschine blockiert ist.

Bakersfeld informiert Patroni, daß dem nur noch einige Minuten für seine Bemühungen blieben, sonst ließe er, Bakersfeld, die Maschine von schweren Räumgeräten von der Rollbahn schieben, auch, wenn sie dabei beschädigt wird. Doch Patroni will das nicht auf sich sitzen lassen. Er gibt der Maschine Gas und es gelingt ihm schließlich, sie über die provisorisch verlegten Bretter unter den Reifen langsam aus ihrer Lage zu befreien. Die Rollbahn ist frei. Anson bringt die Maschine sicher auf den Boden.

Gwen wird sofort versorgt und soll ins Krankenhaus gebracht werden. Vernon steht nun zu ihr und begleitet sie. Das sieht seine Frau, die zum Flughafen geeilt ist, als sie von den Problemen gehört hat. Sie begreift, daß sie ihren Mann verloren hat.

Bakersfeld, dem seine Frau zuvor einen Besuch auf seiner Arbeitsstelle abgestattet hatte, um ihn davon zu unterrichten, daß sie die Scheidung wolle, fährt mit Tanya in deren Wohnung, da sie immer davon erzählt habe, welch großartiges Frühstück sie mache. Das wolle er jetzt einmal überprüfen.

Katastrophenfilme hat es in der Geschichte des Films eigentlich immer gegeben. Allein, weil katastrophale Momente auf der Leinwand natürlich oft enorm spektakulär anmuten. So erzählten schon frühe Stummfilme von Zugentgleisungen und anderen Unglücken. SAN FRANCISCO (1936), der in einer Darstellung des großen Erdbebens, welches die Stadt 1906 in Schutt und Asche legte, mündet, kann allerdings mit Fug und Recht als Prototyp dessen betrachtet werden, was wir heute als typisch für das Genre betrachten.

Der moderne Katastrophenfilm, wie wir ihn heute kennen, ist vor allem ein Produkt der späten 60er und mehr noch der 70er Jahre. Ob Erdbeben, Schiffsunglücke, brennende Hochhäuser oder Naturkatastrophen, die ganze Täler und Städte verschlingen – es gab kein Szenario, das nicht für tauglich befunden wurde, Menschen in Extremsituationen zu zeigen, die über sich hinauswachsen. Das Rezept war dabei eigentlich immer gleich: Man nehme eine Gruppe von einander unbekannten Menschen, lasse diese durch einen Haufen hervorragender Charakterdarsteller, besser noch bekannter Stars, spielen, baue Spannung durch allerlei zwischenmenschliche Konflikte und Krisen auf und kümmere sich dann um möglichst spektakuläre Bilder des Unglücks, um die Überlebenden sich anschließend aus der mißlichen Lage befreien zu lassen. Dabei müssen einige von ihnen sterben, am besten opfert sich irgendwer für die Gruppe auf, auf jeden Fall werden die zuvor so eindringlich behandelten Konflikte und Krisen durch die Katharsis des gemeinsamen Erlebens gelöst.

Im Jahr 1970 kam mit AIRPORT (1970) der Prototyp dieses modernen Katastrophenfilms auf die Leinwände der Welt. Basierend auf dem Bestseller von Arthur Hailey, erzählte der lang im Filmgeschäft als Drehbuchautor, Produzent und natürlich auch Regisseur tätige George Seaton nach einem eigenen Script die Geschichte einer langen Nacht an einem Flughafen im Mittelwesten. Ein Schneesturm sorgt für Chaos, eine Maschine bleibt nach der Landung in einer Schneewehe stecken, blockiert die Start- und Landebahn, eine andere Maschine hat einen Selbstmörder an Bord, der mit einem Bombenattentat einen Versicherungsbetrug inszenieren will, damit seine Frau das Geld aus der eben erst abgeschlossenen Lebensversicherung erhält. Nebenher werden allerhand Ehe- und Beziehungsprobleme geklärt, manche werden gelöst, andere lösen sich geradezu von selbst. Mit Burt Lancaster, Dean Martin, Jean Seberg, George Kennedy, Jacqueline Bisset, Van Heflin u.v.a. trat eine ganze Riege alter Hollywood-Haudegen und aufregender Jungstars an, um der eher dünnen Geschichte auf die Beine zu helfen.

Seaton hatte ein großes Budget zur Verfügung und es gelingen ihm durchaus ansehnliche Bilder vom Flugfeld, wo sich eine Crew bemüht, das festgefahrene Flugzeug zu befreien, ebenso gibt es hervorragende Aufnahmen der von der Bombe bedrohten Maschine, wie sie durch die Wolkendecke aufsteigt, bzw. wieder in selbige eintaucht. Der Schneesturm ist ebenfalls überzeugend in Szene gesetzt. Seaton greift aber auch auf damals neue und als Tabubruch wahrgenommene stilistische Elemente zurück. So bedient er sich mehrfach der geteilten Leinwand, um Telefonate oder parallele Entwicklungen zu bebildern. So entsteht vor allem in der zweiten Hälfte dieses mit 137 Minuten deutlich zu langen Films Spannung. Aber Seaton will der Vorlage des britisch-kanadischen Schriftstellers treu sein – deshalb nimmt er sich ebenfalls eine gute Stunde (Film)Zeit, um die menschlichen Konflikte zu etablieren.

Der Flughafendirektor, den Burt Lancaster als resignativ-müden Mann gibt, hat Eheprobleme, da er aufgrund seines Jobs kaum mehr dem Ehe- und Familienleben gerecht wird; der Flugkapitän, der die bedrohte Maschine begleitet und den Dean Martin als einen von zunehmenden Zweifeln geplagten, alternden Macho und Hallodri spielt, muß seine Beziehung zur Chefstewardess geheim halten, erkennt aber nicht zuletzt durch die Vorkommnisse während des Flugs und durch die Gespräche mit seinem Kollegen, der die Maschine hauptverantwortlich fliegt, daß er zu seiner emotionalen Verantwortung stehen muß; der Bombenbastler ist ein ebenfalls alternder Herr, der sich als Verlierer betrachtet und hofft, mit seinem Gewaltakt seiner Frau einen letzten Gefallen zu tun; seine Gattin, für deren Darstellung Maureen Stapelton einen Golden Globe gewann, versucht verzweifelt zu retten, was noch zu retten ist; eine ältere Dame erschleicht sich Zutritt zur Maschine – eine Art Hobby von ihr, das „Schwarzfliegen“; Darstellerin Helen Hayes wurde für ihre Darstellung mit dem Oscar als Beste Nebendarstellerin ausgezeichnet – und wird zunächst zum Ärgernis für die PR-Managerin der Fluglinie, die, von Jean Seberg sehr selbstbewusst gespielt, in einem emotionalen Wechselbad steckt, liebt sie doch den Direktor und profitiert letztlich davon, daß im größten Katastrophentrubel die Gattin ihres Liebhabers auftaucht und diesem mitteilt, daß sie die Scheidung will. Menschliche Dramen, die sich später im Drama über den Wolken spiegeln und teils lösen werden.

Diese und einige andere angerissene oder auch deutlich ausgespielte Nebenhandlungen werden also episch vor dem Zuschauer ausgebreitet. Das Problem, zumindest das Problem des Films, weniger das des Buchs, ist allerdings, daß all diese Konflikte und Krisen, die hier aufbereitet werden, wie aus nachmittäglichen Seifenopern entlehnt wirken. Beobachtet man Lancaster, weiß man vom ersten Moment an, daß er und seine Frau keine gemeinsame Zukunft mehr haben und es auf die dann mitten im Schneesturm durchgezogene Trennung hinausläuft. Daß Flugkapitän Dean Martin sich letztlich zu seiner Verantwortung bekennen wird, deutet sich ebenfalls früh an, zumal er auch noch erfährt, daß seine Auserwählte schwanger ist – und zwar von ihm. Daß sich dieser Mann dann auch noch auszeichnen kann, indem er sich todesmutig dem Attentäter entgegenstellt, tut sein Übriges, um ihn zu den Guten zu zählen. Daß es für den von Van Heflin gespielten Verzweifelten keine Rettung geben kann, ist der Dramaturgie geschuldet. Sprengte er sich nicht in die Luft und risse damit ein Loch in die Außenhülle des Flugzeugs, gäbe es schließlich gar keine wirkliche Katastrophe in diesem Katastrophenfilm. Und auch die Geschichte um die blinde Passagierin löst sich insofern zum Positiven, da sie schließlich maßgeblich daran beteiligt ist, dem Attentäter das Handwerk zu legen.

Man muß Seaton zugutehalten, daß es ihm gelingt, aus einem vergleichsweise realistisch dargestellten Katastrophenszenario Spannung zu generieren, ohne allzu sehr zu übertreiben. Wenn Dean Martin und sein Kollege sich bemühen, die Maschine sicher auf den Boden zu bringen, dann ist das durchaus aufregend inszeniert und der Zuschauer fiebert mit, wenn die beiden mit diversen Fluglotsen konferieren, wo und wie sie landen sollen und dabei nicht wissen, ob die mittlerweile instabile Maschine das Landemanöver mitten im Schneesturm übersteht. Doch gemessen an seiner Überlänge und der langen Zeit, die AIRPORT braucht, um überhaupt in die Gänge zu kommen, reicht das nicht, um heute noch zu überzeugen.

1970 sah das etwas anders aus. Seatons Film wurde neben LOVE STORY (1970) zum größten Kinohit des Jahres und spülte der Universal ungeheure Gewinne in die Kassen. Das wiederum rief natürlich die Idee auf den Plan, bald einen Nachfolger zu produzieren. Umso erstaunlicher, daß es dann fast vier Jahre dauerte, bis mit AIRPORT 1975 (1974) ein solches Sequel erschien. Mittlerweile hatte es mit THE POSEIDON ADVENTURE (1972), EARTHQUAKE (1974) oder THE TOWERING INFERNO (1974) eine ganze Reihe von ausgesprochen erfolgreichen Katastrophenfilmen gegeben, was einen Nachfolger zu Seatons Werk umso wahrscheinlicher machte. Auch dieser Film wurde ein großer Erfolg, so daß es bis 1980 noch zwei weitere Fortsetzungen gab, bis sich schließlich das Satire-Trio Zucker, Zucker, Abraham des Sujets annahm und mit AIRPLANE! (1980) eine ultimative Parodie drehte.

Wie auch immer man einen Film wie AIRPORT in der Rückschau auch bewerten mag – für das Genre und seine Entwicklung war Seatons Film wegweisend und bahnbrechend. Das Rezept stand fest, die Zutaten waren erprobt, das Genre hob ab und erlebte seither eine kaum je nachlassende Begeisterung an den Kinokassen, weshalb in den vergangenen vierzig Jahren (und mehr) immer wieder auch renommierte Regisseure Beiträge lieferten. Mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, mal mit mehr, meist mit weniger Tiefgang. Nur das Spektakel nahm in diesen vielen, vielen Jahren stetig zu, wurden doch die Möglichkeiten der Tricktechnik und schließlich des CGI immer besser und erlaubten immer unwahrscheinlichere Perspektiven und Aufnahmen von Explosionen, Einschlägen oder Abstürzen – bis hin zur kompletten Vernichtung des Planeten durch Asteroiden und andere Gefährdungen aus dem All. Aber da beginnt schon eine andere Geschichte…

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