JUDAS

Dem ewigen Nobelpreisanwärter ist ein weiterer großer Wurf gelungen!

Kann man die Gründung einer Religion und die Gründung eines Staates miteinander vergleichen? Oder auch nur zueinander in Beziehung setzen? Der israelische Autor Amos Oz tut dies in seinem jüngsten Werk JUDAS. Doch mehr noch – der überzeugte Israeli Oz scheint am Ende seines Lebens und Schaffens zusehends in Frage zu stellen, wofür auch er, teils mit der Waffe in der Hand, gekämpft hat. Der offensive Anhänger einer Zwei-Staaten-Lösung für die Juden und die Palästinenser erschafft in diesem Roman eine Konstellation, die die Problematik nicht nur aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erläutert, sondern subversiv zu bedenken gibt, die ganze Frage nach Nationalität, Staatsgrenzen und der daraus erwachsenen Souveränität könnte falsch gestellt sein.

In seinem recht handlungsarmen Roman läßt Oz den jungen Shmuel Asch anfangs der 60er Jahre eine Stelle im Haus eines alten Mannes antreten, den er dort in den Nachmittag- und Abendstunden umsorgen soll. Außer dem alten Gerschom Wald lebt auch dessen Schwiegertochter Atalja Abrabanel, deren Vater einst an der Seite Ben Gurions in der „Jewish Agency“ für die Gründung des Staates Israel kämpfte, bevor er sowohl von Gurion und dessen Anhängern verstoßen als auch aus der Agency entfernt wurde, da er für einen Staat plädierte, der von allem Anfang an die Araber mit einschließen und als gleichwertige Bürger behandeln sollte. Ein Begehr, welches in jenen Jahren nach 1945 kaum durchzusetzen gewesen ist, zu viele europäische Juden suchten eine Ort, der ihnen und nur ihnen gehören sollte, einen Ort, der Juden wirklich eine Heimat und Wehrhaftigkeit zusichern konnte. Shmuel, der sich nach und nach in Atalja verliebt, wovor ihn Gerschom wiederholt warnt, lernt also nicht nur die Ansichten des längst verstorbenen Mannes und dessen Auseinandersetzungen mit Gerschom Wald kennen, der ein glühender Anhänger Gurions war, sondern er muß auch feststellen, daß Atalja unerreichbar für ihn scheint. Wie alle Männer sie nicht erreichen können. Shmuel, der selbst in einer tiefen Lebenskrise steckt, muß seine Auseinandersetzung mit dem eigenen Land, den eigenen sozialistischen Überzeugungen und schließlich auch die mit seiner abgebrochenen Abschlußarbeit an der Universität neu überdenken. Kann es sein, daß der Verräter nicht nur aus rechter Überzeugung handelte, sondern manchmal sogar recht hatte?

Shmuel nämlich beschäftigt sich in seiner Arbeit mit der Frage nach Jesus aus der Perspektive der Juden und je mehr er sich mit diesem Propheten (für die einen) und Messias (für die andren) auseinandersetzt, desto stärker rückt für ihn die Figur des Judas Ischariot in den Fokus. Da die biblische Gestalt des Judas seit nunmehr 2000 Jahren sowohl das Urbild der Verräters darstellt, zugleich aber – so eine Figur des Romans resignierend – für die Judenhasser auch zu ihrem antisemitischen Zerrbild des Juden schlechthin wurde – hinterhältig, verschlagen, verräterisch – , stellt sich für Shmuel zusehends die Frage, was Verrat eigentlich bedeutet? Wenn Judas möglicherweise der einzige war, der wirklich an Christi Berufung glaubte, dann wollte er allein schon deshalb seinen Herrn am Kreuz sehen, damit dieser das Wunder seiner Befreiung vor aller Augen, in Jerusalem, vollbringe? Wäre dies ein Beweis, daß dieser außergwöhnlichste der Jünger Jesu` möglicherweise derjenige war, der den stärksten Glauben hatte? Für Shmuel sind die 30 Silberlinge – nach seiner Berechnung damals nicht mal eine Art Taschengeld – niemals ein Motiv des Verrats, erst recht nicht, wenn man die spätere Selbsttötung des Verräters bedenkt. Nein, vielleicht war Judas der erste, der wirklich an den Messias glaubte und zugleich der erste Zweifler, blieb Christus ihm und Jerusalem das Wunder doch schuldig. Und so könnte der Verräter auch der Enttäuschte sein? Und könnte das dann nicht – wenn Judas doch sowieso für DEN Verräter schlechthin steht – generell für Verräter gelten? Ist nicht auch Ataljas Vater letztlich ein Zweifelnder gewesen, der die Idee eines jüdischen Staates schon bedeutend weiter gedacht hatte, bevor dieser Staat überhaupt existierte? Seine Ideen von der Staaten- und somit Grenzenlosigkeit der Welt scheint in seiner Zeit schlicht zu gewagt, um einem Volk vorgetragen werden zu können, das sich erstmals in seiner langen Geschichte wirklich eines eigenen, es schützenden Gebietes sicher sein konnte, eines Volkes, das in den vergangenen Jahren das schlimmste Verbrechen zu ertragen hatte, das Menschen anderen Menschen bis dato je angetan hatten.

So gewagt die Konstruktion des Romans, so gewagt die Analogie von Staats- und Religionsgründung auch erscheint, Amos Oz spinnt hier ein feines Garn. Er nimmt die Figur Christus als Jude, der als Jude geboren wurde und starb, als eines Menschen ernst, der nie vorhatte, eine Religion zu gründen (und die ja auch nicht von ihm gegründet wurde, auch nicht von Judas Ischariot). Das Sterben dieses Menschen wurde zum zentralen Bild dieser neuen Religion, der die „alte“ Religion des Judentums kritisch, zweifelnd und ablehnend gegenüber stehen musste. Doch waren es schließlich die Christen, die aus den Anhängern einer Religion (deren Anhänger sich, das stimmt, „Gottes auserwähltes Volk“ nennen) eine Rasse, ein biologisch-genetisch definierbares Volk machten. Und in genau DIESEM Zusammenhang müsste man dann, nach Auschwitz und den Gräueln der Nazizeit, die Staatsgründung Israels betrachten, die heute noch so vielen ein Dorn im Auge ist. Und unter diesen Vielen sind keinesfalls nur Araber oder Moslems. Keinesfalls. Wenn man von den „anderen“ zum Volk, zur Rasse gestempelt wird, dann ist es vielleicht irgendwann an der Zeit, das in Anspruch zu nehmen, was Völker gemeinhin für sich in Anspruch nehmen.

Doch geht JUDAS so viel weiter als all diese Überlegungen hier es auch nur andeuten können. Der mittlerweile weit über 70jährige Amos Oz scheint einer sehr grundlegenden Frage nachzugehen, die nirgends im Buch offen oder ernsthaft ausgesprochen oder auch nur angerissen wird, die aber in der ganzen Konstruktion und erst recht in jenen Momenten mitschwingt, in denen die Gespräche zwischen Gerschom und Shmuel wiedergegeben werden. Der Frage nämlich, ob der Staat Israel von allem Anfang an entweder ein Fehler war oder – näherliegend – die Konstruktionsfehler ganz zu Beginn dieser Staatsgründung derart grundlegend waren, daß sie einen Ausweg aus der heute bestehenden Situation, die wir trotz der Zeit Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre, in denen der Roman spielt, natürlich mitlesen, unmöglich machen. Gerschom Wald hat in jenem ersten Krieg, direkt nach Staatsgründung 1948, seinen einzigen Sohn verloren, Atalja ihren Mann. Und während der alte Mann in einer Trauer erstarrt zu sein scheint, die er kaum mehr selber wahrnimmt, hat Atalja ihre Trauer vielleicht nie überwunden, doch gewandelt hat sie sie: In Verachtung. Unerreichbar scheint diese kühle Frau, deren seltenes Lächeln immer in den Augenwinkeln beginnt und sich nur manchmal bis zum Mund ausbreitet, für den jungen Shmuel, der Verlust und Trauer entweder nur zweiter Hand – aus der Literatur – oder aber als Melodrama der zerstörten Liebe kennt. Geheimnisvoll erscheint Atalja ihm, geheimnisvoll und verführerisch. Er wird erhört werden, doch bedeutet diese Erhört-werden letztlich nur, daß er das Haus, das ihm in den vier Monaten in jenem Winter 1959/60 zum Heim geworden ist, wird verlassen müssen. Wie seine Vorgänger. Und in der Haltung dieser nicht mehr jungen Frau wird vielleicht deutlich, woran auch ein Mann wie Amos Oz zu verzweifeln droht: Es sind Männer, immer Männer, die Organisationen gründen – Staaten, Armeen, Religionen – , die scheinbar den Halt der Menge brauchen, den Rückhalt einer Masse, die das Spiel auf Leben und Tod spielen, meinen, es spielen zu müssen und die dieses Spiel immer weiter treiben werden. Ein Mann wie der getötete Sohn und Gatte, Michael, der seiner Physiognomie und seiner Seele nach nie hätte kämpfen sollen, nie hätte kämpfen dürfen, meinte, für eine Sache in den Krieg ziehen zu müssen. Atalja verzeiht ihm das nicht, wie sie ihrem Vater die Kälte des Intellektuellen und Gerschom die Kurzsichtigkeit des Zionisten nicht verzeiht. Und Shmuel? Ihm muß sie nichts verzeihen, außer sein Mann-Sein. Und damit sie ihn nicht auch wird verachten müssen, mindestens für dieses Mann-Sein, wird sie ihn schließlich fortschicken. Wie er es wusste und sie es ankündigte…

Amos Oz ist ein großartiger Roman gelungen, nicht leicht zu lesen und manchmal schwer erträglich in dieser geballten Trauer und diesem geballten Schmerz. Doch dann wieder, immer wieder, gibt es Momente leisen Humors, Passagen voller Zuneigung des Autors zu seinen Figuren und voller Zuneigung der Figuren zueinander. Doch schlägt man das Buch nach gerade einmal 332 intensiven Seiten zu, bleibt das leise, das flehentliche und verzweifelte Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Vergeblichkeit. Sollte dieser große Schriftsteller am Ende seiner langen Laufbahn, die oft bei aller Trauer von Optimismus geprägt gewesen ist, zu einem Schluß gekommen sein, der derart pessimistisch ist? Wird der Krieg zwischen den Juden und den Arabern in der Region immer weiter und weiter gehen ohne jedwede Hoffnung auf Besserung, auf Einsicht und Einkehr der Beteiligten? Man wird Oz‘ kommende Werke genau lesen müssen, ob dieser Eindruck sich verstärkt oder doch durch eine optimistische Note vielleicht erträglicher wird.

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