BEGEHREN/WANTING
Richard Flanagan meditiert über das Begehren, mehr noch über das verleugnete Begehren
Im Nachwort zu seinem Roman BEGEHREN (WANTING, Original erschienen 2008; Dt.2009/2011) erklärt Richard Flanagan, dies sei eine Meditation über das Begehren und das verleugnete Begehren – wobei der britische Begriff „Wanting“ eher das rohere Wollen als ein sinnlicheres Begehren (Desire) umschreibt. Es ist eher sogar das verleugnete Begehren, das unterdrückte Wollen, womit die Leser*innen hier konfrontiert werden. Und dieses Wollen bezieht sich nicht nur auf die Unziemlichkeit, außerhalb der lange schon geschlossenen Ehe eine/n anderen zu begehren, sondern darüber hinaus auch – beide Begehrende hier sind Männer im fortgeschrittenen Alter – jüngere, sehr viel jüngere Frauen. Und in einem Fall kommt hinzu, dass das Objekt der Begierde einer anderen Ethnie entstammt, was das Skandalon immens macht. Denn wir schreiben das frühe bis mittlere 19. Jahrhundert in Großbritannien, bzw. einer seiner Kolonien.
Flanagan bedient sich zweier historischer Figuren und ihrer teils wahren, teils kolportierten Geschichten. Der damals 54jährige Gouverneur des heutigen Tasmaniens – 1839 noch Van Diemen´s Land genannt – Sir John Franklin hat gemeinsam mit seiner Frau Lady Jane den Posten auf der Insel angetreten; beide sind fest entschlossen, nicht nur britische Kultur in die Wildnis zu bringen, sondern auch mit den Mitteln moderner Wissenschaft und des entsprechenden Liberalismus´ Reformen sowohl in den auf der Insel angesiedelten Strafkolonien als auch in den Reservaten und Siedlungen der Ureinwohner, der Aborigines, durchzusetzen. Doch sind beide, bei aller vermeintlichen Fortschrittlichkeit, Menschen ihrer Zeit und also zutiefst von der Überlegenheit europäischer Kultur und des Christentums schlechthin überzeugt. Ihre persönlichen Experimente gipfeln darin, ein Aborigine-Mädchen namens Mathinna an Kindes Statt anzunehmen und aufzuziehen und damit den Beweis zu erbringen, dass es möglich sei, aus einer „Wilden“ einen wahren Christenmenschen zu formen.
Die Geschichtsschreibung weiß um diesen Versuch; Lady Jane, die wahrscheinlich einige Fehlgeburten erlitten hatte (wofür sie sich im Buch die Schuld gibt) und sich innigst ein Kind wünschte, war die treibende Kraft hinter der Adoption. Dass es tatsächlich Sir Johns Interesse an dem Mädchen war, dass sie das Experiment schließlich aufgeben und ihr Interesse an Mathinna verlieren ließ, ist hingegen nicht belegt. Wie Flanagan im Nachwort erklärt, wissen wir Heutigen nur wenig über die junge Frau, die, nicht einmal zwanzigjährig, gezeichnet von den Folgen des Alkoholismus, der Prostitution und der daraus resultierenden Syphilis, einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Es ist nicht einmal verbürgt, dass der Gouverneur tatsächlich ein erotisches Interesse an Mathinna hatte, geschweige denn, ob dies wirklich zu Intimitäten oder gar, wie das Buch es andeutet, zu einer Vergewaltigung geführt hat. Dass der Niedergang dieses viel zu jungen Menschen aber mit den Erziehungsexperimenten der Franklins zusammenhängen könnte, scheint hingegen recht sicher.
Hier wurde massiv pädagogisch auf die Tochter eines Häuptlings eingewirkt, der seinerseits durch die Maßnahmen der Briten – Umsiedlung und dadurch verursachter Statusverlust ebenso, wie der Verlust des Lebensraums, in dem die Stämme sich seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden bewegten – seines herkömmlichen Lebens entfremdet war. Mathinna, zumindest so, wie das Buch sie schildert, verliert einerseits die Verbindung zu ihren eigenen Leuten, findet aber keinen Zugang zur englischen Gesellschaft, den Engländern, die sie so oder so nur als ein exotisches Exponat betrachten. So entwickelt die junge Frau – zumindest im Buch, das muss man sich immer wieder vor Augen führen, dies ist eine Fiktion – ein übersteigertes Selbstwertgefühl, um sich zu behaupten und wird dadurch immer unerträglicher in ihren Ansprüchen. Zumindest für ihre durchgehend britische Umgebung immer unerträglicher. Zugleich widersetzt sie sich aber auch immer stärker den Ansprüchen ihrer „Erziehung“, beharrt bspw. darauf, barfuß zu laufen, trägt ihr „bestes“ Kleid Tag und Nacht und tanzt wild, wo sich dies – zumindest europäischen Standards entsprechend – nicht geziemt. Und so lassen die Franklins sie schließlich fallen und als sie nach England zurückkehren, lassen sie zurück. Mathinnas Weg in den persönlichen Abgrund begann spätestens jetzt.
Nach der Rückkehr in ihre Heimat durfte Sir John Franklin noch einmal seiner ureigenen Profession nachgehen: Er erhielt das Kommando über die beiden Schiffe Terror und Erebus, mit denen er die damals zu einer Obsession gewordene Nordwestpassage finden sollte. Er verschwand mit den Schiffen im ewigen Eis und erlangte vor allem dadurch Berühmtheit, dass das Geheimnis um den Verbleib der Expedition fast 150 Jahre lang die Wissenschaft und auch die Öffentlichkeit beschäftigte und faszinierte. Lady Jane versuchte alles, um ihren Mann zu suchen, verbündete sich dabei mit den obskursten Gestalten, um wieder und wieder Suchexpeditionen auf die Beine zu stellen, vor allem aber war ihr darum getan, seine Reputation aufrecht zu erhalten. Als Berichte aufkamen, Sir John und die Überlebenden der Schiffe könnten die Leichen der Verstorbenen gegessen haben, um nicht zu verhungern, wandte sie sich unter anderem an einen der damals bekanntesten Engländer, die nicht der königlichen Familie entstammten: Charles Dickens. Er sollte für Sir John das Wort ergreifen.
Dies stellt den Link zur zweiten historisch verbürgten Figur dieses Romans dar. Im Dezember 1854 veröffentlichte Dickens in seiner eigenen Zeitschrift Household Words einen polemischen Artikel, in dem er Dr. John Rae, der die Vorwürfe des Kannibalismus gegen Sir John und dessen Mannschaft erhoben hatte. Der Artikel wies – dies wird für Flanagan zu einem Aufhänger seiner Geschichte – stark rassistische Züge auf, da Dickens dem „Wilden“ an sich, entsprechend seiner Natur, kannibalistische Neigungen unterstellt, hingegen habe ein Christenmensch, und müsse er noch so leiden, seine Begierden und Triebe unter Kontrolle. Eher würde er sterben, als sich zu einer solch unsittlichen Tat hinreißen zu lassen. Die Frage nach Selbstbeherrschung und Gelüsten wird im Roman zu einem bestimmenden Element, da Dickens, das allerdings ist verbürgt, in einer äußerst unglücklichen Ehe mit Catherine Hogarth lebte, die ihm immerhin zehn Kinder geboren hatte, die er aber zu dem Zeitpunkt, da Lady Jane an ihn herantrat, schon lange weder liebte noch begehrte. Sein verborgenes Verlangen nach der romantischen Liebe unterstellt er dem „undisziplinierten Herzen“, eben jenem Herzen, das die Triebe, Wünsche und Begierden nicht kontrollieren könne. Lediglich in seinen Roman, anhand seiner Figuren, die, so der Roman-Dickens, ihm in vielerlei Hinsicht näher sind als die Lebenden, könne er all seinen Versuchungen nachgeben, könne er Menschen die vollendete und gelungene Liebe erleben lassen.
Tatsache ist, dass Dickens sich für die Sache Lady Janes Anliegen zu erwärmen begann. Der begabte und begeisterte Laienschauspieler Dickens schrieb gemeinsam mit seinem Freund Wilkie Collins das Stück The Frozen Deep, das sich stark auf die Franklin-Expedition bezieht, zugleich aber auch ein wie oben geschildertes romantisches Begehren und einen Helden präsentiert, den die Liebe dazu bringt, sich aufzuopfern. Das Stück war zunächst ein großer Erfolg in der Londoner Gesellschaft; als Dickens beschloss, damit auf Tournee zu gehen, musste er professionelle Schauspieler*innen engagieren. So lernte er schließlich Ellen Ternan kennen. Er verliebte sich in die viel jüngere Frau, für die er schließlich seine Ehe aufgab, Catherine verließ und an deren Seite er den Rest seiner Tage verbrachte. Er folgte schließlich doch seinem „undisziplinierten“ Herzen. Vielleicht der eine die Literaturwissenschaft bis heute beschäftigende Bruch im Leben des großen Dichters.
Es sind diese beiden Geschichten, die tatsächlich auf Umwegen zusammenhängen und einen Zeitraum von nahezu zwanzig Jahren umspannen, die Flanagan zum Anlass für seine Meditation über das Begehren und das verleugnete Begehren nimmt und zusammenführt. Wobei man in Dickens Fall ja konzedieren muss, dass dieses Begehren nur bedingt verleugnet wurde, eher wurde es unterdrückt, bis es sich – im Roman durch eine auf der Bühne er- und durchlebte Katharsis – Bahn bricht und den Autoren gleichsam zwingt, zu seinen Gefühlen zu stehen. Dass Dickens Ellen Ternan liebte und bereit war, trotz der strengen gesellschaftlichen Konventionen des viktorianischen Zeitalters seine Frau zu verlassen und sozusagen in „wilder Ehe“ mit einer viel jüngeren Frau zu leben, macht es Flanagan natürlich sehr viel einfacher, dieses Begehren zu schildern.
Im Falle Sir John Franklins ist das ungleich schwieriger. Und so bleibt der Roman hier auch im Ungefähren. Während eines – historisch verbürgten – Balls auf den vor Van Diemen´s Land zur Überwinterung liegenden Schiffen Erebus und Terror – also genau jenen Schiffen, die Franklin später selbst kommandieren sollte – kommt es zu einem Eklat, als Mathinna sich zu einem ihrer wilden Tänze hinreißen lässt und, völlig erschöpft, in eine Ohnmacht fällt. Jemand trägt sie in die Kapitänskabine eines der Schiffe, wo sie langsam wieder zu Bewusstsein kommt und gewahr wird, dass Franklin bei ihr ist. Der wiederum ist ihr – im Roman – durch den Tanz, die zügellos zur Schau gestellte Enthemmung derart verfallen, dass er sich hier offenbar zu einer Vergewaltigung hinreißen lässt, wobei das Buch dies nur andeutet. Flanagan ist sich seiner Sache offenbar nicht wirklich sicher. Und wollte dann wohl auch kein Risiko eingehen, einer historischen Figur etwas Derartiges offen zu unterstellen. Zumal Flanagan in seiner Beschreibung Franklins auch sonst eher vage bleibt. Wirklich nah bringt er uns diesen Mann nicht. Eher schon seine Gemahlin, Lady Jane.
Die wiederum wird als eine Frau gezeichnet, die aufgrund ihrer persönlichen Umstände zu geradezu grausamen Mitteln und Methoden greift, um ihre aufklärerischen Ziele durchzusetzen. Wobei Flanagan ihr in zwei Episoden zugesteht, dass auch sie ihre wahren Gefühle unterdrückt: Zweimal wird sie innerlich von einem Gefühl der Liebe und Zuneigung zu Mathinna überwältigt, zugleich spürt sie ein enormes Verlangen danach, von einem Kind geliebt zu werden. Doch beide Male verdrängt sie diese Gefühle, dieses, ja, Begehren. Zunächst, weil sie an ihre Ziele glaubt, und der Meinung ist, diese Ziele seien nur durchzusetzen, wenn man die emotionale Seite in sich selbst beiseite lasse. Alles im Namen der Wissenschaft natürlich. Beim zweiten Mal betrachtet sie die da schon durch einen Aufenthalt in einem Internat, heute würde man eher sagen: einer Aufbewahrungsanstalt, stark vernachlässigte Mathinna durch ein Fenster und gibt sie innerlich auf. Sie sieht in ihr nur das Ergebnis eines gescheiterten Experiments und unterdrückt erneut die aufkommenden mütterlichen Gefühle, das reine Mitleid für ein kleines Menschenwesen, welches ein Spielball unterschiedlichster Kräfte wurde.
Von Kapitel zu Kapitel wechselnd in Zeit und Raum – beginnend in Van Diemen´s Land Ende der 1830er Jahre; dann wechselnd in das London zur Mitte der 1850er – erzählt Flanagan mal von den Geschehnissen in der Strafkolonie, mal mitten aus der Londoner Gesellschaft. Die stärksten und eindringlichsten Passagen seines Romans gelingen Flanagan anhand der Figur der Lady Jane und ihres Erziehungsexperiments. Denn so sehr sein Interesse an Dickens´ Lebensumständen, an seinen inneren Kämpfen und Konflikten und auch seinen durchaus dunkleren Seiten faszinieren mag – die Abschnitte des Romans, die in Van Diemen´s Land spielen und vor allem die Behandlung der Eingeborenen durch die Briten schildern, sind die weitaus stärkeren. Hier wird geschildert, mit welcher Selbstsicherheit, mit welchem Selbstbewusstsein, mit welch innerer Überzeugung Europäer sich daran machten, ihren vermeintlich so überlegenen Lebensstil der restlichen Welt aufzuoktroyieren. Manchmal verfällt Flanagan dabei in einen nahezu sarkastischen Grundton, der vielleicht des Autors Abscheu verdeutlichen soll, vielleicht aber auch einfach ein Akt der inneren Distanzierung ist, um das Beschriebene ertragen zu können. Denn Flanagan scheut nicht davor zurück, seine Beschreibungen in gegebenen Momenten drastisch zu gestalten.
Der Roman beginnt in der Siedlung, in welche Mathinna und ihre Leute verfrachtet wurden und in der ein englischer Missionar sich bemüht, ein „zweites England“ zu erschaffen, in welchem die Indigenen lernen sollen, Engländer zu sein, zumindest „englisch“ zu denken und zu fühlen. Und auch dieser evangelikale Engländer in all seinem missionarischen Eifer meint sich den Werten der Aufklärung verbunden. Doch scheut er sich nicht, als Mathinnas Vater stirbt, diesen auseinander zu sägen und dessen Kopf zu Zwecken der Wissenschaft zu präparieren. Immer wieder führt Flanagan seinen Leser*innen die wie selbstverständlich begangenen Grausamkeiten der Briten vor Augen und kontrastiert diese mit deren angeblich so aufgeklärten und modernen Ansichten. Und, in Dickens Fall, mit den angeblich so ausgereiften moralischen Ansprüchen, die Triebe und Gelüste zu unterbinden wüssten. Grausamkeit scheint nicht zu diesen dunklen Seiten zu zählen. Indem er später genauer auf Dickens Artikel eingeht, beweist er, dass dieser grundlegende, systematische und strukturelle Rassismus, dass diese weiße Überheblichkeit, diese seltsamen und brutalen Ansichten über das „Eigene“ und den „Wilden“ noch lange nicht aus den aufgeklärten europäischen Köpfen verschwunden war. Vielleicht bis heute noch nicht aus unseren Köpfen verschwunden ist.
Man mag kritisieren, dass Flanagans Roman etwas konstruiert zusammenbringt, was nur scheinbar zusammengehört; man mag auch die manchmal etwas einseitige, fast stereotype Figurenzeichnung der Engländer auf Van Diemen´s Land beanstanden; man kann auch durchaus in Frage stellen, ob es sich geziemt, eine Meditation über das Begehren und das unterdrückte Begehren anhand nicht gesicherter Fakten zu historisch verbürgten Figuren und Tatsachen anzustellen. Doch kann man nicht bestreiten, dass Richard Flanagan mit BEGEHREN ein starker, auch – gerade was die Figur von Mathinna betrifft – psychologisch zumeist einleuchtender Roman gelungen ist, der seine Leser*innen in eine Zeit entführt, die oft weit entfernt scheint und sich, bei genauerer Betrachtung, als unangenehm nah entpuppt.