BONE TOMAHAWK

Ein Western, kein Cross-Over

‚Bright Hope‘, irgendwo im Westen in den 1890er Jahren: Deputy Chicory (Richard Jenkins) macht Sheriff Hunt (Kurt Russell) darauf aufmerksam, daß ein Fremder im Saloon sei. Hunt, immer an den Ansichten seines Deputy interessiert, geht in die Kneipe, bittet den Mann, sich auszuweisen und schießt ihm – seine Standardprozedur – ins Bein, als der sich zur Wehr setzt. Er bittet John Brooder (Matthew Fox), den Arzt ins Sheriff-Büro zu bestellen, damit der den Fremden versorge. Brooder holt stattdessen – der Arzt liegt betrunken im Sauf-Koma – Mrs. O´Dwayer (Lili Simmons), die Gattin des Cowboys Arthur O´Dwayer (Patrick Wilson), der seinen neuen Posten als Vorarbeiter wegen einer entzündeten Verletzung am Bein nicht antreten kann. Mrs. O´Dwayer kümmert sich um den Fremden, lediglich bewacht von dem Hilfsheriff Nic (Evan Jonigkeit). Am nächsten Tag sind alle drei verschwunden. Der schnell einberufene Kriegsrat tagt im Saloon, der lokale Indianer wird herbei gerufen und erklärt anhand eines zurückgelassenen Pfeils, den Hunt und Chicory gefunden haben, daß man es mit einem Stamm sogenannter „Trygolyten“ zu tun habe, Kannibalen, Urzeitmenschen, die in einem abgelegenen Tal hausen. Hunt, Chicory, der immer noch verletzte O´Dwayer und der undurchsichtige Brooder, der sich verantwortlich fühlt, weil er Samantha O´Dwayer, auf die auch er einmal ein Auge geworfen hatte, in diese Sache hineingezogen hat, machen sich schließlich auf die Verfolgung. Unterwegs bekommen sie es mit mexikanischen Pferdedieben zu tun, zudem sind bald alle Beteiligten irgendwie lädiert. Als sie die Pferde verlieren, muß O´Dwayer schließlich verletzt zurück bleiben. Hunt, Chicory und Brooder machen sich allein auf das letzte Wegstück. Schließlich stellen sie den Stamm in dessen Tal, werden aber überwältigt, Brooder getötet, die beiden andern in eine Höhle verschleppt, wo sie mit Samantha und Nic zusammentreffen. Diese erklären ihnen rundheraaus, daß Purvis (David Arquette), wie der verletzte Fremde hieß, von ihren Peinigern getötet und aufgefressen worden sei. Wissend, daß Arthur wahrscheinlich hinter ihnen herkommt, nutzen Chicory und Hunt jede Möglichkeit, den Kannibalen die Stirn zu bieten. Doch nachdem Nic auf fürchterliche Art und Weise getötet und in Stücke gerissen wurde, ahnen sie, daß es kein Entkommen mehr geben wird. Also greift Hunt bei erstbester Gelegenheit einen der Menschenfresser an. Er wird dabei tödlich verletzt, doch bevor es zuende geht, kommt Arthur endlich und befreit seine Freunde. Der sterbende Hunt bleibt zurück, um die letzten Kannibalen abzupassen und zu töten. Chicory, Mrs. O´Dwayer und Arthur machen sich auf den Heimweg.

Western und Horror? Geht das? Western und Gewalt geht auf jeden Fall, wie nicht zuletzt die Italowestern der 1960er und 70er Jahre und der amerikanische Spätwestern nach Sam Peckinpah bewiesen haben. Aber Horror? Es gab immer mal Komödien, die Vampire oder Aliens und Cowboys zusammen gesponnen haben, aber echter Horror? Nein, so recht mag das nicht einleuchten, liegen die beiden Genres doch auf zu unterschiedlichen Ebenen kultureller Verarbeitung menschlicher Triebe, Abgründe und Ängste. Offenbar hat das auch S. Craig Zahler, Autor und Regisseur des vorliegenden BONE TOMAHAWK (2015), gedacht und entgegen den allgemeinen Ankündigungen einen waschechten, wenn auch harten, Western gedreht. Ein manchmal überharter Western, das darf man so sehen. Aber wie gesagt: Western und Gewalt…siehe THE WILD BUNCH (1969), siehe SOLDIER BLUE (1970), siehe GIÙ LA TESTA (1971) von Sergio Leone.

Zahler bedient im letzten Drittel und im Show-Down sicherlich exploitative Erwartungen, die Gewalt wird drastisch, doch bis zu diesem Augenblick handelt es sich um einen Western, der mit viel Liebe zum Detail, Fachkenntnis und vor allem feiner Ironie mächlich dahingleitet. Vier Männer verfolgen eine Gruppe Indianer, die Weiße entführt haben – eins der Urmotive des Western, allemal geadelt seit Fords THE SEARCHERS (1956). Es ist die Frage, wie man das erzählt, die entscheidet, ob ein Western gelingt oder nicht. Zahler erzählt seine Geschichte mit Respekt vor dem Genre, nie will er es bloßstellen oder gar bösartig ausspielen. Deshalb sollte auch betont werden, daß die Splatter-Elemente zumindest dramaturgisch Sinn ergeben, bei aller Drastik schon den Ernst der Situation und die Ausweglosigkeit gegenüber den Kannibalen verdeutlichen. Und auch nicht wirklich übertrieben werden. Dort, wo es reine Gafferei wäre, blendet der Film aus und zeigt uns eben nicht Unnötiges. Auch den toten Stallburschen bekommen wir nur andeutungsweise zu Gesicht, der Film spielt keine Ekelmomente um ihrer selbst willen aus. Es gelingt Zahler, die Schocks und den abschließenden Höhepunkt in der Höhle der Kannibalen so zu inszenieren, daß kein Bruch entsteht, sondern sich ein gut konzipierter Spannungsbogen langsam aufbaut und in einem Finale entlädt. Es wäre gelogen, würde man behaupten, daß das nervenzerfetzend spannend wäre, dieses Ende des Films, denn das ist es nicht. Zahler dreht eben keinen Horrorfilm, er dreht einen Western, er will wissen, was das was geschieht, mit seinen Figuren macht. Als sie die Höhle schon ein gutes Stück hinter sich haben, hören die drei Überlebenden die Schüsse und ahnen, daß Hunt die restlichen Menschenfresser erledigt hat. Das wird uns nicht gezeigt, gezeigt wird uns die Reaktion auf den Gesichtern der drei. Vor allem auf dem von Chicory, der begreift, daß er soeben einen Freund verloren hat, für immer.

Chicory und Hunt – Jenkins und Russell spielen diese beiden alten Kerle hinreißend. Sie haben einige wunderbare Dialoge ins Drehbuch geschrieben bekommen, so z.B. wenn sie sich am Lagefeuer, in ihren Schlafsäcken liegend, darüber unterhalten, ob und wie man in der Wanne liegend ein Buch lesen könne, was Hunt dazu verleitet, Chicory einen Notenständer zu empfehlen. Der Film ist voller solcher kleiner Absurditäten, die die Charaktere aber liebevoll und manchmal hintergründig skizzieren und auch kommentieren. Das Quartett, das da loszieht – Hunt, Chicory, Brooder und O´Dwayer – ist schon ein ausgesucht Prägnantes. Einer der vier ist recht vergesslich, zwei der vier sind alte Kerle, die keinen Hehl daraus machen, ihre besten Tage länger schon hinter sich zu haben, drei der vier sind bei Anbruch der Reise bereits lädiert, der vierte nach der ersten Nacht ebenfalls, alle vier haben erstaunlich wenig Angst, allerdings auch keine Ahnung, worauf sie sich einlassen  und werden schließlich Opfer ihres Wagemuts, ihrer Eitelkeit und auch ihrer Beschränktheit. Die, die etwas weniger eitel, etwas weniger beschränkt sind, überleben. Indem Zahler diese Typen alle nicht als die allerfrischesten zeichnet, wird er dem Genre, dessen Alter und seiner Rezeption gerecht. Es wäre lächerlich, vor eine Rezeption zurückkehren zu wollen, die allgemein anerkannt ist. Der Spätwestern hat uns nicht umsonst jene gebrochenen, schon alten Kerle beschert, die auf einmal nicht mehr so sicher waren, ob das, was sie ihr Leben nannten, sich gelohnt hat. Diese Typen hier sind schon weiter: Sie haben sich mit ihrem Dasein abgefunden, keiner hier will auch nur ein Deut mehr sein, als er ist. Es sind im Grunde zufriedene Menschen, die ihr Heim gefunden haben. Dazu passt auch, daß Hunt nicht als verbitterter oder gar versoffener Sheriff auftritt, sondern als liebender Gatte. Chicory als zwar trauernder, aber dennoch lebensvergnügter Witwer, O´Dwayer ein hartgesottener Cowboy mit einer weichen Ader. Es sind vier wirklich gut getroffene, eigenständige Charaktere, die man auf ihre Art alle verstehen kann und ein wenig zu mögen lernt.

Darin liegt allerdings auch das zentrale Problem des Films, jener Punkt, der die Freude an einem schön anzuschauenden Western dann eben doch ein wenig vergällt. Denn Brooder, der „Brüter“, ist ein astreiner Rassist. Etliche Indianer umgebracht zu haben, brüstet er sich und erklärt es schließlich damit, wie er mit 10 Jahren Zeuge wurde, wie Mutter und Schwester von Indianern umgebracht wurden. Und so verstehen wir auch ihn. Was uns unserem Selbst ein wenig entfremdet, was wiederum gelungen, wenn gewollt wäre. Doch deutet nichts in diesem Film darauf hin, daß es so gewollt ist. Im Gegenteil schließt sich die Darstellung der Kannibalen genau dem rassistischen Bild an, daß Brooder vertritt.

Schreckliche Wesen, nackt und bemalt, Höhlenmenschen oder Mutanten (worauf der seltsame Knochen in ihrer Kehle hindeutet), Kannibalen allenthalben. Nichts an diesen Wesen könnte unser Mitleid oder auch nur unser Interesse erregen. Sie begegnen uns nur und ausschließlich als Angreifer ohne Gnade. Also müssen sie getötet werden. Selbst für die Mutanten in THE HILLS HAVE EYES (1977/2006), gleich welche Fassung, fiel mehr Verständnis ab, als für diese Wesen. Eine Mischung aus eben den genannten Mutanten, den Predatoren aus den gleichnamigen Filmen und jenen Urmenschen, die einst Jean-Jacques Annauds LA GUERRE DU FEU (1981) aufbot. Ihre Funktion in diesem Film kommt der Funktion zu, die den Indianern im Western bis Ende der 1940er Jahre zufiel – einer Naturgewalt gleich (und so, wie sich diese „Wilden“ aufmachen, sind sie definitiv ein „Naturvolk“), brechen sie in das an sich beschauliche Leben einer weißen Gemeinde herein. Gerade um den Indianern, deren Rolle in der Geschichte der U.S.A. lange genug totgeschwiegen und falsch intrpretiert wurde, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, verbietet es sich, die Wesen, die BONE TOMAHAWK anbietet, mit ihnen auf eine Stufe zu stellen. Diese Wesen entspringen dann eben doch dem Horrorfilm. Eine unbestimmte, absolut fremde Macht, eine undefinierbare Bedrohung. Und hier kommt der Film auch sich selbst ins Gehege, denn einerseits vollkommen auf der Höhe der Rezeption zu agieren, um dann in ein Muster zurück zu fallen, daß nun wirklich schon diverse Metamorphosen durchlaufen hat, dekonstruiert und als reine Geschichtsklitterung desavouiert wurde, mutet schon mehr als einfach an, es ist billig.

Was schade ist, funktioniert doch so vieles hier so gut. Gerade die erste halbe Stunde ist wirklich ein klasse Wild-West-Stück, wie es das selten in den letzten Jahren gab. Nie wird dieser Film prätentiös, er gibt nicht an, will nichts sein, was er nicht ist. Darin ähnelt er bspw. Kevin Costners OPEN RANGE (2003). Er führt seine Charaktere langsam und gelassen ein, er vertraut auf sein Drehbuch, auf den Witz, den es anbietet und die sich andeutenden Konflikte, mit dem undurchschaubaren Brooder hat es eine Spannung erzeugende, geheimnisvolle Figur und Kurt Russell kann Hunt mit einer Wärme ausstatten, die so vielleicht noch Kris Kristofferson aufbringen würde. Die Kabbeleien zwischen Hunt und seinem Deputy bestehen aus herrlichen kleinen, manchmal fast boshaften Sottisen, die da hin und her geworfen werden und es macht Russell und Jenkins offensichtlich Spaß, diese Dialoge zu sprechen, diese beiden alten Freunde zu portraitieren. O´Dwayer gibt einen passablen Helden ab und somit hat BONE TOMAHAWK erstmal alles, was ein gelungener Western braucht. Ist man also bereit, ein Indianerbild von ca. 1937 zu akzeptieren, hat man es hier mit einem der besseren Western (den Begriff „Neo-„ einmal ausgelassen, denn dies sind im Grunde schlichte, ehrliche Western) der vergangenen Jahre zu tun. Allerdings muß man da momentweise die Augen schon sehr fest zudrücken.

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