SEMINOLA/SEMINOLE

Ein außergewöhnlicher Indianerwestern von Budd Boetticher

Wir schreiben das Jahr 1835. Leutnant Caldwell (Rock Hudson) steht vor dem Kriegsgericht, angeklagt u.a. des Mordes an einem Wachmann. Er erhält die Chance, sich zu verteidigen und wünscht, seine Geschichte zu erzählen, auch wenn seine Aussagen gegen ihn verwand werden können. So schildert er, wie er nach Florida geschickt wurde, um die dortigen Truppen zu unterstützen. Der Seminolenhäuptling Osceola (Anthony Quinn) – ein Halbblut, welches mit Caldwell befreundet ist – weigert sich, seinen Stamm in die Reservation zu führen. Doch will er einen Ausgleich mit den Weißen. Caldwell vertritt gegenüber seinem Vorgesetzten, Major Degan (Richard Carlson) die Meinung, das Land, welches die Seminolen bewohnen, sei für Landwirtschaft oder Ackerbau eh nicht geeignet, die Indianer könnten problemlos dort wohnen bleiben. Degan weigert sich, Caldwell zu folgen und strengt eine Strafexpedition gegen das Seminolenlager an. Nach üblen Strapazen – u.a. muß eine Kanone durch den Sumpf mitgeschleppt werden – dort angekommen, finden sie das Lager leer. Die Indianer wurden von Revere Muldoon (Barbara Hale) gewarnt. Sie ist eine Jugendfreundin sowohl Caldwells als auch Osceolas, den sie liebt. Dieser bittet sie, ins Fort zu reiten und eine Verhandlungsbasis auszuhandeln. Doch sie kommt zu spät Als sie das Fort erreicht, sind Degan, Caldwell und die Männer schon losgezogen. Im Lager der Seminolen werden die Soldaten nun Opfer des dort gelegten Hinterhalts. Der junge Krieger Kajeck (Hugh O’Brien), der nichts von Osceolas Weg der Verhandlungen hält, hat sich durchgesetzt. Bis auf den Major und zwei weitere Soldaten überlebt niemand das Massaker. Lediglich Caldwell, durch einen Pfeil schwer verletzt, wird von den Indianern gerettet und gesund gepflegt. Er reitet mit Osceola ins Fort, weißbeflaggt, doch Major Degan hält sich nicht an die Gepflogenheiten und setzt den Häuptling fest. In der Nacht kommt Kajeck ins Fort, wobei er eine Wache tötet. Er will seinen Häuptling umbringen, den er im Verdacht hat, den Stamm zu verraten. Zwar kann Caldwell seinem Freund noch zur Hilfe eilen, doch stirbt dieser an seinen Verletzungen, Kajeck entkommt. So kommt es zur Anklage gegen Caldwell, der im Verdacht steht, die Wache getötet zu haben. Caldwell wird zum Tode durch Erschießen verurteilt, gerade als das Vollstreckungskommando daran geht, anzulegen, werden die Wachtürme des Forts von Indianern eingenommen. Kajeck ist gekommen, den Leichnam seines Häuptlings mitzunehmen und Caldwell von der Schuld freizusprechen, irgendwen getötet zu haben. Kajeck steht dazu, daß er es war, der die Wache ermordete. Die Indianer kehren ungeschlagen auf ihr Land zurück, Major Degan ist ein gebrochener Mann. Caldwell und Muldoon können gemeinsam in eine sichere Zukunft blicken.

Vieles an diesem Western mutet ungewöhnlich an: Ersteinmal ist es eher ein „Southern“, bedenkt man, daß Florida Ort der Handlung ist, hinzu kommt die für einen Western ungewöhnliche Zeit vor dem Bürgerkrieg, in der er spielt. Es ist ein Western von Budd Boetticher, der später mit dem ‚Ranown‘-Zyklus, jenen nahezu sprachlosen Western mit Randolpoh Scott, unsterblich werden sollte. Hier liefert er einen Film ab, der seinem Ouvre eher entäußert ist, man würde kaum merken, daß dies ein Film dieses Meisters ist, wüsste man es nicht. Vom Stil dieses Minimalisten kann man hier nicht wirklich viel erkennen, außer, daß der Film vom ersten Moment an zur Sache kommt und ab dem Moment am Laufen bleibt, also Handlungselement an Handlungselement setzt, dem Zuschauer kaum mal eine Minute zum Verschnaufen gönnt.

Weiterhin ungewöhnlich ist sein Umgang mit den Indianern. Die Seminolen waren ja wirklich das einzige Indianervolk, daß sich in einem offiziell erklärten Krieg mit den Vereinigten Staaten befand und sie waren der einzige Stamm, der aus den sogenannten Indianerkriegen nicht als eindeutige Verlierer hevorging – bis heute übrigens, ihre Nachkommen bevölkern immer noch die Sümpfe des nördlichen Florida und Louisianas. Ungewöhnlich im Film ist, daß er diesen Triumph symbolisch zeigt – die Indianer gehen aus dem gezeigten Konflikt deutlich als Sieger hervor. Und der Film läßt ihnen dabei jede Ehre widerfahren. Sie sind intelligenter, weitsichtiger und mit dem Gelände sowieso besser vertraut, als die Weißen. Die Soldaten – auch das eher ungewöhnlich, waren die Jahre zwischen 1950 und 1955 doch nicht nur jene, in denen die „großen“ Indianerwestern wie BROKEN ARROW (1950) und THE WHITE FEATHER (1955) gedreht wurden, sondern auch jene, in denen John Ford mit Vollendung seiner ersten Kavallerietrilogie zur Verherrlichung derselben massiv beitrug – sind hier eher Dilettanten, die weder das Land kennen, noch damit umgehen können. Zu den beeindruckendsten Szenen gehören jene, in denen sie sich den Weg zum Seminolenlager bahnen und dabei zusehends dreckiger und nasser werden, ständig in Sumpflöchern versinken und schließlich vor lauter Dreck kaum mehr voneinader zu unterscheiden sind. Die Offiziere – vornehmlich Major Degan und Leutnant Caldwell – werden als typische Abkömmlinge militärischer Eliteausbildungsstätten gezeigt, die im „wahren“ Leben nicht allzuviel taugen – wobei Caldwell natürlich durch seine Kenntnis der Gegend, aus der er stammt, im Vorteil ist. Und zu guter Letzt muß auch die Gewalt erwähnt werden, die Boetticher zeigt, wenn die Soldaten auf das Lager losgehen und mit Bajonetten wie wild auf die vermeintlich schlafenden Indianer einstechen. Diese Bilder vergisst man so schnell nicht und sie zeigen auf sehr ehrliche Weise, wie gnadenlos mit den Ureinwohnern umgegangen wurde. Auch das ist außergewöhnlich an diesem Film.

Zu den oben genannten und weitaus berühmteren Indianerwestern verhält SEMINOLE (1953) sich wie eine Art Bastard. Wo die beiden Großwestern vor allem der Tragik des indianischen Überlebenskampfs gerecht werden wollten, merkt man diesem viel kleineren Film deutlich die Lust an, es den Weißen einmal so richtig zu zeigen. Die Kavallerie – die sich zu Fuß durch den Sumpf schleppen muß und allein dadurch der Lächerlichkeit preisgegeben wird – kann ihrem Auftrag nicht gerecht werden und wird dadurch nahezu unnütz. Die Offiziere – namentlich Major Degan – sind überheblich und ihren Aufgaben ebenfalls nicht gewachsen, zudem betrachtet Degan seine Aufgabe lediglich als Sprungbrett für „höhere Weihen“ – sprich Beförderung. Boetticher stellt die Lächerlichkleit gerade dieses Vorgesetzten lustvoll aus und Richard Carlson spielt das adäquat.

Was also stört hier? Es ist v.a. Rock Hudson. Er ist kein schlechter Schauspieler gewesen. Doch sein Rollenimage ließ es gar nicht zu, daß er halbseidene oder gar zwielichtige Charaktere spielte. Er tritt auf und er ist ein strahlender Held von Kopf bis Fuß. Wir wissen also ab dem ersten Moment, daß sich für diesen Kerl alles zum Guten wenden wird. Und in seiner Rolle ist dann eben auch die Art von subtilen Rassismus versteckt, der allen Hollywoodindianerwestern eigen ist: Am Ende muß es ein Weißer sein, der für Gerechtigkeit sorgt und der überlebt. Osceola darf nicht überleben, getötet wird er jedoch von einem seiner eigenen Leute. Und interessanter Weise läuft Quinn hier auch deutlich abgesetzt zu seinem Volk durch diesen Film: Er ähnelt eher einem mexikanischen Goucho als einem Seminolenhäuptling, während Kajeck mit einem wilden Haarschopf und nackter Brust überdeutlich als fremd und bedrohlich gekennzeichnet ist.

SEMINOLE gehört sicher nicht zu den ganz großen Western, unter den Indianerwestern allerdings nimmt er eine deutliche Sonderstellung ein, die ihn zumindest zu einem sehr interssanten Film macht.

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