DER KAMPF/THE LONG DUEL

Ein Kolonialismuswestern der verlogenen Art

Indien in den 1920er Jahren. Die Briten stehen in der Blüte ihrer Kolonialmacht. Sie geben sich als natürliche Herrscher in den von ihnen eroberten und besetzten Ländern.

Im Norden Indiens lässt Captain Stafford (Harry Andrews), Kommandeur eines Forts, in dem überwiegend in Indien rekrutierte Truppen unter dem Kommando britischer Offiziere stationiert sind, die Angehörigen des Nomadenstammes der Bantha internieren. Angeblich, so seine Argumentation, hätten sie Vieh gestohlen. Vor allem aber will er ein Exempel statuieren um andere Aufständige abzuschrecken.

Die Gefangennahme trifft die Männer des Stammes schwer, allen voran Sultan (Yul Brynner), ihren Fürsten. Nomaden sind freiheitsliebende Völker, weshalb das Vorhaben, sie in eine Art Reservat zu verschicken, eine fürchterliche Vorstellung ist. In der Nacht nach der Internierung, gelingt es Sultan und einigen seiner Männer mit der Unterstützung anderer Gefangener, auszubrechen.

Seine Frau, die er mit den anderen Frauen des Stammes im Fort zurücklassen wollte, um sie später zu befreien, folgt ihm im Chaos des Ausbruchs. Er bringt die Hochschwangere zu einer befreundeten Familie, wo er auch seinen ältesten Sohn zuvor bereits zurückgelassen hatte. Die Frauen versuchen, Sultans Gattin zu retten, doch sowohl sie als auch das Neugeborene sterben. Sultan schwört Rache an den Briten.

Gemeinsam mit jenen Männern, die ihm aus dem Gefängnis auszubrechen geholfen haben, verdingt sich Sultan in der Folge als Räuber. Die Bande überfällt britische Patrouillen, eignet sich deren Waffen an und verteilt überschüssige Beute in den Dörfern ringsum. Stafford soll dem Treiben ein Ende bereiten, hat dabei aber wenig Erfolg.

Der Gouverneur (Maurice Denham) der Region setzt auf drängen des zivilen Vorstands des Forts, McDougal (Laurence Nasmith), Staffords Vorgänger als Captain ein. Mr. Young (Trevor Howard) verachtet die Methoden, die Männer wie Stafford anwenden, da er als Anhänger der Anthropologie versteht, daß man über fremde Völker nicht mit Unterdrückung und Repression herrschen kann, sondern nur, wenn man bereit ist, sie zu verstehen.

Young wird eine Spezialtruppe zugestanden, mit der er Sultan das Handwerk legen soll.

Sultan selbst hat sich in die Tänzerin Champa (Virginia North) verliebt. Sie hält auch Kontakte zu den Briten und dient als eine stille Kommunikationsstelle zwischen den verfeindeten Lagern. Durch Zufall erfährt Young so, daß Sultan bei einem Fest in einem Heiligtum der Einheimischen mit seinem Sohn auftauchen und seine Ehrerbietung zeigen wird. Young und seine Leute sind vor Ort, doch Young weigert sich, die Zeremonie zu unterbrechen und Sultan in einer aufsehenerregenden Aktion zu verhaften.

Im Fort ist derweil Jane (Charlotte Rampling) eingetroffen, Staffords Tochter. Sie kommt aus England zurück und bringt eine Menge moderner Ideen – nicht nur zum Frauenrecht, sondern auch hinsichtlich des britischen Imperialismus – mit. Sie interessiert sich schnell für Young, der seinerseits großes Interesse an den örtlichen Heiligtümern und religiösen Stätten hat. Er erklärt Jane, was es mit der Ornamentik und dem Sanskrit auf sich hat und welche lokalen Geschichten in ganz unscheinbaren Verzierungen erzählt werden.

McDougal sieht sich in Young getäuscht. Hatte er den erfahrenen Indienkenner für den richtigen Mann gehalten, Sultan zu fassen, denkt er mittlerweile, daß der Anthropologe nur wenig Interesse an einer Festnahme des Banditen hat. Während einer Unterredung beim Gouverneur erklärt Young, daß er sich nicht um den Posten gerissen habe, wenn man Sultan denn unbedingt meint fassen zu müssen, solle man die weiterhin inhaftierten Frauen und Kinder als Köder nutzen, in einen Zug verfrachten und diese Information an Sultan weitergeben. Beim Versuch, ihre Angehörigen zu befreien, könne man Sultan und seine Männer dann festsetzen.

Der Plan wird umgesetzt, doch ohne Youngs Wissen hat Stafford ein Maschinengewehr auf dem Zug platzieren lassen. Als der erwartete Angriff von Sultans Männern erfolgt, werden sie in einem fürchterlichen Gemetzel massakriert, allerdings trifft es auch etliche Frauen und Kinder, die versuchen, aus dem Zug zu entkommen und ins Kreuzfeuer geraten.

Nach diesem vollkommenen Fehlschlag will Young nicht mehr weiter an der Hatz auf Sultan teilnehmen. Jane bittet ihn, weiter zu machen, da er der einzige sei, dem Sultan hier vertrauen könne. Young lässt Sultan über Champa eine Bitte um ein Treffen zukommen.

Die Männer treffen sich, versichern einander, daß sie eigentlich von ihren Veranlagungen her Freunde sein müssten, unter den gegebenen Umständen jedoch Feinde seien. Young erklärt Sultan, daß dieser auf Dauer aber keine Chance habe, da die Briten schlicht über mehr Männer und Material verfügten. Sultan lehnt dennoch jede Verständigung ab. Als die Männer sich trennen, springt ein Leopard von einem Felsen auf Young zu, Sultan erschießt das Tier und rettet seinem Widersacher damit das Leben. Doch auch Young hatte bereits eine Waffe gezogen. So merken beide Männer, daß sie gegen die Verabredung beide bewaffnet zu dem Treffen gereist waren.

Stafford hat durch einen Doppelagenten erfahren, daß Champa weiß, wo Sultan sich aufhalte. Er lässt die Frau gefangen nehmen und verhören. Durch fürchterliche Prügel erfährt er so von Sultans Versteck. Young, der die Frau ebenfalls in ihrem geschundenen Zustand sieht, stellt Stafford zur Rede, der sich darauf herausredet, er habe die Prügel nicht angeordnet, sondern seine indischen Untergebenen das Verhör führen lassen, die seien nun mal nicht zimperlich. Jane hört diese Unterredung heimlich mit und weiß nun, auf wessen Seite sie steht. Sie bittet Young, sie mitzunehmen, wohin auch immer er gehe, doch der lehnt das ab.

Young folgt Stafford und der Einheit, mit der dieser Sultans Versteck ausheben will. Stafford und seine Leute werden in eine Falle gelockt und gnadenlos zusammengeschossen, nicht zuletzt mit dem bei dem Überfall auf den Zug erbeuteten Maschinengewehr. Young bemächtigt sich der Waffe und feuert seinerseits wahllos auf Sultans Männer. Sultan selbst lässt Young laufen, als er die Möglichkeit hat, ihn zu erschießen. Er ist jedoch selbst schwer verwundet worden.

Sultan bittet Young, seinen Sohn zu holen und zu ihm zu bringen, Young wisse schon wo. So kann Young mit dem Sterbenden reden, bevor Stafford seiner Habhaft wird. Sultan bittet Young, sich seines Sohnes anzunehmen. Young verspricht es ihm. Dann geht er, hinterlässt jedoch seine Waffe. Sultan erschießt sich, bevor Stafford ihn ergreifen kann.

Young und der Junge reisen ab.

Ach, waren das noch Zeiten! Die 60er, als man noch politisch zutiefst unkorrekte Filme machen konnte, die sich zugleich kritisch gaben. Herrlich! In Kriegsfilmen wurden Heldentaten gefeiert, wobei man gern unterschwellig zu verstehen gab, daß der Krieg kein Zuckerschlecken gewesen ist, im Western durften Indianer endlich als menschliche Subjekte auftreten, nur nicht von Indianern gespielt werden, und das Problem des Rassismus wurde aufgegriffen, ohne daß man sich – als weißer Filmemacher – ernsthaft damit auseinandersetzen musste, wie bspw. Hollywood selbst zu Stereotypen und Ressentiments beigetragen hatte. Und das britische Kino durfte gleichzeitig den Kolonialismus feiern und in Frage stellen. Filme wie ZULU (1964), KARTHOUM (1966) und in gewisser Weise auch LAWRENCE OF ARABIA (1962) feierten britischen Kolonialismus zumindest in der Art, wie sie sich präsentierten, sie reproduzierten ihn, indem sie die Kolonisierten gern als Statisten in Massenszenen nutzten, während die wichtigen Rollen natürlich von Briten und Amerikanern gespielt wurden. SIe gaben sich aber ungern eine Blöße, weshalb es immer einen kritischen Geist im Script gab, der das Verhalten der Briten zumindest in Frage stellte. Gerade David Leans LAWRENCE-Film ist da ein beredtes Beispiel, da er eine an sich schon umstrittene Figur in einen Kontext setzte, bei dem es letztlich auf seine Haltung ankommt und er als eine Art Held der arabischen Emanzipation gefeiert wird, der er wohl wirklich war, wobei der Film aber jedwede arabische Perspektive eher verweigert.

THE LONG DUEL (1967) steht, wenn auch weitaus weniger eindrucksvoll und auf niedrigerem Niveau, in einer Reihe mit den oben Genannten. Regisseur Ken Annakin erzählt eine Geschichte aus dem kolonisierten Indien in einer Mischung aus Robin-Hood-Mär und einem Western. Mit den Stars Yul Brynner – als aufrührerischer Nomadenfürst – und Trevor Howard – als für die Militärpolizei arbeitenden Anthropologen, der eigentlich lieber Sanskrit studieren und Sehenswürdigkeiten besuchen würde – entstand so eine prachtvoll bunte Actiongeschichte, die sich hingebungsvoll einem pittoresken Indiengemälde hingibt und sich zugleich müht, den Indern, in diesem Fall vertreten durch einen Nomadenstamm, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Wobei der Begriff „Gerechtigkeit“ in diesem Fall weit zu fassen ist.

Nachdem der betreffende Stamm unter einem fadenscheinigen Grund festgesetzt wurde und die Männer nachts aus dem britischen Fort ausbrechen konnten, führt der von Brynner gespielte Fürst Sultan seine Leute in die Berge, sie rauben britische, bzw. den Briten dienende Einheiten indischer Herkunft aus und schenken u.a. ein großes Vermögen einem heiligen Schrein. Howards Polizeioffizier Young wird – gegen den Willen seiner unmittelbaren Vorgesetzten, die seine Haltung gegenüber den Indern nicht goutieren – damit beauftragt, den Abgängigen aufzustöbern und zu verhaften. Natürlich hält Young sich in entscheidenden Momenten zurück, da er die Feiertage, Sitten und Riten der Inder respektiert. Erst, als er Zeuge eines fürchterlichen Massakers wird, eine Vergeltungsmaßnahme für einen aus dem Ruder gelaufenen Versuch, Sultan festzusetzen, greift er schließlich kompromißlos in das Geschehen ein.

Inder spielen im ganzen Film im Grunde nur eine untergeordnete Rolle, sowohl als Handelnde, als auch als Darsteller. Brynner, der in seiner Laufbahn öfters als Asiate oder Orientale eingesetzt wurde, ist in jeder Szene, in der er auf der Leinwand zu sehen ist, Brynner, im besten Sinne des amerikanischen Star-Systems. Der ganze Freiheitskampf, den er angeblich für seine Leute führt, läuft auf einen Zweikampf zwischen ihm und seinem direkten Widersacher Young hinaus. Und natürlich gibt Sultan schließlich, als er keinen Ausweg mehr sieht, seinen Sohn in die Obhut des Briten. Das kann man als eine Art Einverständnis mit der britischen Kultur und Form von Zivilisation lesen. Inder hingegen kommen in THE LONG DUEL so vor, wie die Indianer im klassischen Western: Sie fallen von Kugeln durchsiebt vom Pferd, wirken, wenn sie mal ein paar Zeilen Dialog haben, eher unbedarft, lassen sich mehrfach übertölpeln und wirken generell führungsschwach. Die wenigen Inder, die hier eine gehobene Rolle spielen, werden zudem meist von Weißen gespielt, denen man die Gesichter braun angemalt hat.

Der Verweis auf die Indianer im amerikanischen Western ist auch im Hinblick auf Inszenierung und Stil von Annakins Film wesentlich. Beginnend mit der schon erwähnten Feind-Freundschaft, die Sultan und Young zueinander hegen und die an etliche vergleichbare Konstellationen in Western erinnert, wo der Topos des weißen Außenseiters, der sich mit Indianern anfreundet und dennoch gegen sie kämpft, Gang und Gäbe ist, über den Aufbau der Bilder – hier musste die spanische Sierra Nevada als Vorland des Himalaya herhalten – und die vielfach gebrauchte Totale der Ebenen und der darin sich Bewegenden, bis zur Wahl der Waffen und wie sie eingesetzt werden, entspricht THE LONG DUEL stilistisch jenen Kavallerie-Western, die John Ford sie in den 40er und 50er Jahren gedreht hatte. Es gibt einen Zugüberfall, wie er schöner nicht in einem Film über Jesse James hätte vorkommen können und die Charakterisierung der Figuren entspricht weitestgehend den Klischees des edlen Wilden und der weißen Besatzer/Eroberer. Hinzu kommt die Nutzung moderner Waffen, hier eines Maschinengewehrs – wobei dies wiederum an die damals beliebten Italowestern erinnert, in denen ebenfalls oft und gern böse Überraschungen in Form von modernen Waffen auf sich überheblich gebende Bandenchefs und andere Unholde warteten. Dem Italowestern ähnelt auch die Plot-Struktur um den Aufständischen, der sich gegen die herrschende Zentralgewalt auflehnt. Was hier Indien ist, ist im Italowestern meist Mexiko während der Revolution.

Was Annakins Film dann allerdings doch von seinen italienischen Verwandten unterscheidet und zumindest in den finalen Szenen erträglich macht, ist die Art, wie er die Nutzung dieser Waffen darstellt. Sowohl während des Eisenbahnüberfalls, bei dem zunächst Sultans Männer, dann im Chaos auch von den Briten gefangene Frauen und Kinder im Kugelhagel sterben, als auch in der finalen Schlacht, in welcher Sultans Männer das zuvor erbeutete Maschinengewehr gegen die Briten und ihre indischen Einheiten einsetzen und ein Massaker anrichten, bis Young sich der Todesmaschine bemächtigt und sie dann gegen Sultans Leute richtet, sehen wir elenden Tod und grausliche Gewalt, die diese Waffe anrichtet. Hier wird nichts beschönigt und so funktioniert zumindest ein gewisser Schock über die Brutalität und die Maßlosigkeit und Unverhältnismäßigkeit der Mittel. Auch kommen die Ressentiments, die die Briten gegen ihre Feinde hegen, die sie nicht als gelichwertig akzeptieren, und der Rachedurst dieser Feinde zum Ausdruck. Young ist angewidert von all diesem Töten und Trevor Howard ist ein solch guter Schauspieler, daß er auch mit einem schlechten Drehbuch doch noch entsprechende Zwischentöne zu vermitteln weiß.

In einer ihrer frühen Rollen ist Charlotte Rampling als Tochter des Fortkommandeurs zu sehen, der auch Youngs erbitterter Gegenspieler bei den Briten ist. Diese Jane Stafford wird zu Youngs natürlicher Vertrauten, da sie, ohne sich schließlich wirklich gegen ihren Vater zu stellen, dessen Einsatz für eine gerechte Sache sieht und versteht. Daß diese junge Dame sich nun ausgerechnet in den verwitterten und deutlich älteren Howard/Young verlieben soll, gehört dann wieder zu den Untiefen des Drehbuchs, das sich um solche Logiklöcher allerdings weder hier noch an anderen Stellen sonderlich schert. So haben Young und Jane Zeit, sich an langen heißen Nachmittagen in indischen Altertümern zu treffen und über die Schönheiten der Ornamentik zu palavern, obwohl Young eigentlich auf einem Feldzug gegen den allseits gefürchteten Sultan sein sollte.

Letztlich bleibt von THE LONG DUEL nicht viel haften. Ein Abenteuerfilm, ein indischer Western, der seine vermeintlichen Anliegen nicht glaubhaft an das Publikum vermitteln kann, ein Film, der in seinem Aussehen und seiner offensichtlich europäischen Produktion – neben der spanischen Wüste waren die Pinewood Studios in London Hauptdrehort – all die Vorurteile, Klischees und eurozentrischen Betrachtungsweisen des Orients bestätigt, die ein Mann wie Young ja eigentlich bekämpfen will. Ein Film, der mit der Art, wie er die Inder behandelt, genau jene Haltung zeigt, für die Captain Stafford im Film kritisiert und verurteilt wird. So bleibt dies nette Unterhaltung aus einer vergangenen Zeit, solange man über die angeführten Kritikpunkte großzügig hinwegsehen kann.

Bunt, pittoresk, actiongeladen und zumindest mit einem recht guten Ensemble ausgestattet, ist THE LONG DUEL vor allem ein Paradebeispiel für ein Kino, das am Scheideweg stand, das sich entweder ehrlich machen musste oder Gefahr lief, nicht mehr ernst genommen zu werden. Annakin hatte sich entschieden und so ist es kein Wunder, daß sein Film in der Mottenkiste des Kintopp verschwunden ist – und nicht sonderlich ernst genommen wird.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.