DER TAG DER EULE/IL GIORNO DELLA CIVETTA

Der vielleicht erste Roman, der das Phänomen der sizilianischen Cosa Nostra beleuchtete

Denkt man Krimi und Sizilien zusammen, dann werden die allermeisten wohl an Andrea Camilleri und seinen Commissario Montalbano erinnert. Nicht nur die Romane, auch die danach entstandenen TV-Filme sind immens beliebt und erfolgreich, nicht nur in Italien. Leider in Vergessenheit geraten ist ein anderer sizilianischer Schriftsteller, der, nur unwesentlich älter als Camilleri, gleichwohl früher der Insel im Südwesten Italiens seinen literarischen Stempel aufdrückte: Leonardo Sciascia. Sein Kriminalroman DER TAG DER EULE (IL GIORNO DELLA CIVETTA, erschienen 1961) gilt als erstes literarisches Werk, das eines der großen Themen – und Probleme – der Insel beleuchtet, die Cosa Nostra oder auch, kurz, die Mafia.

Am hellichten Tage wird ein Bauunternehmer erschossen als er soeben einen Autobus besteigen will. Schnell werden die Carabinieri gerufen und Capitano Bellodi übernimmt die Ermittlungen. Bellodi stammt aus dem Norden, ist noch nicht lange auf der Präfektur in Sizilien und er ist nicht bereit, das allgemeine Schweigen der Zeugen und später der Verdächtigen hinzunehmen. Er dringt bei Verhören in zwei dringend der Tat Verdächtige, nutzt dabei schließlich auch einige Tricks, um sie gegeneinander auszuspielen und verhaftet schließlich sogar einen älteren Herrn, von dem allgemein bekannt ist, daß er wohl einer der Bosse der Mafia auf der Insel ist, wenn auch nicht in der allerersten Reihe.

Dem herkömmlichen Kriminalroman wäre nun also die Ermittlung wichtig, verschiedene Zeugen, Verhöre und Verfolgungen und schließlich die Aufklärung des Verbrechens – alles unter dem Motto des Whodunnit, der Frage: Wer war´s? Sciascia greift im Grunde nur auf zwei dieser Stilmittel zurück. Es gibt Verhöre und eine Aufklärung. Verfolgungen, verschiedene Spuren und Hintergründe werden weitestgehend ausgespart, schnell haben sich gewisse Zusammenhänge ergeben. Und so besteht der Hauptanteil des Romans in der Beschreibung der Verhöre. Bellodi befragt reihum die drei Verdächtigen, kann letztendlich auch nachweisen, wer hier wen ermordet und wer dafür die Aufträge erteilt hat – und doch bleibt alles, wie es ist. Denn höhere Kreise, die sehr viel weitgreifender sind, als es die Gestade Siziliens vermuten ließen, sind nicht an einer Verurteilung interessiert. Alibis werden beschafft und glücklicherweise ermöglicht die außereheliche Beziehung der Frau eines Ermordeten den Ermittlern, ein „Verbrechen aus Leidenschaft“ zu konstruieren, um Täter zu präsentieren. Bellodi ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr an der Aufklärung des Verbrechens beteiligt, wurde er doch – Zufall? – abberufen, um in einem Gerichtsprozeß in Bologna auszusagen.

Sciascia geht es allerdings offensichtlich nicht darum, Spannung zu erzeugen, zumindest keine herkömmliche Krimi-Spannung. Vielmehr antizipiert er eine Entwicklung im Kriminalroman, die eigentlich meist mit den Genreromanen der 70er Jahre assoziiert wird. Wie diese, nutzt er das Gewand des Krimis, um etwas über die Gesellschaft zu erzählen. In diesem Falle über die Gesellschaft der Omertà, jenes Schweigens der Mafiamitglieder, aber auch all jener, in deren Mitte sie leben und deren Leben und Geschicke sie weitestgehend bestimmen. Darüber hinaus gelingt es Sciascia, die Entfremdung zwischen Sizilien und dem restlichen Italien, das hier manchmal wie eine Besatzungsmacht wirkt, spürbar werden zu lassen.

Wahrscheinlich müsste man den Roman im Original lesen, um die ganze ihm innewohnende Kraft zu verstehen, denn schon mit der Sprache fängt es an, wird die Entfremdung verdeutlicht. Lange muß Bellodi ringen, damit ihm jemand die Spitznamen der Menschen erklärt, mit denen er es zu tun hat. Und hier hat nahezu jeder einen dem Dialekt entlehnten Spitznamen, der auf charakterliche Eigenschaften verweist, auf Glück oder Unglück im Leben des Betreffenden oder auf seinen familiären Status und Hintergrund. In den Verhören stößt Bellodi wenn nicht auf eine Mauer des Schweigens, so doch auf eine ganz eigenen Logik, die letztlich sogar dazu führt, daß sich einer der Verdächtigen selbst belastet, um den andern mit ins Verderben zu ziehen – wobei beide immer auf dem Standpunkt beharren, das Verbrechen sei aus niederen Beweggründen begangen worden, keinesfalls im Auftrag höherer Mächte. Bellodi weiß aber, daß der Ermordete sich weigerte Schutzgelder zu bezahlen. Er weiß aber auch, daß auf Sizilien die meisten eher in den Tod gehen würden, als etwas zu verraten, das nicht nur für sie, sondern auch für Familie und Freunde zu einer tödlichen Bedrohung werden kann. Denn – so das einhellige Urteil aller Beteiligten – es gibt keine Mafia, die sei eine Erfindung, wahrscheinlich von Menschen aus dem Norden, um damit die Süditaliener, explizit die Sizilianer, zu diskreditieren und als rückständig zu brandmarken.

Sciascia wählt zumeist eine nüchterne, sachliche Sprache und beschreibt einzelne Situationen. Nach den Schüssen auf den Bauunternehmer rennt jeder, der hier Zeuge gewesen sein könnte, in eine andere Richtung davon, es verschließen sich die Fenster, es verschließen sich die Türen. Alle schweigen. Dann aber lässt der Autor die eine oder andere Figur – erzählt wird aus einer auktorialen Position heraus – reflektieren was geschieht, respektive eben nicht geschieht. Und in diesen Momenten bedient Sciascia sich wahrlich poetischer Bilder und Metaphern. Dem nüchtern beschriebenen Töten und Sterben wird so eine Poetik des Daseins, wenn auch oft düster und bedrückend, entgegengesetzt, die in ihrer Schönheit durchaus das Leben feiert. Das Leben als etwas Verfeinertes, Höheres, kulturell Wertvolles.

Hinzu kommen Passagen, die den Erzählfluß unterbrechen und dem Leser einen Dialog präsentieren, dessen Beteiligte nie wirklich zu identifizieren sind. Es scheint sich um zwei Männer zu handeln, doch dann gibt es Hinweise, daß einer der beiden eine Frau sein könnte. Es sind definitiv ein Älterer und ein(e) Jüngere(r), wobei der Ältere eine Sprechposition einnimmt, die der eines Lehrers entspricht. Ein wenig an die Dialoge des Sokrates angelehnt, erfährt der jüngere Sprecher mehr und mehr, wie die Dinge auf Sizilien laufen. De facto in die Handlung eingegriffen wird in dem Moment, in dem der Ältere wohl zu einer Entscheidung gekommen ist, wie man sich im vorliegenden Fall verhalten soll. Sciascia folgt dieser Entscheidungsfindung, indem er den Alten räsonieren lässt, sehr allgemein, sehr ausgreifend, sich dem Gegenstand langsam, theoretisch, nähernd, langsam, wie eine Schlange, die sich an ihr Opfer heranschlängelt. Ganz offensichtlich aber wird hier, daß die Arme der Mafia sehr, sehr weit reichen, definitiv bis nach Rom und ins Parlament.

Sciascia als Autor aber bieten diese Passagen die Möglichkeit, das Wesen der Mafia zu erfassen, ihre Strategien aufzuzeigen und zudem nachzuweisen, wie verflochten sie mit dem Staat ist, den sie zugleich ablehnt. Der Mythos, den sie darstellt, der Unglaube in weiten Teilen der Bevölkerung, daß es eine Organisation wie die Cosa Nostra gäbe, kommt ihr dabei nicht einfach zupass, vielmehr ist dieser Unglaube konstituierendes Element ihres Daseins. Und wie nebenbei kann der Kommunist Sciascia nachweisen, daß man es bei der Mafia, die sich historisch dem Faschismus entgegengestellt hat, allerdings vor allem, weil dieser begann, sie systematisch und erstaunlich erfolgreich zu bekämpfen, selbst eine im Kern faschistoide Organisation ist. Der Hass des faschistischen Systems auf die Mafia und deren Hass auf die Faschisten kann man also durchaus als den Kampf zweier verwandter Systeme um die Vorherrschaft und Deutungshoheit betrachten. Unterstützt wird diese These durch Aussagen des ebenfalls von Bellodi verhörten Bosses. Denn der unterteilt die Wesen um sich herum in Klassen und Abstufungen. Bellodi, so lässt er den Capitano gönnerisch wissen, ist in seinen Augen ein „Mensch“, in der Weltsicht von Don Mariano Arena ein Attribut – und zwar eins, welches er nur Wenigen zuteilwerden lässt.

DER TAG DER EULE wurde häufig als Urform aller Mafia-Romane beschrieben. Häufig sind Prototypen nur noch schwer zu ertragen, wurden sie doch zu oft zitiert, persifliert oder parodiert. Dies gilt allerdings nicht für Sciascias Roman. Noch immer spürt man, auch in der Übersetzung (hier: Arianna Giachi), die enorme Kraft, aber auch die Wut, vielleicht Empörung, die dem Werk innewohnt. Denn Sciascia schrieb mindestens so intensiv gegen das Schweigen an, wie Bellodi gegen die Omertà ankämpft. In den frühen 60er Jahren war es in Italien Commonsense, die Existenz der Mafia zu leugnen. Was deren Verflechtungen mit den Institutionen natürlich enorm begünstigte. Da sie sich den Ruf des Antifaschismus errungen hatte, konnte man zudem nicht nur Schlechtes in ihr sehen. Logischerweise endet Sciascia Werk dann auch nicht mit einem Happyend. Bellodi überlebt, ja, er kehrt sogar nach Sizilien zurück, nachdem er zunächst ohnmächtig beobachten musste, wie sein Fall niedergeschlagen und zu einem „Verbrechen aus Leidenschaft“ umgedeutet wurde, sich dann eine Auszeit bei seiner Familie in Parma gegönnt hat. Doch lässt der Roman keinen Zweifel daran aufkommen, daß die Systematik, mit der sich hier eine Organisation nach und nach den Staat zu eigen macht, nicht ohne Weiteres bekämpft werden kann. Erst recht dann, wenn nicht mehr unterschieden werden kann, ob die, die dem Staat dienen nicht zugleich einem anderen Herrn dienen, der weitaus klarere weil tödlichere Regeln aufstellt und befolgt, als es ein moderner demokratisch ausgerichteter Staat je könnte.

Als Krimi mag das, vor allem nach heutigen Maßstäben, nicht wirklich funktionieren, als Gesellschaftsstudie und Stück italienischer Literatur der Nachkriegszeit allerdings, sollte Leonardo Sciascias Roman unbedingt wieder mehr gelesen werden.

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