DER TOD RITT DIENSTAGS/I GIORNI DELL`IRA

Tonino Valerii entfesselt die Kräfte der Rache und Vergeltung in einem der besten Italowestern

Scott (Giuliano Gemma) ist in der Stadt Clifton so etwas wie der allgemeine Fußabtreter. Er muß die Fäkalien der ehrbaren Bürger einsammeln und zur Sickergrube bringen, die Veranden pitzen und ist weder im Saloon noch in den Häusern der Honoratioren gern gesehen. Nur sein väterlicher Freund Murph Allen (Walter Rilla), der Stallknecht, sowie Blind Bill (José Calvo), ein Taugenichts, sind ihm freundschaftlich zugewandt.

Eines Tages kommt ein Fremder in die Stadt. Es ist Frank Talby (Lee Van Cleef), dem ein Ruf als Revolverheld vorauseilt. Er bittet Scott, sich um sein Pferd zu kümmern, die Belohnung dafür solle der Junge sich im Saloon abholen. Er fragt Scott nach seinem Namen und wundert sich, daß der nur einen Vornamen trägt. Scott erklärt, er sei ein „Bastard“, seine Mutter sei eine Prostituierte gewesen, von der er nur den Vornamen Mary kenne. Talby erklärt Scott, daß er ihn ab nun Scott Mary nennen werde.

Als Scott in den Saloon kommt, gibt es sofort Ärger mit dem Eigentümer Abel Murray (Andrea Bosic), der den „Bastard“ nicht in seinem Geschäft haben will. Talby tritt bestimmt auf und erklärt, daß er trinke, mit wem er trinken wolle und zwingt damit den Saloon-Besitzer, Scott einen Drink zu geben. Das ruft einen anderen Gast, Perkins (Mauro Mannatrizio) auf den Plan. Zwischen ihm und Talby kommt es zu einer Auseinandersetzung und als Perkins seine Waffe zieht, erschießt Talby ihn.

Beim folgenden Prozeß muß Richter Cutcher (Lukas Ammann) Talby freisprechen, da dieser nicht zuerst geschossen habe. Murph Allen klärt Scott darüber auf, daß er Talby von früher aus Abilene kenne, wo Allen einst Sheriff war. Talbys Geschäft gleiche sich immer: Da er extrem schnell ziehe und alle Tricks kenne, die einen Revolvermann ausmachten, könne er sich immer darauf berufen, daß sein Opfer zuerst gezogen habe, was auch immer stimme. Die meisten, die sich mit ihm anlegen, wissen nicht, wie schnell ihr Gegenüber ist.

Talby verlässt die Stadt direkt nach dem Gerichtsurteil. Scott ahnt, daß er nicht mehr wohlgelitten in der Stadt sein wird, wenn er nicht unter Talbys Protektion steht. So reitet er dem Mann nach.

Talby weist Scott zunächst zurück. Er will ihn weder als Begleitung, noch als Schüler. Er erklärt, es gäbe mehrere Regeln für einen Revolvermann und bringt Scott auf schmerzhafte Weise gleich ein paar davon bei, Darunter die, niemals einem Menschen zu trauen, egal wie freundlich er wirke. Dann reitet Talby weiter, Scott lässt sich aber nicht abhängen und folgt ihm.

Sie kommen in eine Grenzstadt. Hier treibt Talby Wild Jack (Al Mulock) auf, mit deme r ein Hühnchen zu rupfen hat. Wild Jack saß etliche Jahre im Knast, weil er nach einem gemeinsam mit Talby begangenen Coup verraten wurde. Talby ist das egal, er will von Jack seinen Anteil am Gewinn – 50.000 Dollar. Die aber hat Jack nicht mehr. Die Auftraggeber hätten ihn übers Ohr gehauen und das ganze Geld eingestrichen. Talby fordert von Jack die Namen dieser Männer. Man einigt sich und soi erfährt Talby, daß es sich bei den Auftraggebern um Abel Murray, den Richter Cutcher und den Banker Turner (Ennio Balbo) handelt. Als Jack die Cantina auffordert mit ihm zu trinken, weigert Talby sich und auch Scott tut es ihm gleich. Als Jack daraufhin Scott zusammenschlägt, kommt Talby dem Jungen zur Hilfe. Schließlich kommt es zwischen Talby und Jack zu dem erwarteten Shoot-Out und Jack stirbt. Zuvor hat Talby noch erfahren, wo Jacks Leute sind.

Talby reitet zu der Farm, auf der sich die Männer versteckt halten, findet dort aber nur die erhängte Leiche des Farmers vor. Jacks Männer, die Talby eigentlich nach Clifton begleiten sollten, fesseln ihn und schleifen ihn hinter ihren Pferden her, bis Talby zerschunden und blutend auf der Erde liegt. Als sie ihn erschießen wollen, wirft Scott Talby dessen Waffe zu und Talby erschießt seine Peiniger. Nun ist er bereit, Scott unter seine Fittiche zu nehmen. Gemeinsam reiten sie nach Clifton.

Dort geht Talby zu Murray und zwingt diesen, ihm Anteile am Saloon zu verkaufen, die er mit 1.000 Dollar bezahlt – viel zu wenig. Doch hat er Murray wie zuvor Turner in der Bank klargemacht, daß er weiß, wer sie sind. Nun gilt es nur noch, die Rache von Perkins Familie abzuwarten. Sheriff Nigel (Giorgio Gargiulio) stellt sich Talby in den Weg. Er fordert ihn und Scott auf, die Stadt wieder zu verlassen. Sie seien hier incht willkommen. Scott fordert er auf, den Colt abzulegen und seine alte Position wieder einzunehmen – als Mädchen für alles. Talby erklärt Nigel freundlich aber bestimmt, daß er weder ihn noch Scott auds der Stadt werfen werde.

Talby und Scott warten auf Perkins Freunde und Verwandte. Als diese schließlich auftauchen, versucht der Sheriff, das Schlimmste zu verhindern. Er fordert nun auch den alten Perkins auf, aus der Stadt zu reiten, doch der weigert sich. Dann schießt einer seiner Männer Nigel ins Bein. Es kommt zu der erwarteten Schießerei zwischen Talby und den sechs Männern, deren zwei schließlich Scott tötet. Nun, so Talby, sei er ein Mann. Und, so führt er weiter aus, nun gehöre ihnen die Stadt.

Talby, der verwundet wurde, geht in den Saloon, wohin auch die Verletzten gebracht werden. Scott zwingt den Arzt, zunächst Talbys vergleichsweise leichte Wunde zu versorgen, bevor er sich einem Mann mit einem Bauchschuß widmen darf. Es wird deutlich, wer nun das Sagen in Clifton hat.

Schnell übernimmt Talby Anteile an verschiedenen wichtigen Betrieben in der Stadt. Er will einen neuen Saloon bauen und fordert von Murray seinen Anteil des alten Saloons – den er nun auf 40.000 Dollar berechnet. Nachdem Murray ihm das Geld ausgehändigt hat, steckt Talby den Saloon in Brand und lässt Murray in den Flammen umkommen.

Der Richter und Turner wollen Talby umbringen und engagieren dafür einen anderen Revolverhelden. Dieser hilft Talby zunächst, als dieser hinterrücks erschossen werden soll und begründet dies damit, daß er einen einmal angenommenen Job auch selber zu Ende bringen wolle. Er fordert Talby in dessen nagelneuen Saloon, der eine Bühne und einen Spielsalon bietet, zu einem Duell zu Pferde und mit Vorderladern, die im Ritt geladen werden müssten, heraus. Talby nimmt an. Als Scott ihn fragt, wieso er dies täte, es läge keine Notwendigkeit vor, erklärt Talby ihm, daß auch dies eine Regel für Revolvermänner sei: Manchmal müsse man sich auf Duelle einlassen, um sein Gesicht nicht zu verlieren.

Am folgenden Morgen trifft man sich vor der Stadt und das Duell endet, wie erwartet: Talby tötet seinen Herausforderer.

Talby ist nun uneingeschränkter Herrscher der Stadt. Weiterhin sorgt er dafür, daß er immer derjenige ist, der zuletzt zieht und zuerst schießt. Er tötet so auch den Bankdirektor und den Richter, nachdem dieser mithilfe seiner Tochter Scott und Talby eine Falle hat stellen lassen. Eileen (Anna Orso), in die Scott schon immer verliebt war, lockt ihn in einen Hinterhalt. Sheriff Nigel ist der Ansicht, nun endlich etwas gegen den Revolvermann in der Hand zu haben, was auch ihn das Leben kostet.

Bei einem geheimen Treffen wurde Murph Allen zum neuen Sheriff ernannt. Er selber, der ebenfalls einmal ein guter Schütze war, hat Talby genau beobachtet. Er erklärt Scott, daß dieser mittlerweile zu schnell für Talby wäre und deshalb zu einer Gefahr für den alternden Schützen würde. Scott solle sich in Acht nehmen, denn Talby werde es früher oder später auf ihn abgesehen haben. Talby sei nicht nur auf Rache aus, sondern wolle auch seinen Lebensabend in Clifton in relativem Wohlstand verbringen. Er wolle sich zur Ruhe setzen, dabei aber die Zügel in der Hand behalten. Scott weist all das von sich und erklärt seinerseits, daß er zu Talby stünde.

Der hat sich allerdings mehrere Männer angestellt, die als Leibwächter, Türsteher und Aufpasser im Saloon fungieren. In einer Auseinandersetzung erklärt Scott Talby, daß der die Finger von Allen lassen solle, der alte Mann sei sein Freund. Talby ist das egal, er werde niemandem gestatten, seine Kreise zu stören.

Allen erlässt ein neues Gesetz, daß das Tragen von Waffen in der Stadt unter Strafe stellt. Als er Talby auffordert, seine Waffe abzugeben, scheint es, als füge sich dieser, doch dann erschießt er Allen aus einem geheimen Lauf im Griff seines Colts. Scott ist außer sich. Talby hetzt seine Männer auf seinen ehemaligen Schützling.

Scott flüchtet in den Stall, wo er in einem geheimen Versteck einen Revolver findet, den Murph Allen ihm mit einem Brief hinterlassen hatte. Es sei der Colt von Doc Holliday. Es sei ein guter Colt, der alle Ansprüche erfülle, um sich gegen Talby zur Wehr zu setzen. Vorher hatte Allen Scott erklärt, daß Talby ihm vielleicht das Schießen und Töten und die Regeln eines Revolverhelden beigebracht habe, dennoch aber habe er ihm Wesentliches vorenthalten. So sei der Colt, den Talby für Scott gekauft habe, zwei Zoll länger als sein eigener, was ihm Vorteile beim Ziehen verschaffe. Auch sei sein Hahn sehr leicht eingestellt, weshalb es ihm gelinge, sehr schnell hinter einander zu schießen. Nun, mit Hollidays Waffe, können Scott Talby entgegentreten.

Scott geht hinaus und stellt sich dem Kampf. Schnell und skrupellos tötet er Talbys Männer. Dann steht er seinem Mentor und väterlichen Freund gegenüber. Beide ziehen, doch ist Scott schneller und verletzt Talby schwer. Der liegt im Straßendreck und bittet Scott, ihm eine Kutsche zur Verfügung zu stellen, damit er die Stadt verlassen könne. Scott ragt über Talby auf und erinnert ihn an eine Regel, die er bei dem Mord an Wild Jack gelernt hatte: Lass niemandem am Leben, den Du einmal verletzt hast, denn du weißt nie, wann er kommt, um dich zu töten. Scott erschießt Talby. Das Barmädchen Gwen (Christa Linder) eilt herbei. Sie hatte sich schon zuvor zu Scott hingezogen gefühlt. Scott und sie gehen die Straße entlang und Scott wirft in seiner Wut, nun seine beiden Freunde verloren zu haben, die Waffe weg.

Tonino Valerii hatte als Drehbuchautor die ersten Schritte beim Film getan, bevor er für Sergio Leone die Regieassistenz bei dessen ersten beiden Dollar-Filmen (PER UN PUGNO DI DOLLARI/1964; PER QUALCHE DOLLARO IN PIÙ/1965) übernehmen durfte. Dann bekam er die Möglichkeit, eigene Filmideen zu verwirklichen und schuf bereits mit seinem zweiten Film ein Meisterwerk des Italowestern – I GIORNI DELL`IRA (1967) der den etwas abstrusen deutschen Titel DER TOD RITT DIENSTAGS erhielt. Doch über die deutschen Titel italienischer Western könnte man eh eine eigene Abhandlung schreiben.

Man spürt hier – angefangen beim psychedelisch angehauchten Vorspann, über Bildgestaltung und die Kameraarbeit –deutlich die Einflüsse Leones, dennoch gelang Valerii etwas Eigenständiges, etwas, das im Italowestern gerade in dessen Hochphase Mitte der 60er Jahre eher ungewöhnlich war. Denn entgegen jener Vorgaben, die Leone dem Subgenre verordnet hatte, strotzt Valeriis Film weder vor Zynismus – obwohl er stellenweise ausgesprochen brutal ist – noch sind seine (Anti-)Helden völlig geschichtslose Figuren, die auftauchen, ihr Spiel spielen und dann wieder in den Weiten der (südspanischen) Einöde verschwinden. Vielmehr gelingt es ihm, seinem Film eine dramatische Wucht mitzugeben, ein wirkliches Drama zu inszenieren, das nicht nur auf der pittoresken Oberfläche funktioniert, sondern auch einen gewissen Tiefgang aufweist.

Ein junger Mann zwischen zwei Vaterfiguren – das ist die Ausgangsposition des Films, eingebettet in eine Rachegeschichte. Da Valerii die ersten Minuten des Films nutzt, dem Zuschauer wesentliche Figuren der Handlung vorzustellen und sie geschickt einführt, verstehen wir schnell, daß dieser junge Mann, Scott, den Giuilano Gemma zunächst als geschundene Kreatur spielt, in der Stadt, in der er aufwuchs und lebt, eine wahrlich untergeordnete Rolle spielt. Er ist ein „Bastard“, wie ihm der Richter und Vater der von ihm angebeteten Eileen mehrfach mitteilt. Scott, der zunächst keinen Nachnamen trägt, ist der Sohn einer Prostituierten, sein Vater ist unbekannt. In den ersten Szenen des Films sehen wir ihn, wie er mit einem Karren und zwei Fässern durch den Ort geht und die gesammelten menschlichen Hinterlassenschaften einsammelt, um diese zur Sickergrube zu bringen. Wo andere die ersten bitteren Späße mit – im wahrsten Sinne des Wortes – Fäkalhumor eingebaut hätten, nutzt Valerii Scotts Situation, um das Drama, das sich entspinnen wird, bereits anzudeuten. Scott wird verachtet, getreten und bedroht. Lediglich die anderen Ausgestoßenen der Stadt – sein Kumpel Murph Allen, ein Stallknecht, und Blind Bill, ein Tunichtgut, der hinter den Saloons herumlungert – sind Freunde auf Augenhöhe. Als Frank Talby, ein alternder Revolverheld, den Lee Van Cleef mit einer Mischung aus Härte, Verschlagenheit und väterlichen Zuneigung gibt und dabei eine der besten Leistungen seiner „italienischen Jahre“ abliefert, in der Stadt auftaucht und Scott freundlich begegnet und zudem als gleichrangigen Menschen wahrnimmt, versteht man, daß sich der junge Kerl zu ihm hingezogen fühlt.

Talby wird es sein, der Scott „macht“. Er gibt ihm einen Nachnamen – Mary, da dies der Vorname von Scotts Mutter war – und nennt ihn ab nun Scott Mary. Er gibt ihm, wenn auch auf die harte Art, wesentliche Lektionen mit, die für einen Revolvermann überlebenswichtig sind und lässt sich von ihm auf seinem Rachefeldzug begleiten, was Scott schließlich, nachdem er die ersten Gegner getötet hat, in Talbys Augen zum Mann macht. Talby bietet Scott zudem die Möglichkeit, sich ebenfalls an den Bewohnern der Stadt, die ihn so schlecht behandelt haben, zu rächen. Der Preis dafür ist allerdings hoch. Scott entwickelt sich zu einem harten Kerl, der ebenso schnell zieht wie Talby und ebenso skrupellos tötet. Er lässt seine früheren Peiniger seine ganze Verachtung spüren und gibt sich unversöhnlich. Nur gegenüber Murph Allen, der ihm einst beibrachte, wie man zieht und was die wesentlichen Dinge sind, auf die man beim Schießen achten sollte, behält Scott seinen Respekt.

Valerii inszeniert unter der einfachen Vergeltungsgeschichte – Revolverheld nimmt Rache an den ehrenwerten Bürgern der Stadt, die ihn hintergangen haben und wird sukzessive zum „Herrscher der Stadt“ – das Drama des verlorenen Sohnes, der sich einem anderen anschließt, denn Scott steht schließlich zwischen zwei Vaterfiguren – Murph Allen und Talby. Eine der wenigen Drehbuchschwächen ist der etwas rasanter Aufstieg vom verachteten Stallburschen zum Sheriff, den Murph Allen nimmt, nachdem der originale Gesetzeshüter ermordet wurde. Doch braucht es diese Funktion, um das Gleichgewicht zwischen den älteren Männern herzustellen und die Fallhöhe zu bestimmen, die es hat, wenn Scott merkt, daß er sich wird entscheiden müssen. Seine Entscheidung ist eindeutig, als Talby Murph Allen in einem unfairen Duell – er gibt vor, seine Waffe auszuliefern, schießt dann aber aus einem im Griff der Waffe verborgenen Lauf auf Allen – tötet.

Viele Zutaten in Valeriis Film sind typisch für den Italowestern. Formal nutzt er die Besonderheiten des Subgenres, wie die extreme Nahaufnahme und die ebenso extreme Brennweite, um uns scheinbar nebensächliche Gegenstände ins Bild zu rücken oder einen Reiter in der Weite verloren gehen zu lassen; Gesichter werden in Großaufnahme leinwandfüllend präsentiert und sind oft nicht hübsch anzuschauen. Die Gewalt ist oft derb und hat einen Hang ins Sadistische. Und Riz Ortolani liefert einen eindringlichen Soundtrack, wie er typisch für den Italowestern ist, der sich aber als eigenständig erweist und nicht auf Morricone, den Hohepriester der Italo-Soundtracks, bezieht. Inhaltlich bedient Valerii ebenfalls einige Italo-typische Normen. Die ehrbaren Bürger– hier der Richter, der Bankdirektor und der Besitzer des größten Saloons am Ort – entpuppen sich als windige Figuren, die Talby und dessen einstigen Kumpel Wild Jack zu einen Überfall angestiftet hatten, nur um sie dann fallen zu lassen und um ihren Anteil zu betrügen. Nun kehrt Talby, der Murph Allen aus früheren Zeiten, aus dessen Zeit als Sheriff von Abilene, bekannt ist, zurück, um sich zu holen, was ihm seiner Meinung nach zusteht. Wenn wir dies begreifen, fangen wir automatisch an, sein Verhalten gegenüber Scott neu zu beurteilen. Hat er diesen möglicherweise nur deshalb auserkoren, weil der so offensichtlich der Aussätzige der Stadt ist und Talby somit den maximalen Abstand zu den Bürgern des Ortes markieren kann? Oder hegt er wirklich väterliche Gefühle für den Jungen? Doch geht es bei Talby mehrfach um Ehre – man stellt sich, wenn man herausgefordert wird, um sein Gesicht nicht zu verlieren. Und das darauffolgende Duell wirkt in seinem Ritus – zwei Männer reiten aufeinander zu, müssen dabei ihre Flinten laden, anlegen und aufeinander schießen – eher wie ein mittelalterliches Lanzenturnier, denn wie ein Western-typischer Shoot-Out. Es muß in Talby also eine Seite geben, die moralisch gefestigt ist.

Es gehört zu Valeriis Stärken, solche Fragen in den Raum zu stellen, aber nicht eindeutig zu beantworten. Der Zuschauer muß sich sein eigenes Bild machen. Es gehört zwar zu Talbys Rache, jene auszunutzen und ihnen ihren Status abzusprechen, die ihn betrogen haben, doch offenbar sucht er in der Stadt auch die Möglichkeit, seinen Lebensabend in Wohlstand zu verbringen. Er nimmt dem Besitzer seinen Saloon ab, er demütigt den Richter und erwirbt Anteile an allen möglichen für die Stadt wichtigen Firmen und Betrieben. Ihm gehört die Stadt, wie er es gegenüber Scott einmal ausdrückt. Und solange dieser sich ihm ergeben zeigt, lässt er den jungen Mann partizipieren.

Daß es auf eine Konfrontation hinauslaufen wird, verdeutlicht hingegen Murph Allen seinem Ziehsohn. Er weist ihn darauf hin, daß Talbys Geschäftsmodell – er ist so schnell, daß er getrost seine Gegner zuerst ziehen lassen kann, bevor er sie erschießt – darauf fußt, nie verurteilt zu werden. Allerdings werde Talby alt, seine Reflexe ließen nach und Scott Mary sei der erste und einzige Mann, der Talby, was Geschwindigkeit und Treffsicherheit angehe, das Wasser reichen könne. Talby, so Murphs nüchterne Feststellung, könne es sich schlicht nicht leisten, Scott immer stärker werden zu lassen und müsse die Auseinandersetzung mit ihm früher oder später suchen. Murph Allen deutet also den klassischen Konflikt zwischen Vater und Sohn an, wobei er ihn allerdings gegen den Strich bürstet: Nicht der Junge muß den Alten aus dem Weg räumen, um sich zu befreien und den eigenen Weg zu finden, sondern der Alte muß den Jungen in die Schranken weisen und vielleicht töten, um seine Machtbasis zu verteidigen.

Wenn Scott sich schließlich Talby und den von ihm angeheuerten Männern stellt, haben wir es dann mit dem klassischen Westernduell zu tun. Und Valerii zeigt uns, daß die Schießerei und das Töten nicht spurlos an Scott vorübergehen: Nachdem es ihm gelungen ist, seine Gegner alle auszuschalten und Talby zu töten, wirft er den Revolver, den Murph Allen ihm hinterlassen hat, fort – immerhin eine Waffe, die einst der berühmte Doc Holliday getragen und genutzt hat. Scott hat genug vom Töten und Valerii impliziert, daß damit auch ein Erwachsenwerden einhergeht. Aus dem Jungen, der von allen verachtet wurde, ist ein jugendlicher Draufgänger geworden, der sich überheblich gibt und selbstgerecht ist. Und schließlich wird er zu einem Mann, der Verantwortung übernimmt und damit das Töten hinter sich lässt. Nicht das Töten, wie Talby es suggeriert, lässt Scott also zum Mann reifen, sondern vielmehr die Katharsis, seinen einen väterlichen Freund gerächt zu haben, indem er seinen anderen väterlichen Freund getötet hat. Damit hat er eine schwere Entscheidung getroffen aber auch einen Schritt gemacht, der Talby möglicherweise im Leben verwehrt blieb. I GIORNI DELL`IRA lässt sich eindeutig von einer moralischen Überlegung leiten, was für den herkömmlichen Italowestern eher ungewohnt ist. Dessen Helden sind oft Zyniker, brutal, amoralisch und nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Nicht so Scott Mary. Der wird zu einer Entscheidung getrieben und trifft sie. Wobei auch in dieser Entscheidung das Rachemotiv anklingt.

Unter dem Aspekt der Moral kann man auch Valeriis Umgang mit der Gewalt betrachten. Es wird viel und es wird brutal getötet, doch nimmt sich die Kamera von Enzo Serafin immer wieder die Zeit, die Folgen des Tötens zu betrachten. Der Film geht nicht einfach über Leichen, sondern er zeigt diese Leichen. In einer Szene stellt der Sheriff Talby zur Rede – ob der zufrieden sei mit vier Toten und zwei schwer Verwundeten, deren Abtransport wir sehen. Im Anschluß sorgt Scott, der bei diesem Duell beteiligt war und für Talby die ersten Menschen getötet hat, dafür, daß erst der leicht verwundete Talby versorgt wird, bevor ein durch einen Bauchschuß Verletzter behandelt werden kann. Vieles kulminiert in dieser Szene. Valerii zeigt die Gewalt und ihre Auswirkungen, er zeigt das Blut und die EInschußlöcher. Töten ist keine Nebensache und zu einem späteren Zeitpunkt sagt Talby zu Scott, daß man, hat man einmal mit dem Töten angefangen, nicht mehr aufhören könne. Zugleich markiert die Szene aber auch die Ambivalenz der Figuren. Und zwar aller Figuren. Da ist der Sheriff, der Scott nie geholfen hat, als dieser in der Stadt wie ein Aussätziger behandelt wurde, und der nun ein moralisches Urteil über Talby fällt, da er weiß, daß dieser erneut mit seinen Morden davonkommen wird, da es die Angreifer waren, die zuerst schossen. Wir hegen keine Sympathien für diesen Sheriff, auch wenn er eine moralische Position einnimmt. Zugleich zeigt sich im Anschluß an die Schießerei und in Scotts Verhalten, daß sich die Verhältnisse in der Stadt ändern, wenn nicht gar umkehren. Talby und Scott bestimmen nun die Geschicke hier. Wenn Scott dies will, wird ein Schwerverletzter eben nicht behandelt. Damit verliert er aber die Reinheit und Unschuld, die ihm der Film anfangs zugestanden hatte. Das süffisante Lächeln, daß Talbys Mund umspielt, bestätigt uns hingegen, was wir bereits ahnten: Dieser Mann führt bei aller Freundlichkeit, die er Scott gegenüber gezeigt haben mag, nichts wirklich Gutes im Schilde.

Viele dieser Ideen und Einfälle zu den Figuren und ihrem Verhalten, orientieren sich ganz offensichtlich am klassischen amerikanischen Western, weniger an den Italowestern. Talbys Auftreten in der Stadt ähnelt dem von Henry Fonda in WARLOCK (1959), der dort eine ähnlich undurchsichtige Figur gibt, die am Ende allerdings überlebt. Der Shoot-Out am Schluß von I GIORNI DELL´IRA erinnert an klassische Shoot-Outs in den amerikanischen Vorbildern, doch werden vor allem Erinnerungen an jenes Duell am Ende von HIGH NOON (1952) evoziert, wenn Sheriff Will Kane sich allein einer Bande von Verbrechern stellt, die es auf ihn abgesehen haben. Valerii inszeniert seinen Showdown ähnlich – schnell, hart und ohne Überdramatisierung. Scott stellt Talbys Männer, er erschießt sie einen nach dem andern, bedient sich dabei teils auch hinterhältiger Mittel und natürlich seiner Schnelligkeit und stellt sich dann seinem Mentor. Den allerdings verwundet er zunächst nur. Der schwer getroffene Talby liegt im Staub der Straße und bietet Scott an, die Stadt zu verlassen. Doch Scott – und an diesem Punkt wird Valeriis Film dann wieder zu einem reinen Italowestern – beruft sich, wie während des gesamten Shoot-Outs schon, auf die Regeln, die Talby ihm so schmerzhaft beigebracht hatte: Einen einmal verwundeten Gegner nie am Leben lassen, weil man nicht weiß, wann dieser sich rächen will – und erschießt den vor ihm liegenden Talby kaltblütig. Valerii filmt dies aus extremer Untersicht, sozusagen aus Talbys Perspektive.

I GIORNI DELL`IRA wirkt oft wie ein Zwitter aus einem klassischen amerikanischen Western und einem Italo. Valerii scheint sich das Beste aus beiden Welten genommen zu haben, gekonnt vermischt er die Zutaten miteinander. Der harte Look der italienischen Filme, gepaart mit der moralischen Wucht und dem Tiefgang, den die besseren der originalen Western aufweisen, vor allem jener aus der Periode der sogenannten „erwachsenen“ oder „psychologischen“ Western der 50er Jahre. Das macht ihn ungewöhnlich, hebt ihn aber qualitativ eben auch aus der Masse der Italowestern jener Jahre zwischen 1965 und 1969 heraus, die die europäischen Kinos damals fluteten.

Valerii blieb dem Genre auch später treu und schuf mit IL MIO NOME È NESSUNO (1973), der in Deutschland unter dem Titel MEIN NAME IST NOBODY lief und mit Terence Hill und Henry Fonda sehr prominent besetzt war, einen Klassiker des sogenannten „Spaghetti“-Western, jener durch Hill und seinen Kompagnon Bud Spencer populär gewordenen Abart des Italowestern, der mit komödiantischen und Slapstick-Elementen spielte und Erweiterung und Parodie zugleich war.

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