DER TOTE IN DER CROWN ROW/A CASE OF MICE AND MURDER
Ein netter kleiner Kriminalroman, er seine Leser*innen in das London des frühen 20. Jahrhunderts entführt
Der Temple-Distrikt in London, zwischen der Fleet Street im Norden und der Themse gleich südlich gelegen, ist bis heute eine einzigartige Einrichtung des englischen Rechtswesens und seiner Geschichte. Hier sind mit dem Inner Temple und dem Middle Temple Inns of Court zwei wesentliche Kammern der britischen Anwaltschaft beheimatet, mit der Temple Church eine der ältesten Kirchen Englands. Benannt nach dem Orden der Tempelritter, die den Distrikt, vor allem aber die Kirche begründet haben, bietet The Temple nicht nur einen Rückzugsraum der Ruhe mitten in der Hektik der Metropole, sondern eben auch einen geschützten Raum des Rechtswesens, in dem bis heute ganz eigene Regeln gelten, u.a. dass die Polizei hier nur eingeschränkte Zugriffsrechte hat. Dies ist ein wesentlicher Punkt für die Handlung des vorliegenden Romans.
Die Kronanwältin Sally Smith, die ihr Berufsleben nach eigener Aussage fast ausschließlich im Temple zugebracht hat und mit den dortigen Gepflogenheiten, aber auch der Geschichte des Distrikts bestens vertraut ist, hat diesem mit DER TOTE IN DER CROWN ROW (A CASE OF MICE AND MURDER, 2024; Dt.2025) ein kleines literarisches Denkmal in Form eines herrlich britischen Kriminalromans gesetzt.
Der Barrister – man sollte, muss aber nicht genauer mit den Feinheiten des englischen Rechtswesens und der unterschiedlichen Bezeichnungen und den entsprechenden Differenzen zwischen einem Barrister, einem Anwalt, der vor Gericht auftreten und plädieren darf, und einem Solicitor, der einen Mandanten berät, vertraut sein, um dem Roman folgen zu können – Gabriel Ward, ein Meister seines Fachs, stolpert eines schönen Morgens im Jahr 1901 über eine Leiche, die unmittelbar vor den von ihm genutzten Räumen liegt. Es handelt sich hierbei um den obersten Richter des Courts. Da die Polizei im Temple nur eingeschränkte Rechte besitzt und nicht unmittelbar hinzugezogen werden muss, wird Ward damit beauftragt, den Fall möglichst geräuschlos zu klären. Ward kommt dies sehr ungelegen, da er eigentlich damit beschäftigt ist, einen großen Fall vorzubereiten: Ein Verleger bat ihn um Rechtsbeistand, da er mit einem Kinderbuch, das von einer Maus erzählt, die im Temple beheimatet ist, enormen Erfolg gehabt hat, es allerdings nie zu einer klaren Absprache mit der Autorin des Buchs kam, die sich nie zu erkennen gegeben hatte. Nun aber ist eine Dame aufgetaucht, die behauptet, die Urheberschaft des Buchs für sich beanspruchen zu dürfen. Ward versucht also, beiden Fällen gerecht zu werden und muss feststellen, dass die Dinge manchmal näher beieinander liegen, als man so annimmt.
Neben Gabriel Ward, der den geneigten Leser*innen in Zukunft wahrscheinlich noch häufiger begegnen dürfte, eignet sich die Figur doch geradezu exemplarisch, um eine Serie zu beginnen, lässt Smith eine ganze Reihe ebenso skurriler wie oftmals sehr authentisch wirkender und zumeist auch recht liebenswürdiger Figuren auftreten. Sicherlich greift sie dabei häufig auf literarische Vorbilder zurück – sowohl Charles Dickens, als auch Jane Austen dürften hier vor allem Pate gestanden haben – und auch das eine oder andere Klischee wird nicht gerade umschifft, vor allem bei den Schilderungen der geschlossenen Herrengesellschaft im Temple kann sich die Autorin das eine oder andere Stereotyp nicht verkneifen. Doch sind die meisten mit viel Liebe und Hingabe zum charakterlichen Detail ausgeschmückt; vor allem Theodora Dunning, eine Dame der Gesellschaft, die Ward im Laufe seiner Ermittlungen kennen- und schätzen lernt, ist überzeugend als frühe Feministin gezeichnet, die wirklich darunter leidet, dass sie trotz ihres offenbar überragenden Intellekts und ihrer Kenntnisse des Rechtswesens (ihr Bruder ist das Opfer des Mords im Temple) niemals die Gelegenheit haben wird, selbst den Beruf einer Anwältin oder gar eines Barristers zu ergreifen.
Smith gelingt ein sehr interessanter Balanceakt, indem sie ihre Figuren ausreichend skurril und mit Eigenarten schildert – so ist Ward ein Eigenbrötler, der sich in seinen vier Wänden im Temple geradezu hinter Büchern, also Wissen, verschanzt, während er nur wenig mit der Welt außerhalb dieses Bezirks zu tun hat – und damit durchaus Witz und Humor in ihren Roman einschreibt, zugleich aber die Anliegen, die bspw. eine Theodora Dunning umtreiben, wie das himmelschreiende Unrecht, als Frau im immer noch viktorianisch geprägten England des ausgehenden 19. Jahrhunderts unter strenger gesellschaftlicher Kuratel zu stehen, angemessen ausspielt, ohne sie je der Lächerlichkeit preiszugeben. Hier gibt es keine billigen Scherze auf Kosten eines andern. Vielmehr wird eben erstaunlich souverän der Grat zwischen einem wirklich geschickt konstruierten Kriminalroman und einem Gesellschaftsportrait gehalten, wobei beides durch eine gewisse Leichtigkeit der Erzählung getragen wird. Dazu trägt die Nebenhandlung um das Kinderbuch bei, auf welches der englische Originaltitel des Romans anspielt. Dessen Verleger und sein schier aussichtsloser Kampf um die Rechte und gegen das eigene schlechte Gewissen, bringt ebenfalls ein wenig Humor in die Handlung, zugleich wird anhand dieses Strangs durchaus glaubwürdig von jenen in der englischen Gesellschaft erzählt, die wenig haben und viel riskieren, um ein wenig vom Ganzen abzubekommen. Allerdings muss der Kenner britischer Literatur auch hier an ein Vorbild denken, droht doch der „kleine Lord“ Fauntleroy im Klassiker von Frances Hodgson Burnett ebenfalls durch einen Hochstapler um sein Erbe gebracht zu werden. Smith lehnt sich also oftmals an große, manchmal vielleicht gar übergroße Vorbilder an.
Doch gelingt es Smith darüber hinaus vor allem, die authentische Atmosphäre eines London des späten 19./frühen 20. Jahrhunderts einzufangen. Offenbar kennt sie sich sehr gut in der Stadt aus, vor allem aber in der Geschichte der Stadt. So können wir den Figuren vom Temple ins damals immer noch düstere und gefährliche East End, aber ebenso in die vornehmen Gegenden des West End folgen und dabei diese Stadt, die damals Mittelpunkt eines sich weltweit immer noch ausbreitenden Imperiums gewesen ist, ein wenig begreifen. Die Moderne macht sich bemerkbar – nicht nur mit der aufkommenden Emanzipation der Frauen, sondern vor allem auch in den Mitteln und Methoden, die hier zur Kriminalitätsbekämpfung angewandt werden. Der Ward zur Seite gestellte Constable Wright ist ein noch recht junger Mann, der sich mit dem Barrister auch deswegen so gut versteht, weil beide das Lesen schätzen und vor allem die daraus gewonnen Erkenntnisse. So macht Wright fotografische Aufnahmen vom Tatort und nimmt den Verdächtigen Fingerabdrücke ab – beides damals noch verpönte Ermittlungsmethoden, die teils vor Gericht auch noch nicht zugelassen waren. Wrights Kampf um Anerkennung seiner Mittel spiegelt recht gut den Kampf, den Theodora Dunning um die Anerkennung von Frauen in Männerberufen führt.
DER TOTE IN DER CROWN ROW ist ein wahrlich klassisches Beispiel gelungener Kriminalliteratur, weiß der Roman doch nicht nur zu unterhalten, sondern eben auch über sich selbst hinauszuweisen. Er vermittelt einen guten Eindruck einer Gesellschaft an einem Wendepunkt, vermittelt ein schönes Bild Londons und vor allem dieses wenig beachteten Distrikts namens The Temple, der jedem London-Besucher empfohlen sei. Vor allem aber bietet der Roman einen herrlichen Plot, ist spannend und wartet mit interessanten Figuren auf, ohne sich selbst allzu wichtig zu nehmen. Was will man mehr?