LONDON RULES

Band fünf aus der Reihe um den Agenten Jackson Lamb ist einer der besten!

Schwierig, irgendwann noch etwas über den soundsovielten Band einer Serie zu schreiben. Mehr vom selben, diesmal eine 3 auf einer Skala von 5 – so oder ähnlich fallen meist Bewertungen zu Teil drei oder fünf oder acht einer Reihe aus. Aber man kann ja versuchen, etwas mehr über einen Roman zu sagen, auch, wenn das Personal bereits bekannt ist und sich die Stories meist eines ähnlichen Aufbaus bedienen.

Mick Herron legt also mit LONDON RULES (Original 2018; Dt. 2022) den fünften Band seiner Reihe um den Agenten Jackson Lamb vor. Der ist bekanntlich Chef des Slough House, steht dort einer Einheit vor, die sich Slow Horses nennt: Lahme Gäule. Denn seine Untergebenen sind Parias, Gefallene des Regent´s Park, wo die Hauptzentrale des MI5, des britischen Inlandsgeheimdienstes, sitzt. Alle Slow Horses haben irgendwann in ihrer Karriere Mist gebaut und sind auf dem Abstellgleis gelandet, eben im Slough House, wo man sie mit minderen Arbeiten, Statistikaufbereitung bspw., in der Hoffnung quält, daß sie kündigen und damit ihre Pensionsansprüche verfallen. Lamb seinerseits ist ein Dinosaurier aus den alten Tagen des Kalten Krieges, der zu viele Details über zu viele Leute kennt, als daß man ihn einfach fallen lassen oder gar entlassen könnte. Lediglich ein stilles Verschwindenlassen wäre eine Option – doch dafür erweisen sich er und seine Leute dann doch immer wieder als zu nützlich.

Das ist dann auch in Band fünf eine der Fragen, die sich dem Leser stellen: Wieso ist niemand im Regent´s Park nach den Vorkommnissen der letzten Bände auf die Idee gekommen, die armen Teufel zu begnadigen? Immerhin wurden sie Ziel eines regelrechten Mordanschlags und nicht zuletzt waren sie an der Aufdeckung und Lösung einiger äußerst beunruhigender Intrigen und interner Verschwörungen beteiligt. Doch reagiert „der Park“ da ähnlich schnell, wie es der Vatikan tut, wenn ihm mal wieder ein Priester auf Abwegen gemeldet wird. Man weiß sich mit der Ewigkeit im Bunde, weshalb Eile nicht geboten scheint. Außerdem hätte der Leser dann nicht mehr das Vergnügen, den immer schärfer werdenden Dialogen zwischen Lamb und seinen langsam doch selbstbewusster werdenden Untergebenen folgen zu dürfen. Und die haben es diesmal in sich.

War Lamb bisher zwar ein ausgesprochen gegenwärtiger, doch als konkreter Charakter oft erstaunlich abwesender Vorgesetzter, so führt uns Herron diesmal direkt in eine Reihe von Auseinandersetzungen zwischen dem Chef und Catherine Standish, seiner Sekretärin, die zugleich sein Menetekel, seine Nemesis und der gute Geist in seinem Leben zu sein scheint. Und auch die führenden Figuren der Vorgängerbände sind wieder dabei und müssen sich mit ihrem Chef auseinandersetzen: River Cartwright, Louisa Guy, Shirley Dander und natürlich Roderick Ho, jener IT-Spezialist, der sich in der virtuellen Welt hervorragend auskennt, von der realen Welt jedoch keinen Schimmer hat, und obdessen beunruhigend falschen Selbsteinschätzungen unterliegt. Die bringen ihn diesmal in echte Schwierigkeiten. Denn es stellt sich heraus, daß seine schon in einigen Vorgängerbänden erwähnte Freundin Kim (wir wollten, ähnlich wie Rodericks Kollegen, kaum glauben, daß dieser Mann, der sich selbst den Rodster nennt, wirklich bei einem weiblichen Wesen gelandet sein könnte) exakt das ist, was alle erwartet haben: Ein Luder, das sich von ihm aushalten ließ, ohne sich ihm je wirklich hinzugeben. Und dieses Luder ihrerseits – nordkoreanischer Herkunft – wurde nun erpresst und hat ihrerseits Ho überredet, ihr einen uralten Plan der Briten, wie sich ein Land destabilisieren lässt, auszugraben und auszuhändigen. Und eben dieses Script hatte in der Realität fürchterliche Folgen. Denn ein Kommando hat ein Dorf in Derbyshire überfallen und dort ein Massaker angerichtet. Und dies war erst der Auftakt.

Herron bietet eigentlich in jedem Band eine Katastrophe biblischen Ausmaßes – Anschläge, Massaker, Mord und Totschlag – und fast immer endet es mit einer Verschwörung innerhalb des Dienstes. Billy Wilder soll gesagt haben, es sei immer gut, eine Story mit einer Explosion zu beginnen und sich dann langsam zu steigern. Herron scheint diesen Vorsatz zu beherzigen. Da seine Geschichten so oder so immer ganz hart am Rand der Parodie, zumindest der Satire entlangsegeln, kann er sich eine solche Haltung leisten. Folgt man seiner Beschreibung des MI5, kann man sich eh nur wundern, daß sich ein Land wie Großbritannien überhaupt noch einen solchen Dienst leistet, scheint der doch nur um seiner selbst willen zu existieren und im Zweifelsfall vor allem gegen die eigenen Landsleute vorzugehen. In Herrons Welt herrscht im Land längst eine geheime Macht, die sich einen Dreck um die Demokratie und der ihr innewohnenden Transparenz kümmert.

Meist führt Herrons Erzählstil aber auch dazu, daß man alle Zusammenhänge und Querverweise eh nicht mehr versteht, so verwickelt sind die Stories meist. Und meist ist das auch ganz egal, da es auf die einzelnen Situationen, ihre Auflösungen und mehr noch auf die Dialoge ankommt. Herron hat sich – vor allem mit Lamb und seiner Gegenspielerin Diana Taverner, stellvertretende Chefin im Park, sowie deren neuem Chef, Claude Whelan – ein Stammpersonal geschaffen, das sich an Durchtriebenheit in nichts nachsteht, sie sind alle schlagfertig und zynisch genug, auch noch den abwegigsten Spruch (und derer gibt es viele – es sei gewarnt, wer Wert auf political correctness legt) zu parieren. Und Herron kennt seine Figuren nun gut genug, um zu wissen, wie sie wann reagieren werden. Dadurch werden die Dialoge noch geschliffener, noch treffender, noch böser, noch hinterhältiger – und noch witziger. Und zu gleich, das ist seine eigentliche Kunst, gelingt es dem Autor doch auch (fast) immer, der Tragik gerecht zu werden, die seinen Geschichten eingeschrieben ist.

Doch gelingt es ihm in diesem Band, auch die Slow Horses selbst, zumindest die Überlebenden der letzten Bände, noch genauer und differenzierter zu charakterisieren. Beschädigte Persönlichkeiten sind das, in ihrem Selbstwertgefühl gekränkt, mit ihren je eigenen Eigenheiten und Manierismen und ihrer Trauer und ihrem Schmerz. River, der um seinen Großvater, ehemals ein hohes Tier im Dienst, trauert, obwohl dieser noch lebt, doch langsam in der Demenz versinkt; Louisa, deren Partner Marcus in einem der vergangenen Bände den Tod fand und um den sie heimlich immer noch trauert; Shirley, die extrem aggressiv ist, ein Problem mit dem Koks hat, nun mittlerweile seit 63 Tagen clean ist und ununterbrochen darüber nachdenkt, ob sie sich eine Auszeit von der Auszeit nehmen soll; Catherine Standish, trockene Alkoholikerin und guter Geist im Slough House – und die einzige, die offenbar weder Angst vor Lamb hat und ihm zudem bei all seinen Frechheiten und Beleidigungen Paroli bieten kann. Und dann ist da J.K. Coe, jüngster Zugang der Slow Horses, der unter einem posttraumatischen Stresssyndrom leidet und, wie wir im Vorgängerband erfahren haben, vor allem ganz bei sich ist, wenn er jemanden ungestraft töten kann. Coe ist derjenige, dessen Profil in diesem Band am deutlichsten hervortritt und geschärft wird. Eine Zeitbombe, die sowohl Lamb als auch Taverner sich zu Nutze machen. Aber auch ausnahmsweise der Einzige, der sehr früh begreift, womit man es bei dem Massaker in dem Dorf und den folgenden Attentaten eigentlich zu tun hat.

Manchmal braucht es eine Weile, bis ein Autor sein Personal gut genug kennt und so in Position gebracht hat, daß ihm Großes gelingen kann. Folgt man Ian Rankins Romanen um den Edinburgher Ermittler John Rebus chronologisch, fällt genau das auf: Die ersten Bände sind nicht schlecht, doch die wirklich guten Bände kommen später in der Reihe, ab Band sechs etwa wurde Rebus eine echte eigenständige Figur. Herron allerdings hat schon mit seinem Einstiegsband SLOW HORSES von 2010 ein hohes Niveau erreicht. Da könnte man befürchten, daß es ihm kaum gelingt, dieses zu halten – doch Folge für Folge wird er besser, mit geringen Schwankungen. Und dieser Band, LONDON RULES, gehört sicherlich zu den besten der bisher auf Deutsch erschienenen Bücher der Reihe.

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