DER VERDAMMTE DER INSELN/AN OUTCAST OF THE ISLANDS

Joseph Conrads zweiter Roman - ein Meisterwerk

Vielleicht ist es ja eine Mär, die Geschichte mit den zweiten Romanen, die Schriftstellern zur Hürde, gleichsam zur Prüfung werden können. Oder aber es ist eine Krankheit der späteren Moderne. So oder so – liest man Joseph Conrads zweiten Roman DER VERDAMMTE DER INSELN (AN OUTCAST OF THE ISLANDS; Original erschienen 1896, hier in der Übersetzung von Günter Danehl), hat man es mit dem genauen Gegenteil der Erzählung vom zweiten Roman zu tun: Es ist ein Meisterwerk, das den Autor bereits in voller Könnerschaft zeigt.

Conrad erklärt in einem Vorwort zum Roman, das Werk sei als zweiter Roman komplett durchkonzipiert gewesen, anschließend an seinen Erstling ALMAYERS WAHN (ALMAYER´S FOLLY: A STORY OF AN EASTERN RIVER; erschienen1895) und somit ein völlig eigenständiges Werk. Nach modernen Maßstäben wäre es übrigens als sogenanntes Prequel zu bezeichnen. Denn hier greift Conrad einige Figuren und vor allem angedeutete Geschichten aus seinem ersten Werk auf und erzählt davon, wie sich die Dinge begaben, bis die Geschichte von ALMAYERS WAHN einsetzt.

Die Titelfigur des Vorgängers spielt in DER VERDAMMTE DER INSELN allerdings eher eine herausgehobene Nebenrolle. Im Kern der Erzählung steht Peter Willems, der durch Ränke vor seinem Arbeitgeber bloßgestellt wird, da er Gelder veruntreut hat. Dem Selbstmord nahe, rettet ihn eher durch Zufall denn gewollt der Kapitän Tom Lingard, der auf den malaiischen Inseln einen nahezu legendären Ruf genießt und sich schon einmal um Willems gekümmert hatte, als der ein junger Kerl gewesen war. Nun bietet er seinem Schützling eine zweite Chance: Er nimmt ihn mit nach Sambir, einem Handelsposten, am Fluß Pantai gelegen, dessen schwer zu befahrende Mündung zu überwinden nur Lingard einst gelang. Er hat hier, aufgrund seiner Monopolstellung, ein kleines Reich errichtet, hat die politischen Verhältnisse zwischen den unterschiedlichen, dort lebenden Gruppierungen geordnet und mit Almayer einen Statthalter installiert, der sich nun Willems annehmen soll.

Doch Willems verrät nicht nur Lingard und Almayer, sondern das ganze Unternehmen seines Gönners, als er Aissa kennenlernt, die Tochter des alten Seeräubers Omar, der nun erblindet ist. Er verliebt sich unsterblich in die junge Frau, obwohl er bereits verheiratet ist und weiß, daß Lingard einen solchen Frevel niemals dulden wird. Babalatchi, der sich selbst als Staatsmann sieht und in Diensten des verstoßenen malaiischen Prinzen Lakamba steht, sieht die Chance gekommen, Lingards Vorherrschaft zu brechen. Er bringt Willems auf seine Seite und ermuntert ihn, dem Händler Abdulla die Zufahrt zum Fluss zu zeigen. Als Lingard schließlich zurückkehrt und seinen Schützling zur Rede stellt, kommt es zu einer finalen Auseinandersetzung, an deren Ende der Kapitän beschließt, Willems zur Strafe am Leben zu lassen. Er darf nur Sambir nicht mehr verlassen. Almayer, bei dem Willems offizielle Frau Joanna untergekommen ist, stichelt diese nun auf, da er Willems tot sehen will. Almayer selbst fürchtet um den Wohlstand, den er für sich und seine Tochter Nina durch die Arbeit für Lingard zu erarbeiten hofft. So kommt es zu einer tragischen letzten Begegnung der Beteiligten, die für Willems tödlich endet.

Auf der reinen Handlungsebene bietet Conrad dem Leser die ganz großen Gefühle eines Melodramas. Doch gelingt es ihm hier – noch weitaus treffender als im Vorgänger – bereits auf brillante Weise, seine Themen unterzubringen und nahezu organisch miteinander zu verbinden. Loyalität und Freundschaft, Treue und ein Ehrgefühl, dessen sich Lingard rühmt und welches dieser durch Willems unwiederbringlich zerstört sieht, sind Conrads eigentliche Anliegen. Und mit diesen kommt auch sein ausgesprochen wacher Blick für den europäischen Kolonialismus und dessen Folgen für alle Beteiligten zum Ausdruck. So erweitert sich die Geschichte, die hier erzählt wird, nach und nach zu einem Panorama politischer Intrigen und persönlichen Verrats, in denen sich immer auch die Positionen von Herrschern und Beherrschten spiegeln und brechen.

Willems ist ein Europäer, ein Holländer, der sich ein Vermögen zu ergaunern versucht, er ist ein Mann voller Hochmut, der für sich eine natürliche Überlegenheit der weißen Rasse gegenüber den Einheimischen der Inseln des malaiischen Archipels in Anspruch nimmt. Seine Frau, eine den einheimischen Völkern Entstammende, und das gemeinsame Kind, das er als „Bastard“ betrachtet, verachtet er abgrundtief und lässt sie dies bei jeder Gelegenheit spüren. Als er fällt, sein Verrat durch Verrat aufgedeckt wird, und lediglich sein alter Ziehvater Lingard noch zu ihm hält, zeigt sich bereits seine Durchtriebenheit und seine Bereitschaft zu erneutem Verrat. Und dann trifft er Aissa, die in seinen Augen ebenfalls ein minderwertiges Wesen – da eben Malaiin – ist. Dennoch lässt Conrad in seinen oft ausgreifenden Beschreibungen des Innenlebens dieses Peter Willems keinen Zweifel daran aufkommen, daß der Leser es hier mit einer leidenschaftlichen und tiefgreifenden Liebe zu tun hat. Umso bitterer dann Willems Verrat, als er Aissa von sich stößt, weil er nur dadurch eine Möglichkeit sieht, in den Schoß dessen zurück zu kehren, was er Zivilisation nennt.

Almayer, von dem wir aus dem Vorgänger-Roman wissen, daß er bereits in Asien geboren wurde, Lingard und Willems stehen in diesem ausgesprochen geschickt ausbalancierten Konstrukt für jene europäischen Kräfte, die sich vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in Asien – wie zuvor schon in Amerika und Afrika – ausbreiteten und ihren imperialen Kolonialismus vorantrieben. Hier sind sie alle noch Desperados, Freibeuter, Glücksritter. Sie sind keine Vertreter einer Ordnungsmacht, wie sie im Vorgänger, der ja zeitlich später spielt, in Gestalt der holländischen Marine auftreten. Lingard kann aufgrund überlegener Technik – seine Brigg ist wendiger und leichter als herkömmliche Schiffe und deshalb in der Lage, die seichten Priele vor der Flussmündung zu durchschiffen – und seiner seefahrerischen Kenntnisse, aber auch aufgrund der Härte, die er mitbringt und die immer wieder in seinem von Zweifeln unbelecktem Wesen aufblitzt, die vorhandenen Kräfte gegeneinander ausspielen und seine Macht somit sichern. Willems seinerseits ist ein Glücksritter, der nach Reichtum sucht und dann Opfer eines Schicksals wird, welches in Conrads Romanen häufiger erkennbar ist: Die Liebe und ihre unerforschlichen Wege werden ihm zum Verhängnis. Denn solange er mit seiner im angetrauten und von ihm verachteten Joanna zusammenlebt, kann er das Leben eines Wohlsituierten führen. Nachdem er Aissa verfallen ist, wird er zu einem Spielball von Kräften, die er nicht versteht und die er vor allem nicht beherrschen kann.

Conrad erfasst sehr genau, wie die Form von Herrschaft, die die Europäer ausüben, funktioniert. Anhand seiner Beschreibung der Verhältnisse zwischen Lingard und den Einheimischen einerseits, den arabischen Händlern andererseits, skizziert Conrad sehr genau, wie der damals moderne (wenn auch zur Zeit der Handlung zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch frühe) Imperialismus funktioniert. Die Vorläufer der staatlichen Ordnungsmächte, die die Briten, die Franzosen und die Holländer schließlich nach Ostasien brachten, sind alles andere als Vertreter einer Staatsmacht, sie sind ausschließlich auf ihr eigenes Wohl und Wehe bedacht. Sie sind aber auch alle Verlorene. Entfremdete, Heimatlose. Sie betrachten die Tropen, in denen sie leben, als etwas Feindliches, als einen Lebensraum, den sie eigentlich verlassen wollen. So träumt Almayer davon, mit Nina nach Europa zu gehen und dort das Leben eines Herrn zu führen. Lingard mag die Figur in diesem Reigen sein, die die Möglichkeiten der Fremde am besten versteht und für sich zu nutzen weiß. Willems seinerseits ist hin und hergerissen zwischen dem Wissen, daß er eine Position, wie er sie hier einnimmt, in Europa wahrscheinlich niemals wird erreichen können, zugleich aber verachtet und verabscheut, was ihn umgibt. Und er ist ein Mann, der seinen eigenen, auch von ihm unverstandenen Gefühlen ausgeliefert ist.

Mit diesen Figuren und ihrer Haltung sticht man ins Herz von Conrads Poesie und thematischer Kunst vor. Denn anhand der Äußerungen und des Verhaltens dieser Figuren kann er den auch ihm selbst immer wieder unterstellten Rassismus zu einem seiner zentralen Themen machen, ohne ihn als solchen zu benennen. Es stimmt schon: In den deskriptiven Passagen seiner Erzählungen und Romane nutzt auch Conrad ein Vokabular, das gegenüber den Einheimischen, Schwarzen, Dunkelhäutigen oft abwertend wirkt. Oft beschreibt er sie in zumindest heute als gängige rassistische Stereotype erkennbaren Adjektiven und Adverbien. Sie wirken oft dümmlich und werden durch die Sprache, die sie nutzen, als einfach und manchmal auch dumm dargestellt. Doch ist das nur eine Seite der Medaille. Denn in ihrem Sprechen lässt Conrad auch immer erkennen, daß nicht nur er, sondern auch sie, als Betroffene, sehr wohl um die Ungerechtigkeit wissen, die ihnen fortwährend widerfährt, als auch um die Arroganz und den Hochmut der Weißen. Immer wieder lässt er Willems explizit darauf verweisen, er sei weiß, woraus der Mann ganz deutlich Vorteile und Ansprüche für sich ableitet. Immer wieder lässt Conrad aber auch – vor allem im Sprechen Aissas – erkennen, daß diese Menschen die Unterdrückung, der sie ausgeliefert sind, erkennen und sehr genau verstehen, welches Unrecht ihnen angetan wird. Und er lässt den Leser verstehen, daß die moralischen Vorstellungen, die eine Malaiin bspw. hat, sich grundlegend von denen unterscheiden, die eine weiße Frau – oder ein weißer Mann – aus der fernen Fremde mitbringt und meint, hier installieren zu können.

Conrad gelingt es brillant, darzustellen, wie diese Europäer, weit entfernt von zuhause und letztlich haltlos, in einer Umwelt ihr Reich zu errichten versuchen, die sie nicht verstehen und oftmals eben als bedrohlich empfinden. Sie sind Verlorene, die anderen deren Heimat wegnehmen und sie damit zu eben solchen Verlorenen machen, wie sie selber es sind. Aissa erklärt gegenüber Willems, aber auch gegenüber Almayer mehrfach, daß sie die Europäer und deren Lebensart verachte. Sie weist immer wieder darauf hin, daß die Herrschaft der Weißen nur von vorübergehender Dauer sein wird und sich die Einheimischen einmal werden von diesem Joch befreien können. In der Tragik ihrer Liebe zu Willems – die psychologisch nicht ganz nachvollziehbar ist, aber da war Conrad sicherlich Kind seiner Zeit und bereit, die Romantik als hinreichenden Grund zu akzeptieren – kommt aber auch die Entfremdung der Einheimischen in ihrer eigenen Umgebung zum Ausdruck. Im Grunde liefert Conrad eine Beschreibung vieler heute aktuell diskutierter Probleme von kultureller Aneignung und den Schwierigkeiten, über kulturelle Grenzen hinweg einander zu verstehen. Aissa in ihrer Liebe ist die vielleicht tragischste Gestalt in diesem Roman, da sie ihren Gefühlen ausgeliefert ist, sogar so weit geht, sich gegen den eigenen Vater aufzulehnen, der die Verbindung zu Willems ablehnt. Sie ist – anders als, bis vielleicht auf Willems selbst, nahezu jede andere Figur hier – eine Gefangene ihrer Emotionen und der Umstände. Sie wird zerrissen zwischen den Ansprüchen ihrer Kultur und der Liebe zu einem Mann, der sie letztlich verachtet, einfach, weil sie kein Weiße, keine Europäerin ist. Und aus diesem inneren wie äußeren Konflikt kann sie nicht entkommen – bis sie eine gewaltsame Lösung herbeiführt.

Wie genau Conrad in seinen Beobachtungen war, erschließt sich dem aufmerksamen Leser vor allem dann, wenn er die unterschiedlichen Rituale und Sitten unterschiedlicher Stämme und Ethnien beschreibt. Sehr genau nimmt er wahr, wer wem wann die Hand gibt, wie auch unter den Einheimischen selbst bestimmte durchaus rassistische Motive zum Tragen kommen. Da verachtet der eine Stamm den andern, verachtet man die gesellschaftliche Position, die man einnimmt und die immer durch Stellung, Ruf und Wohlstand mitgeprägt wird. Diese Unterschiede und vorhandenen Konfliktlinien wussten sich alle europäischen Kolonisatoren zu Nutze zu machen, immer. Die Briten in Afrika, Indien und Asien, die Franzosen oder Belgier in Afrika und in Fernost. Es war Teil des kolonialen Plans, gewisse Rangunterschiede und herrschende Feindschaften derart zu nutzen, indem man die Gruppen untereinander ausspielte und sie gegeneinander aufhetzte. Genau das ist Lingards Strategie, wie er mit den politischen Verhältnissen am Fluß verfährt und damit seine Macht konsolidiert.

Conrad erweckt dabei aber nie den Eindruck, europäische Überlegenheit auszustrahlen oder zu goutieren. Im Gegenteil – anders als sein Zeitgenosse Rudyard Kipling, ist Conrad eben kein Imperialist, sondern ein Außenstehender, der beobachtet und das, was er sieht, als problematisch einschätzt. Es ist seine Kunst, seine Meisterschaft, diese Beobachtungen und Erkenntnisse in eine Story zu packen, in der viele dieser Aspekte – vom Gesellschaftlichen bis ins Private, vom Ökonomischen bis ins Emotionale – verhandelt werden können und dabei deutlich und nachvollziehbar werden.

Stilistisch ist er hier bereits auf der Höhe, auf dem Niveau, das seine späteren, als Meisterwerke anerkannten Romane und Kurzgeschichten ausmacht. Er erzählt seine Geschichte noch weitestgehend konventionell, bedient sich noch nicht jener ausgeklügelten Strategie der prekären Erzähler-Position, die Werke wie LORD JIM (1900) oder HEART OF DARKNESS (1902) bestimmen, allerdings probiert er sie auf den letzten Seiten des Romans bereits aus, wenn er Almayer – Jahre nach den geschilderten Ereignissen – einem Fremden erzählen lässt, wie die Geschichte um Willems, Aissa und Joanna ausgegangen ist. Anders ist es mit seinen Naturbeschreibungen. Hier merkt man, wie der Schriftsteller Conrad, der, wie er im Vorwort eingesteht, nach ALMAYERS WAHN keineswegs davon überzeugt war, als Autor reüssieren zu können (und zu wollen, war die See und die Schifffahrt doch immer noch seine Leidenschaft), seinen Fähigkeiten und stilistischen Möglichkeiten mehr und mehr vertraut. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, daß Conrad in einer angeeigneten Sprache, dem Englischen, schrieb.

Er lässt den Leser die Hitze und die Feuchtigkeit der Tropen spüren, er vermag es, die Trägheit heraufzubeschwören, die ein Leben befällt, welches unter Extrembedingungen und in einer zumindest für Europäer eher lebendfeindlichen Umgebung geführt wird. Die endlos langen Nachmittage, wenn alles zum Erliegen kommt, die Menschen in schattigen Ecken oder in Hängematten unter Palmen und Bäumen sich dem Müßiggang hingeben, da das Klima kaum mehr Bewegung, gar Arbeit, zulässt. Die Natur, wie er sie beschreibt, ist einerseits schön – immer wieder können wir diese Beobachtungen durch Conrads Prisma nachvollziehen. Zugleich ist sie aber auch bedrohlich und Conrad nutzt sie klassisch, um Gefühlszustände und inneren Aufruhr zu spiegeln und symbolisch zu verdeutlichen. Dabei kommen einige Szenen zustande, die man als Leser seinen Lebtag nicht mehr vergessen wird.

In einer Nacht, in der sich für Willems und Aissa einiges zu entscheiden scheint, verdichten sich dem Holländer das lodernde Feuer, die ihn und die Siedlung umgebende Dunkelheit, die fremden Geräusche aus dem Dschungel, nicht zuletzt seine eigene Einbildungskraft und die Wahrnehmung seiner Umgebung zu einem fast halluzinogenen Moment, in dem ihm nahezu alles, was er sieht und hört, zu einer Bedrohung wird. Er will sich Aissa hingeben und sieht zugleich deren blinden Vater einem Dämon gleich auf sich zukriechen, begreift nicht, daß die Gefahr real ist und muß dann den Kampf gegenwärtigen, den seine Geliebte mit dem eigenen, geliebten Vater austrägt, um Willems Leben zu retten. Das ist eine Schlüsselszene des Romans – es ist aber, ganz für sich genommen, auch eine der eindringlichsten Beschreibungen, wie inneres Erleben und äußeres Sein aufeinanderprallen, einander bedingen und zu einer Wahrnehmung führen, die das Über- oder Unnatürliche zumindest für einen Augenblick real werden lässt.

DER VERDAMMTE DER INSELN[1] ist in seiner Konstruktion, als Gesamtwerk, von unfassbarer innerer Logik, von nahezu perfekter Komposition. Es gelingt Joseph Conrad hier ein Werk, das schon vorgreift und Ausblick bietet auf die folgenden Großtaten. Es ist ein Roman, den der Autor als seinen „östlichsten“ einstuft, ein Roman, der, ohne dies explizit zu benennen, einen ausgesprochen genauen Blick auf die Conditio humana, einen kritischen Blick auf europäische Expansionspolitik und deren Auswirkungen auf die, die da erobert werden, ebenso wirft, wie auf die Folgen, die diese Unternehmungen auf die Expandierenden selbst haben. Conrad beweist hier schon jenes ausgesprochen genaue psychologische Gespür, welches seine Werke auszeichnet, er beweist, wie weit sein Blick war, wie genau er beobachtete, was er auf seinen Reisen als Seemann antraf und wie differenziert er diese Erfahrungen und Beobachtungen einzuordnen verstand.

Es ist aber auch, man mag es kaum glauben, ein aufregender und unterhaltsamer Abenteuerroman, der seine Leser in exotische Welten entführt, ohne diese zu einem Traumland, einer Phantasmagorie zu machen. Es ist eine realistische Beschreibung des frühen Kolonialismus in Ostasien und eine große, herzzerreißende Liebesgeschichte. Was will man mehr?

 

[1] Man beachte den unbestimmten Artikel im Originaltitel: Da ist von EINEM Verdammten der Inseln die Rede, nicht von DEM Verdammten der Inseln, was Conrads Grundaussage sehr viel allgemeingültiger erscheinen lässt, als es der bestimmte deutsche Artikel suggeriert, der die ganze Angelegenheit zu einem individuellen Schicksal macht.

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