DIE ANDEREN/THE OTHER AMERICANS

Laila Lalami ist ein großer Wurf gelungen, der dem Leser tiefen Einblick in das Seelenleben der Amerikaner bietet

Vielstimmigkeit sollte Literatur immer ausmachen. Je vielseitiger die Literatur einer Gesellschaft, desto breiter die Auseinandersetzung mit ihren inneren Konflikten. Engführung, monothematische Fokussierung, will man meinen, führt zu ebensolcher Verengung des Geistigen und des innergesellschaftlichen Diskurses. Angeblich leiden gerade die westlichen Gesellschaften an einer solchen thematischen Engführung. Zu viel Identitätsfragen, zu viel Konzentration auf Minderheiten etc. Dabei bleibt oft ungesehen, daß die westliche Literatur, ganz länderübergreifend, eine Renaissance des Heimatromans erlebt – und aller damit implizierten Fragen, Problematiken und Themen. Vor allem der Gegensatz zwischen dem Ländlichen als Symbol des konservativen und urbanen Räumen als Ausdruck progressiven Denkens wird seit Jahren thematisiert, untersucht, analysiert, karikiert und vor allem wieder und wieder hinterfragt.

Da ist es eine rechte Freude, wenn eine Autorin es wagt, einen vielstimmigen Roman zu schreiben, der all diese fragen vereint und zugleich auch noch ernstnimmt, was Literatur eben auch sein kann, vielleicht sein sollte: Unterhaltung. Laila Lalami hat es gewagt. In DIE ANDEREN (THE OTHER AMERICANS/Original erschienen 2019; Dt. 2021) bringt sie einen vielstimmigen Chor zur Aufführung, der uns vom Leben im modernen Amerika, einem Vielvölkerstaat, berichtet. Mit den Stimmen etlicher Beteiligter an einem scheinbar banalen Autounfall, der allerdings ein Menschenleben kostet und bei dem der Fahrer des Unfallwagens Fahrerflucht begeht, läßt Lalami vor dem Leser das Panorama einer Kleinstadt in der Mojave-Wüste im südlichen Kalifornien und einiger ihrer Bewohner erstehen.

Im Zentrum des Geschehens steht die Musikerin und Komponistin Nora. Sie wird während eines Abendessens in Oakland, wo sie lebt, telefonisch vom Tod ihres Vaters Driss unterrichtet. Der sei bei einem Unfall ums Leben gekommen. Nora kehrt in ihre Heimatstadt zurück, eben jenes Kaff irgendwo in der Mojave, wo ihr Vater ein kleines Diner, ein Restaurant, betrieb. Diese Rückkehr bedeutet für sie nicht nur eine Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, die die Berufswahl der Tochter nie nachvollziehen konnte und auch ihren Lebenswandel – u.a. die Tatsache, mit Mitte 30 noch unverheiratet zu sein – nicht schätzt, sowie ihrer Schwester, die als Zahnärztin arbeitet und eine konservative Ehe mit einem als angemessen betrachteten Gatten führt, sondern auch mit einigen Gespenstern der Vergangenheit. Sie trifft auf Jeremy, der sie einst, an der Highschool, vergötterte, der mittlerweile, nachdem er Dienst im Irak geleistet hat, als Polizist arbeitet und seinerseits mit den Dämonen seiner Vergangenheit ringt. Vor allem aber kann und will Nora nicht glauben, daß der Unfall ein Zufall war. Denn als Täter wird recht schnell der Besitzer der dem Diner benachbarten Bowlingbahn ausgemacht, zumindest scheint sein Fahrzeug involviert gewesen zu sein. Und dieser Mann war ein erklärter Feind von Driss. Diese Feindschaft beruht möglicherweise schlicht auf kommerziellem Konkurrenzdenken. Vielleicht aber ist sie auch in tiefsitzendem Rassismus begründet. Denn Nora stammt – wie die Autorin Lalami – aus einer marokkanischen Familie. Driss und seine Frau Maryam sind vor über dreißig Jahren nach Amerika gekommen, ihrerseits Flüchtlinge vor dem in Marokko herrschenden Unrechtsregime.

Lalami verbindet das beliebte Motiv der Rückkehr – hier ein Unfall, es kann aber auch der natürliche Tod eines Familienmitglieds sein, ein Klassentreffen o.ä.  – einer urban geprägten Figur in ihre ländliche, provinzielle Heimat mit einem – vermeintlichen – Kriminalmotiv. Denn wir wollen natürlich ebenfalls wissen, was sich nun hinter dem Unfall verbirgt. Was das Motiv war, vor allem: Wer saß da hinter dem Steuer des Wagens? Doch sollte, wer Lalamis Roman lesen will, nicht all zu viel von diesem Strang der Erzählung erwarten, denn es geht der Autorin sichtbar um anderes. Im Kern steht die Frage, was eine Gesellschaft, die sich aus so unterschiedlichen Menschen aus so vielen unterschiedlichen Kulturen zusammensetzt, eine Gesellschaft, die immer schon eine Einwanderungsgesellschaft gewesen ist, die sich einiges darauf zugutehält, eine Art Schmelztiegel zu sein (auch wenn man diese Annahme mit guten Gründen in Frage stellen kann), zusammenhält. Driss hatte einst einen Donut-Laden in den Ausläufern von Los Angeles, irgendwo in San Bernardino. Der aber wurde abgefackelt nachdem am 11. September 2001 die Flugzeuge in die Türme in New York gekracht waren. Alltagsrassismus.

Es ist gekonnt, wie Lalami Themen wie eben diesen Alltagsrassismus anschneidet, in ihre Geschichte verwebt, wie sie aufzeigt, wie er trotz der Beiläufigkeit, ja Banalität, mit der er gelegentlich geschieht, Leben beeinflusst und Lebensläufe bestimmen kann. Doch ist dies nicht Lalamis Thema, es ist ein Thema unter vielen, die ihr Roman anschneidet. Das unterscheidet ihr Buch wesentlich von jenen hervorragenden Werken, die momentan vor allem schwarze Autorinnen und Autoren vorlegen, von Brit Bennett bis Kiley Reid. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einer marokkanischen Familie, die in die USA kam und Angehörigen eines Volkes, das jahrhundertelang ausgebeutet und unterdrückt wurde. Aber der Druck, der nach den Anschlägen auf das World Trade Center gerade auf arabischstämmige Migranten in den USA herrschte, ist sicherlich ein Aspekt des Themas, der nicht oft und in dieser Form erst recht nicht aufgegriffen wurde.

Lalami hat aber eine andere Agenda, als gesellschaftskritische Perspektiven aufzuzeigen. Sie erzählt eben auch eine spannende Geschichte um eine junge Frau, die nach und nach feststellen muß, was sie selbst eigentlich will, wie sie sich ihr Leben vorstellt, sie berichtet von familieninternen Verwerfungen, von Lebenslügen und davon, wie man sie aushält. Und Lalami berichtet von Angst. Angst, nicht zu genügen, Angst, nicht gut genug zu sein in einer Welt, die Leistungsprinzipien über alles stellt, Angst vor Fremden, Angst vor der Wut der anderen und schließlich auch der Angst vor sich selbst, davor, wozu man fähig ist. Also ein Familienroman? Ja. Und doch auch wieder nicht, da ihr multiperspektivisches Erzählen nicht nur vielen verschiedenen Figuren eine Stimme verleiht, sondern weil in diese Familiengeschichte dann eben doch exemplarisch immer wieder die Dinge einbrechen, die auch gesellschaftlich eine Rolle spielen – und das ist eben bei Weitem nicht nur der Rassismus. Es sind die Beziehungen zu einer Gesellschaft, die man nicht kennt, in der man sich erst zurechtfinden, in der man generell erst einmal seinen Platz finden muß. Und da Lalami sich nicht scheut, selbst den bei dem Unfall verstorbenen Driss zu Wort kommen zu lassen, kann sie Probleme wie diese ebenfalls aus ganz unterschiedlichen Perspektiven erfassen.

Was man ihr, rein literarisch, vor allem zugutehalten muß, ist ihre Befähigung, all diese unterschiedlichen Stimmen mit einem ganz eigenen Sound auszustatten. Mag man auf den ersten 40, 50 Seiten noch ein wenig fremdeln, sich noch nicht ganz zwischen Nora, Jeremy, Maryam, Driss und den anderen Personen, die hier zu Wort kommen, zurechtfinden, so ändert sich dies mit zunehmendem Lesefluß und man möchte behaupten, man könne im restlichen Roman schon allein am Stil erkennen, wer gerade spricht. Das ist dann allerdings große literarische Kunst.

Laila Lalami ist da ein großer Wurf gelungen. Ein Roman, der sehr genau hinschaut, der den Finger in die berühmte Wunde legt, der weder sein Personal, noch den Leser mit den einfachen Antworten davonkommen lässt, der zugleich spannend und damit sehr unterhaltsam und von großer Relevanz ist. Eine weitere Stimme im vielstimmigen Chor amerikanischer Autorinnen und Autoren, ein weiteres Mosaiksteinchen, ein weiterer Aspekt, eine weitere Perspektive, um eine Gesellschaft zu verstehen, die gerade uns Europäern in den vergangenen Jahren so viele Rätsel aufgegeben hat.

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