DIE ENTHÜLLUNG/CINCO ESQUINAS

Mario Vargas Llosa blickt auf die jüngere peruanische Geschichte zurück...

Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, nunmehr kurz vor Vollendigung des 80. Lebensjahrs, hat sich seit einiger Zeit darauf verlegt, kürzere, dafür aber in ihrer Essenz ausgesprochen bissige bis treffende Prosa zu schreiben. Erinnert man sich an Günter Grass´ Aussage, zwar noch einen großen Roman in sich zu tragen, nicht aber zu wissen, ob die Zeit dafür noch reiche, kann man die Angst eines doch nahezu greisen Schriftstellers nachvollziehen, ein Werk nicht mehr vollenden zu können. Daß Spätwerke aber keinesfalls abfallen gegen frühere, gewagtere, umfangreichere Werke, auch das hat Nobelpreiskollege Grass bewiesen.

Llosa, der sich zuletzt neben dem Revolutionär Roger Casement in DER TRAUM DES KELTEN von 2010 auch – in EIN DISKRETER HELD (2013) – mit seinem Heimatland Peru und den Schwierigkeiten, in schwierigen Zeiten seine Würde zu bewahren, beschäftigte, widmet sich in seinem jüngsten Roman von 2016, DIE ENTHÜLLUNG, erneut den entscheidenden 1990er-Jahren in Peru, als nicht zuletzt er selber als Kandidat einer konservativ-bürgerlichen Koalition, die sich FREDEMO (FRENTE DEMOCRÁTIO) nannte, versuchte, die Macht zu erlangen und somit zu beweisen, daß auch in Südamerika eine bürgerliche Demokratie wie in Europa möglich wäre. Statt seiner war es dann Alberto Fujimori, der gewann und ein autokratisches System, das sich allerdings einen demokratischen Anstrich gab, errichtete. Wenn nicht gar unterstützt, so doch zumindest durch das Militär geduldet, konnte Fujimori handstreichartig Reformen durchführen und seine Macht durch den exzessiven Einsatz der Geheimpolizei SIN und paramilitärischer Einheiten unter der Führung seines Kumpans Vladimiro Montesinos stützen und festigen.

Dieser kurze Exkurs sei deshalb erlaubt, da dieser Mann, Vladimiro Montesinos, ganz direkt eine wesentliche, wenn nicht die Hauptrolle, des Romans spielt, durch ihn hindurch indirekt aber auch Fujimori, dessen Wahl, Amtsführung und letztlich sein Charakter – der hier aber nie näher beleuchtet wird – die Entwicklung und Machtfülle eines Monstrums wie Montesinos, im Buch liebevoll ‚der Doktor‘ genannt, überhaupt erst möglich macht. Es sind Montesinos Machenschaften, die die Handlung des Romans in Gang setzen. Der Ingenieur Enrique Cárdenas, für seine Frau und Freunde nur Quique, wird Jahre, nachdem er sich dazu hatte hinreißen lassen, mit Bildern erpresst, die ihn als aktiven Teilnehmer einer recht wilden Orgie zeigen. Der Chef einer Skandalzeitung, Rolando Garro, fordert ihn ultimativ auf, Geld in sein Blättchen namens ‚ENTHÜLLT‘ zu stecken. Als Enrique, nach Absprache mit seinem Freund Luciano, einem Anwalt, nicht spurt, werden die Bilder veröffentlicht, Garros Chefredakteurin und Freundin Julietta Leguizamón, genannt „Pummel“, fertigt die dazu passende Story, der gesellschaftliche Skandal ist ungeheuer, Marisa, Quiques Gattin, verlässt ihn, nimmt ihn allerdings später wieder auf, auch, weil sie selber seit geraumer Zeit in eine Affäre mit Lucianos Frau Chabela verstrickt ist, die die beiden auf Quique auszuweiten gedenken. Als Garro tot aufgefunden wird, fürchterlich zugerichtet unter den Schlägen eines skrupellosen Mörders, fällt der Verdacht nicht zuletzt durch Pummels Denunziation auf Quique, der nun auch noch durch die Hölle der Justiz und des öffentlichen Prangers gehen muß. Dann eines Tages wird Pummel aufgefordert, sich beim ‚Doktor‘ einzufinden. Langsam wird ihr das Ausmaß der Verschwörung, an der sie, ohne es zu wissen, Teil hatte, deutlich. Und nun sitzt sie ebenfalls in jenem Boot, mit dem Rolando gekentert war. ‚ENTHÜLLT‘, dieses Schundblatt, das in den Hinterzimmern und den schrägen Kaschemmen gelesen wird, dieses Kleinod des schlechten Geschmacks, Rolando Garros Baby sozusagen, war immer nur ein Instrument in den Händen der Macht, genutzt, sich derer zu entledigen, die nicht spurten, dem Regime im Wege standen oder schlicht störten. Der Ingenieur Enrique Cárdenas gehörte nicht dazu, den hatte Garro ganz allein auf dem Kieker. Und Alleingänge duldet das Regime nicht. Nun hat der Doktor immer einen Plan B in der Hinterhand und so trifft es sich gut, daß es da einen alternden, offenbar demenzkranken ehemaligen Rezitator und Fernseh-Clown gibt, der seit Jahren wütende Leserbriefkriege gegen Rolando Garro führte. Den als wirklichen Täter zu präsentieren ist ein Klacks, Garro mit Pummelchens Hilfe zu ersetzen ebenso und so nähme alles sein Happy End – aus Sicht des ‚Doktors‘ – , wenn Garros alte Vertraute nicht doch so etwas wie ein Gewissen in sich spürte.

Auf den letzten 15 Seiten des Romans wird in einem dem Rest des Textes kaum entsprechenden, etwas atemlosen Tempo vom Sturz des Regimes Fujimoro, von der Verurteilung und der Rolle, die die Presse dabei spielte, erzählt, wodurch Llosa aus der fiktionalen Verdichtung zurückkehrt in die Niederungen der faktischen Realität. Es war allerdings die Enthüllung durch einen Politiker, der einen banalen Korruptionsskandal offenbarte, wodurch Fujimoris Regierungszeit zuende ging. Daß Vargas Llosa seine Erbitterung über die Wahlniederlage und die folgenden Jahre literarisch verarbeiten würde, kann kaum verwundern, hat er sich doch immer schon unmittelbar mit der politischen Realität in Südamerika auseinandergesetzt. Die Dramatisierung zu einem Kriminalfall, in dem das Opfer ein unsympathischer Kerl ist, dessen Art, seinen Beruf auszuüben, eher seiner soziopathischen Seite gerecht wird als journalistischen Grundsätzen, mag der Verknappung dienen, Spannung erzeugt es nicht. Doch gelingt es Vargas Llosa exemplarisch, die Verflechtung von und in Macht, aber auch die Korrumpierbarkeit durch Macht aufzuzeigen, die mit autoritären Regimen zwangsläufig einhergehen. Die Doppelung mit einer ans Pornographische grenzenden Darstellung von Sexualität und Erotik, die, nebenbei bemerkt, etwas Schwüles und Altherrenmäßiges ausdünstet, ist eine vielleicht geschickt gewählte, dennoch oft zu platte Analogie, die gerade wegen der expliziten Sprache im Klischees erstarrt. Macht verführt – so könnte man die Erkenntnis hinter all dem kurz zusammenfassen. Daß sie auf eine Art verführt, die der gleicht, die Frauen auf Männer haben, die dann ja angeblich auch in deren Händen zerfließen, willenlose Wesen, unterstellt der Roman dabei ohne dies je durch den Handlungsverlauf zu belegen oder zu rechtfertigen.

Doch Vargas Llosa wäre nicht Vargas Llosa, wenn nicht auch seinen durchschnittlicheren Werken noch Wesentliches zu entnehmen wäre. Die südamerikanische Gesellschaft, die er einmal mehr durch das Spektrum seines Heimatlandes, oft aber auch aus der Perspektive anderer Länder des Kontinents portraitiert hat, wird auch hier einmal mehr subtil kritisiert. Es gibt bittere Untertöne, denn das Schicksal des ehemaligen Rezitators Juan Peineta, den Vargas Llosa liebevoll als seiner Erinnerungen abholden Freund eines ebenfalls vom Leben gebeutelten Katers skizziert, ist schlichtweg ein grausames, das aber von allen Figuren des Buches als bedauerlich doch notwendig wahrgenommen wird. Auf einer Dinnerparty gibt man sich zerknirscht, an den Verhältnissen, die zu der bitteren Armut führen, in der Peineta und die, die ihn kennen, leben, ändert sich aber dennoch nichts. Nicht umsonst zeichnet Vargas Llosa Quique als einen Minenbesitzer, als einen der reichsten Männer des Landes. Anfangs werden Fujimori und seine Regierung kaum, wenn, eher lobend erwähnt, geht sie doch energisch gegen die Terroristen und Gangsterbanden vor. Ausgangssperren sind ärgerlich aber notwendig, so das allgemeine Credo. Diese Menschen, die der Autor offenbar gut kennt, gehören zu einem Establishment, das sich mit jeder Regierung in jedem Regierungssystem arrangieren kann, schlicht weil sie zu reich sind, um angegangen zu werden, wie es der ‚Doktor‘ ganz offen einräumt.

Schließlich die Presse: Sie war selten Vargas Llosas Freund, seine literarische Karriere wurde zwar wohlwollend verfolgt, obwohl auch er die Erfahrung machen musste, daß tief fallen kann, wer einst Liebling des Feuilletons war, seine politischen Ambitionen hingegen wurden meist ausgesprochen kritisch begleitet, wenn nicht gar der Lächerlichkeit preisgegeben. Gerade in Europa, das er kennt, wo er lange gelebt hat und auch  heutzutage noch viele Monate im Jahr lebt, wurden seine eher rechts-konservativen Ansichten zurückgewiesen, selten war jemand bereit, sich auf seine eher geschichtsphilosophischen Thesen einzulassen, das geschah erst später. Hier ist die Presse Instrument der Kampagne, der Vernichtung, der Repression. Doch ist sie auch das Instrument, welches schließlich den entscheidenden Schritt vollzieht, um das System aus Korruption und Angst zu zerschlagen. Vielleicht ist es ein wenig zu utopisch, dieses letzte Kapitel, zu sehr Happy End? Mag sein. Daß Vargas Llosa ausgerechnet der Presse die heilende Macht zugesteht, mag wie Ironie anmuten, es zeugt aber auch von einem tiefen Verständnis demokratischer Struktur. Dieses Verständnis, inklusive all der Skepsis, die es gebiert, durchzieht den Roman, tränkt ihn geradezu.

Vielleicht ist die Geschichte ein wenig zu plump, vielleicht wurzeln einige der Charaktere zu tief im Klischee, das Konzept des Ganzen geht jedoch sehr wohl auf. Und es ist typisch für den Autoren, den Stilisten Vargas Llosa, das erotische Moment als ureigenes des Lebens und des Gefühls, des Nicht-Rationellen gegen die Ratio des Verrats und der Denunziation in Stellung zu bringen. Was sicher nicht jedermanns Sache ist. Viel kann man diesem kleinen Roman vorwerfen, vieles bemäkeln, doch sich entziehen, sowohl dem sprachlichen Sog als auch der zwar kruden, doch passenden Analyse des Autors, das wird der aufmerksame Leser kaum schaffen.

 

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