HONIG/SWEET TOOTH

Verschenkte Möglichkeiten

In SWEET TOOTH, wird – (fast) komplett und konsequent aus Sicht einer jungen Frau – von den Ereignissen während eines Geheimdienstunternehmens namens „Honig“ erzählt, in dessen Zentrum die junge Erzählerin Serena eher hineinrutscht, als daß sie dort wirklich hinwollte. Sie ist eine belesene, recht kluge junge Frau, die Anfang der 70er Jahre zunächst Mathematik studiert und auf Umwegen an einen Hochschullehrer gerät, in den sie sich unsterblich verliebt. Selbst, als er sie aufs Fürchterlichste abserviert hat, bleibt er ihr als die große Liebe in Erinnerung. Ihm hat sie es auch zu verdanken, einen Job angeboten zu bekommen. Dieser Job entpuppt sich als mindere Anstellung beim MI5, dem britischen Inlandsgeheimdienst. Hier soll eine kulturelle Großoffensive gestartet werden, vermutet man doch – nicht zu Unrecht – die meisten Intellektuellen Großbritanniens, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, eher der Linken zuneigend. Deshalb soll im Programm „Honig“ eine konservative, wenn nicht rechte Gegenöffentlichkeit aufgebaut werden, die für die „Werte der Demokratie, der Freiheit und der Menschenrechte“ einsteht. Und dafür müssen passende Intellektuelle aller möglichen Richtungen gefunden werden: Wissenschaftler, Historiker, Politologen und auch Künstler – wenn möglich eben auch ein Schriftsteller. Und den soll Serena aussuchen, aus einem Pool von Autoren. Sie stößt auf einen Dozenten der Universität Brighton, der sich für das Schicksal eines inhaftierten rumänischen Autors eingesetzt und bereits vier Kurzgeschichten veröffentlicht hat. Ihr Kandidat. Doch je näher sie ihn kennenlernt, desto mehr verliebt sie sich in ihn und gerät immer tiefer in eine Geflecht aus Lügen, Halbwahrheiten, Irrungen und Wirrungen – und muß schlußendlich erkennen, wie sehr sie sich getäuscht hat, in allem und jedem.

Man weiß ja durch die Werke eines Graham Greene, John le Carré oder Robert Littell, daß Geheimdienstarbeit durchaus eher stümperhaft organisierten Klassenfahrten gleichen und geheimdienstliche Einsätze auch mal zur Farce werden können; daß das Anwerben neuer, junger Rekruten und Agenten oftmals vergeblichen Liebesmühen gleicht, sowieso. Ian McEwan fügt dem keine weiteren Erkenntnisse hinzu, sondern liefert in seinem neuesten auf Deutsch erschienenen Werk, „Honig“, Varianten, Ironisierungen und Anspielungen seiner berühmten Kollegen. England, vor allem London in den frühen 70er Jahren bietet ihm die Kulisse für diesen Roman, der einmal mehr beweist, was für ein großartiger Stilist McEwan ist, wie geschmeidig und fließend er erzählen kann, wie weit seine Palette literarischer Werkzeuge reicht, über welch großartig hintergründigen Humor er verfügt. Und auch, daß er immer ein Mensch der britischen Ober- bis Mittelschicht bleiben wird, dem sowohl die Subkultur seines Landes, wenn nicht fremd, so doch zumindest suspekt ist, wie er ebenso die Linke ablehnt, wenn nicht verachtet, und – ganz einem konservativen Spötter gleich – der die großen Ideen sowieso für gescheitert hält. Die Tendenz zum Reaktionären liegt schon seinen früheren Werken zugrunde. Doch wo es ihm in Büchern wie THE COMFORT OF STRANGERS oder AMSTERDAM fast mühelos gelang, die Ängste und falschen Vorstellungen und Vorurteile blasierter Engländer seiner Schicht vorzuführen (durchaus auch einmal der Lächerlichkeit preiszugeben), drängen seine eigenen Vorurteile und Ängste, so scheint es, seit einiger Zeit – fast deckungsgleich zu denen, die er seiner Schicht zuschreibt – in seine Werke. Die Angst und das Unverständnis des britischen Bürgertums vor Überfremdung wurde in „Saturday“ zwar noch nah an der Lächerlichkeit vorgeführt, doch schon in jenem Werk verwunderte die Auflösung, in der das Vortragen eines Gedichtes eine Vergewaltigung abwehren kann, da der Übeltäter derart berührt ist von den rezitierten Worten, daß er einfach nicht weitermachen kann mit seiner Missetat. Sollte das ebenfalls Ironie sein? Dann war es zumindest ein zutiefst geschmackloser Witz.

Und damit macht sie eine Erfahrung, die McEwan mit einem ebenso brillanten wie eleganten Dreh auch den Leser machen läßt. Soll niemand sagen, McEwan verstünde sein Handwerk nicht! Doch bleibt es diesmal beim Handwerk, es fehlt ein wenig die Kunst. Um mit den Vorzügen zu beginnen: Richtig gut wird das Buch immer da, wo es um Zeitkolorit geht, darum, wie sich dieses England um 1970/71 ff anfühlte. Ein kalter und immer noch stark von den Nachwehen des Krieges geprägter Ort. Durch dieses London scheint immerzu ein kalter Hauch zu wehen, selbst da, wo von Hitze die Rede ist. Beiläufig werden diese Jahre bis 1974 geschildert, in denen das Land immer mehr vor die Hunde zu gehen schien, Krise auf Krise folgte, die Regierungen sich ablösten und sofort bewiesen, ebenso wenig mit den Problemen zurande zu kommen, wie die Vorgänger. Die erstarkende IRA, die ihre „Kriegspolitik“ änderte und „Zivilisten“ anzugreifen begann, verwickelte die Briten in einen kleinen, dreckigen Krieg, der so gar nicht passen wollte zu der immer noch herrschenden Selbstwahrnehmung einer (zumindest kulturellen) globalen Großmacht. Dies alles versteht McEwan gut einzufangen und atmosphärisch dicht wiederzugeben. Doch setzt er viel Wissen voraus, darauf sei verwiesen. Einige, für die britische Öffentlichkeit wesentliche Ereignisse – die Foltervorwürfe gegen die Polizei, das Wegsperren fälschlich Verdächtigter u.a. – waren auch im MI5 sicherlich präsenter, als sie hier dargestellt werden.

Ian McEwan erzählt diesen Roman aus der Sicht einer Frau. Als Mann. Da kann drüber gestritten werden und es gibt Momente im Buch, die vermuten lassen, daß der Autor es selbst so gesehen hat, oder, weil er ein kluger Mensch ist, Einwände von Freunden, Lektoren oder sonst wem hat gelten lassen. Zu häufig, jedenfalls für diesen Leser hier, verfällt er dann aber doch in klischeehafte Ideen, Variationen und Auflösungen einzelner Situationen, die zwar immer ironisiert (wie das ganze Buch – letztendlich verständlicher Weise – von einem stark ironischen Ton getragen wird), dadurch jedoch nicht weniger klischeehaft werden, weil selbst die Ironisierungen mittlerweile zu Klischees geronnen sind.

Das alles betrifft das Handwerk. Ian McEwans Kunst, so zumindest habe ich es immer empfunden, bestand neben der Eleganz seines Stils auch immer in seinen Sujets, den Plots, den Wendungen, die selten, eigentlich nie um ihrer selbst Willen geschehen, sondern, um der Geschichte selbst oder ihren Metaebenen noch einmal einen gewissen Ausdruck zu verleihen. Das macht seine Werke oft rasant, wenn sie kurz sind (man denke an die intellektuelle Schärfe der BLACK DOGS oder die Geschwindigkeit, mit der die Schraube der Ereignisse in AMSTERDAM angezogen wird), fesselnd in den längeren Romanen, wie es ATONEMENT so exemplarisch (und erfolgreich) ausweist. Doch das haut in SWEET TOOTH nicht hin. Zu unentschieden zwischen einer Liebe, die wohl nicht funktionieren kann, einer egozentrischen Icherzählerin, die lange eigentlich nur mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint, einem Spionageplot, der sich – bewußt – als Rohrkrepierer erweist, der Metaidee eines selbstreflexiven Romans über einen Romanschriftsteller, der Gegenstand einer Spionagegeschichte wird, kommt dieses Buch einerseits nie zur Ruhe, und damit zu sich selbst, aber es kommt auch nie richtig in die Gänge. Anfänge, wo man hinschaut, Vieles davon vielversprechend, aber alles doch nur angerissen, seltsam zerschlissen und eingetrübt. Um es ganz kurz zu sagen: Es langweilt, ab einem gewissen Punkt. Und das ist tödlich für solch ein Werk. Da verblassen selbst seine wieder fein und subtil verpackten Seitenhiebe auf die Linke (der er nachhaltig die Entwicklungen der britischen Gewerkschaften in den 70er Jahren vorzuwerfen scheint), die Subkultur und die Intellektuellen. Beiwerk.

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