DIE FÜNF VOGELFREIEN/FIRECREEK

Kaum beachtet: Ein kleiner großer Spät-Western zwischen klassischem Hollywood und dem Italowestern

Fünf Männer kommen in das Örtchen Firecreek. Ihr Anführer, Bob Larkin (Henry Fonda), ist schwer verletzt, weshalb er hier Rast machen möchte.

Zwischen seinen Männern, allen voran dem Jungspund Earl (Gary Lockwood) und den Stadtbewohnern kommt es zu Auseinandersetzungen. Die Männer waren in den Weidekriegen als bezahlte Killer unterwegs und haben lange weder Frauen gesehen, noch ein Dach über dem Kopf gehabt, wie ihr Anführer Evelyn Pittman (Inger Stevens) erzählt, die für ihren Vater, den Hotelbesitzer Pittman (Jay C. Flippen) arbeitet. Larkin erinnert sie an jemanden, der sie verlassen hat. Larkin erklärt ihr seinen Wunsch danach, etwas zu bedeuten, indem er führt. Deshalb will er diese Männer, die mit ihm reiten, auch unbedingt beherrschen.

Der Farmer Johnny Cobb (James Stewart), der für einen geringen Salär im Monat den lokalen Sheriff gibt, was ein Stern mit der Aufschrift „Sheraf“ belegt, den ihm seine Kinder gebastelt haben, kommt in die Stadt, um mit seinen Jungs den Gottesdienst zu besuchen. Seine Frau liegt auf der Farm darnieder und erwartet die Geburt des dritten Kindes, betreut von einer Nachbarin. Während Cobb die Pferde dem Stallburschen Arthur (Robert Porter), einem leicht minderbemittelten jungen Mann, anvertraut, wird er Zeuge, wie Earl seinen Kumpel Drew (James Best), der ihn geärgert hat, zu ertränken droht. Cobb schreitet ein und zieht sich damit die Aufmerksamkeit der Desperados zu.

Während der reisende Prediger Broyles (Ed Begley) im Laden des Krämers Whittier (Dean Jagger) der Gemeinde die Predigt hält, kommen Earl, Norman (Jack Elam) und die beiden anderen Männer hinzu und stören den Gottesdienst. Später beginnen sie zu trinken und die Stadt zu terrorisieren, doch Cobb weigert sich beständig, sie zum Gehen aufzufordern oder sonst etwas gegen sie zu unternehmen. Und schließlich macht er klar, daß er vor allem Farmer und Ehemann ist, erst danach kommt seine Aufgabe als Sheriff.

Nachts wird Arthur Zeuge, wie sich Drew Zutritt zur Behausung der Indianersquaw Meli (Barbara Luna) verschafft und diese vergewaltigen will. Arthur schreitet ein und wird von Drew verprügelt, der daraufhin wieder zu der Frau will. Arthur greift nach dessen Waffe, bedroht ihn, Drew verhöhnt sein Gegenüber, wendet sich ab und geht. Arthur erschießt den nunmehr Unbewaffneten von hinten. Larkin und seine Männer kommen hinzu und wollen Arthur aufhängen, doch Cobb weiß dies zu verhindern. Er sperrt Arthur weg und verspricht, ihn andern Tags in die Kreisstadt zu bringen, wo ein ordentlicher Sheriff und ein ordentliches Gericht vorhanden sind.

Earl und die andern Jungs veranstalten eine Trauerfeier für Drew, dessen Leiche sie dafür mitten auf den Platz vor dem Krämerladen setzen. Cobb will auch hier eingreifen, da wird ihm Kunde zuteil, seine Frau brauche ihn dringend. Er fährt heim und verbringt die Nacht bei ihr, die im Fieber all ihre einst gemeinsamen Träume vom guten Leben in Oregon beweint.

Anderntags kehrt Cobb zurück in die Stadt und findet Arthur im Pferdestall erhängt. Nun lodert der Zorn in dem an sich feigen Mann auf und er besorgt sich bei Whittier eine Waffe. Der Krämer beschwört ihn, nicht einzugreifen, der Spuk sei bald vorbei und dann sei alles wieder wie zuvor. Cobb gesteht sich und dem Mann ein, ein Verlierer zu sein und Whittier bestätigt dies: Die ganze Stadt sei eine Stadt von Verlierern. Daraufhin beschließt Cobb, lieber bei dem Versuch zu sterben, kein Verlierer mehr zu sein und tritt alleine gegen die verbliebenen vier Männer an…

FIRECREEK (1968) steht in einer ganzen Reihe von Western, die in der Rezeption des Genres in Referenz zu HIGH NOON (1952) genannt werden. Howard Hawks RIO BRAVO (1959) ist das bekannteste Beispiel, da sowohl sein Regisseur als auch der Star John Wayne explizit ihr Unwohlsein mit Fred Zinnemanns Meisterwerk zum Ausdruck gebracht hatten und erklärten, sie zeigten eben das Gegenstück: Den Glaube an Freundschaft und Unterstützung. Wollte man RIO BRAVO also als eine Art ‚Über-ich‘ zu Zinnemanns Studie über Feigheit, Angst, den Mut des Einzelnen und sein Pflichtbewußtsein betrachten, in dem das Ideal gefeiert wird, so könnte man FIRECREEK als eine Art ‚Es‘ sehen, zeigt der Film doch relativ gnadenlos, wie der reine Trieb uns steuert, eben auch denjenigen, der nominell zu unserem Schutz abgestellt ist.

Joe Hembus‘ WESTERNLEXIKON – für den Liebhaber des Genres immer noch ebenso unersetzlicher Quell des Wissens wie auch beständigen Ärgers – geht mit dem Film ausgesprochen hart ins Gericht und übersieht dabei, daß er – über dessen Regie Hembus sich lustig macht, kommt der Regisseur doch vom Fernsehen – nicht nur ein vortreffliches Buch hat, dem es gelingt, mit Aktion und einer Reihe kleiner Nebenaspekte und Nebenhandlungen, die manchmal nur eine einzige oder einige wenige Szenen umfassen, den Figuren psychologische Schärfe zu verleihen, sondern auch eine Riege aus Stars und Charakterdarstellern aufbietet, die ihm Glaubwürdigkeit verleihen. Stewarts Cobb ist ein Mann, der irgendwo unterwegs aufgegeben hat. Er will seinen Frieden und dafür bestellt er lieber „schlechtes“ Land, das ihm niemand nimmt, als daß er – dem amerikanischen Traum folgend – weitergezogen wäre nach Oregon, wo er und seine Frau einst hinwollten. Die Bewohner der Stadt, allen voran Mr. Whittier, der Krämer, betrachten sich selbst als Loser, als Verlierer, die einen Ort bewohnen, der für Leute wie sie wie geschaffen scheint. Durch das unwirtliche Nest, dessen Gebäude nicht einmal eine wirkliche Straße ergeben, sondern wie wirr in die Landschaft gestellt wirken, fegt beständig ein trockener Wind, der Türen und Stallpforten klappern und scheppern läßt, die Windräder zum Quietschen bringt und trockenes Gestrüpp – Tumbleweed – durch die Leerräume zwischen den Gebäuden treibt. Ein „Sarg von einer Stadt“, wie es Larkin gegenüber Evelyn einmal ausdrückt.

Larkin selbst bleibt im Grunde die unzugänglichste aber auch oberflächlichste Figur im Reigen und sein Verhalten wirft auch die einzigen kritischen Fragen auf, die man dem Script stellen muß: Woher stammt seine Motivation, es zum Äußersten kommen zu lassen, wenn die Stadt ohne Hilfe ist und seine Männer Arthur schließlich aufhängen? Zuvor wirkt er besonnen, wenn auch bereit zur Gewalt, ein Mann, der eigentlich weiter will und kein Interesse an Händeln mit der Bevölkerung vor Ort hat. Ist diese Tat einfach damit zu rechtfertigen – psychologisch zu rechtfertigen – daß er nur so die Macht über seine Männer erhalten kann? Und wenn dem so sei – wieso erzählt der Film uns nie von der Auseinandersetzung innerhalb der Gruppe? Die Figur ist relativ eindimensional und insofern irrt Hembus auch, wenn er Fonda unterstellt, hier eine Art Vorstudie zu betreiben zu einer seiner größten Rollen – die des Frank in Sergio Leones C’ERA UNA VOLTA IL WEST (1968), die er nur ein Jahr später spielte. Larkin und Frank sind nicht vom gleichen Stamme, denn Larkin wirkt nicht wie jemand, der Spaß an Destruktion und Gewalt hat. Wohl verachtet er die Zivilisation und die bürgerliche Gesellschaft und macht sich, wie seine Leute, über die „braven“ Bürger und ihren „Sheraf“ lustig. Doch wirkt dies nicht wie ein sadistisches Zeremoniell, sondern wie eben jene Verachtung, die all die Antihelden der Spätwestern charakterisieren, die sie einer Gesellschaft entgegen brachten, die im Grunde keinen Platz mehr für sie bot – sei es Tom Doniphon in Fords THE MAN WHO SHOT LIBERTY VALANCE (1962), sei es Pike Bishop in Peckinpahs THE WILD BUNCH (1969) oder seien es die Männer, die mit Billy the Kid reiten in PAT GARRETT AND BILLY THE KID (1973) vom selben Regisseur. Larkin will weiter, in einen Westen, den es vielleicht schon nicht mehr gibt zum Zeitpunkt der Handlung, Frank ist ein bezahlter Söldner, der sehr wohl mit der „neuen Zeit“ zurecht kommt und dem nach eigener Aussage „eine Menge guter Ideen“ kommen, wenn er, wie ein Boss (einer Eisenbahngesellschaft beispielsweise), hinter einem Schreibtisch sitzt.

Am ehesten – und da kommt dann eine weitere Geschicklichkeit des Buchs ins Spiel – kann man die Tatsache als Motivation für Larkins Sinneswandel betrachten, daß Arthur den Mann ja wirklich in den Rücken geschossen hat und es diese rauen Gesellen eben gewohnt sind, sich Gerechtigkeit zu verschaffen, wenn einem von ihnen übel mitgespielt wird. Auch da macht es sich Drehbuchautor Calvin Clements alles andere als leicht, indem er einen weiteren psychologischen Twist ins Spiel bringt: Diese Kerle, die da in das Örtchen geritten kommen, benehmen sich schlecht, das stimmt, verbreiten auch Angst und Schrecken, aber etwas wirklich Unrechtes tun sie zunächst nicht. Das drückt Cobb ja auch immer wieder in seiner steten Weigerung, sie zur Rede zu stellen, sie der Stadt zu verweisen etc., aus. Zudem findet ein junges Mädchen wie Leah (Brooke Bundy) einen Kerl wie Earl sogar attraktiv, nachdem der sich bei ihrer ersten Begegnung recht bedrohlich benommen hatte. Daß Drew die Squaw vergewaltigen wollte, ist richtig, als Arthur ihn aber dann vor der Waffe hat, ist diese Situation definitiv vorbei, als er schießt, erschießt er einen Mann nicht nur von hinten, was im Western generell ein No-Go ist, sondern der ist zu allem anderen auch noch unbewaffnet. Nach den Mustern des Genres hat Arthur definitiv eines der schlimmsten denkbaren Verbrechen begangen.

Es sind noch einige solche psychologischen Kniffe zu bewundern: Cobbs Feigheit, die Stewart gut darstellt, seine Müdigkeit, sein Unwille, sich am Tag der Geburt seines dritten Kindes mit einer Situation wie der in Firecreek herrschenden auseinander zu setzen. Dieser Zug seines Charakters wird noch einmal unterstrichen, wenn wir erfahren, was es mit der Squaw und ihrem Kind wirklich auf sich hat und begreifen, daß schon hier Feigheit im Spiel war. Und zwar soziale Feigheit. Die Auseinandersetzung zwischen Earl und Drew, die Cobb unterbindet, weil er befürchtet, daß Earl seinen Kontrahenten ertränken könnte, ist ein weiterer Pluspunkt des Buches, denn es gelingt wie nebenbei, die Täterpsychologie ebenso wie eine gewisse Männerpsychologie auszustellen: Was Earl darf (seinen Kameraden demütigen und unterdrücken, ja, sogar sein Leben bedrohen), darf sonst noch lange keiner, erst recht niemand, der dem Kreis dieser Truppe äußerlich ist. Schließlich Inger Stevens‘ Evelyn, die Larkin tötet und damit auch ihre Vergangenheit, die sich befreit und eine Chance hat, vielleicht doch noch glücklich zu werden.

All dies sind nicht nur Charakterisierungen, die das Buch zu einem der damals besten im Western machen, sondern auch Reminiszenzen und Kommentare auf eine Film wie HIGH NOON. Grace Kelly als Amy erschießt einen Mann von hinten und bekennt sich damit – entgegen ihrer religiösen Überzeugung – zu ihrem Mann; in FIRECREEK wird dieselbe Tat zum Akt der Befreiung. Gary Cooper als Kane ist ein Mann in Angst, der aber an seine Pflichten und seine Verantwortung glaubt, der Hilfe sucht und als er sie nicht findet, den Kampf allein aufnimmt, bereit zu sterben. Cobb will nicht kämpfen, er ist feige, aber er ist auch kein Krieger, was er völlig klar äußert zu Beginn des Films: Er ist ein Farmer, dem man ein Amt angetragen hat, welches in diesem Kaff eigentlich gar nicht existiert. Wenn er dann anfängt zu kämpfen – im Grunde zu spät – und anfängt zu töten, dann ist sein Movens erst einmal Zorn. Er will Rache für den feigen Mord an Arthur. Die Bewohner der Stadt sind im früheren Film, also HIGH NOON, zwar feige, doch stehen sie auch für die Prosperität des aufkeimenden amerikanischen Kapitalsystems. Sie fürchten vor allem schlechte Schlagzeilen. Die Bewohner von Firecreek fürchten das Leben selbst.

Wenn HIGH NOON referenziell den amerikanischen weißen Mann als Individuum zeigt, das – damals zu Beginn dessen, was einmal das ureigene amerikanische Jahrzehnt, die 50er, genannt werden sollte – tut, was getan werden muß, auch wenn es ihm nicht gefällt, und damit ein realistisches Szenario aufzubauen suchte; wenn RIO BRAVO das Ideal dessen verkörpert, wie Amerikaner sich wohl gern selbst sehen – eben jenes Ideal von Gemeinschaft und Männerfreundschaft verkörpernd – , dann muß man wohl konstatieren, daß der 1967 gedrehte FIRECREEK Spiegelbild einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft ist, die einen nicht einmal mehr als gerecht wahrgenommenen Krieg führt, in der die Werte erodieren und die Jungen massiv gegen die Alten aufbegehren – und insofern einen Blick wirft auf das Unterbewusste dieser Gesellschaft, ihre Verrohung und Brutalisierung. Auf ihr ES. Die Szene während der Predigt im Krämerladen spricht Bände (und ist erneut ein Beispiel für gute Drehbucharbeit und im Grunde auch gute Regie): Während Earl in pubertärem Aufbegehren gegen die Religion selbst Sturm läuft, nimmt der sehr viel ältere Norman erst einmal den Hut ab. Auch ist es Norman, der schließlich dafür sorgt, daß der Gottesdienst weitergehen und ungestört zuende gebracht werden kann. FIRECREEK findet seine Bilder, um subtil seine vielleicht reaktionäre Botschaft auszusenden. Allerdings tut er dies auf eine auch zeitgenössisch angemessene Weise.

Es stimmt schon, was ihm oft vorgeworfen wird – daß der Film nämlich voller Reminiszenzen an den Italowestern stecke. Sowohl seine Brutalität, der Look seiner Protagonisten als auch die Kameraarbeit von Hollywoodveteran William H. Clothier beweisen dies. Dennoch ist es ein originär amerikanischer Western, der sowohl auf den amerikanischen Western selbst reagiert und verdeutlicht, wie sich die Rezeption im Laufe von 15 Jahren, die zwischen HIGH NOON und diesem Werk lagen, komplett verändern konnte, wie er auch die Zeitläufte aufgreift und spiegelt, indem er tiefes Unbehagen gegenüber einem Land und dessen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, das scheinbar schwach ist, feige vielleicht, und in dem die Jungen sich von den Alten nichts mehr oder nur sehr unwillig überhaupt etwas sagen lassen.

So gesehen, ist FIRECREEK – der in Deutschland den Titel unglücklichen Titel DIE FÜNF VOGELFREIEN trägt – schlicht ein Western, wie man ihn sich wünscht: Er ist nicht banal, verkompliziert seine Geschichte aber auch nicht. Er schreit NICHT, wie Hembus es behauptet, seine Anliegen heraus und auch kann man der Ansicht widersprechen, die fragwürdige Message sei, daß nur Gewalt helfe. Doch von all diesen so wertreichen Qualitäten abgesehen, ist es auch einfach ein verdammt spannender Western, mit gutem Personal, guter Action und einer stringenten Story. Alles, wie es sein soll!

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