DIE GESTALT DER RUINEN/LA FORMA DE LAS RUINAS

Ein großer Roman und eine heimliche, geheime, Geschichte Kolumbiens

Schreiben die Sieger die Geschichte? Gibt es hinter der offiziellen Wahrheit eine geheime Wahrheit, eine echte Wahrheit, eine wahrere Wahrheit? Und ist in dieser wahreren Wahrheit alles mit allem verbunden? Sind dort, an jenen dunklen, verborgenen Orten, die Verschwörer an der Arbeit, die geheimen Mächte und machtvollen Bünde? Ist die Geschichte in Wirklichkeit gelenkt? Ist sie eine Abfolge von immer gleichen Abläufen, hinter denen Planung, Konzeption und Konspiration walten? Und wer kann davon erzählen, wenn die Historiker selbst eine Verschwörung gegen die Verschwörungen angezettelt haben, sich die Wissenschaft mit sich selbst darauf geeinigt hat, daß Geschichte von Zufällen, Gegebenheiten und plötzlichen Kehrwenden lebt? Wer kann jenen ihre Stimme zurückgeben, die im großen Gesang der Historie nicht mehr zu hören sind?

Die Literatur. Das ist die Antwort auf diese Fragen. Es ist die Literatur, die es sich erlauben darf, da zu spekulieren, wo die Wissenschaft Beweise herbei bringen muß. Die Literatur ist der Ort, wo man sich noch einmal die großen Fragen stellen und Antworten anbieten darf, die nicht immer gefallen müssen und manchmal sogar gefährlich anmuten. Schon deshalb, weil die Literatur selbst in ihrer Konzeption einer Verschwörung gleicht: Nach so und so vielen Seiten, bspw. nach 518, wie in Juan Gabriel Vasquez´ Roman LA FORMA DE LAS RUINAS (Dt.: DIE GESTALT DER RUINEN/erschienen 2015), kommen die meisten Romane an ein Ende, beschließt der Autor seine Geschichte und wird sich Mühe geben, nicht allzu viele Fragen offen zu lassen, zumindest wird er sich mühen, dem Leser Möglichkeiten an die Hand zu geben, die diesen ermächtigen, sich seine Gedanken zu dem eben Erfahrenen, Erlesenen zu bilden. Die großen Verschwörungsromane, so sie sich denn nicht schlicht der reinen Unterhaltung hingeben, schaffen genau das: Ein Feld von Möglichkeiten, in dem der Leser sich verlieren kann. Möglichkeiten, die sich bestenfalls ihrer Fiktionalität bewusst sind und diese als Argument ihrer selbst mit anführen. Möglichkeiten, die sich die Wissenschaft selten erlauben kann, da die Abwesenheit des Beweises dem Verschwörungstheoretiker ja gerade der Beweis ihrer Existenz ist. Nur die Literatur hat das nahezu uneingeschränkte Recht, auf der Klaviatur dieser sich selbst beweisenden, sich selbst ermächtigenden Möglichkeiten zu spielen. Was dabei heraus kommt, muß nicht zwingend gute Literatur sein, es ist aber grundlegend die Verteidigung der Literatur in ihrem ureigenen Feld.

Juan Gabriel Vasquez ist offenbar ebenso fasziniert von der Möglichkeit der Verschwörung, wie der Großmeister der Verschwörungsliteraten, Umberto Eco. Und ebenso ist Vasquez von den Zweifeln befallen, in gesunder Äquidistanz zu den Möglichkeiten, die hermetische Weltbilder so verführerisch machen, weil sie komplexe und manchmal nur schwierig zu akzeptierende Vorgänge vermeintlich durchschaubar machen, erklären. Sie stiften Sinn, wo die scheinbare Sinnlosigkeit den Schmerz gebiert. Und wenn man aus einem Land wie Kolumbien stammt, geboren hinein in jene Generation, die in ihren Teenager-Jahren lernen musste, mit der Gewalt der Drogenkartelle ebenso zu leben, wie mit dem Terror der FARC-EP (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia – Ejército del Pueblo), dann hat man viel von diesem oft so sinnlosen Schmerz erlebt, gar verinnerlicht. Allerdings spielt die Terrorgewalt im Buch keine Rolle. Eher schon jene anarchischen Zustände, in die Pablo Escobar und das Medellín-Kartell das Land seinerzeit bombten und mordeten. Vaquez erzählt also vor allem auch von einer Gesellschaft, die brutalisiert ist, einer unsicheren Gesellschaft, einer unsicheren Demokratie, die sich ihrer Feinde nur schwer erwehren kann. Und er erzählt – in einer langen Volte – von den historischen Verstrickungen und Bedingungen, die eine solche Gesellschaft hervorgebracht und geprägt haben. Die Verschwörung als zugrundeliegendes Thema, als zentrales Motiv, ist dabei eher Mittel zum Zweck einer Analyse.

Der Schriftsteller Juan Gabriel Vasquez erinnert sich bei einer Nachrichtenmeldung, die davon berichtet, daß ein Mann in einem Museum versucht habe, an den von Kugeln durchlöcherten Anzug zu gelangen, den der liberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán am Tag seiner Ermordung, dem 9. April 1948, getragen hatte. Vasquez erzählt, wie er diesen Mann – Carlos Carballo – einst durch  die Vermittlung eines befreundeten Arztes kennengelernt hatte und wie Carballos Obsession mit dem Attentat auf den Politiker Gaitán, die sich zu einer Obsession an wesentlichen politischen Morden des 20. Jahrhunderts, allen voran jener Mutter aller Verschwörungen, dem Mord an John F. Kennedy, ausgeweitet hatte, auch ihn ergriff. Angefangen mit dem Mord an General Rafael Uribe Uribe, der einst für die Liberalisierung des Landes eingetreten war,  mit einem kurzen Streifzug zum Attentat an Franz Ferdinand und dem damit ausgelösten Ersten Weltkrieg, schließlich der Untersuchung der Ermordung Gaitáns und Kennedys, sucht Carballo nach Mustern, Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten – und findet sie. Findet die Hinweise auf jene Anwesenden, die irgendwer gesehen oder zumindest wahrgenommen hat, und nach denen doch nie gefahndet wurde. Findet die Spuren der Intrigen und Verschwörungen, die er zumindest im Fall Gaitán nachzuweisen können glaubt. Stößt auf ein Manuskript, daß ein privater Ermittler im Fall Uribe Uribe einst verfasst hat und der ob seiner Versuche, Licht ins Dunkel jener Konspiration zu bringen die totale soziale Vernichtung erleben musste.

Carballo schließlich verlangt von dem in seinen Augen nicht unbedingt talentierten Schriftsteller Juan Gabriel Vasquez die Niederschrift seiner Erkenntnisse um die Ermordung Jorge Eliécer Gaitáns, inklusive seiner sehr persönlichen, familiären Verstrickung in den Fall. Und Vasquez, gedrängt durch ein Versprechen, das er seinem Freund, dem Arzt, gegeben hat, willigt trotz aller Zweifel schließlich ein – was zu dem Buch führt, das der Leser eben in der Hand hält. Es ist eine Tour de Force durch die Abgründe konspirativen Denkens, zugleich gelingt es Vasquez aber, dieses Denken als meist persönlich motiviert zu entlarven, es zwar nicht als pathologisch obsessiv zu denunzieren, aber doch psychologischen Dispositionen entstammend zu beschreiben, ihm dennoch aber auch eine gewisse Berechtigung als Zugriff auf eine sperrige Wirklichkeit zuzusprechen. Gerade in einem Land, in dem Gewalt lange Zeit vor allem von oben nach unten ausgeübt wurde, wo eine Feudalklasse in Verbrüderung mit dem Klerus, vornehmlich den Jesuiten, eine wirkliche Demokratisierung – trotz der nominellen Verfasstheit als Republik, die Kolumbien seit 1886 war – lange und intensiv mit vielen lauteren wie unlauteren Mitteln zu verhindern suchte, kann der Glaube an Verschwörungen bestens gedeihen. Doch gelingt Vasquez darüber hinaus viel mehr: Er erklärt ein Land aus den Abgründen seiner Geschichte, er erklärt zugleich den kulturellen Status, den gerade Literatur (allen voran natürlich Gabriel Garcia Marquez) in einer Gesellschaft einnimmt, die in vielerlei Hinsicht unfrei ist, er erzählt von sich und seinem Werdegang als Autor und Mensch, erzählt von der Verstrickung persönlicher Schicksale mit dem der Gesamtgesellschaft, der Geschichte und des Landes, in dessen Wirklichkeit man geworfen wird.

Das ist fulminant geschrieben, packend erzählt, es ist spannend, manchmal ergreifend, gelegentlich ermüdend, wenn man sich, gerade was das Kennedyattentat betrifft, durch lange bekannte Details liest, immer hintergründig und erkenntnisreich. Vasquez bedient sich postmoderner Mittel des Pastiche, der Collage, bettet mitten in seine Erzählung die des Ermittlers Anzola und seiner Erkenntnisse im Fall Uribe Uribe ein, die gut 150 Seiten umfasst, unterfüttert seine Geschichte mit Belegfotos und ist im eigenen Text immer anwesend. Und weist doch in einem Nachsatz darauf hin, daß der Leser es mit einem Roman zu tun habe. Genau darin liegt die Qualität des Werks: Als Roman, als Literatur, kann es sich eben erlauben, die Spekulation ernst zu nehmen, kann sich erlauben, verschwörungstheoretischen Ansätzen zu folgen, ohne sich damit ins historische Abseits zu stellen und kann damit einmal mehr der Literatur ihren ganz eigenen und einzigartigen Stellenwert beweisen: Sie ist neben der Wissenschaft und der medialen Berichterstattung die Säule der Erkenntnis, die wesentlich dazu beiträgt, ein Bild zu erweitern, Möglichkeiten aufzuzeigen, die wahrscheinlich niemals wissenschaftlich hinreichend belegt werden könnten und ist damit in der Lage, Vielschichtigkeit zu erzeugen, wo Eindimensionalität bequemer wäre. Und es ist eine große Qualität dieses Romans, immer auch  um die Frage zu kreisen, inwiefern man sich als ernst zu nehmender Literat genau diesen Spekulationen überhaupt hingeben darf?

Juan Gabriel Vasquez ist ein großer Roman gelungen, der keineswegs als Verschwörungsthriller mißverstanden werden sollte. Vielmehr ist es ein Werk über die Möglichkeit der Konspiration und ihrer zersetzenden Wirkungen – eben nicht nur politisch und gesellschaftlich, sondern auch psychisch bei jenen, die ihr auf der Spur zu sein glauben. Es ist ein Roman, der wie die meisten großen Romane mal dahingleitet und den Leser mitnimmt, ihn einlädt und führt, der aber auch sperrig sein kann, sich widersetzt und die Lektüre durchaus anstrengend machen kann. Wer hier eintritt, der sollte wissen, daß er sich auf eine große, weitreichende und tiefgreifende Geschichte einlässt, die durchaus das Potenzial hat, die Wirklichkeit einmal mehr zu erschüttern. Im besten Sinne: Literatur.

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