JAHRE DES JÄGERS/THE BORDER

Don Winslow schließt sein Epos um den War on Drugs fulminant ab

Eins weiß man nach der Lektüre von Don Winslows Thriller JAHRE DES JÄGERS (2019; Original THE BORDER, erschienen 2019) mit Sicherheit – der Mann kann den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten, Donald Trump, nicht ausstehen. Im (wahrscheinlich) abschließenden Teil der Serie um Art Keller, jenen DEA[1]-Agenten, der sich seit den 70er Jahren dem Kampf gegen die mexikanischen Drogenkartelle verschrieben und dabei nahezu jede Grenze menschlichen Anstands überschritten und sowieso alle rechtsstaatlichen Prinzipien aufgegeben hat, spielt Präsident Dennison eine entscheidende Rolle. Und dieser Mann, der im Text selbst nur ein einziges Mal – und dann eher indirekt – auftaucht, als mediales Dauerfeuer aber häufig zugegen ist, gibt sich anhaltenden Twittertiraden gegen alles und jeden hin, den er nicht mag oder der ihm in seinem Machtstreben gefährlich werden könnte. Und diese Twitterergüsse erinnern erstaunlich wortgetreu an jene von Trump. So sad.

Nach TAGE DER TOTEN (2015; Original THE POWER OF THE DOG; erschienen 2005) und DAS KARTELL (2015; Original THE CARTEL, erschienen 2015) bringt Winslow seine epische Saga um den Kampf gegen Marihuana, Koks und das Heroin nun also zum Abschluß. Keller ist älter geworden, ruhiger nicht. Am Ende des zweiten Teils sahen wir ihn aus dem Dschungel von Guatemala stolpern, nachdem er mit Hilfe seines Erzfeindes Adán Barrera und dessen Sinaloa-Kartell die Zetas, eine der grausamsten, sadistischsten und gnadenlosesten Organisationen im mexikanischen Drogenkrieg, zu Fall gebracht hatte. Daß Keller Barrera zudem ebenso gnaden- wie skrupellos getötet hat, wissen wir auch, doch behält er dies lieber als Geheimnis für sich. Er teilt es allerdings ungewollt mit Eddie Ruiz, einem der wenigen Nicht-Mexikaner, die es in den Organisationen der Narcos zumindest in eine höhere Position, wenn auch nicht gleich zum Chef, gebracht haben.

Das Spannungsfeld zwischen Kellers neuer Aufgabe als DEA-Direktor, den Kämpfen um die Vorherrschaft nach dem Tod Barreras und dem Zerfall seines Kartells und schließlich Eddie Ruiz´ eigenen Plänen, nachdem er eine zwar mehrjährige aber vergleichsweise kurze Haftstrafe verbüßt hat, rahmt die Handlung des knapp 1000 Seiten umfassenden Romans. Dazwischen gibt es etliche Nebenstränge, Nebenhandlungen, Nebenfiguren, die Schauplätze wechseln zwischen diversen Orten und Regionen Mexikos, der Ost- und der Westküste der USA, zwischen Washington, D.C., Staatsgefängnissen, San Diego und immer wieder den Grenzstädten Tijuana und El Paso/Ciudad Juárez.

War Teil Eins der Saga eine Art moderner Western, der sich in den Dschungeln Süd- und Lateinamerikas und größtenteils in Mexiko abspielte, voller Action und manchmal an die Grenze des Erträglichen reichenden Szenen unfassbarer Gewalt und Menschenverachtung, größtenteils aber historisierend, da in den 70er und 80er Jahren angelegt, erzählte Teil Zwei sehr direkt von jenem Krieg der Kartelle, der in den Jahren 2004 ff. auch die Seiten europäischer Tageszeitungen immer wieder füllte. Die schiere Masse an Toten, die Grausamkeiten, die verschwundenen Zivilisten, Studenten, Helfer, Journalisten, die Leichenteile auf Bürgersteigen, Müllkippen und an Autobahnbrücken hängend erzählten von einer derart brutalisierten Gesellschaft, wie es außerhalb des Landes kaum zu fassen war. Von nahezu 100.000 Toten war in diesen Jahren die Rede, die meisten davon im Grunde Unbeteiligte.

Dennoch wirkte DAS KARTELL ein wenig wie immer mehr vom Gleichen. Daß Winslow hervorragend recherchiert, es wie kaum ein zweiter versteht, seine fiktionalisierten Geschichten unmittelbar mit der Realität kollidieren zu lassen und sie somit nicht nur ergänzt, sondern auch oft erklärt, steht außer Frage. Daß der Krimiautor darüber hinaus natürlich unterhalten will, Spannung erzeugen, ist ebenfalls klar. Eine gewisse Neigung zu explizit geschilderter Gewalt kann man ihm nicht absprechen. Aus der Sicht des Schriftstellers notwendige Maßnahme, um zu verdeutlichen, mit wem oder was der Leser es da zu tun hat, aus Sicht des Lesers dann gelegentlich doch zu viel des „Guten“. Schwachstelle seiner Romane war, wenn überhaupt, die Schilderung des Innenlebens der Kartelle, der einzelnen Familien und Organisationen. Denn da wird Winslow schlechterdings nur begrenzten Einblick gehabt haben und diejenigen, mit denen er gesprochen hat – und er hat mit einigen Vertretern der Kartelle gesprochen – werden ihre jeweils ganz eigene Agenda gehabt haben, wie sie etwas darstellten oder dargestellt haben wollten. Es wird auf ihre Loyalitäten und Geheimnisse angekommen sein. So wirkten die Beschreibungen, die sich ausschließlich auf diese Teile der Geschichte(n) konzentrierten oft ein wenig, als seien sie entsprechenden Filmen oder TV-Serien entnommen. Wirklich stark war Winslow dort, wo er die Querverbindungen, die Konkurrenzen und die Politik innerhalb und zwischen den diversen Diensten der amerikanischen Exekutive beschrieb. Manchmal hätte man sich da gar mehr von gewünscht.

Wem es so ging, der kommt in JAHRE DES JÄGERS wirklich auf seine Kosten. Winslow lässt den politisch eher desinteressierten Art Keller eine Wandlung durchmachen. Der einstige Falke, Vertreter harter und härtester Maßnahmen gegen die Kartelle – in den 70ern war er an geheimen Programmen wie jener „Aktion CONDOR“ beteiligt, bei der Hunderte und Tausende Hektar mexikanischen Agrarlandes zerstört und unfruchtbar gemacht wurden, um den Anbau von Marihuana und Opium zu unterbinden – der auch vor rechtsstaatlich äußerst fragwürdigen Deals und Grenzüberschreitungen aller Art nie Halt machte, sieht nun nach und nach ein, daß all diese Maßnahmen und Aktionen wenig bis gar nichts eingebracht haben. Wurde ein Boss getötet, wuchs ein neuer heran oder es kam zu einem kurzfristigen Krieg, aus dem am Ende immer eine Familie, eine Region, ein Kartell gestärkt hervorging. Gemessen an materiellem und finanziellem Aufwand, war der „War on Drugs“, der nahezu 50 Jahre anhielt, der aufwendigste und teuerste Krieg, den die Vereinigten Staaten in ihrer Geschichte jemals führten. Also will Keller nun an jene ran, die aus den USA heraus die Geschäfte der Kartelle unterstützen, mit ihnen gemeinsame Sache machen, er will aber auch, daß die Programme, Süchtigen zu helfen, die Art der Bestrafung, generell das Justizsystem in Hinblick auf Drogennutzung und -handel reformiert und angepasst werden.

Mit dieser Erkenntnis Kellers zieht eine soziale Wirklichkeit in Winslows Roman ein, die zuvor gelegentlich angerissen wurde, die man aber auch oft vermisste. Die Realität der Opfer auf den Straßen Detroits, Chicagos, in der South Bronx oder East L.A. wurde zwar nicht gänzlich ausgespart, doch spielte sie eine eher untergeordnete Rolle. Das ändert sich nun radikal. Da Keller nun selbst ein mehr oder weniger politisches Amt innehat und nicht mehr mit einer Sig Sauer bewaffnet Jagd auf seine Feinde macht, muß er sich in einem noch viel undurchsichtigeren Dschungel als jenem in Guatemala zurechtfinden. Natürlich neigt er auch hier zu Alleingängen, trifft einsame Entscheidungen und umgibt sich mit einem kleinen Kreis Eingeweihter, mit denen er sich bemüht, an die heranzukommen, die Geld waschen, die mit mexikanischen Großkonsortien verhandeln, bei denen die Kartelle ihr Geld investieren. Und dabei stößt er auf Verbindungen, die bis in die Kreise des designierten Präsidenten reichen. Das schlimme ist: Das wirkt nie, nicht eine Seite lang, wie eine Räuberpistole. Daß Typen wie Trump oder sein Schwiegersohn Jared Kushner mit eben solchen Leuten, wie Winslow sie beschreibt, in teuren Hotelsuiten zusammengekommen sein könnten, ist absolut vorstellbar. Und so läßt es sich der Autor auch nicht nehmen, den Schwiegersohn im Buch an einer Stelle sagen zu lassen, daß es vollkommen egal sei, von wem die Gelder kämen – den Mexikanern oder den Russen – man sei jetzt in einer Position, wo man machen könne, was man wolle, denn man sei unantastbar. Auch wenn uns die Realität von einem Deal mit russischen Diensten zuraunt, die die Wahl Trumps in den sozialen Netzwerken unterstützt haben sollen, so könnte ein solcher Satz auch in diesem Zusammenhang durchaus gefallen sein.

Nein, Don Winslow mag Trump und dessen Entourage nicht, das ist mal gewiß. Aber er lässt sich von dieser Art Abneigung nicht verleiten. Er bleibt streng an seinem Handlungsfaden und führt uns einmal mehr durch mehrere Jahre – ca. 2014 bis Ende 2017 – , um uns zu erklären, wie sich die mexikanischen Kartelle wieder neu formieren und sich immer wieder neue Machtzentren bilden. Und er bietet ganz nebenbei die bisher plausibelste Erklärung für das Verschwinden jener 43 Studenten in Iguala, die seit 2014 vermisst werden und von denen man mittlerweile weiß, daß sie ermordet wurden.

JAHRE DES JÄGERS ist packend geschrieben, allerdings braucht der Roman eine Weile – die ersten ca. 200 Seiten vielleicht – bis er wirklich auf Betriebstemperatur kommt. Bis dahin muß man sich einmal mehr durch ein Gewirr von Figuren und zunächst unübersichtlich wirkenden Handlungssträngen kämpfen. Doch es lohnt sich, dranzubleiben. Mit jeden 50 Seiten, die man liest, wird man tiefer in diese Geschichte hineingezogen, bis man sich ihr kaum mehr entziehen kann. So ist hier ein durchaus realistischer Politthriller gelungen, der ein Schlaglicht auf die amerikanische (Drogen)Wirklichkeit der ersten Jahrzehnte des neuen Jahrtausends wirft, ein Roman, der hart an der Realität segelt und sich doch auch genügend Freiheiten nimmt, den Leser spannend zu unterhalten. Und ganz nebenbei ist es ein wahrlich bedrückender Kommentar auf die politische Wirklichkeit eines Landes, das immer so große Stücke auf seine Liberalität, seine Demokratie und Traditionen gehalten hat. Wenig ist das alles noch wert, wenn in den ersten und den letzten Szenen, wenn das Buch an seinen Anfang zurückkehrt, das Vietnam Veterans Memorial unter dem Dauerfeuer eines aus höchsten Kreisen bezahlten Killers zerplatzt und zerbirst. Ein grausiges Bild, vielleicht aber die passendste Metapher, die man für diese amerikanische Wirklichkeit momentan finden kann.

 

[1] DEA = Drug Enforcement Administration

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