DIE ROTE TAPFERKEITSMEDAILLE/THE RED BADGE OF COURAGE: AN EPISODE OF THE AMERICAN CIVIL WAR//DER VETERAN/THE VETERAN

Einer der ersten modernen Kriegsromane

Nichts Neues am Rappahannock – so fasst es der Held Henry Fleming in Stephen Cranes Bürgerkriegsroman DIE ROTE TAPFERKEITSMEDAILLE (THE RED BADGE OF COURAGE, erstmals erschienen 1894/95; Dt. hier in der Neuübersetzung von Bernd Gockel 2020) zusammen und meint es exakt so, wie Erich Maria Remarque den Satz für seinen Roman IM WESTEN NICHTS NEUES (1928) paraphrasierte: Ein Mensch stirbt, ein ganzes Regiment wird aufgerieben, Leben verschwinden einfach im Geschützdonner und den Einschlägen der Mörsergranaten – im Frontbericht bleibt alles beim Alten. Keine besonderen Vorkommnisse.

Exakt so empfindet es Fleming bereits mehr als vierzig Jahre, bevor sich die Nationen im 1. Weltkrieg in den Schützengräben Europas die Köpfe einschlugen. Er ist ein junger Rekrut in der Potomac-Armee der Union, dem größten Kampfverband, den die Nordstaatler während des vierjährigen Schlachtens des amerikanischen Bürgerkriegs (1861-1864) stellten. Cranes Roman umfasst als Handlungszeit lediglich zwei Tage, in denen das Regiment des jungen Mannes an einer gewaltigen Schlacht teilnimmt, dabei mal vorrückt, mal fliehend den Rückzug antreten muß, Tage, in denen viele Männer ihr Leben lassen und einige über sich hinauswachsen und in denen sich Fleming immer wieder den eigenen Ängsten, aber auch seiner Überheblichkeit anderen gegenüber, stellen muß.

Kurz gibt Crane dem Leser einen Eindruck von jenen Momenten, da die Mutter erfährt, daß ihr Junge in den Krieg ziehen will. Er beschreibt die Zerrissenheit zu wissen, daß es ein übergeordnetes Ziel gibt, für das zu kämpfen sich lohnt, und der Angst um das Leben des Kindes – und dessen eigener Angst zu begegnen, das junge Leben zu verlieren. Crane stattet seinen jungen Mann mit einem enormen philosophischen Drang aus, die eigene Lage zu begutachten und sich dem eigene Ich, jenen Bereichen des eigenen Ichs zu stellen, die man nicht kennt und vielleicht gar nicht kennen will. Denn dort lauern die Dämonen. Die Feigheit einerseits, jene Angst, in den eigenen Augen und vor denen der Kameraden zu versagen in jenem Moment, in dem es drauf ankommt, andererseits die Ahnung, selbst zu unaussprechlichen Taten fähig zu sein, wenn es drauf ankommt. Beides wird Fleming im Laufe der gut 230 Seiten des Romans kennenlernen, und beides wird ihn in seiner Entwicklung, in seinem Reifeprozess voranbringen. Denn daran lässt Crane keinen Zweifel aufkommen: Der junge Mann wird im Krieg geformt, geschult und erlebt sein Mannesritual. Auch wenn es weitaus weniger heroisch daherkommt, als es einige seiner Epigonen bspw. nach dem 1. Weltkrieg gesehen haben.

Zunächst – am ersten Tag der Schlacht – rennt Fleming, als es losgeht und zieht sich weit vom eigenen Regiment zurück, damit niemand Zeuge seiner Schande wird; dann – am folgenden Tag der Schlacht – wächst Fleming über sich hinaus, kämpft an vorderster Front, befindet sich in einer Art Blutrausch, reißt, als der Träger fällt, die Fahne an sich und verteidigt sie bis zum Abend und dem vorläufigen Ende der Kampfhandlungen.

Dabei wandelt Fleming immer auf dem schmalen Grat zwischen Selbstüberschätzung – er will unter allen Umständen ein Held sein und als solcher auch bewundert werden – und der steten Angst, eben doch dem, was da kommt, nicht gewachsen zu sein und in Anbetracht des Molochs Krieg Reißaus zu nehmen. Crane gelingt es jedoch, diese Reflektionen – geschrieben ist das Ganze aus einer auktorialen Erzählperspektive, die sich jedoch nahezu gänzlich der des Protagonisten anschließt – nicht als etwas an sich Heroisches darzustellen, sondern sie als nahezu normale innere Bewegung eines jungen Mannes darzustellen, der mit etwas konfrontiert wird, dessen Ausmaße er nicht begreift oder auch nur überblicken kann. Etwas, von dem er sich verspricht, daß es seinem Leben tieferen Sinn verleiht und das ihn eben doch zutiefst ängstigt. Eine vollkommen normale und nachvollziehbare Reaktion also. Daß ein junger Kerl sich Ruhm und Anerkennung wünscht, wenn er bereit ist, sein Leben einer höheren Sache zu opfern, lässt sich dabei nachvollziehen.

DIE ROTE TAPFERKEITSMEDAILLE ist dabei alles andere als ein kriegsverherrlichendes Buch, auch wenn es Passagen gibt, bei denen der Leser meint, sie so eben auch bei Ernst Jünger in dessen Weltkriegsepos IN STAHLGEWITTERN (erstmals erschienen 1920) schon gelesen zu haben. Gut möglich, daß der Autor Cranes Werk kannte und jene den Krieg leicht mythifizierende Formulierungen übernommen und dann in einen anderen Kontext gestellt hat. Crane schildert den Kampf zwar als eine Schule des Lebens, nicht aber als etwas Überhöhtes, auch nicht als ein Erweckungs- oder ein Initiationsritual, sondern als einen menschgemachten Bruderkampf (der gerade dieser Krieg ja auch wirklich war), in dem der einzelne nichts, die Sache alles zählt. Thomas F. Schneider weist in seinem sehr lesenswerten Nachwort zur neuen deutschen Ausgabe darauf hin, daß Cranes Werk zu den ersten Titeln zu rechnen ist, die genau diesem Umstand Rechnung trugen, die den Krieg eben nicht als Heldenepos und Schlachtengetümmel aus der Sicht von Generälen und Offizieren schilderte, sondern aus der Sicht des einfachen Kadetten, des durchschnittlichen Soldaten, der die Befehle nicht kennt, der von anderen – und schließlich sich selbst – als Kanonenfutter, reine Humanressource betrachtet und verheizt wird.

So ergeht es auch Fleming und seinem Freund Wilson, mit dem er den zweiten Tag der Schlacht Seite an Seite kämpft. Sie wissen weder, wo genau sie sind, noch, wie die genauen Befehle lauten, sie preschen vor, wenn alle das tun, und ziehen sich zurück, wenn ihnen die Lage zu gefährlich erscheint. Dafür erleben sie in den Kampfpausen viel Freundschaft und Zuspruch von anderen gemeinen Soldaten und Fleming muß begreifen, daß er eben nicht der Einzige ist, der Angst hat und sich mit Gedanken an Flucht trägt. Allerdings muß er ebenfalls begreifen, daß seine Gründe nicht, wie er sich das eine Weile zurechtlegt, besser sind, als die der anderen, weil er in seiner Selbstwahrnehmung die Dinge besser, sprich: philosophischer, durchdacht habe. Vielmehr haben letztlich jedwede Angst und all ihre Begründungen ihr eigenes Recht. Konsequent erfahren wir als Leser dementsprechend nie, in welcher Armee Fleming eigentlich genau dient, obwohl man anhand der frühen Beschreibungen im Buch relativ deutlich erkennen kann, daß es sich um die Potomac-Armee handeln muß. Überhaupt nichts erfährt der Leser darüber, um welche Schlacht es sich im Buch eigentlich handelt. Die Wissenschaft geht davon aus, daß Crane sowohl die Schlacht bei Chancellorsville (1. Bis 4. Mai 1863), als auch jene in der Wilderness (5./6. Mai 1864) als Vorbilder genutzt hat. Wie die Datumsangaben belegen, lag allerdings nahezu genau ein Jahr zwischen den beiden Waffengängen, die im ersten Fall der Süden für sich entscheiden konnte, während die spätere Schlacht ohne eindeutigen Sieger blieb[1].

Ebenso wenig, wie man die genauen Umstände der Schlacht erfährt, wird auch nur ein einziger Name der historisch verbürgten Befehlshaber genannt, die damals das Kommando führten. Crane bricht also konsequent mit der Art des Kriegsromans, wie man ihn bis dato kannte. Lediglich Stendahls Beschreibung der Schlacht von Waterloo in seinem Roman DIE KARTAUSE VON PARMA (LA CHARTREUSE DE PARME/1839) könnte Crane als Vorlage gedient haben, ließ der Autor seinen Helden Fabrizio doch ebenfalls völlig unvorbereitet in das Kampfgetümmel auf den Feldern Belgiens stolpern. Daß Crane Vorbilder gehabt haben muß, beweist die erstaunliche Tatsache, daß er – was auch zeitgenössische Leser kaum glauben mochten – kein Veteran des Bürgerkriegs war. Ganz im Gegenteil wurde er erst sechs Jahre nach Beendigung des Krieges geboren. Umso erstaunlicher, wie eindringlich seine ausgesprochen realistischen – und dabei teils auch drastischen – Beschreibungen der Kämpfe sind, er zugleich aber auch ein authentisches Seelenportrait seines jungen Helden liefert.

Gepaart ist dies allerdings mit einer weiteren Ebene, die Crane dann über dieses Werk hinaus als großen Autor verortet: Es gelingt ihm gerade in den Beschreibungen von Flemings panischer Flucht aus der Frontlinie am ersten Tag der Schlacht, etwas nahezu Metaphysisches zu extrahieren, indem er ihn in seiner durch Adrenalin, Angst und den Schock des Gesehenen extrem geschärften Wahrnehmung eine Natur erblicken lässt, die sich von dem Fliehenden abwendet, die sich überhaupt abzuwenden scheint von dieser Spezies, die sich gegenseitig an den Kragen geht und dabei vor keiner Gemeinheit, keiner Brutalität zurückschreckt. Eine Natur, die sich vollkommen indifferent dem Menschen und seiner Welt gegenüber verhält und mitleidlos dem Grauen zuschaut, wie sie, ebenso klaglos, die Zerstörungen hinnimmt, die ihr selbst durch des Menschen Händel widerfahren. Immer wieder beschreibt Crane diese Zerstörungen, beschreibt die zerschossenen Bäume, die von Granaten in die Wälder gerissenen Hohlwege. Und er beschreibt die Leichen, die diese Landschaft übersäen. Der Tod ist hier zugleich etwas vollkommen Abstraktes, das sich dem menschlichen Erfassen entzieht, und etwas ganz und gar Konkretes, das den Betrachter geradezu anspringt.

Den Krieg selbst beschreibt Crane als einen Moloch, etwas Entfesseltes, das sich dem menschlichen Erfassen widersetzt und das er in seinen Metaphern zunächst selbst wie eine entfesselte Naturgewalt beschreibt, bevor er mehr und mehr dazu übergeht, den Krieg als etwas eben Menschgemachtes und also einen Bestandteil der durch Menschen hervorgebrachten Kultur zu apostrophieren, wodurch er ihn als einen der menschlichen Natur entsprechenden Zustand benennt. Erst spät, auf den letzten Seiten des Romans, kehrt er noch einmal zu den Naturmetaphern zurück. So stehen sich die Natur und der Krieg wie zwei Antipoden, zwei Bedingungen des Daseins, wie der Mensch es erlebt, gegenüber, ergänzen einander und entsprechen einander.

Cranes Roman liest sich streckenweise sehr modern, einige der (zumindest in der Übersetzung) Beschreibungen könnten aus Frontberichten des ersten und zweiten Weltkriegs stammen; und doch schleppt sich der Text passagenweise auch wieder dahin. Allzu viel Pathos für den heutigen Leser lässt Crane dem allen angedeihen. Vielleicht ist es ein kluger Schachzug gewesen, einen sehr jungen Mann, eher einen Jüngling, zum Helden des Romans zu machen. Das Pathos ist in gewisser Weise auch der emotionale Ausdruck der Jugend, die viele Gefühle schlicht noch nicht in ihrer ganzen Differenz und Immanenz kennengelernt hat. Immer schon war dies ein Anreiz für Ältere, Junge mit hehren Worten in den Tod zu schicken, gleich ob für Gott, den Kaiser oder das Vaterland. Leider auch für Demokratie und Freiheit – alles Worte auf Papier. Cranes Geschick liegt darin, dieses Pathos in Flemings Kopf auf die grausige Realität der Schlacht, des ultimativen unmittelbaren Erlebens, prallen zu lassen. In seiner Erschütterung wünscht sich der Junge irgendwann jene titelgebende Tapferkeitsmedaille, die tatsächlich eine Verwundung darstellt. Die einem Angeschossenen aus dem Leib hängenden Organe erinnern Fleming an einen Orden. In diesem Fall wäre es der Orden heraus aus dem Wahnsinn, der um ihn herum herrscht.

Man kann auch weit über Hundert Jahre nach Erscheinen dieses erstaunlichen Romans nur über die Fähigkeiten dieses jungen Schriftstellers wundern. Wie es ihm gelungen ist, ein Geschehen einzufangen, welches er nicht erlebt hat, wie genau er die Seelenpein dieses jungen Mannes beschreibt, geradezu durchdringt, wie exakt er in seinen Beobachtungen und Ausführungen ist, zeugt von einem hohen Maß an Kenntnis des menschlichen Daseins und der Psyche des Menschen, vor allem der männlichen Psyche. Es erstaunt wenig, daß neben Joseph Conrad, der sich als Cranes Freund bezeichnete, oder H.G. Wells sich auch Autoren wie Jack London oder Ernest Hemingway auf Stephen Crane und seinen wohl bekanntesten Roman beriefen. Und mit Sicherheit hat er jene Autoren beeinflusst, die ihrerseits über das große Schlachten auf dem nordamerikanischen Kontinetn schrieben – Autoren wie Shelby Foote, E.L. Doctorow oder Robert Olmstead.

 

[1] In der in dieser Ausgabe ebenfalls abgedruckten Kurzgeschichte DER VETERAN (THE VETERAN/1896) erzählt der mittlerweile in die Jahre gekommene Henry Fleming allerdings von seinen Erlebnissen in der Schlacht von Chancellorsville. Ob Crane die Schlacht jedoch schon beim Verfassen des Romans so eindeutig im Sinn hatte, sei dahingestellt.

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