DUNKLE GEWÄSSER/EDGE OF DARK WATER

Joe R. Lansdale entführt seine Leser einmal mehr in die unwirtlichen Gegenden von Ost-Texas

Man hat vielleicht vier Seiten von Joe R. Lansdales DUNKLE GEWÄSSER (EDGE OF DARK WATER; erschienen 2012) gelesen, da ist man so tief in einen Sumpf aus Alkohol, häuslicher Gewalt, Sexismus, Rassismus und Menschenverachtung geraten, daß man für das, was später folgen wird, vollends gewappnet ist. Unter den vielen, vielen düsteren Geschichten, die Lansdale in seinen mittlerweile über vierzig Romanen und Short Story-Sammlungen erzählt hat, darf diese einen der vorderen Plätze für sich beanspruchen. Selten führte Lansdale seine Leser von Beginn an in eine solch düstere und hoffnungslose Welt, wie diese.

Angelegt ist das in Ost-Texas, Lansdales bevorzugtem Hintergrund für seine prosaischen Moritaten, dort, wo Rassismus, Armut und alltägliche, nahezu selbstverständliche Gewalt hart um die Ränge menschlicher Abgründe kämpfen. Irgendwann in den Jahren der Großen Depression wird hier die Leiche von May Lynn aus dem Wasser des Flusses gezogen. Aufgedunsen und den Flußbewohnern offenbar als Festmahl gereicht, wurde sie doch mit einer Nähmaschine derart beschwert, daß sie das Licht der trüben, heißen Tage nicht mehr erblicken sollte, liegt die einstmals so schöne May Lynn nun am Ufer. Dort blickt ihre Freundin Sue Ellen voller Entsetzen auf die Überreste und muß noch entsetzter feststellen, daß weder ihren Vater, der das tote Mädchen geborgen hat, noch ihren Onkel oder den herbeigerufenen Constable Sy, die lokale Polizeiautorität, sonderliches Interesse dafür aufbringen, wer für den Tod von May Lynn verantwortlich sein könnte. Und so beschließen Sue Ellen, die uns die Geschichte dessen, was in der Folge passieren sollte, erzählt, und ihre Freunde Terry und Jinx, die Asche von May Lynn dorthin zu bringen, wo die Verstorbene immer hinwollte, an den Ort all ihrer Sehnsucht: Hollywood im weit, weit entfernten Kalifornien.

Lansdale berichtet nun von dem Fluchtversuch dieser drei, wie kurzerhand Sue Ellens Mutter die Gelegenheit ergreift, um endlich ihr Leben zu ändern und sich anschließt, und wie die kleine Truppe versucht, auf einem Floß bis in die nächstgrößere Stadt zu gelangen, um von dort mit dem Bus gen Westen aufzubrechen. Dabei konfrontiert er den Leser mit einer solchen Ansammlung von Unwahrscheinlichkeiten und grausigen Details – May Lynn wird von ihren Freunden ausgebuddelt und verbrannt, weil sie als Asche natürlich leichter und unauffälliger zu transportieren ist, eine Menge Geld aus einem Raubüberfall spielt eine Rolle und der nahezu mythisch anmutende Killer Skunk heftet sich an ihre Fersen; außerdem machen die Vier die Bekanntschaft einer Menge seltsamer und seltsamerer Leute und der Tod ist immer in ihrer Nähe, lauert scheinbar nur darauf, auch sie mitzunehmen auf seine lange Reise – daß der Leser bald nicht mehr weiß, wo ihm der Kopf, wo der Magen steht.

Lansdales Tempo ist rasant, das ist man von ihm gewohnt, er lässt nichts aus und bietet hier eine moderne und grausige Version von Huckleberry Finns Reise auf dem Mississippi mit seinem Kumpel Jim. Und wie Huck sich einst als Mädchen verkleidete, um an Informationen zu gelangen, streift sich Lansdale die Ich-Erzählerin Sue Ellen über, um aus der Sicht einer Frau von all dem zu berichten, was er zu berichten hat. Und das ist – auch das ist man von Lansdales besseren und besten Erzählungen gewohnt – weitaus mehr, als pure Gewalt und unwahrscheinliche Begebenheiten, also schlichte, triviale Genreliteratur. Denn es gelingt dem Autor immer wieder, lyrische Passagen einzustreuen, in denen in recht profanen Worten sehr tiefe Gefühle wie Freundschaft oder auch die Liebe heraufbeschworen werden, aber eben auch solche, in denen, wie nebenbei, ohne darum sonderlich dramatisches Getue darum zu machen, von den extrem harten Lebensbedingungen vor allem jener berichtet wird, die an diesen Orten in Ost-Texas nicht männlich oder weiß sind. Besser: Männlich und weiß.

Die Gewalt und der Hass, die immer die Grundierung von Lansdales Geschichten sind, scheinen hier so alltäglich, daß die Ungeheuerlichkeiten, die in den spezifischen Erzählungen berichtet werden, keineswegs übertrieben wirken. Genau darin besteht Lansdales Kunst: Er entwirft sehr genau Panoramen der sozialen Bedingungen, des Umfelds, der Gesellschaft, in denen seine Protagonisten leben und in denen sie sich zurechtfinden müssen. Diese Menschen, vor allem, wenn sie weiblichen Geschlechts sind, schlimmer: weiblich und schwarz, wie Sue Ellens Freundin Jinx, oder – ganz schlimm – möglicherweise homosexuell, wie Terry, müssen sich in einer ihnen grundlegend feindselig gesinnten Umgebung behaupten. Nicht nur daheim gegen saufende und dann prügelnde Väter und Ehemänner, die sie meist viel zu früh heiraten, sondern auch gegen Gerüchte und Verleumdungen, gegen eine Staatsmacht, die in diesen gottverlassenen Gegenden fast ausschließlich durch die Polizei, bestenfalls noch den Friedensrichter, der meist ein Schwager oder Vetter des lokalen Sheriffs ist, repräsentiert wird und die in der Auslegung der Gesetze sehr eigenwillige Maßstäbe an den Tag legt. Hier bedeutet das Leben eines Menschen, letztlich auch das eines weißen Mädchens von vielleicht siebzehn Jahren, nicht viel, erst recht nicht, wenn er oder sie einen Ruf hat. Beispielsweise den Ruf einer ‚Schlampe‘ oder eines ‚Taugenichts‘ oder den einer ‚Schwuchtel‘. In solchen Fällen wird gern einmal überlegt, ob man die gefundene Leiche nicht einfach wieder dahin zurückpacken soll, wo man sie gefunden hat. Soll sich halt ein anderer drum kümmern. Wen kümmert´s?

Geprägt durch diese Alltagsgewalt und den überall herrschenden Rassismus, geprägt durch Armut und den früh im Leben schon begonnenen Kampf um so ziemlich alles, was das Leben lebenswert macht, wirkt das, was diese Figuren dann im Lauf eines Plots, wie er hier vorliegt, kaum mehr außerordentlich auf sie. Es sind letztlich nur die verschärften Bedingungen, unter denen man so oder so sein Dasein fristet.

Lansdale ist ein moderner Noir-Autor, seine direkten Vorfahren waren solche Meister des Düsteren wie Jim Thompson oder James M. Cain. Anders als sein entfernter schriftstellerischer Verwandter James Ellroy, wird Lansdale allerdings nie zynisch. Man darf das, was er erzählt, nicht mit seiner Haltung verwechseln. Die Welt aus der er erzählt mag eine zynische sein, eine rohe und raue, aber der Autor berichtet immer von Menschen, die sich allergrößte Mühe geben, sich diesen Widrigkeiten nicht hinzugeben, sich zu widersetzen, ihre Menschlichkeit zu bewahren und füreinander einzustehen. Deshalb sind Lansdales Geschichten oftmals auch große Freundschaftsepen. Er macht seine Figuren aber auch nicht besser als sie sind. Gerade in DUNKLE GEWÄSSER gelingt das exemplarisch – niemand hier, auch nicht die Erzählerin Sue Ellen, ist frei von Egoismen, keiner hier hat keine Fehler begangen. Und manche tragen Schuld mit sich. Und Lansdale gelingt es auf bewundernswerte Weise, diesen Menschen eine Sprache zu geben, die ihnen angemessen ist, die sie weder überhöht, noch entfremdet. Hier reden einfache, oft auch ungebildete Menschen miteinander und nutzen dabei eine einfache Sprache, in der sie gelegentlich sehr komplizierte Dinge, solche Dinge wie Gefühle bspw., auszudrücken versuchen. Und diese Versuche muten manchmal naiv oder oberflächlich, manchmal unbeholfen und verstockt an, aber Lansdale versteht es, uns die Träger dieser Sprache so zu charakterisieren, daß wir immer verstehen, weshalb sie so reden und nicht anders.

Einmal mehr verstecken sich in dieser scheinbar so trivialen Genreliteratur große Geschichten und tiefere Weisheiten, die uns von der Conditio humana künden. Wie so oft in der amerikanischen Literatur, liegt das Große im Kleinen, im Genre, in den genauen Beobachtungen der Alltagskultur, versteckt zwischen wilden Stories, manchmal lustigen Begebenheiten und in einem schnellen und actionreichen Plot. Lansdale ist in der Gegenwartsliteratur einer der Meister dieses Fachs.

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