EIN FRÜHLING IRRER HOFFNUNG

Erster Band von Erasmus Schöfers Tetralogie DIE KINDER DES SISYFOS

Ostern 1968. Der promovierte Historiker Viktor Bliss ist seiner Frau Lena von Marburg nach München gefolgt, wo sie eine Anstellung in den Werkstätten erhalten hat. Bliss, der auf die Freigabe seiner Forschungsstipendien wartet und ein wenig in der Luft hängt, schließt sich in München den politisch tätigen Gruppen an, wie er in Marburg mit seinem Doktorvater selbst  politisch aktiv gewesen ist. Die Notstandsgesetze drohen nach Ostern in der dritten Lesung in Gesetzesform gegossen zu werden. Bliss Bekanntschaft aus Berlin, Manfred Anklam, kündigt sich an, bei ihm auf einem Oster-Trip nach München unterzukriechen. Während Bliss und Lena Ostern mit Anklam verbringen, wird in Berlin auf Dutschke geschossen. Bei den anschließenden bundesweiten Demonstrationen, zu denen Viktor, Lena und Anklam in München selbstverständlich gehen, wird der Besucher schwer verletzt, was die drei zusammenschweißt. Bliss, dem die Stadt noch fremd ist und der sich auch im bayrischen Milieu fremd vorkommt, hat aber noch ganz andere Probleme: Seine Tochter, die mit ihrer Mutter nach Amerika ausgewandert ist, lebt mit einem U.S.-Flüchtling, dem die Einberufung zum Dienst in Vietnam droht, illegal in Kanada; Geldprobleme drücken ihn und Lena und er wollen, den Zeitläuften entsprechend, eine moderne Ehe führen, weshalb Bliss sie geradezu nötigt, mit seinem Kumpel Anklam zu schlafen, wobei er selbst dann feststellen muß, emotional doch weitaus konservativer, ja rundweg reaktionär, weil eifersüchtig zu sein, als er dachte. Selber flirtet er mit dem Gedanken, mit einer Freundin von Lena gen Jugoslawien zu entfleuchen, er könnte dort für 14 Tage an einem Westerndreh mitwirken. Da seine Dissertation sich mit der Verdrängung der Indianer beschäftigt, könne er hier als Berater tätig sein. Doch kommt Lena selber mit dem Angebot, daß Bliss sich an den Kammerspielen als Berater bei Peter Steins Weiss-Inszenierung des VIETNAM-DISKURSES betätige, man bräuchte hier jemanden, der historisch akkurat zur Historie des Landes und des Konflikts, der es erschüttert, referieren könne. So gerät Bliss in den Kreis um Stein, Bruno Ganz, Therese Giese, Hans Korte u.a. Schließlich ist er auch mit dem Skandal um den Theaterstreik gegen die Notstandsgesetze mitverantwortlich. Doch all die politische Arbeit, all die Aufregungen der Zeit können nicht übertünchen, daß die Beziehung zwischen Viktor und Lena Risse bekommen hat…

Manchmal am Rande der Seifenoper, meist auf einem formal wie inhaltlich hohen Reflexionsniveau, entführt Erasmus Schöfer den Leser in jene bewegten, aufregenden Maitage 68, als in Paris für einen Moment ernsthaft „REVOLUTION!“ in der Luft lag und in bundesdeutschen Großstädten mit den drohenden Notstandsgesetzen und den Schüssen auf Dutschke ebenfalls ein Kulminationspunkt erreicht zu sein schien. Klugerweise sucht sich Schöfer ein ihm vertrautes, künstlerisch geprägtes Milieu für den ersten Teil seines Panoramas einer Generation im Aufbruch. Und mit dem bereits in der Mitte seiner 30er Jahre angelangten Historiker Viktor Bliss schafft er sich eine Figur, vielleicht ein Alter Ego?, die nicht direkt dem studentischen, durchaus aber den jungen, links geprägten Universitätskreisen entstammt. Da Bliss auch noch mit der Geschichte der Indianer Nordamerikas beschäftigt ist, gibt es automatisch eine Meta-Ebene, die es erlaubt, sowohl Bliss als auch den Text – der weitestgehend aber aus Bliss Sicht der Geschehnisse berichtet – die herrschende Situation reflektieren und bereits historisch einordnen zu können. Allerdings kommt Bliss zu für seine Generation manchmal vielleicht noch gar nicht so typischen Schlüssen wie dem, daß die Vernichtung der europäischen Juden (von ‚Holocaust‘ sprach 1968 noch niemand) durchaus in einer Reihe historischer Verbrechen stehe. Solche Momente stehen im Text weitestgehend neutral, sind aber wohl durchaus wohl gesetzte Stolpersteine. Schöfer legt ein weites Feld an, das er in den folgenden Bänden wird bearbeiten können.

Es gelingt dem Roman auf bestechende Weise, das Spontane, den Aktionismus jener Tage einzufangen und widerzuspiegeln. Treffen in Küchen von Altbauwohnungen, Happenings und Demos, Diskussionsrunden bis in den frühen Morgen, die Zerrissenheit zwischen den klassischen politischen Tätigkeiten, wie Parteiarbeit für die verbotene KPD, und dem Idealismus der Studentenbewegung, die sich noch nicht in etliche dogmatische Kleinstgruppen zersplittert, sondern in dem titelgebenden FRÜHLING IRRER HOFFNUNG einem diffus linken, eher moralischer Empörung über den Krieg in Vietnam einerseits, die damit in Verbindung gebrachten Ereignisse in der Bundesrepublik andererseits entspringenden Protest hingibt und wie nebenher wird mit einigen Klischees aufgeräumt. Anders als heute gern verklärt, bezeichnet Schöfer schon eine deutliche Distanz der „politischen Studenten“ zu den „Hippies“ um die Kommunarden Kunzelmann, Teufel, Obermeier und Langhans, zeigt wie selbstverständlich, daß diese  nicht zwangsläufig  Berührungspunkte hatten.

Schöfer vermischt all diese mit etlichen faktischen Geschehnissen verwobenen und somit auch mit Auftritten etlicher realer Figuren garnierten „öffentlichen“ Handlungsstränge seines Romans mit einer ebenfalls für die damaligen Verhältnisse typischen privaten Ebene. Sollte sich doch das Private im Politischen und das Politische im Privaten spiegeln und offenbaren. Ein wenig hölzern bleibt gerade die Figur der Lena. Sie und Viktor sind einander zugetan, wirklich nah kommt man aber gerade ihr nicht. Und weil der Roman so dezidiert Viktor Bliss´ Perspektive einnimmt, hat der Leser den Eindruck, daß auch Viktor seiner Frau nicht wirklich nah kommt, sie im Grunde nicht versteht. Ihre Ängste vor Arbeitslosigkeit, sozialer Not, ihre dunklen Geheimnisse aus dunklen Nachkriegstagen, als das, was Kindern geschah, niemanden wirklich interessierte, berühren ihn zwar, doch stören sie ihn auch in seinem Aufbruchsgefühl, seiner neugefundenen Selbstsicherheit jenseits akademischer Meriten oder bürgerlicher Anerkennung. Diese Widersprüche ebenso genau wie nebenbei herauszuarbeiten gelingt Schöfer brillant. Er scheut sich dabei auch nicht, momentweise in die Trickkiste des Melodramas zu greifen, um die emotionale Instabilität seiner Figuren zu verdeutlichen. Und verdeutlicht doch nur, daß auch die aufregendsten Leben von einem Alltag geprägt sind, in dem Rechnungen und Mieten bezahlt werden müssen, in denen man planen will und sich auf eine Zukunft einrichten. Schöfer holt etwas, das anfängt, leicht Mythologisches auszudünsten, auf einen reellen Boden zurück.

Formal ist der Roman von eben jener Experimentierfreude geprägt, die auch die beschriebene Zeit schon hervorbrachte. Durchaus einem der Helden der Nachkriegsliteratur wie Arno Schmidt verpflichtet, nutzt Schöfer einen eigenwilligen orthographischen Stil, lässt Dehnungszeichen fort, fremdsprachige Wörter deutscht er oft lautmalerisch ein. Seitenlange Parallelmontagen, die das hin und her Blättern im Text erfordern, protokollieren die chronologisch zeitgleichen Betrachtungen und Gedanken von Viktor und Lena in zwei entscheidenden Szenen des Romans. Ob man diese literarisch-textuellen Experimente mag sei dahingestellt, sie entsprechen aber durchaus denen der dargestellten Zeit. Und sie halten sich in einem erträglichen Rahmen, bei dem ihre dramaturgische/literarische Funktion deutlich wird.

Seinem Titel entsprechend versprüht EIN FRÜHLING IRRER HOFFNUNG eine gute Portion des Optimismus und der Fröhlichkeit, die auch in dieser Bewegung mitschwangen, das Gefühl des Aufbruchs und der Solidarität, aber auch das der unterschwelligen Angst vor einer Staatsmacht, der man grundlegend nicht mehr oder noch nicht wieder vertraute. Schöfer bezieht, als selbst in die Ereignisse Verstrickter, Stellung, das ginge auch nicht anders. Er schreibt sich seinem eigenen Text sogar als ein von Bliss genutztes Pseudonym ein und spielt damit erst recht mit Fakten und Fiktion. Er bleibt dabei aber weitestgehend abseits der gängigen 68er-Klischees, im Gegenteil unterläuft er einige der gängigen recht gewitzt. Manchmal scheint der Krieg, die Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern fern, ferner als es für das Gros der damals Beteiligten vielleicht wirklich war. Vielleicht ist dies der einzige echte Schwachpunkt des Romans. So sehr Schöfer Zeitkolorit und unvermittelt die Ereignisse wiederzugeben in der Lage ist, wirkt das Gesamtkonstrukt doch sehr aus seinem historischen Kontext gelöst. Vorausgesetzt wird eine Kenntnis der damaligen Geschehnisse, der Entwicklungen, bspw. von der sehr vitalen  Ostermarchbewegung der 1950er Jahre in die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, Kenntnisse der Zusammenhänge von SDS und SPD, derer Ausschlüsse und Anfeindungen, sind ebenfalls hilfreich zu einem tieferen Verständnis der Personen und ihrer verschiedenen Motive. Ohne daß Schöfers Geschichte je zur Veteranenstory eines alten Demo-Haudegens oder ähnlichem degeneriert, sieht sich ein jüngerer, vielleicht mit der Materie nicht so vertrauter Leser durchaus mancher Verständnisschwierigkeit, vor allem mancher Schwierigkeit bei der Einordnung der jeweiligen Begebenheiten, gegenüber. Es schreibt da schon einer, der dabei war, es erlebt hat, für jene, die ebenfalls dabei waren und es erlebt haben, das ist nicht zu leugnen. Doch ist dies keine Eigen-Feier einer Generation, eher eine Selbstvergewisserung, in der die kritischen Punkte, das mögliche zukünftige Scheitern, von dem der Leser ja bereits weiß, geschickt mit angelegt sind. Und Schöfers literarisches Niveau, auch das seines Referenzrahmens, ist zu hoch, zu anspruchsvoll, als daß dies je zur Kolportage ausarte würde.

Obwohl in sich abgeschlossen, bietet der Text genug Anschlußstellen und vor allem genug kritisches Potential in den politischen, aber auch den privaten Konflikten der Figuren, daß eine oder mehrere Fortsetzungen gut vorstellbar sind. Erasmus Schöfer hat seine Geschichte als Tetralogie angelegt und breitet so wirklich das Panorama einer Generation aus, die für die Entwicklung der bundesrepublikanischen Geschichte wesentlich gewesen ist. Eine Generation, die ungeheuerlich wichtige Anstöße gab und dennoch mit Irrungen und Wirrungen so manchen Fehler ihrer Eltern wiederholt hat. Und die sicherlich auch, gemessen an den eigenen moralischen Anasprüchen, gescheitert ist. Kritisch, distanziert und literarisch anspruchsvoll lässt sich diese jüngere Geschichte des Landes hier noch einmal exemplarisch verfolgen.

 

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