DIE FÜCHSIN SPRICHT

Aus dem deutschen Alltag...

Wer ein wenig Erfahrung im akademischen Mittelbau sammeln konnte, weiß um all die Ungewißheiten, die manchmal verlorenen Jahre, die prekären Verhältnisse in befristeten Verträgen, um die Mobilität, die man beweisen muß, die Flexibilität, die es braucht, und man weiß, daß das in den allermeisten Fällen zumindest in Resignation endet, da die wenigen Stellen auf höheren Ebenen oft auf Dekaden vergeben sind. Ein Leben, das extrem familienfeindlich ist, ein Leben, das leicht zu Entfremdung und Entwurzelung führt.

Ein Schicksal, das Toni Mayringer, Hauptfigur ins Sabine Scholls DIE FÜCHSIN SPRICHT, mit so vielen einer Generation teilt, die oftmals die ersten ihrer Familien waren, die überhaupt eine Universität besuchten. Alleinlebend in Berlin, müht sie sich, einen Anschlußvertrag im Institut zu ergattern, wo ihr Vorgesetzter wenig mit ihr anfangen kann. Die Tochter, Kiki, scheint seltsam antriebsschwach und desorientiert, der Exmann, der mittlerweile mit neuer Frau, einer Japanerin namens Ryo, und einem gemeinsamen Sohn in Japan lebt, wirkt seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima verunsichert. Er hält hauptsächlich Kontakt über einen gemeinsamen Freund, Bela, der mit seiner Frau Anniko auf einem Hof in Vorpommern lebt. Sie, die Flüchtlinge aus Ungarn, die in Amerika und nun eben Deutschland leben, sind schließlich eine Art Hafen für all diese frei flottierenden Satelliten, die langsam den Kontakt zueinander zu verlieren scheinen. Tonis an sich schon kompliziertes Leben erfährt eine weitere Wendung, als eine alte Freundin, Sascha, sich meldet – Sascha, die immer eine Art Gegenentwurf zu Tonis letztlich in bürgerlichen Sicherheitsbedürfnissen erstarrtes Dasein gelebt hat.

Sabine Scholl kreiert eine Atmosphäre, die den Leser selbst erstarren lässt. Mit einer Sprache, die ebenso präzise sezierend und treffsicher, wie kalt und distanzierend ist, schneidet sie tief in die Psyche ihrer Figuren und was sie hervorzerrt ist erschreckend. Ein Haufen Menschen, die kaum mehr Kontakt zueinander aufnehmen können, die sich zusehends fremder werden und die keinen festen Boden unter den Füßen mehr haben. Da ist Toni selbst – voller Ängste beruflicher aber eben auch privater Natur. Sie fragt sich, weshalb die anderen mit ihr umgehen, wie sie es tun, sie findet keine wirkliche Erklärung für die Abneigung, die ihr unter anderem am Arbeitsplatz entgegenschlägt, sie findet zwar sexuelle Erfüllung in der Affäre mit dem Hausmeister der Universität, doch spürt sie nicht nur, wie sich ihr der Liebhaber zu entziehen sucht, sie merkt natürlich auch, daß sie sich vollkommen seinem Rhythmus anpasst, Gewehr bei Fuß steht, wenn sie gerufen wird, sich mit Zurückweisungen abfindet, wenn sie zurück gewiesen wird. Kiki, die Tochter, scheinbar ruhe- und ziellos, vielleicht depressiv, vielleicht auch nur das mütterliche schlechte Gewissen berechnend und ausnutzend, mäandert durch eine Welt, die ebenso virtuell wie real ist, in beiden ist sie daheim. Georg, Kikis Vater, verloren in einer ihm dann doch fremden Kultur, sehnt sich mit einem Mal nach der deutschen Gründlichkeit und dem in Deutschland so selbstverständlichen kritischen Denken und Hinterfragen, das er in seiner Wahlheimat total in Frage gestellt, ja total abgewertet findet. Es ist Scholl hoch anzurechnen, ausgerechnet Japan – dieses Sehnsuchtsland so vieler deutscher esoterisch Suchender – derart verbohrt und bereit zum Untergang darzustellen, wie sie es, durch Georgs Mails, also auch nur durch diesen Deutschen reflektiert, tut. So wird letztlich auch der Sehnsuchtsort, jenes Fremde, in dem wir so häufig die Erfüllung unseres eigenen Verschütteten erhoffen, desavouiert. Es sind letzten Endes nur Bela und Anniko, die, die von allem Anfang an als Fremde, als Flüchtende und Heimatlose definiert sind, die, weil sie sich frei machen müssen von aller Hoffnung auf eine naturgegebene Heimat, ankommen und einen Platz als Zuhause benennen können. Verkehrte Welt.

Scholls Text ist genau, er ist präzise, manchmal schon überpräzise, dennoch bleibt da etwas, ein Widerstand, der sich dem Leser entgegensetzt und diesen nicht wirklich nah an das Geschehen heranrücken lässt, auch un vor allem emotional nicht nah herankommen lässt. Vielleicht ist es die Tatsache, die Probleme dieser Figuren so übergenau zu erkennen, weil der bürgerliche Bewohner eines Landes namens Deutschland mit eben genau diesen Problemen eben genau dieser Menschen im Alltag allzu oft konfrontiert wird. Das spricht für Scholl als Erzählerin einerseits, denn sie trifft diese Figuren und deren Ton sehr gut, es spricht auch für die Distanz, die die Präzisionssprache der Autorin schafft, um einen ferneren, vielleicht genaueren Blick auf dieses Personal und seine Situation zu werfen. Es ist aber zugleich diese Treffsicherheit, diese Genauigkeit, die dazu führt, daß der Text anfängt, dem Leser auf die Nerven zu fallen. Eben weil man diese Leute, weil man ihre Probleme und weil man die Larmoyanz erkennt, die nicht nur in den Dialogen, sondern auch in den introspektiven Textpassagen herrscht, die Tonis Innenleben ausforschen. Oder Georgs, wenn man die Mails hernimmt, die er an Bela schreibt, und die natürlich – wie Belas Blog und Kikis Beiträge darauf – die Virtualität und die damit ganz neu definierte Verlorenheit ausleuchten.

Dies ist bundesdeutsches Leben anno 20irgendwas. Ja, schrecklich, genau so sieht es wohl aus: Alleinerziehende im akademischen Mittelbau, unsicher in Liebesdingen, unsicher in Leibesdingen, unsicher im familiären Kontext, sich einer scheinbar alternativen Lebensform verbunden fühlend, zugleich aber die Sicherheit der bürgerlichen Rückversicherungsgesellschaft schätzend und doch voller Sehnsüchte, dieses Leben hinter sich zu lassen, die Regeln und den Rahmen zu sprengen und aufzubrechen zu anderen, neuen Horizonten. Um schließlich doch zu scheitern, wie Georgs Konfrontation mit einer komplett anderen Umgangsform im Moment ernsthafter Bedrohung beweist.

Und dann ist da Sascha, die einmal im Text als „Füchsin“ bezeichnet wird, was der einzige Hinweis auf den Titel des Romans ist. Da diese Sascha – ein wie erwähnt radikaler Gegenentwurf zu Toni – eine sich dauernd intellektuell als gewieft, bewandert und produzierend gebende Drifterin ist, könnten wir es hier mit ihrem Text, ihrer Sicht der Dinge zu tun haben. So sie denn überhaupt existiert – so sie denn keine externalisierte Wunschvorstellung Tonis von sich selbst ist. Das sei des Lesers Anschauung überlassen.

Scholls von Elfriede Jelinek hochgelobter Roman ist kein Lesevergnügen, schon gar kein unterhaltsames. Aber es ist ein treffender und in seiner Treffsicherheit oft schmerzlicher Text für den Leser, der bereit ist, sich auch da in Literatur gespiegelt und „entdeckt“ zu fühlen, wo es keinesfalls schön ist, nicht mal heroisch, sondern einfach nur alltäglich, ein wenig schäbig und momentweise sogar erbärmlich. Das tut weh. Das trifft.

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