EIN TAG WIRD KOMMEN/UN GIORNO VERRÀ

Ein wuchtiges italienisches Geschichtsbild aus dem frühen 20. Jahrhundert

Da macht jemand noch einmal ernst – mit der Geschichte, der Familie und dem individuellen Schicksal in den Wirren der Zeitläufte. Im Nachwort zu ihrem Roman EIN TAG WIRD KOMMEN (UN GIORNO VERRÀ/Original erschienen 2019, Dt. 2020) berichtet Giulia Caminito, wie sie bei einem Besuch in Serra de´ Conti, gelegen in den italienischen Marken, die Geschichte ihres Urgroßvaters, eines Anarchisten, rekapitulierte und langsam jene Figuren fand, die ihren Roman bevölkern, ihn ausmachen, seine Kraft manifestieren sollten. Auch die Geschichte von La Moretta, einer schwarzen Nonne, die Äbtissin im Kloster über der Stadt war, wollte sie in ihren Roman integrieren und so einer bemerkenswerten Frau ihre Referenz und ihren Respekt erweisen. Und genau das ist der Autorin dann auch gelungen.

Es hat eine ungeheure Wucht, was und wie Caminito die Geschichte der italienischen Anarchisten erzählt. Sie nutzt eine Sprache, die wie aus einer fernen Vergangenheit den Leser anweht, aus einer Zeit kommend, in der eine solche Sprache – unironisch, direkt und doch voller schwarzer Metaphern und granitenen Bilder der Ewigkeiten – ihren ganz eigenen Wert hatte, da sich in ihr etwas manifestierte, das für den Menschen, besser: die Menschen, deren Bedingungen sie umschrieb, bitterste Lebensrealität war. Geworfen in ein Leben zwischen den letzten Ausläufern des Feudalismus, einer immer noch starken, wenn auch erstmals selbst in Italien in ihrer Macht beschränkten katholischen Kirche und den Bedingungen der auch in Italien heraufziehenden Industrialisierung sowie den nationalen wie internationalen Bestrebungen nach Machterweiterung durch Kolonien – bspw. in Afrika – werden die einfachen Arbeiter, die Landarbeiter, das Proletariat zerrieben.

Caminito lässt ihren Bericht um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert beginnen, als der junge Lupo, einer der wenigen noch lebenden Sprösslinge der Bäckerfamilie Ceresa, seine ersten Schritte im Städtchen wagt, seine Freiheitsbestrebungen ausweitet, ein eigenes Bewußtsein entwickelt und damit beginnt, die Bedingungen des Daseins selbst zu hinterfragen. Er entzieht sich weitestgehend schulischer Bildung, empfindet aber einen seltsamen, nicht näher bestimmbaren Sog hin zum Kloster, wo er regelmäßig um Brot bettelt, allerdings immer in der Hoffnung, einen Blick auf eine bestimmte Nonne zu erhaschen, zu der er so etwas wie einen inneren Drang, ein Hingezogensein spürt. Zugleich müht Lupo sich, auf seinen Bruder Nicola aufzupassen. Der wiederum gilt als zwar wunderschöner jedoch kaum lebenstauglicher Knabe.

Caminito folgt der Geschichte der beiden durch die Zeiten: Die Aufstände der Anarchisten in Ancona und den es umgebenden Ländereien, Dörfern und Städtchen; der erste Weltkrieg; die Spanische Grippe mit ihren Verheerungen und schließlich der aufstrebende Faschismus. Doch da hat Lupo bereits beschlossen, das Land zu verlassen, gen Amerika zu ziehen, wie so viele seiner Landsleute, die ihr Heil gerade in den 10er und 20er Jahren des beginnenden Katastrophenjahrhunderts in der Emigration in das ferne und so verheißungsvolle Land jenseits des Atlantiks suchten.

Das ist nicht nur gut recherchiert und in dem schon beschriebenen Sprachduktus verfasst, sondern es zeugt auch von vielleicht postmodernen Strategien des Erzählens, wenn die Autorin ihre Geschichte(n) brüchig erzählt, springend zwischen Zeiten und Zeitebenen, um vielleicht die Geheimnisse der im Zentrum beschriebenen Familiengeschichte nicht zu früh preiszugeben. Ein dramaturgischer Kniff? Nicht nur. Denn Caminito gelingt es auf diese Art und Weise auch, dem Leser etwas von Erinnerung und ihrer Brüchigkeit zu vermitteln. Denn wie funktioniert dieses scheinbar so einfache, in Wirklichkeit jedoch ebenso verführerische wie gefährliche Organ der Erinnerung? Es folgt, wie wir wissen, seinen ganz eigenen Regeln. Da wird konstruiert und zusammengesetzt, was möglicherweise gar nicht zusammengehört – nur in der Erinnerung plötzlich Sinn bekommt und somit eine stringente Form und Richtung erhält. So sind die Zeitsprünge, die den Leser zunächst ein wenig verunsichern können, durchaus sinnvoll und vor allem eine geschickte strukturelle Strategie, um die Unsicherheit, die auch dieser Erzählung zugrunde liegt, zu markieren.

Gespiegelt – und vielleicht gebrochen – wird diese Erzählung durch die von Suor Clara, La Moretta, jener schwarzen Nonne und Äbtissin, die es wirklich gegeben hat und die einst ihrer afrikanischen Heimat entrissen wurde. Ein Entführungsopfer, obwohl das wohl kaum so betrachtet wurde, zum Ende des 19. Jahrhunderts, als Schwarze vor allem als Ware wahrgenommen wurden. Verfügungsmasse für Sklavenhändler und andere Kolonisten, die sich da eines Rohstoffs bedienen zu dürfen glaubten, der schlicht aus Menschen bestand. Allerdings spielt Caminito diesen exotischen Status nie moralisch aus. Suor Clara – Schwester Clara – weiß das Kloster zu nutzen, um sich in einer prinzipiell als feindlich wahrgenommenen Umgebung zu schützen. Die Kirche, auch wenn das hier nie explizit erwähnt wird, hat sie als kleines Mädchen „gerettet“, sie aus den Händen der Sklavenhändler und späteren Besitzer errettet, sie – gegen ihren Willen, das muß erwähnt sein – den Schwestern überantwortet und in ein Kloster gesteckt. Darin spiegelt sich auch die Geschichte von Nella, jener Nonne, die Lupo anzutreffen hofft bei seinen regelmäßigen Besuchen an der Klosterpforte. Denn die ist seine Schwester…oder seine Mutter. Die Kirche als Wahrer der Tradition und Erretter in einem – die Autorin macht es dem Leser nicht einfach, bietet keine schwarz-weißen Ansichten.

Giulia Caminito versteht es, die Geheimnisse, die Spiegelungen und Entsprechungen dieser sich kreuzenden Geschichten geschickt miteinander zu verweben. Sie versteht es, einer jeden Figur die ihr angemessene Sprache zukommen zu lassen. Wenn sie von Suor Claras Herkunft erzählt, dann streift sie den Bereich des Mythischen und entspricht dabei erneut der Erinnerung, die nicht mehr greifbar ist, spiegelt aber auch „Afrika“ als europäischen Sehnsuchtskontinent, der Abenteuer einerseits, Ausbeutung von Ressourcen andererseits verspricht. Clara kennt ihre Geschichte nur noch rudimentär, die Sprache, in der sie sich dieser Geschichte erinnert, kann also auch nur rudimentär Wirklichkeit generieren und verliert sich zwangsläufig im Raunen des Mythologischen.

Nicht nur die Alten, wie Claudio Magris in einem seiner letzten Werke, auch die jungen Autoren Italiens wenden sich nun also der Geschichte zu. Und es sind großartige Erzählungen, auf die sie dabei stoßen und die sie an ihre Leser weitertragen. Nach dem brillanten ALLE, AUSSER MIR (Dt. 2018) von Francesca Melandri, legt hier also Giulia Caminito einen weiteren hervorragenden Roman vor, der eine Familiengeschichte mit der italienischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu kombinieren weiß. Allerdings eher eine Geschichte „von unten“, in der klar die Position jener eingenommen und vertreten wird, die einst aufbegehrten gegen einen Obrigkeitsstaat, der sie unterdrückte, der demokratische Regeln kaum anerkennen wollte und den es zu überwinden galt. Und diese Position wird in einer Sprache vertreten, die angemessen erscheint, die die Wucht der Geschichte und das Ausgeliefertsein des Einzelnen einzufangen und zu vermitteln versteht, ohne dabei pathetisch, kitschig oder anmaßend zu wirken. Da entsteht also großartige Literatur, die es verdient hat, weit über die Grenzen des Landes hinaus wahrgenommen und gelesen zu werden.

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