EL TRASPATIO/BACKYARD

Die Frauenmorde von Ciudad Juarez als recht sachlich dargereichter Bericht aus der Hölle

In Ciudad Juarez werden fast täglich Frauenleichen entdeckt. Die Polizistin Blanca Bravo (Ana de la Reguera) kommt in die Stadt, explizit mit dem Auftrag, die schleppenden Ermittlungen voranzutreiben. Sie wird zurückhaltend empfangen, der Comandante (Alejandro Calva) versucht sie einzuschüchtern, arrogant wirft er ihre Unerfahrenheit als Absolvent der Polizeiakademie vor; ihr neuer Kollege Fierro (Marco Pérez) läßt kaum eine Gelegenheit aus, sich verächtlich witzelnd als harter Kerl zu präsentieren. Die Ermittlungen erweisen sich als schwierig, etliche Akten sind nicht auffindbar, offene Fälle wurden schlicht als „geschlossen“ erklärt, Zeugen nie verhört. Verdächtige, wie der ominöse „Ägypter“, der sowohl als Vergewaltiger, wie auch als Gewalttäter gegen Frauen aktenkundig wurde, sind nie vorgeladen und vernommen worden.

Der Gouverneur (Enoc Leaño) von Chihuahua fürchtet um das Image der Provinz, darum, Investitionen zu verlieren und Einfluß auf die ausländischen Geldgeber – Amerikaner und Japaner, die die lokale Großindustrie betreiben. Die Frauenmorde kommen ihm ungelegen und er fordert vom Comandante Ergebnisse. Großrazzien werden durchgeführt, die Polizei greift zu extremer Härte im Vorgehen.

Schließlich gerät auch der Nachtklubbesitzer Micky Santos ins Fadenkreuz der Ermittler. Nachweislich ist er weder in Drogen- noch Prostitutionsgeschäfte verwickelt, dennoch wurde er mehrmals als Verdächtiger geführt. Blanca Bravo tauscht sich mehrfach mit dem Radiomoderator Peralta (Joaquín Cosio) aus; er ist einer der wenigen, die sich trauen, die Wahrheit über ihre Stadt unverblümt auszusprechen. Seine Direktheit und die offenen Anklagen, die er führt – auch und gerade gegen die herrschende Klasse, die schlicht nichts täte gegen das Morden – machen ihn zum Feind des Gouverneurs oder des Comandante. Blanco muß sich mehrfach rechtfertigen, weshalb sie Kontakt zu Peralta hielte.

Während dieser Ereignisse kommt die junge Juanita Sanchez (Asur Zagada) aus Chiapas in Ciudad Juarez an. Sie schlüpft bei ihrer Cousine unter und ergattert einen Job in der Fabrik, die die Japaner in der Stadt betreiben. Parallel zu Blanca Bravos verzwifelten Versuchen, die Mordserie irgendwie aufzuklären, wird Juanitas Geschichte erklärt: Wie die junge, selbstbewusste Frau bei einem Freitagabendvergnügen Kontakte knüpft, wie sie den Jungs schöne Augen macht, sie verstößt und schließlich das Opfer männlichen Stolzes und männlicher Gewalt wird.

Schließlich wird Fierro bei einer Überwachung Santos` Zeuge, wie dieser ein junges Mädchen belästigt und schließlich mit vorgehaltener Waffe in sein Auto zwingt. Es gelingt Fierro und Bravo, den Mann zu stellen und das Mädchen zu befreien. Santos ergibt sich lächelnd, er wisse ja, daß die Polizei und die Behörden ihn ganz sicherlich „fair“ behandelten. Dabei grinst er feist übers Gesicht. Bravo schießt ihr gesamtes Magazin auf den Mann ab. Während Peraltas Stimme weiterhin die Ungerechtigkeiten anmahnt, Fierro befördert wird und ansonsten weiterhin Frauenleichen auftauchen, sehen wir Bravo über die Grenze nach El Paso fahren. Peralta klärt seine Hörer auf, daß dies die große Errungenschaft grenzüberschreitender Wirtschaft sei: Der japanische Großkonzern sei weitergezogen, in ruhigere Gefilde, wo man die Arbeiter mit Geringlöhnen ausbeuten könne…

 

Seit den frühen 90er Jahren des 20. Jahrhunderts werden in Ciudad Juarez, jener dem texanischen El Paso gegenübergelegenen Stadt auf mexikanischer Seite des Rio Grande, regelmäßig Frauen ermordet aufgefunden. Oftmals verstümmelt, gefoltert oder verbrannt, fast immer Opfer sexueller Gewalt, liegen sie auf Mülldeponien, in den Gräben der Slums in den Außenbezirken, in der Wüste, die die Stadt umgibt, mal hastig verscharrt, manchmal geradezu als Gemälde drapiert, mal einzeln, mal in Massengräbern. Polizei und Politik verkünden Maßnahmen und Programme, zumindest in den Sonntagsreden, de facto geschieht wenig bis nichts. Heute, über zwanzig Jahre nachdem dieses endlose Morden begonnen hat, gehen die Zahlen in die Hunderte, schließt man die Zahlen der verschwundenen und vermissten Mädchen und Frauen mit ein, gehen sie, je nach Zählung, in den Tausenderbereich. Es wurden Songs und Bücher zum Thema geschrieben – Sachliteratur und Romane; die eindringlichste literarische Verarbeitung findet man möglicherweise in Roberto Bolaños 2066 – und es wurden Filme gedreht. Manche davon exploitativ wie das Jennifer-Lopez-Vehikel BORDERTOWN (2006), manche realistisch und thematisch angemessen, zu letzteren ist der vorliegende EL TRASPATIO/BACKYARD (2009) zu zählen.

Carlos Carrera bietet zwar den durchaus spannenden Plot eines Thrillers an, liefert dem Zuschauer aber in Wirklichkeit die kühle, vergleichsweise sachliche Analyse einer Gesellschaft, die – aus welchen spezifischen Gründen auch immer – bereits so verroht ist, daß ihr ihre inneren Verwerfungen, die Deformationen, denen sie unterliegt, selbst kaum mehr auffallen. In einer eindringlichen Szene zur Mitte des Films erzählt die Polizistin Blanca Bravo, die hier als ebenso zornige wie hilflose Jeanne  D´Arc der Hinterhöfe, Slums und staubigen Highways inszeniert wird, einer Freundin von einer Fabel: Jeden Abend sitzen die Bewohner eines Dschungeldorfes singend und tanzend ums Feuer und huldigen dem vergehenden Tag, jeden Abend kommt ein Löwe und holt sich einen von ihnen. Die ersten Abende herrscht heillose Panik im Dorf, schließlich achtet aber schon niemand mehr darauf, die Gewöhnung tritt ein. Eine Woche, nachdem der Löwe erstmals zuschlug, gehört sein Auftritt zum Ritual, er wurde in die Rituale und Zeremonien des Dorfs integriert. So sei Ciudad Juarez. Es ist dies der vielleicht ergreifendste und traurigste eines an ergreifenden und traurigen Momenten reichen Films, verdeutlicht er doch, daß die Gewalt, wird sie ersteinmal akzeptiert, nicht mehr aufzuhalten ist. Wenn Gewalt zur Gewohnheit wird, hat die Erosion der Gesellschaft nicht nur begonnen, sie ist bereits deutlich vorangeschritten.

Carrera zeichnet ein wahrscheinlich allzu realistisches Bild von einer Gesellschaft – zumindest in dieser Stadt – in der Politiker nicht an Aufklärung sondern funktionierendem Marketing interessiert sind; mehr noch – es scheint eigentlich niemand wirklich an der Aufklärung der Morde generell interessiert zu sein, denn – auch wenn der Film dies nie explizit betont, deutet er es doch mannigfach an – es könnte auch Staub aufgewirbelt werden, der einige Honoratioren aus Wirtschaft, Medien und der Politik allzu gut schützt. In den mehrfach eingeblendeten Gesprächen zwischen dem Gouverneur, Vertretern des lokalen Großarbeitgebers, einer japanischen Fabrik, einem amerikanischen Senator, der Entwicklungsgelder zuweisen und auch wieder entziehen kann und Abgesandten der Polizei, wird immer wieder deutlich, daß dem Establishment ein reibungsloser Ablauf der Geschäfte weitaus wichtiger ist, als die Aufklärung von Verbrechen. Wie kühl dies alles abgewickelt wird, beweist am Ende des Films das zynische Statement des Radiomoderators Peralta, als er der Stadt mitteilt, daß der japanische Konzern weitergezogen sei und nun woanders, an einem ruhigeren Ort, den Arbeitern schlechte Löhne zahle und sie ausnutze, bis er dann wieder weiterzöge. Sarkastisch erklärt Peralta, dies sei die große Errungenschaft „grenzenloser Geschäfte“.

Um dem Film eine dramaturgische Rundung zu geben, wird Bravo zumindest den windigen Nachtklubbesitzer Santos zur Strecke bringen, den sie auf frischer Tat ertappt, wie er ein Mädchen gewaltsam entführt. Daß sie sich dazu hinreißen läßt, ihn zu töten, zeigt der Film weder mit sonderlicher Zuneigung, noch als üble Tat der Selbstjustiz. Distanziert betrachtet die Kamera den Akt der Hinrichtung, ausgelöst durch Santos Bemerkung, er vertraue voll auf die gerechte Behandlung durch Polizei und Justiz, was im Kontext von Juarez nur bedeuten kann, daß er wieder frei kommt. So verdeutlicht Santos´ Tod eigentlich nichts weiter, als daß auch der Mord an einem der ihren niemandem im Establishment aufscheucht: Man nimmt die vollkommen wahnwitzige Erklärung, der Mann sei Opfer in einem Krieg rivalisierender Drogenbanden, einfach hin; obwohl der Zuschauer zweimal explizit darauf hingewiesen wird, daß Santos weder in Drogengeschäfte noch Prostitution verwickelt sei, möchte man offenbar auch in diesem Falle lieber Ruhe als Aufklärung. Ein weiterer Beweis der Dekadenz: Wenn nicht einmal unmittelbare Bedrohung noch dazu führt, daß sich etwas tut, steht man dem eigenen Untergang doch reichlich indifferent gegenüber. Der Film legt etliche solcher kleinen Spuren aus als Hinweise auf jene Prozesse, die in Ciudad Juarez subkutan ablaufen, eher unbemerkt die kollektive Psyche dieser Stadt definieren.

Nun gibt es natürlich Legionen von Filmen oder Büchern, die ihrem Publikum die Schlechtigkeit derer „da oben“ vor Augen führen, sowohl der Gouverneur als auch der undurchschaubare Polizeipräsident sind im Grunde Klischees und Abziehbilder genau dieses Typus´. Carrera entgeht aber der Versuchung, einfach Bekanntes erneut auszuwalzen und mit noch mehr Klischees zu unterfüttern. Stattdessen setzen Buch und Regie alles daran, den Zuschauer mit diesen manchmal winzigen Spuren und Details daran zu erinnern, wie diese Klischeetypen überhaupt entstehen, wie sie in die Positionen kommen, in denen sie sind, die ihnen Macht verleihen und somit dazu beitragen, daß das nicht zu durchschauende Geflecht aus Mord und Gewalt zur Struktur einer Stadt, eines urbanen Raums, einer Gesellschaft wird. Bravos Kollege Fierro wird dazu geradezu exemplarisch genutzt: Anfänglich gibt er sich wenig Mühe, Engagement in den Fällen der verschwundenen und toten Frauen zu zeigen. Oft sehen wir ihn von Bravo abgewandt grinsen oder sarkastisch lächeln, wenn Meldungen über Tote reinkommen oder sie Akten zu längst abgelegten Fällen verlangt. Sicher – Reaktionen eines abgebrühten Polizisten, denken wir. Aber eben auch Reaktionen eines Mannes. Ein Mann unter Männern in Männerbünden. Männer in ihrer von ihnen und ihren Regeln geprägten Welt. Witze auf Kosten Schwächerer, auf Kosten von Frauen, toten Frauen, verschwundenen Frauen. Männer, die sich das Grauen vom Leib halten, indem sie es lächerlich zu machen, sich witzelnd darüber hinweg zu setzen versuchen. Aber auch Männer, die genau wissen, daß die Bedrohungslage für sie niemals dieselbe ist, wie für eine Frau, egal ob Straßenmädchen oder Kollegin aus dem Polizeidienst. Und schließlich auch Männer, die Männersolidarität verspüren. So ekelerregend die Folgen dessen, was da geschieht, auch sein mag, eine gewisse Hochachtung für diese Typen, die sich eben einfach nehmen, wonach ihnen ist – Drogen, Frauen, egal – ist sowohl Fierro als auch seinen männlichen Kollegen und Vorgesetzten anzumerken. Im Laufe von Bravos Ermittlungen ändert Fierro seinen Modus und man meint, er hätte begriffen, worum es seiner Kollegin geht, worum es generell bei Menschenleben geht – doch dann wird Druck auf ihn ausgeübt, er wird überfallen und bedroht, sobald der Comandante ihm ein Angebot zum beruflichen Aufstieg macht, kehrt der alte Fierro zurück. Auch der Gouverneur wird als ein Mann gezeigt, der seinen Job eigentlich als Repräsentanz versteht, der die guten Dinge des Lebens genießen will und weder Lust noch Laune hat, sich mit den Unbilden Juarez´ zu beschäftigen; zugleich ist er aber auch ein Gehetzter. Sowohl die japanische Direktion des Großkonzerns, wie auch amerikanische Politiker üben Druck auf ihn aus. Diesen gibt er weiter, bis der Druck schließlich wieder auf der Straße und bei eben denen ankommt, die eigentlich zu schützen wären: Frauen und Mädchen. Die Analyse, die der Film fast nebenbei liefert, trifft schmerzlich ins Schwarze.

Auf verschiedene Art und Weise gelingt es, eine Machogesellschaft zu zeigen, die sich von fast allen zivilisatorischen Regeln und Gesetzen verabschiedet hat. Daß diese Gesellschaft jedoch auch nach grundlegend ökonomischen Regeln funktioniert und Aufregung, Razzien, Polizei überall schlecht fürs Geschäft sind, wird ebenfalls klar und deutlich herausgearbeitet. Da tritt ein als „der Ägypter“ bezeichneter Schläger, Vergewaltiger und Mörder auf, längst aktenkundig, den man einfach in Ruhe läßt, weiß er doch scheinbar zu viel über zu Viele und ist ansonsten auch gern zu Diensten, wenn es mal dreckig wird; die Nebengeschichte um die junge Juanita und ihren Verehrer endet in einer fürchterlichen Vergewaltigungsszene, welche wiederum damit endet, daß die tote Frau wie ein Stück Müll aus dem fahrenden Wagen geworfen wird, nachdem man(n) sie „benutzt“ hat. Ein Abfallprodukt einer Abfallgesellschaft, nach Gebrauch entsorgt. Es ist dies eine der unerträglichsten Szenen des Films, zugleich aber eben jene, die das Manko dieser Stadt, dieses Landes vielleicht, ganz sicher dieser von Männerritualen geprägten Gesellschaft auf den Punkt bringt: Wo der Respekt vor dem andern, vor dem menschlichen Leben, dem Leben allgemein fehlt, ist die Präsentation eines Einzeltäters nicht mehr die „Lösung“, schlicht deshalb, weil es keinen Einzeltäter gibt. Mag sein, daß Mickey Santos ein paar Mädchen auf dem Gewissen hat, mag sein, daß der Ägypter ein paar Mädchen auf dem Gewissen hat, mag sein, daß die ein oder andere einfach an einem etwas wilderen Freitagabend verschwunden ist – in dieser verrohten und brutalisierten Welt, die Juarez darstellt, spielt es am Ende möglicherweise gar keine Rolle mehr, wer der Mörder ist, die Opfer gehen auf das Konto einer Gesellschaft, die wegschaut, die gleichgültig ist, die abstumpft. Genau diesen Prozeß kann Carlos Carrera einfangen und schmerzlich veranschaulichen. Das macht seinen Film unerträglich und grandios. Den Mut, einen Thriller anzubieten aber keine (filmische) Lösung, bringt nicht jeder auf. Mit diesem halb offenen Ende wagt der Regisseur einiges, damit hebt er sich aber auch von solch homogenen und in ihrer Erklärwut eben auch beschwichtigenden Filmen wie BORDERTOWN ab.

Obwohl es grenzwertige Momente äußersten Ekels gibt, Brutalität und Gewalt, werden die entsprechenden Szenen nie zum Selbstzweck. Carrera zeigt nie mehr, als gezeigt werden muß. Aber es muß eben gezeigt werden, um die Situation dieser Stadt begreifbar zu machen. So hat der Zuschauer es schließlich mit einem nominellen Thriller zu tun, der durchaus spannend ist, damit auch spannende Unterhaltung bietet, der aber weit davon entfernt ist, genießbar zu sein. Denn daß das eigentliche Sujet hier nicht die Unterhaltung des Publikums ist, das hat dieses Publikum spätestens nach 10 Minuten Filmzeit begriffen.

EL TRASPATIO/BACKYARD ist ein programmatischer kleiner Film aus Mexiko, wahrscheinlich oft übersehen, doch unbedingt zu empfehlen.

 

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