EVEREST

Ein Katastrophenfilm, der mehr verspricht als er halten kann

Am 10. und 11. Mai 1996 kommt es am Mount Everest zu einer Tragödie, als mehrere kommerziell geführte Bergsteigergruppen – darunter die von Rob Hall (Jason Clarke) und Scott Thomas (Jake Gyllenhaal) geführten – während einer Gipfelbesteigung in ein plötzliches Unwetter geraten.

Trotz des aufopferungsvollen Kampfs aller Beteiligten, finden neben den beiden genannten Bergführern weitere sechs Menschen den Tod.

Andere, wie der amerikanische Pathologe Beck Weathers (Josh Brolin), überleben wie durch ein Wunder.

Eine Mixtur aus falschen Entscheidungen, Lässlichkeiten und dem heftigen Sturm am Berg wird für die Katastrophe verantwortlich gemacht.

Rob Hall, der über Funk mit dem Basislager verbunden ist, kann in seinen letzten Momenten mit seiner Frau (Keira Knightley) sprechen, die schwanger daheim auf ihn wartet.

Peach Weathers (Robin Wright) die man bereits vom Tod ihres Mannes unterrichtet hatte, darf den schwer Gezeichneten zuhause in die Arme nehmen.

 

Eine sehr genaue, detailreiche und differenzierte Schilderung des Unglücks, des Ablaufs und der Folgen liefert der Wikipedia-Eintrag zur tatsächlichen Tragödie.

 

Als es 1996 bei einer kommerziellen Besteigung des Mount Everest, des höchsten Bergs der Welt, zu einer Katastrophe kam, die acht Todesopfer forderte, darunter drei der relativ erfahrenen Bergführer, war dies nicht nur eine weltweite Meldung wert, es wurden auch mehrere Bücher von Beteiligten zum Thema geschrieben – darunter der bekannte Bergsteiger, Reise- und Abenteuerschriftsteller und Reporter Jon Krakauer. Heutzutage sind Tote am Everest kaum mehr als eine Randnotiz in den Zeitungen, meist wird einmal im Jahr die Saisonbilanz veröffentlicht. Dafür sieht man regelmäßig in diversen Zeitungen – von Nachrichtenmagazinen wie dem SPIEGEL bis zu Lifestyle-Zeitschriften wie dem Playboy – Bilder von den sich an den Engpässen auf den Aufstiegsrouten stauenden Bergsteigerschlangen. Die muten anachronistisch an, bedenkt man, dass Bergsteigen als Extremerfahrung eines der letzten Abenteuer der Menschheit sein soll, auf solchen Aufnahmen allerdings der Eindruck erweckt wird, dass es sich im Wesentlichen nicht von den Schlangen vor den Fahrgeschäften in Disneyland und anderen Freizeitparks unterscheidet, wo einem in regelmäßigen Abständen durch Schilder mitgeteilt wird, dass ab diesem Punkt nur noch 3…2…1 Stunden abzuwarten seien, bis es endlich losgeht mit dem wilden Ritt. Mittlerweile ist das Erklimmen der höchsten Berge der Welt ein genau durchdachtes und höchst professionell organisiertes Business. Was den einen das vermeintlich letzte Abenteuer dieser Welt sein mag, ist den anderen ihr Einkommen. Ihr Profit, um es klar zu sagen. Denn auf eigene Faust sollten dort tatsächlich nur Profis aufsteigen, Hobbykletterer werden immer Bergführer, Begleiter, Sherpas brauchen. 1996 steckte dieses Business allerdings noch in den Kinderschuhen.

Dass eine Tragödie wie die, die sich am 10. Und 11. Mai 1996 dort am Berg ereignete nachgerade eine Bearbeitung verlangt – eben nicht nur dokumentarisch, rekapitulierend und reflektierend wie bei Krakauer, sondern auch dramatisch -, scheint zumindest nach den Gesetzen des Unterhaltungskinos auf der Hand zu liegen. Und so wurde nach einer recht langen und verschlungenen Vorproduktion 2011 schließlich die – nach INTO THIN AIR: DEATH ON EVEREST (1997), einem Film, der vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhielt – zweite Verfilmung des Stoffes in Angriff genommen: Baltasar Kormákurs EVEREST (2015).

Basis für das Drehbuch von William Nicholson und Simon Beaufoy waren zum einen die Mitschnitte des Funkverkehrs zwischen dem Basis-Camp und dem Bergführer Rob Hall, der schließlich, durch einen sehr plötzlich einsetzenden Sturm am weiteren Abstieg gehindert, weit oben im Berg verstarb. Zum anderen nahmen die Autoren das Buch LEFT FOR DEAD (2000) von Beck Weathers als Grundlage Weathers war einer der Kunden der kommerziellen Agentur Adventure Consultants, dessen Geschäftsführer damals wiederum Hall gewesen ist. Weathers hatte den Kampf am Berg wider alle Erwartungen überlebt, verlor aber durch die erlittenen Erfrierungen beide Hände und seine Nase. Im Film wird er von Josh Brolin als etwas klischee- und machohafter Texaner dargestellt, der seinem Alltagstrott als Pathologe entfliehen will. An einer Stelle des Films gibt er gegenüber einem anderen Kunden – Doug Hansen, mit dem Weathers sich angefreundet hatte und der später zu den Todesopfern der Katastrophe gehörte – zu, dass er mit Touren wie dieser auch seinen Depressionen zu entfliehen sucht.

Dies ist eine der wenigen Stellen, in denen der Film einen halbwegs ernsthaften Versuch unternimmt, den Figuren etwas Tiefe, etwas Vielschichtigkeit zu verleihen. Denn das Drehbuch und aufgrund dessen auch Regisseur Kormákur schildern vor allem die Abläufe an den entscheidenden Tagen, ohne dabei die Motive der Protagonisten – weder jene der Anbieter noch die der Kunden – näher zu erkunden oder gar zu hinterfragen. Vielmehr wird eine Art Heldengeschichte erzählt, bei der vor allem Rob Hall gut wegkommt. Er lässt seine –von Keira Knightley in einer ihrer, so muss man es wohl sagen, unauffälligsten Rollen gespielte – hochschwangere Frau zurück, will aber rechtzeitig zur Geburt des Kindes wieder daheim sein. Die reelle Geschichte bot den Filmemachern die natürlich willkommene Gelegenheit ein gewollt herzzerreißendes letztes Gespräch zwischen dem Sterbendem am Berg und seiner großen Liebe einzubauen, da es dieses tatsächlich gegeben hat und es auch noch – vor Zeugen – aufgezeichnet wurde. Es ist der Versuch, dem Film eine emotionale Tiefe zu verpassen, die er bei all den tragischen und dramatischen Momenten, von denen er berichtet, seltsamer Weise eigentlich nie erreicht.

Das hat sicherlich damit zu tun, dass die Figuren eben zumeist oberflächlich sind und bleiben. Sie bekommen hier und da ein wenig Tiefgang verpasst, allerdings – wie im Falle von Weathers, so auch bei Doug Hansen, der sich im Leben nichts mehr wünscht, als einmal den Gipfel zu erreichen und dort die Flagge einer von ihm unterstützten Schule zu hissen und der es bereits einmal versucht hatte und kurz vor dem Gipfel gescheitert war – nur auf einer Ebene, bei der zu durchschaubar ist, dass und wie das Publikum eingefangen, letztlich manipuliert und für diese Leute eingenommen werden soll. Dieses Vorgehen entspricht allerdings den Regeln und Konventionen des herkömmlichen Katastrophenfilms, seit es das Genre gibt. Ohne Identifikationsfigur funktioniert eben kein Drama. Als Krakauer während einer Rast in einem der Camps seine Mitkletterer fragt, weshalb sie da unbedingt raufwollen (er selbst war von einer Zeitschrift entsandt worden), kann keiner wirklich eine Antwort liefern außer der grundlegenden Tatsache, dass man es halt könne. Es ist letzten Endes ein Haufen wohlsituierter Amerikaner und Neuseeländer und Australier, die es halt können: Es sich leisten können, vor allem, monetär (an einer Stelle wird erwähnt, dass bspw. Weathers 75.000 Dollar für den Trip bezahlt hat), aber auch zeitlich. Gelangweilte Männer (und einige wenige Frauen), die den Kick suchen, was auch immer das sein mag, die aber nur in den seltensten Fällen bereit sind, das auch zuzugeben.

Nicht erst da beginnt dann die Problematik des Films: Man schaut diesem Drama zu, bleibt aber seltsam unberührt, auch, weil man sich ständig fragt: Warum wolltet ihr das unbedingt? Oder, anders gesagt: Ihr wolltet das doch unbedingt, das große Abenteuer, die letzte (?) Herausforderung. Wenn man das dann macht, wenn man dieses Wagnis eingeht obwohl man, was der Film dann fairerweise doch auch darstellt, gar nicht über die körperlichen Voraussetzungen verfügt, nimmt man dann den eigenen Tod letztlich nicht auch in Kauf? Ob leichtfertig oder nicht, das sei einmal dahingestellt.

Betrachtet man die alten Bergsteigerfilme – Luis Trenkers DER BERG RUFT (1938) bspw. – dann bleibt da zumindest immer dieser Rest Mystik, der natürlich auch der zugrundeliegenden Ideologie geschuldet war. Der Mythos des Bergs, die Verheißung des Transzendenten, der Nähe zu etwas Höherem. Hier gibt es diese Mystik nicht, bestenfalls wird sie behauptet, doch eigentlich geschieht das im ganzen Film nicht. Vielmehr entsteht der Eindruck, es mit Leistungssportlern, nein, vermeintlichen Leistungssportlern zu tun zu haben, die Berge sammeln wie andere Leute die Kronkorken von Bierflaschen und die sich zudem alle gnadenlos überschätzen. Physisch wie psychisch. Diese Leute sind typische Vertreter einer Wohlstandsgesellschaft, die sich – da ist Weathers vielleicht dann doch ehrlich – einfach langweilen und eben diesen berühmten Kick suchen. Und sich beschweren, wenn aus dem Kick, dem Spiel mit der Gefahr, irgendwann ernst wird. Während der Überquerung eines Abgrunds, einer Gletscherspalte, per ausgelegter Leiter ist es ausgerechnet Weathers, der genau diese Diskrepanz sichtlich ermattet und schlecht gelaunt bemerkt: Bei dem Geld, das er gezahlt habe, hätte er mehr Komfort erwartet.

Dieser Film nimmt nie eine wirklich kritische Position zu diesem Verhalten, einer solchen Haltung ein. Der Traum, den Everest zu besteigen, wird hier eher unhinterfragt wiedergegeben, quasi ausgestellt, das Unterfangen als durchaus erstrebenswert beschrieben. Die Probleme resultieren aus Gutgläubigkeit, Unachtsamkeit (es fehlen Sicherungs- und Fixseile an entscheidenden Stellen, wodurch sich der Aufstieg enorm verzögert), zu weichen Herzen (Hall, der entgegen der eigenen Anweisungen, die Umkehrzeit der Gruppe sei 14 Uhr, mindestens Doug Hansen noch lange nach diesen Zeitpunkt hoch zum Gipfel führte), weil man die Träume der andern nicht vermasseln will; vor allem aber stellt der Film es so dar, als sei hauptsächlich der plötzliche Wetterumschwung für die Katastrophe verantwortlich gewesen. Das mag sogar stimmen, doch in den Jahren nach dem Unglück wurde von verschiedenen Seiten immer wieder dargelegt, dass es eben auch falsche Entscheidungen waren, die die fatalen Geschehnisse begünstigten.

Schon damals stieg die Anzahl der Gruppen und Expeditionen, die zugleich auf den Gipfel des höchsten Bergs der Welt steigen wollten. Während des Unwetters befanden sich neben den im Film beschriebenen Gruppen mindestens vier weitere kommerzielle wie auch Forschungsexpeditionen im Berg und auf den diversen Routen. Hall und der ebenfalls bei jenem Unglück verstorbene Bergführer Scott Fischer waren die einzigen unter den kommerziellen Anbietern, die sich bemühten, ihre Gruppen zu koordinieren. Der Film stellt dies als vernünftige Entscheidung dar, tatsächlich wurde gerade diese später bspw. von Krakauer als fatal falsch bezeichnet. Dadurch, dass die beiden Gruppen zusammenblieben, wodurch den Führern vor allem Übersicht und Koordination erleichtert wurden, sei es an den neuralgischen Punkten – vor allem am Hillary Step, einem Nadelöhr des Aufstiegs, an dem auch eines der Sicherungsseile fehlte, was zusätzlich Zeit kostete – zu den verhängnisvollen Staus gekommen. Hätten Hall und Scott den erfahrenen und körperlich besser konditionierten Mitgliedern der Gruppen erlaubt, ihr individuelles Tempo zu gehen, wäre es gar nicht zu den enormen Stauzeiten gekommen, so Krakauer. Für Außenstehende schwer zu beurteilen.

Fakt ist: Im Film wird vor allem der von Jason Clarke gespielte Rob Hall als Stimme der Vernunft dargestellt. Jake Gyllenhaal gibt Scott Thomas eher als Draufgänger, ein Sunnyboy, den scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann, der sich dann aber bis zur völligen Erschöpfung verausgabt. Wobei es dem Film nicht gelingt, seine hektischen Auf- und Abstiege, das Springen zwischen den da bereits zerfaserten und sich an unterschiedlichen Abschnitten der Route befindlichen Teilgruppen nachvollziehbar zu erklären. So wirkt das schlicht wie Aktionismus, der Thomas dann das Leben kostet, weil er vollkommen erschöpft einfach nicht mehr weiterkann. Die Rolle von Anatoli Bukrejew, der zu Thomas´ Gruppe gehörte, war immer umstritten, der Film räumt ihm aber einen gewissen Heldenstatus ein. Tatsächlich erklärten auch einige der Geretteten, sein Einsatz sei übermenschlich gewesen, trotz des Sturms sei er wieder und wieder die Strecken abgelaufen und habe gerettet, wer noch zu retten war. Tatsächlich aber wurde seine Entscheidung, ohne Sauerstoff aufzusteigen, die er selbst fachlich begründete, sowohl von einigen Überlebenden, als auch von erfahrenen Bergsteigern wie Reinhold Messner massiv angegriffen. Der Film bleibt gegenüber seiner Haltung inkohärent, es gibt aber – wobei hier nicht ganz klar ist, wie stark dabei das dramaturgische Potential ausgereizt werden sollte – eine Szene, in der Andrew Harris, der dritte Bergführer, der dieses Unglück nicht überlebte, an einer der Sammelstellen lediglich leere Sauerstoffflaschen findet. Es bleibt vollkommen offen, was es mit diesem Faux-Pas auf sich hat. Absicht? Aber weshalb? Unachtsamkeit? Das wäre natürlich schon eine Art der Gefährdung, die an fahrlässige Tötung grenzt. Fakt ist auch hier: Es gab nicht genug Sauerstoff für die Beteiligten, und die Flasche, die bspw. Hall noch hatte, ließ sich nicht mehr öffnen, da die Verschlüsse vereist waren.

So schildert der Film, geradezu protokollarisch, wie eins zum andern kam, schließlich und endlich zur Katastrophe führte und einer Tragödie endete. Einige dargestellte Momentes können die Härten eines solchen Unglücks vermitteln, bspw. wenn Bukrejew und andere, die von anderen Routen zur Hilfe eilten, einzelne Mitglieder der Gruppen fanden und die, die sie für tot hielten oder als sterbend erachteten liegenließen. Sicherlich das herkömmliche Verfahren in einer solchen Ausnahmesituation – und dennoch ist ja gerade Beck Weathers Schicksal der schlagende Beweis, wie sehr auch der erfahrenste Bergführer irren kann.

Das Beste an diesem Film, der in Nepal, in kleinen Teilen tatsächlich am Mount Everest, in Italien, in Cinecittà in Rom und den Pinewood Studios bei London gedreht wurde, sind ganz sicher die teils atemberaubenden Aufnahmen des Bergs und des Aufstiegs. Es ist den Machern gelungen, dem Publikum ein eindrückliches Bild der Strapazen, aber auch der Schönheiten zu vermitteln, die diese Strapazen denen, die sie auf sich nehmen, bieten. Zudem werden die Schwierigkeiten und Gefahren glaubwürdig vermittelt, selbst da, wo die Schauspieler sich nicht an echte Hänge und Grate klammern, sondern Nachbauten und Kulissen genutzt wurden. Der Look des Films wirkt definitiv authentisch.

Auch die Schauspieler – neben den bereits erwähnten Jason Clarke, Josh Brolin, Keira Knightley oder Jake Gyllenhaal auch solche Größen wie Robin Wright, Emily Watson und Sam Worthington, also alles in allem ein recht erlesenes Ensemble – machen ihre Sache gut; dass man die Figuren, vor allem jene, die nicht zum engen Kreis der wenigen wirklichen Hauptprotagonisten wie Hall und Thomas gehören, irgendwann kaum mehr voneinander unterscheiden kann, ist nicht die Schuld der Darsteller. Diese Ununterscheidbarkeit wurde dem Film vorgeworfen, doch kann es auch eine Strategie der Regie gewesen sein, um damit bspw. den Entschluss, die Gruppen zusammenzulegen und zusammen zu halten besser begründen zu können. Im Schneegestöber war es wahrscheinlich wirklich nur noch anhand der Farben der Schneeanzüge möglich, die einzelnen Leute zu identifizieren.

Wie dem auch sei – EVEREST verspricht eine Menge, halten kann er nur wenig. Sicher, er ist spannend, doch eher situativ, nicht auf die ganze Länge des Films betrachtet. Man fiebert kaum mit, erst recht nicht mehr, wenn man kaum mehr durchblickt, wer nun wer ist und weshalb dieser oder jener an dieser oder jener Stelle des Bergs rumturnt. Ein wenig Tragik bietet das Ende mit dem sehr traurigen Telefonat zwischen Hall und seiner Frau; das Bild des toten Rob Hall in seiner Spalte im gleißenden Morgenlicht nach dem Sturm verfängt. Das aber ist dann auch das Einzige, was von diesem Film tatsächlich in Erinnerung bleibt.

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.