JOHN OF JOHN
Eine ebenso faszinierende wie abstoßende Sozialstudie und das Drama des ungelebten Lebens
Es steht ja nirgends geschrieben, dass gute Literatur vergnügungssteuerpflichtig sei. Und so kommt es halt immer wieder vor, dass man ein zwar fesselndes Buch doch immer wieder ablegt, manchmal schon nach ein paar Seiten, weil man entweder einen Gedanken, den man da präsentiert bekommt genauer durchdenken muss, manchmal, um die Sprache Revue passieren, sie wirken zu lassen, manchmal aber auch, weil das, was man da liest, emotional nur schwer zu ertragen ist. Man fragt sich, warum die Protagonisten tun, wie sie tun, warum sie nicht endlich miteinander kommunizieren, warum sie vor den entsetzlichen Umständen und Bedingungen, unter denen sie leben, nicht einfach davonlaufen. Oder man fragt sich, warum sie, obwohl sie doch eigentlich schon davongelaufen sind, die Fesseln abgeworfen hatten, bereit sind zurückzukehren.
So geht es Leser*innen oftmals mit Douglas Stuarts Roman JOHN OF JOHN (2026; Dt. 2026). Nach Jahren, die er auf dem schottischen Festland, genauer: in Edinburgh und Umgebung, verbracht hat, kehrt Cal auf die äußere Hebriden-Insel Harris zurück, woher er stammt. Sein gottesfürchtiger und strenger Vater John fordert es von ihm, da die Großmutter, Johns Schwiegermutter, zusehends kränkelt und John sich nicht um sie kümmern mag – immerhin ist seine Frau Grace, Cals Mutter, abgehauen, weshalb sollte er sich nun um deren Mutter sorgen? Cal kehrt also heim und damit beginnen die Probleme. Er darf auf der stark puritanisch geprägten Insel niemals zu erkennen geben, dass er schwul ist. Und weiß doch, dass er und sein Freund Doll, der ihm zürnt, weil er einst gegangen ist, in jugendlichem Alter eine, wenn auch nur kurzfristige, eher experimentelle homosexuelle Beziehung zueinander hatten. Als Cal sich stark zu Innes, dem besten Freund seines Vaters hingezogen fühlt, lässt ihn dies erahnen, dass auch der sein Geheimnis mit sich herumträgt. Was Cal aber nicht weiß und erst spät erfahren wird, ist die Tatsache, dass sein Vater und Innes seit Jahrzehnten ein schwules Verhältnis zueinander haben. All diese Lieben, all dieses Begehren wird seit jeher unter Verschluss gehalten.
Man darf das alles ruhig verraten, da der Roman diese Geheimnisse – oder vermeintlichen Geheimnisse – sehr früh preisgibt. Es geht Stuart auch nicht um Cliffhanger oder Aufreger, es geht um das Verschweigen selbst, die Kommunikationslosigkeit und die sich daraus ergebenden, teils fürchterliche Folgen zeitigenden Probleme. Es geht um die Enge einer Gemeinschaft, die sich immer nur um sich selbst dreht, immer mit den eigenen, internen Problemen beschäftigt scheint und dabei Lösungsansätzen folgt, die aus der Zeit gefallen wirken. Alles wird hier nach den Mustern geregelt, die seit Jahrhunderten diese kleinen Gemeinschaften am äußersten Rand Europas beherrschen. Und das sind vor allem religiöse Muster und Regeln. Und in der daraus resultierenden Enge gehen die Jungen langsam ein.
Eine alte Freundin von Cal mit dem sprechenden Namen Isla wird schwanger, der Verdacht, wer der Vater sein könnte, fällt auf Cal, als klar wird, dass er es nicht ist, nicht sein kann, will man ihn zwingen, Isla zu heiraten, das Kind an Vaters Statt anzunehmen. Als Cal sich weigert, wird er dafür von der Gemeinde, vor allem den Frauen abgestraft. Doll, der sich von Cal abgewandt hat, ihm immer noch verübelt, einst gegangen zu sein, nimmt ihn bei Gelegenheit dennoch zu einer wilden Party mit, bei der Cal feststellen kann, feststellen muss, wie tief sich die Verzweiflung bereits in seinem Freund festgefressen hat. Doll stirbt bald darauf – vielleicht bei einem Unfall, vielleicht bei etwas, das nur wie ein Unfall aussehen soll. Ella, Cals Großmutter, einst aus Glasgow auf die Inseln gekommen, spielt ihr eigenes Spiel, rächt sich an John, überschreibt den Hof, der seit dem Tod ihres Mannes ihr gehört, an Grace, Cals Mutter, anstatt ihn John zu geben, der ihn Zeit seines Lebens bewirtschaftet. Und John enttäuscht seinen Freund Innes, seine große Liebe Innes, wieder und wieder, bis der es nicht mehr erträgt und geht – und John in einen Abgrund stürzen lässt. Wie so oft spürt auch dieser als ausgesprochen schön beschriebene Mann, der mit solcher Härte gegen sich und alle anderen in seiner Umgebung vorgeht, erst als es zu spät ist, was sein Eigentliches ausgemacht hatte.
All diese Menschen versuchen, irgendwie in ihren eigenen Leben zurechtzukommen, mit und unter den Bedingungen, die ihnen das harte Leben auf diesen Inseln beschert. Sie alle tragen Geheimnisse in sich, sie alle hadern und sie sind alle auch von Missgunst, teils Neid und von dem Gefühl getrieben, dass das Leben ihnen etwas schuldig geblieben sei. Und dieses Gefühl wird immer wieder auf andere projiziert, als seien die für das eigene Misslingen verantwortlich. Oft auf genau diejenigen, auf die sie im Zweifelsfall gnadenlos und unbedingt angewiesen sind. Denn auch das verdeutlicht dieser Roman sehr eindringlich: Hier, am Rande eines sehr weiten Ozeans, muss man sich aufeinander verlassen können, weil man sonst verloren ist in den Gezeiten, der Witterung, eben den harschen Voraussetzungen der Natur. Es ist oft schmerzhaft, dies alles zu verfolgen, weil diese in ihrem Schmerz eingeschlossenen Figuren so lebensecht und dann gerade darin nur schwer zu ertragen sind: Wieso, so fragt man sich wieder und wieder, wieso tretet ihr nicht einmal zurück von euch selbst, betrachtet das, was ihr habt und was ihr tut und hört endlich auf, alles einfach nur hinzunehmen? Werdet Herren eures eigenen Ichs, eurer Leben? Werdet mündig, werdet Subjekte!
Stuart, der selbst aus Glasgow stammt und, laut eines kurzen Nachworts, die Inseln erst später im Leben kennengelernt hat, gelingt eine wahrlich brisante Mischung, eine wahrscheinlich schmerzhaft treffende Beschreibung solch kleiner, oft abgeschlossener Gemeinschaften, die dem Meer, dem Wind, dem Salz ausgeliefert sind, die sich seit Ewigkeiten von der Schafzucht und dem Weben ernähren. Harris-Tweed, der beste und erlesenste Stoff, der sich denken lässt – hier wird er hergestellt. Und doch bringt dieser Stoff den Bewohnern der Insel nichts – oder kaum etwas – ein. Sie leben in Armut; perfekt fängt Stuart auch das, die zugrundeliegende Atmosphäre ein: die runtergekommen Häuser, der Moder, der Schimmel, die Feuchtigkeit, die sich breitmachen, die alles durchdringen. Wie man ins Moor geht um Torf zu stechen – brennbaren Torf. Wie man eigentlich immer feucht oder nass ist, am ganzen Körper, weil hier draußen, direkt im Atlantik, selten einmal die Sonne länger scheint oder gar Strahlkraft entwickelt. Die harte Arbeit mit den Tieren, auf einem Land, das nach wie vor nicht denen gehört, die es bestellen, sondern weit entfernt lebenden Adligen, Angehörigen einer historisch eigentlich längst überholten Schicht, die sich hier bestenfalls alle paar Monate einmal blicken lassen. Dafür kommen Touristen, die das authentische, das „echte“ Inselleben erfühlen wollen – und bleiben dann doch nur in der billigen Kneipe hängen, die nicht einmal einem typischen britischen Pub entspricht. Selten wurde Trostlosigkeit zugleich so eindringlich und dann doch auch wieder als etwas geschildert, das „Heimat“ bedeuten kann.
Und in dieser Landschaft entwickelt sich das Drama um eine Gruppe von Menschen, die sich ihre Wahrheiten gegenüber nie eingestehen können, die ihr Begehren unterdrücken und die fast alle warten, bis es zu spät ist. Sie alle sind verletzt und sie alle verletzen. Auch das ist ein großes Plus dieses Romans: Ein Ensemble von Figuren vorzustellen, die auch deshalb so lebensnah wirken, weil sie so vielschichtig sind. Keine dieser Figuren, auch Cal nicht, ist sonderlich sympathisch oder gar liebenswert. Und man fragt sich automatisch irgendwann, ob das eben nicht das Ergebnis dieses sehr, sehr harten Lebens ist, das zudem von jenem zutiefst religiösen Glauben geprägt wird, bei dem ein immer zorniger Gott immerzu darüber wacht, was der Einzelne so tut und veranstaltet und es so oder so nie gut oder gar genug ist, was er versucht, der Einzelne. Man ist ein Sünder und man bleibt ein Sünder und kann nur darauf hoffen, dass Gott dann irgendwann ein Einsehen hat. Oder man rennt weg.
Und das ist dann der Schwachpunkt dieser Konstruktion: Wieso rennt man nicht weg? Cal ist es gelungen und er kehrt doch um. Kann sich nicht befreien aus den Fängen seines überwältigenden Vaters, dem er näher ist, als er es ahnt. Dass beide schwul sind, wirkt ein wenig aufgesetzt und befeuert die These, Homosexualität sei genetisch bedingt. Zudem fragt man sich, ob offen ausgelebte Homosexualität wie zwischen John und Innes auf einer solchen Insel, unter dem repressiven Druck dieser christlichen Gemeinde, wirklich überzeugend ist? Doch nimmt man es hin. Problematischer ist die Frage, weshalb sich ein Mann wie Cal aus der selbsterschaffenen Befreiung zurückbegibt in die selbstgewählte Unmündigkeit?
Man fragt sich lange, wann das alles sich eigentlich abspielen mag? Stuart mag das bewusst offenlassen, um eben die Zeitlosigkeit dieser Gemeinden auf den Inseln zu unterstreichen. Hinweise geben dann nur die Musiktitel, die Cal hört. Und da das Modernste, was er erwähnt, einige Grunge- und Britpop-Bands der 90er Jahre sind, muss man wohl davon ausgehen, dass die Geschichte in jener Dekade angelegt ist. Da Cal in Edinburgh offenbar häufig Ecstasy nimmt, um sich in Stimmung zu bringen, deutet auch dies auf die 90er hin. Die 90er waren nun aber tatsächlich ein ausgesprochen schwules Jahrzehnt – im positiven Sinne. Schon die 80er wiesen in die Richtung, dich was damals noch Avantgarde war, wurde in den 90ern mehr und mehr Mainstream. Zumindest in den Metropolen, im urbanen Raum. Wer jung war, experimentierte. Die Love Parade in Berlin zeigte erstmals deutlich, was diverse Geschlechtsidentitäten bedeuten konnten, Techno lebte auch und gerade von der Geschlechterambiguität.
Doch schon 1984 hatte die Pop-Gruppe Bronski Beat mit ihrem Song Smalltown Boy einen Riesenhit nicht nur in Großbritannien gelandet. Der bekennende Schwule Jimmy Somerville, der selbst aus Glasgow (sic!) stammt, beschrieb darin die Schwierigkeiten eines jungen schwulen Mannes in einer engen, reaktionären und eben auch repressiven Gesellschaft, in der Männer wie er als „schwach“ angesehen und auch Opfer von Verfolgung und Gewalt wurden. Liest man den Text des Songs, meint man, den Inhalt von Stuarts Buch in komprimierter Form zu finden. Run away, Turn away singt Somerville in seinem hohen Falsett und das ganze Barmen des Gehen-Müssens um irgendwie dem eigenen Ich gerecht werden zu können, schwingt mit. Es gab also schon in den 80er Jahren Rollenmodelle für Wege aus dieser Falle des konservativen bis reaktionären Lebens, das die Eltern, die Gesellschaft für einen vorsahen. Und so fragt man sich irgendwann während der Lektüre von JOHN OF JOHN, ob dieser religiöse Muskel – oder, wahlweise, diese religiöse Fessel, einmal angelegt im Leben – so stark sein kann, dass man selbst nach Jahren in der Ferne, nach Jahren der Abwesenheit, noch zurückschnellt, wenn er zuckt. Kann man dem nicht entkommen, selbst wenn man es besser weiß und den ersten Schritt längst gemacht hat?
Cal, der ein wohl recht erfolgreiches Studium als Modedesigner absolviert hat, der die Nächte durchfeiert, der Drogen nimmt, der sich ausprobiert, der mit verschiedenen Männern schläft und immer auch Angst hat vor diesem Virus, das Anfang/Mitte der 90er zwar schon deutlich benannt– HIV, bzw. AIDS – aber wie ein Damoklesschwert über der Szene hing, da es noch viel zu wenig erforscht war und noch längst nicht behandelbar gewesen ist, Cal schlägt sich durch, lebt wie ein Schmarotzer auf den Sofas von Freunden und aus deren Kühlschrank. Eine Form der Armut, die in Deutschland nur schwer vorstellbar ist, die in Großbritannien aber in bestimmten Kreisen immer schon Alltag war. Man betrachte nur die Filme eines Ken Loach aus jenen Jahren – RIFF RAFF (1991) bspw. -, oder auch Danny Boyles TRAINSPOTTING (1996), der die Sache sportlich nimmt und darüber zu spötteln sich traut. So mag es eben auch diese Armut, die Aussichtslosigkeit sein, die Cal die Möglichkeit, nachhause zu fahren, schmackhaft macht.
Doch Stuart verpasst es, diese Dringlichkeit – oder aber auch die Liebe zur Großmutter, die John ja anmahnt, bzw. das aus Johns Mahnung erwachsene Pflichtgefühl – so deutlich, so glaubwürdig zu machen, dass Leser*innen dies als Begründung hinnehmen. Es mag also eine Mischung aus den religiösen Fesseln, die in Cal weiterwirken, seinem Verantwortungsgefühl der Familie gegenüber und seiner sozialen Situation sein, die ihn heimtreibt. Die Geschichte, die sich dann entspinnt mag konstruiert sein, dennoch ist sie überzeugend. Sie ist es, weil Stuart eben überzeugenden Figuren und ebenso überzeugende Szenarien und Szenen entwirft und zugleich nie überdramatisiert. Selbst die wirklichen Tragödien – Dolls Tod – werden hier mit einer gewissen Beiläufigkeit, fast schon Lakonie geschildert. Und diese Beiläufigkeit symbolisiert wiederum das Leben auf den Inseln recht gut. Dort draußen wähnt man sich so oder so in Gottes Hand. Ob ein Sturm über die Insel fegt oder ob die Herde von Krankheiten heimgesucht wird, ob wer stirbt oder Kinder geboren werden – das alles, so sehen es die Bewohner hier, liegt nie in ihrer, sondern eben immer nur in Gottes Hand. Diese Haltung macht es einem natürlich leicht. Man lernt, das Schicksal zu ertragen, komme, was wolle. Zugleich – und das wird anhand der Liebe zwischen John und seinem Freund Innes so überdeutlich und doch in eben dieser Lakonie erträglich berichtet – verpasst man in dieser Haltung möglicherweise sein ganzes Leben. Es braucht schließlich Cal, der seinen Vater in eine Richtung schubst, damit dieser zumindest noch einen Zipfel dieses Lebens erhascht.
Douglas Stuart ist ein beeindruckender Roman gelungen. Nicht immer kann das Konstrukt restlos überzeugen, doch in der Summe seiner Teile ist JOHN OF JOHN eine wirkliche literarische Meisterleistung. Und ganz nebenbei auch eine ebenso fesselnde wie abstoßende Sozialstudie Schottlands.