CRIMSON PEAK
Ein feiner kleiner Gruselstreifen des Meisterregisseurs Guillermo del Toro
Die Tochter des Bauunternehmers Carter Cushing (Jim Beaver), Edith Cushing (Mia Waskowska), hat früh ihre Mutter verloren. Die ist ihr, als sie noch ein junges Mädchen war, als Geist erschienen und hat sie vor Crimson Peak gewarnt. Edith fürchtet sich nicht vor Gespenstern und schreibt mittlerweile, als junge Frau, Gruselgeschichten. Sie trifft sich mit diversen Verlegern, doch wird sie von diesen, wie auch von ihrem gesellschaftlichen Umfeld nicht wirklich ernst genommen.
Der englische Adlige Thomas Sharpe (Tom Hiddleston) kommt nach Buffalo, wo die Carters ansässig sind. Er stellt Carter Cushing eine Maschine vor, mit deren Hilfe er auf seinem Anwesen in Nordengland Ton zu fördern gedenkt. Doch Carter zeigt sich gegenüber dem jungen Mann stur, er ist nicht bereit, ihn und seine Ideen zu finanzieren. Harsch weist er ihn zurück.
Durch Zufall kann Thomas einen Blick auf Ediths Manuskript werfen. Er ist von den literarischen Ideen der jungen Dame angetan. Er beginnt, um sie zu werben, was durchaus von Erfolg gekrönt ist, da er nicht nur charmant, sondern auch der einzige in ihrer Umgebung ist, der sie in ihren literarischen Bemühungen ernst nimmt.
Es gelingt ihm sogar, sie auf einen Empfang mitzunehmen, zu dem sie ihr Vater nicht überreden konnte. Dort aber kommt es zu einem Eklat, der auch durch Thomas Schwester Lucille (Jessica Chastain) ausgelöst wurde.
Carter macht Thomas erneut deutlich, dass er weder bereit ist, dessen Ideen zu finanzieren, noch, dem abgehalfterten Adligen seine Tochter anzuvertrauen, nachdem der um ihre Hand angehalten hatte. Im Gegenteil: Carter hat einen Privatdetektiv beauftragt, sich mit Thomas Sharpes Vergangenheit zu beschäftigen. Doch bevor Carter die Angelegenheit mit Edith und deren Jugendfreund, dem Arzt Alan McMichael (Charlie Hunnam), erörtern kann, wird er in seinem Club auf bestialische Weise ermordet.
McMichael, der sich ebenfalls Hoffnungen auf Edith gemacht hatte, obwohl seine Familie die junge Dame nicht gerade freundlich behandelt, versucht, sie zu warnen, doch zu spät: Edith flüchtet in die Arme des Briten.
Gemeinsam zieht das frisch getraute Paar in den Norden Englands. Dort, auf Allerdale Hall, befindet sich der Stammsitz der Sharpes. Doch ist das Anwesen vollkommen heruntergekommen. Zudem ist es auf Erde gebaut, die geschwängert ist mit Ton, so dass das Haus nicht nur nach und nach abzusinken droht, sondern die rotfarbige Masse immer wieder durch die Wände und Fugen des Hauses quillt. Zudem ist die gesamte Landschaft rund um das Haus rotgesättigt. Es wirkt, als blute sie.
Hier also soll Edith neben Thomas und dessen Schwester Lucille ein neues Zuhause finden. Doch zwischen Thomas´ Schwester und dessen Braut ist die Stimmung von Beginn an angespannt. Zwar kümmert sich Lucille aufopferungsvoll um die zunehmend kränkelnde Edith, gibt ihr reichliche Mengen an Tee zu trinken und bemüht sich, ihre Schwägerin zu unterhalten. Doch zugleich spürt diese immer eine gewisse Distanz.
Thomas seinerseits ist meist abwesend, da er rund um Allerdale Hall seine Maschinen aufgebaut hat und zu verfeinern sucht. Zwar ist er bereit, auf Ediths Bitten hin, eine Nacht mit ihr in der nahegelegenen Stadt zu verbringen, damit sie einmal der Düsternis des Hauses entkommt, doch hilft das nicht über ihren zusehends deprimierten Zustand hinweg. Und Lucille macht am folgenden Morgen auf brachiale Art und Weise deutlich, was sie von solchen Ausflügen hält – nämlich gar nichts.
Schließlich wird Edith gewahr, dass es auch hier geisterhafte Erscheinungen gibt. Nachdem sie durch Zufall mitbekommen hat, dass Allerdale Hall wegen der purpurfarbenen Erde gern auch Crimson Peak genannt wird, ist sie alarmiert. Dann offenbart sich ein weiblicher Geist in den Gängen des Hauses und fleht sie an, zu fliehen.
Edith beginnt Nachforschungen anzustellen. Sie findet heraus, dass Thomas offenbar schon mehrfach verheiratet war, seine Ehefrauen aber allesamt verstorben sind. Auch findet sie im Keller des Hauses alarmierende Vorrichtungen, in denen Leichen versteckt werden. Thomas hatte die Frauen wohl immer nur geheiratet, um an deren Geld zu kommen, mit welchem seine Erfindungen und das Anwesen finanziert wurden.
Schließlich findet Edith heraus, dass Thomas und Lucille als Kinder im obersten Stock des Hauses gefangen gehalten wurden. Dort haben die beiden – noch als Kinder – schließlich ihre herrische Mutter umgebracht, die Edith nun als Geist erschienen ist.
Edith ahnt, dass auch ihr das gleiche Schicksal blüht, wie ihren Vorgängerinnen. Da Thomas nachts immer wieder das Bett verlässt, folgt sie ihm und stößt so auf die Geschwister, die sich offenbar in einer inzestuösen Beziehung zugetan sind.
Doch spürt Edith auch, dass Thomas sie wirklich liebt und in einem schrecklichen Zwiespalt steckt. Er will Edith nicht verlieren, während Lucielle ihre Schwägerin immer stärker drängt, endlich die Papiere zu unterschreiben, womit ihr Erbe an Thomas überschrieben wird. Edith begreift nun, dass die Tees, die Lucille ihr stetig verabreicht, offenbar daran schuld sind, dass sie immer schwächer und kränker wird.
Derweil hat sich auch Alan McMichael kundig gemacht. Er bricht nach Großbritannien auf, um seine Jugendfreundin und heimliche Liebe Edith zu retten. Als er in Allerdale Hall eintrifft und sie nahezu bewusstlos vorfindet, will er sie umgehend in ein Krankenhaus bringen, woran Lucille ihn durch einen Messerstich hindert. Sie fordert Thomas auf, Alan zu töten, um ihr seine Loyalität zu beweisen. Als Thomas Alan aber nicht tödlich verwundet, wendet sich Lucille gegen ihn und tötet ihren Bruder.
Nun kommt es zu einem Kampf zwischen Lucille und der vollkommen entkräfteten Edith, der aber Thomas´ Geist zu Hilfe kommt. So gelingt es Edith, Lucille zu besiegen und mit dem schwer verletzten Alan zu fliehen.
Guillermo del Toro erklärte einst in einem Interview, er drehe die amerikanischen, also die kommerziellen Filme, mit dem Geld der großen Studios, um seine persönlicheren Filme zu finanzieren. Zu letzteren zählen ganz sicher EL ESPINAZO DEL DIABLO (2001) und vor allem EL LABERINTO DEL FAUNO (2006), mit dem der Regisseur weit über die Gemeinde der Liebhaber und Aficionados des Horrorgenres hinaus bekannt wurde. Nachdem er mit PACIFIC RIM (2013) einen wirklichen Blockbuster mit all den typischen Ingredienzien vorgelegt hatte, die solch ein Film verlangt, für die SIMPSONS eine Vorspannsequenz, sowie eine Folge der Serie THE STRAIN inszeniert hatte, drehte er mit CRIMSON PEAK (2015) ein Werk, das in gewisser Weise wie eine Schnittmenge zwischen seinen persönlichen Filmen und dem Big Business Hollywoods wirkt.
Die Produktion sieht teuer aus, offensichtlich standen ihm all jene Mittel zur Verfügung, die Hollywood bietet, um ein Märchen märchenhaft, einen Traum traumhaft und einen Albtraum albtraumhaft wirken zu lassen. Und da del Toro – auch das ist bekannt – es schätzt, möglichst Vieles, das auf der Leinwand zu sehen ist technisch herzustellen und nur da auf CGI oder, moderner, KI zurückgreift, wo es die Umstände zwingend erfordern, kann man hier ein Szenenbild, eine Kulisse, ein Dekor bewundern, wie es in modernen Filmen nur selten so detailfreudig und liebevoll zu finden ist. Diese Ausstattung entspricht ganz und gar del Toros Vorliebe für eine Mise en Scene, die Betrachter*innen geradezu überwältigt. Seine Bilder sind oft wie Wimmel- oder Suchbilder angeordnet, sie quellen schier über vor Einzelheiten, man kann sich kaum sattsehen an all den Kleinigkeiten, kann sich verlieren in den scheinbar nebensächlichen Dingen, die manchmal nur kurz während eines Kameraschwenks durchs Bild gleiten oder lediglich den Hintergrund füllen, die aber maßgeblich die Atmosphäre und die Wirkung seiner Filme beeinflussen, ja, oft sogar definieren.
Hier, in CRIMSON PEAK, ist der eigentliche Schauwert des Films das Haus, in welches die Hauptfigur – die von Mia Wasikowska gespielte Edith Cushing – nach ihrer Heirat mit dem englischen Adligen Thomas Sharpe zieht. In gewisser Weise könnte man behaupten (und die Kritik wies vereinzelt auch genau darauf hin), dass dieses Haus der heimliche Hauptdarsteller des Films ist. Mit seinen Türmen und sich überlappenden Dächern, der enormen Halle, den Galerien, aber auch den lose herabhängenden Balken, dem ewigen Geflirre des Laubs, das durch die Löcher im Dach und in den Außenwänden beständig ins Innere einweht, mit den Treppen, aber auch den fehlenden Stufen, die Blicke freigeben, die an die Bilder eines M.C. Escher erinnern, ist dieses Haus ein echter Hingucker, ein Schauwert an sich, ein reines Spektakel filmtechnischer Kulissenkunst.
Doch ist dies nicht nur das Anwesen der verarmten Sharpes, es ist vielmehr ein Spukhaus, haben sich hier doch, wie sich im Laufe der Handlung herausstellen wird, gar schreckliche Dinge abgespielt. Und so gehen hier nun also die Geister jener um, die nicht friedlich sterben durften und nicht wissen, wie sie ihren Weg in die Ewigkeit finden sollen.
CRIMSON PEAK ist gattungstechnisch betrachtet ein Geisterfilm. Auch ein Horrorfilm insofern, als dass das Publikum immer wieder Schocks ausgesetzt wird, ein paar wirkliche Erschrecker sind eingepreist und es gibt auch einige Momente expliziter und heftiger Gewalt. Und doch scheint der Film nicht auf der Ebene eines tatsächlichen Horrorfilms anzukommen – und soll das womöglich auch gar nicht. Del Toro ist ein Liebhaber klassischer Horror-, Fantasy- und Märchenfilme, das hat er oft genug erzählt und betont und das sieht man seinen Werken zumeist auch an. Für diesen Film haben auf der Ebene des Horrors und des Schreckens offensichtlich Filme wie Jack Claytons THE INNOCENTS (1961) und Robert Wise´ THE HAUNTING (1963) – klassische Geisterfilme – Pate gestanden. Doch wirkt CRIMSON PEAK noch mehr wie eine zutiefst romantische Liebesgeschichte, angelehnt an Werke der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts. Emily Brontës WUTHERING HEIGHTS könnte Vorbild gewesen sein für diese ebenso wilde wie traurige Liebesgeschichte zwischen Edith und Thomas, die von dessen Schwester Lucille torpediert wird. Auch Edgar Allan Poes THE FALL OF THE HOUSE OF USHER wurde wahrscheinlich – nicht zuletzt aufgrund der inhaltlichen Nähe – von del Toro herangezogen.
Was recht offensichtlich zunächst auf eine Erbschleicherei angelegt ist, entwickelt sich im Laufe der Handlung mehr und mehr zu einer ernsthaften Liebesgeschichte. Der verführerische, charmante und sehr gut aussehende Thomas Sharpe, von Tom Hiddleston zwischen aufgeklärtem Willen zum Wissen und romantischer Melancholie angelegt, was den Großteil des späteren Konfliktpotentials der Handlung ausmacht, verfällt der Dame, die er eigentlich nur ehelichen soll, um an deren Vermögen zu gelangen. Ein Unterfangen, welches er bereits mehrfach mit anderen Frauen vollzogen hat, die dies alle nicht überlebt haben. Drahtzieherin hinter dieser Betrügerei ist allerdings Thomas Schwester (und heimliche Liebhaberin) Lucille. Die wird von Jessica Chastain recht routiniert als eiskalte, ja böse Schwester gegeben. Der Konflikt, der die Handlung schließlich zum grausigen Höhepunkt treibt, besteht in dem Vertrauensbruch, den es für Lucille bedeutet, wenn Thomas aufrichtige Gefühle für Edith entwickelt. Die Geschwister sind aufgrund ihrer – durchaus tragischen, aber auch gewaltvollen – Geschichte aneinandergebunden. Thomas wird schließlich geradezu zerrissen zwischen der Anhänglichkeit an seine Schwester und einer wohl erstmals ernsthaft aufkeimenden Liebe zu einem anderen Menschen, einer anderen Frau.
Chastain vervollständigt ein durchaus erlesenes Ensemble, das es del Toro ermöglicht, seine Geschichte differenziert und vielschichtig zu erzählen, ohne in Plattitüden zu verfallen oder in Klischees zu erstarren. Sicher, die Anordnung und Konzeption des Films entspricht der eines (modernen) Märchens, womit die Rollenverteilung und die Zuordnungen relativ festgeschrieben sind, doch im Rahmen der Möglichkeiten, die ein solches Konzept zulässt, können die Figuren sich entwickeln und ambivalente, manchmal widersprüchliche Seiten zeigen. Wie so häufig in den Geschichten, die er erzählt, gesteht der Regisseur, der hier gemeinsam mit Matthew Robbins das Drehbuch verfasst hat, den Figuren eine gewisse Tiefe und Vielschichtigkeit zu. Die Schurken sind nicht einfach Schurken aus Bosheit, sie haben eine Vergangenheit, die sie zu dem werden ließ, was sie sind. Im Grunde weicht del Toro lediglich in EL LABERINTO DEL FAUNO von diesem Prinzip ab, weil er dort unmissverständlich das Böse, das dem Faschismus inhärent ist, darstellen wollte.
Hier aber berichtet er uns indirekt von einer einsamen und traurigen Kindheit in diesem Haus, Allerdale Hall, genannt Crimson Peak. Der Spitzname – purpurner Gipfel – rührt daher, dass die ganze Gegend, in der das Haus liegt, rot vom Ton ist, der hier aus der Erde quillt wie dickes Blut. Tom versucht verzweifelt Gewinn aus dieser Erde zu ziehen und entwirft wilde Maschinen, die den Ton abbauen und verwertbar machen sollen. Dies ist der Grund, weshalb er uns zu Beginn des Films in Buffalo, NY, begegnet, wo er den Bau-Magnaten Carter Cushing um finanzielle Unterstützung für seine Vorhaben bittet. Hier trifft Tom auch auf die Tochter des Unternehmers, Edith. Die ist eine aufgeweckte junge Frau, die dem Publikum schon in der ersten Sequenz des Films mitteilt, dass sie an Geister glaube, seit ihr einst ihre tote Mutter erschien und sie eben vor einem geheimnisvollen Crimson Peak gewarnt habe. Ein Name, ein Begriff, der dem Mädchen damals natürlich nichts sagte und auch der erwachsenen Edith nichts sagt, bis sie ihn zufällig aufschnappt, als sie längst schon in die runtergekommene Allerdale Hall eingezogen ist.
Die junge Dame betrachtet sich als Schriftstellerin und hat das Manuskript einer unheimlichen Geschichte verfasst, welches sie an diverse Verleger geschickt hat. In ihrer gesellschaftlichen Umgebung wird sie für ihre literarischen Versuche allerdings nur belächelt. Umso geschmeichelter fühlt sie sich, als Thomas, der zufällig einen Blick auf die ersten Seiten des Werks werfen konnte, dessen Qualität lobt. Klassischer Einstieg in eine klassische Liebesgeschichte. Aber auch eine liebevolle Reminiszenz an eben jene Literatur des 19. Jahrhunderts, die ebenso romantische wie unheimliche Geschichte hervorbrachte und oftmals miteinander kombinierte. Und auf die del Toro sich eindeutig bezieht – siehe weiter oben. Dass Thomas bereits mehrfach verheiratet gewesen ist und seine Gattinnen allesamt seltsame Tode gestorben sind, findet Edith erst spät heraus. Da ist der Bauunternehmers Carter Cushing seinerseits äußerst gewaltsam zu Tode gekommen und wir müssen zwangsläufig Thomas Sharpe in Verdacht haben – der darob natürlich alle zuvor durchaus vorhandenen Sympathien des Publikums verliert. Dies macht seine tragische Fallhöhe umso schindelerregender, denn wir ahnen doch, dass dieser Mann – wie gesagt erstmals in seinem Leben – liebt. Und in die Mühle widerstreitender Emotionen gerät, was ihn schließlich das Leben kosten wird.
In Allerdale Hall – das Anwesen ist wirklich in einem erbärmlichen Zustand, den Kameramann Dan Laustsen allerdings für die ein oder andere atemberaubende Kamerafahrt durch die abbruchreifen Räume, immer wieder im Flug durch die Halle, die sich über mehrere Etagen bis unter das Dach erstreckt, und durch die Löcher in den Wänden, die Treppen hinauf und hinab nutzt – lernt Edith bald, dass es den Geschwistern wirklich um ihr Zuhause zu tun ist. Doch auch hier erscheint Edith ein schrecklich anzuschauender Geist und warnt sie, auch nur eine Minute länger zu verweilen. Es ist der Geist der Mutter der Sharpes, die von den Geschwistern umgebracht wurde, weil sie sie ihre ganze Kindheit hindurch im obersten Stockwerk des Anwesens in Gefangenschaft hielt, wo die beiden lediglich einander hatten. Diese ebenfalls schreckliche Kindheit ist für das äußerst ungewöhnliche, letztlich sogar inzestuöse Verhältnis der beiden verantwortlich. Allerdale Hall ist praktisch das einzige, was die beiden haben und eine Art Refugium, das ihnen Schutz bietet, weshalb der Erhalt, möglicherweise gar die Instandsetzung des Anwesens solch hohe Priorität vor allem für Lucille hat. So erklärt del Toro das Handeln der Geschwister tatsächlich psychologisch. Und mischt diese rationale Erklärung mit der Irrationalität einer Geistergeschichte.
Tatsächlich bräuchte es die Geister nicht, die Geschichte würde auch ohne deren Auftritt funktionieren. Dann wäre es eine Art Psychodrama geworden. So aber kann del Toro ein weiteres Prinzip verfolgen, dass auch in früheren Filmen schon anklang. Die in CRIMSON PEAK auftretenden Geister – interessanterweise beides Mütter, die hier umgehen – sind wirklich schaurig anzusehen und sehr furchteinflößend, beide aber wollen der Person, der sie erscheinen, offenbar nichts Böses, im Gegenteil. Beide warnen Edith, beide im Grunde vor demselben Ort – Allerdale Hall, bzw. Crimson Peak. So lässt der Regisseur (und Autor) auch den Geistern Gerechtigkeit widerfahren, indem er ihnen ihren Schrecken belässt und zugleich nimmt. Im Äußeren bleibt ihnen das vielleicht Letzte, was sie haben – der Schrecken –, durch ihr Handeln begreift Edith, begreift das Publikum ihre zugewandte, letztlich helfende Funktion.
Schließlich fügt del Toro mit der Figur der Edith Cushing seiner Riege sehr starker Frauenfiguren eine weitere hinzu. Schon in EL ESPINAZO DEL DIABLO, EL LABERINTO DEL FAUNO, im auf CRIMSON PEAK folgenden Meisterwerk THE SHAPE OF WATER (2017) und auch in der Noir-Verfilmung NIGHTMARE ALLEY (2021) treten entweder sehr starke Frauen auf oder sind sogar die Hauptfiguren und treibenden Kräfte der Handlung. Doch nur hier und in NIGHTMARE ALLEY werden die Anteile an Gut und Böse auf Frauenfiguren verteilt, bzw. wie in der von Cate Blanchett gespielten Dr. Lilith Ritter in NIGHTMARE ALLEY, in einer Frauenfigur vereint. Del Toro schätzt starke Frauen und setzt ihnen immer wieder Denkmäler. Sie sind es, denen zwar immer wieder Schmerz zugefügt und zugemutet wird, sie sind es aber auch, die sich immer wieder mutig und furchtlos den Gefahren und Bedrohungen stellen, die diese Filme für sie bereithalten. Während in den frühen Filmen die Bedrohung durch das faschistische Franco-Regime historisch und damit politisch sehr konkret und grausam ist, ist es in CRIMSON PEAK eine eher diffuse Bedrohung, die sich dann aber, trotz aller übernatürlichen Episoden, als recht profane Betrugsgeschichte entpuppt. Wenn auch, wie im Falle von Lucille, aus Verzweiflung geboren. Del Toro gesteht seiner Heldin sogar noch die finale Rettungstat zu, wenn sie den ihr zu Hilfe eilenden Jugendfreund aus New York gegen den Angriff Lucilles verteidigt und ihn schließlich, schwer verletzt, wie er ist, in Sicherheit bringen kann.
CRIMSON PEAK ist ein spannender, manchmal nicht ganz kohärenter Film, der sein Publikum aber über weite Strecken seiner Laufzeit zu fesseln weiß. Unter den Filmen des Regisseurs Guillermo del Toro sticht er heraus, weil er offensichtlich auf dem Grat zwischen persönlichem, also Autoren-Kino und kommerziellem Mainstream-Kino balanciert und diesen Balanceakt recht souverän meistert. Die wirklichen Schauwerte sind die Kulissen, ist das Dekor, sind die agilen Kamerafahrten und die – wenigen – Spezialeffekte, die uns Geister zeigen, die ungewöhnlich sind. Hierbei greifen die Tricktechniker auf Darstellungen zurück, die auch schon in EL ESPINAZO DEL DIABLO genutzt wurden. Diese Geister sind nicht erstarrt, sondern von einer Aura umgeben, die sie in ihrer Umgebung manifestiert und ununterbrochen mit dieser interagieren, gleichsam kommunizieren lässt. Auch, dass ihnen nach wie vor aus den zugefügten Wunden etwas entfließt, das wie schwebendes Blut wirkt, gibt ihnen einen eigenen Touch, wie man ihn bisher in Geisterfilmen so nicht gesehen hat.
Es mag für Guillermo del Toro ein Übergangswerk gewesen sein, das ihm ermöglichte, sich zu neuen Großtaten aufzuschwingen, doch ist dies tatsächlich ein charmanter kleiner Spukstreifen, der in Wahrheit von einer unendlich traurigen, weil unerfüllten und, wie es sich für ordentlich romantische Geschichten gehört, unerfüllbaren Liebe erzählt. Mit viel Liebe und letztlich doch auch großem Aufwand hergestellt, reiht sich CRIMSON PEAK unter den besten Werken dieses immer wieder erstaunlichen und faszinierenden Regisseurs ein.